Stopp! Ich bin noch nicht fertig! Wohin willst du gehen? Rede ich mit einer Wand? Klaus Stimme dröhnte durch die ganze Altbauwohnung und hallte an den hohen Decken des Plattenbaus.
Liselotte stand in der Küchentür, das Handtuch fest in den Händen gekrallt, so dass ihre Fingerglieder weiß wurden. Langsam drehte sie sich um. In ihren sonst so ruhigen, strahlenden Augen spiegelte sich nun eine schwere, dunkle Müdigkeit.
Klaus, ich habe genug, sagte sie leise, aber bestimmt. Wir reden das jetzt schon seit drei Stunden. Morgen habe ich Schicht im Krankenhaus, ich muss schlafen.
Schicht! Klaus wirbelte die Hände wild durch die Luft und stolperte fast über den Küchentisch. Genau das meine ich! Du bist nur noch mit deinen Infusionen, den Patienten und den ständig jammernden Alten beschäftigt. Und zu Hause? Chaos? Der Mann ist unförmig, die Hemden liegen ungewaschen.
Das Abendessen steht auf dem Herd, die Hemden hängen im Schrank, erwiderte Liselotte ohne Aufregung. Ich schaffe das alles.
Du nennst das schaffen?, kniff Klaus und deutete auf den Herd. Fertiggerichte aus der Packung? Halbzeug? Ich verdiene genug, damit meine Frau nicht von Fertigkost leben muss. Ich will Hausmannskost. Ich will nach Hause kommen und den Duft von Kuchen riechen, nicht von Medikamenten, die du jede Meile mit dir herumschleppst!
Liselotte roch instinktiv an ihrem Hauskittel. Nur der Duft von Wäschereinigungsgel lag darin. Klaus hingegen glaubte seit seiner Beförderung zum stellvertretenden Geschäftsführer eines großen Bauunternehmens, jeder Raum rieche nach Operationssaal.
Klaus, ich bin leitende Krankenschwester in der Kardiologie. Das ist mein Beruf, mein Leben. Ich bin dort gebraucht.
Benötigt? Und ich? Brauchst du mich nicht? Die Familie nicht? Er stellte sich ihr so dicht, dass sein schwerer Geruch nach teurem Parfüm und Whisky ihr fast die Kehle zuschnürte. Kurz gesagt, Liselotte, ich hab genug. Es ist mir peinlich gegenüber meinen Geschäftspartnern. Alle haben gepflegte Frauen, die Sport treiben, wohltätig sind. Meine Frau ist Krankenschwester. Weißt du, was Herr Schmitt sagte, als er hörte, dass du dich in der Abteilung engagierst?
Ich engagiere mich nicht in der Abteilung, ich organisiere den Dienst. Liselottes Stimme bebte nicht.
Egal!, schnitt Klaus ihr das Wort ab, schlug mit der Hand in die Luft. Du bist das Servicepersonal, ich das Prestige. Das geht nicht zusammen.
Er machte eine Pause, als wolle er ein Urteil verkünden. Ich setze dir ein Ultimatum. Entweder du gibst morgen freiwillig die Erklärung ab, bleibst zu Hause, kümmerst dich um meine Mutter, die sich einsam fühlt, und sorgst für mein Wohlbefinden oder wir gehen getrennte Wege. Entscheide dich: dein mickriger Job oder ein gesichertes Leben mit mir. Frist bis Freitag.
Er drehte sich um, schlug die Küchentür zu und ließ die Tassen im Geschirrspüler klirren.
Liselotte stand benommen in der Mitte der Küche. Zwanzig Jahre Ehe, angefangen in einem Studentenwohnheim. Sie hatte damals in der Krankenpflege studiert, er an der Technischen Universität. Sie hatte nachts als Reinigungskraft gearbeitet, damit er seine Abschlussarbeit schreiben konnte. Sie erinnerte sich an die eine Bratwurst, die sie sich teilten damals romantisch.
Wann war das Ende? Wann wurde Klaus zu diesem überheblichen Mann, für den sie nur noch ein funktionales Element war?
Mechanisch hängte sie das Handtuch auf, schaltete das Licht aus und ging ins Schlafzimmer. Klaus schnarchte bereits auf dem KingSizeBett. Sie legte sich am Rand, zusammengekauert wie die letzten sechs Monate, um nicht an ihn zu stoßen. Schlaf fand sie nicht. In ihrem Kopf drehte sich der Satz: Entweder Familie, oder Beruf.
Morgens stand sie vor ihm auf, kochte Kaffee, machte ihm ein Fischbrötchen auf Roggen, wie er es mag, und trank selbst nichts.
Im Krankenhaus herrschte wie immer hektisches Treiben. Ein Patient mit Herzinfarkt, dann ein Komitee des Gesundheitsministeriums, dann Berichte. Liselotte wirbelte wie ein Hamster im Rad, doch genau dort, zwischen Desinfektionsmittel und Monitorpiepen, fühlte sie sich lebendig. Frau Müller, schauen Sie bitte das EKG, Danke, Herr Dr. Becker, mein Vater wird wieder gesund. Dort war sie eine Persönlichkeit.
Zur Mittagspause kam ihre langjährige Kollegin Ute Becker vorbei. Liselotte, warum bist du so bleich? Wieder zu viel Stress? fragte sie, während sie an einem Salat mit Garnelen und Rucola nippte.
Ute, er hat ein Ultimatum gestellt. Entweder ich gehe heim und koche Borschtsch oder wir lassen das. Liselotte lachte bitter.
Du bist doch die Beste in der Abteilung! Wer soll das sonst übernehmen? Du würdest doch vor vier Wänden ersticken!
Er sagt, es sei ihm peinlich, eine Krankenschwester zu heiraten. Ute schüttelte den Kopf. Als du ihn nach der Firmenfeier nach Hause getragen hast, hast du ihm den Kater verjagt. Und du hast immer zwei Jobs gehabt, während er sein Unternehmen ausgebaut hat. Das ist kein Grund, dich zu erniedrigen!
Liselotte sah aus dem Fenster, wo grauer Herbstregen die Straße wischte. Ich habe Angst, Klaus ist 43, das Apartment ist sein, ich habe nur mein Gehalt und meine Mutter im Dorf. Wo soll ich hin?
Zur Mutter, wenn du willst. Du hast ein ordentliches Gehalt, reicht für eine kleine Wohnung. Aber dasütze, das ist keine Lösung. Er wird dich ersticken. Ute war sich sicher.
Am Abend kam Liselotte nach Hause, wie ein Verurteilter zum Galgen. Klaus saß im Wohnzimmer vor einem riesigen Flachbildschirm und sah Nachrichten.
Was hast du gedacht?, fragte er, ohne den Kopf zu heben. Freitag ist in drei Tagen.
Klaus, lass uns ruhig reden. Ich lasse den Job nicht fallen, aber ich könnte Teilzeit arbeiten
Er schaltete den Fernseher aus, warf die Fernbedienung aufs Sofa. Kein Halbe! Ich will Hausfrau, die mir ein dreigängiges Abendessen serviert, keine erschöpfte Stute. Meine Mutter braucht Pflege, wir holen sie in unser Schlafzimmer, wo du deine Bücher und deine Nähmaschine hast. Du sollst dich um sie kümmern, deine Erfahrung nutzen. Seine Stimme war wie ein kalter Wasserstrahl.
Liselotte fröstelte. Die Schwiegermutter, Ilse Schneider, war bekannt dafür, herrisch und bissig zu sein. Sie hatte Liselotte nie akzeptiert, nannte sie Bäuerin. Unter einem Dach zu leben und gleichzeitig Dienstmagd zu sein, war für Klaus ein verlockendes Versprechen von gesichertem Leben.
Willst du also meine kostenlose Pflegerin werden? fragte Liselotte leise.
Kostenlos? Ich zahle dir Hausgeld, gebe dir eine Zusatzkarte für Einkäufe. Du bekommst alles, was du brauchst. Du würdest in einer luxuriösen Wohnung leben, dich verwöhnen lassen. Klaus lachte übertrieben.
Ich bin kein Spielzeug, Klaus. Liselotte erwiderte.
Hör nicht mit dieser Philosophie!, schnappte er. Bis Freitag lege ich deine Arbeitsunterlagen auf den Tisch. Sonst packst du am Samstag deine Koffer. Er drehte sich um, schlug die Tür zu, und die Tassen klirrten.
Mittwoch und Donnerstag zogen wie Nebel vorbei. Liselotte ging zur Arbeit, lächelte Patienten zu, doch innerlich hallte das leere Echo: Entweder Familie, oder Beruf.
Am Donnerstag brachte Klaus Gäste: zwei seiner Geschäftspartner mit ihren perfekt gestylten Ehefrauen. Er warnte Liselotte eine Stunde vorher: Decke den Tisch, bestell etwas vom Lieferdienst, mach dich hübsch und schweig über deine Injektionen. Der Abend wurde zur Qual. Die Damen klatschten über Malediven, SpaBehandlungen und ihre Hausangestellten.
Was machst du eigentlich, Liselotte? fragte eine der Frauen, während sie an einem RucolaSalat mit Garnelen nippte.
Klaus sprang ein: Sie ist unsere Haushaltsministerin, kümmert sich um das Interieur, bald holen wir meine Mutter hierher, und sie richtet das Zimmer neu ein. Er legte seine schwere Hand auf Liselottes Schulter und drückte so fest, dass sie fast schrie. Er log, ohne zu zögern.
Wie bewundernswert!, jubelte die Gästin. Man sieht selten Frauen, die ihr Leben dem Heim widmen. Klaus lächelte breit, füllte die Gläser nach.
Liselotte senkte den Blick, fühlte sich klein wie ein Staubkorn auf seinem teuren Anzug.
Als die Gäste gingen, sagte Klaus zufrieden: Siehst du? Alles normal. Du hast nichts ruiniert. Morgen ist Freitag, erinnere dich du hast keine Wahl. Dann klopfte er ihr motivierend auf den Hinterkopf und ging unter die Dusche, summend.
Liselotte spülte das Geschirr, sah ihr Spiegelbild im dunklen Fenster: eine müde Frau mit traurigen Augen. Gibt es nichts mehr für mich? dachte sie. Sie erinnerte sich an den jungen Mann, den sie vor einer Woche im Notfall gerettet hatte, das Defibrillieren, das dankbare Weinen seiner Mutter. All das konnte sie nicht gegen das Bügeln von Hemden tauschen.
Am Freitagmorgen stand sie wie gewohnt auf. Klaus schlief noch. Sie griff nicht nach dem Kaffee, sondern holte einen alten Koffer aus dem Keller den, den sie einst für den ersten Urlaub an die Ostsee genommen hatte. Sie packte ihr paar Kleidungsstücke, Unterwäsche, Lieblingsbücher, ihre Nähmaschine und Dokumente ein. Sie ließ die teure Jacke, die er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, zurück. Auch den Schmuck ließ sie zu Hause.
Kurz bevor sie den Koffer schließen wollte, kam Klaus aus dem Schlafzimmer, streckte sich und fragte: Was soll das hier? Einen Ausflug zur Großmutter? Oder willst du dich schon wieder in die Werkstatt flüchten?
Sie zog den Reißverschluss zu, sah ihm fest in die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war ihr Blick klar und entschlossen. Ich gehe, Klaus.
Er lachte laut. Wohin? In die Kühltruhe? Mach das Frühstück fertig, ich komme später, und vergiss nicht deine Scheidung einzureichen. Heute ist dein letzter Tag.
Ich habe sie bereits eingereicht, sagte sie ruhig. Über das Bürgerportal vor einer halben Stunde. Und ich habe einen Antrag auf Urlaub gestellt, um den Umzug zu bewältigen. Ich kündige nicht.
Klaus’ Gesicht wurde blass. Du scherzt doch! Du wirst ohne Geld dastehen! Ohne Auto! Ohne Wohnung! Du wirst auf der Straße sterben!
Ich brauche kein Auto, ich fahre mit der U-Bahn. Die Wohnung ist deine, leb wohl darin. Und sterben? Ich bin Krankenschwester, kann überleben. Ich habe ein Zimmer bei einer netten älteren Dame in der Nähe des Klinikums gemietet, das reicht.
Du wirst hier nicht rauskommen!, schrie er, trat ihr näher. Ich schließe dich ein! Du bist meine Frau, du musst mir gehorchen!
Keine Annäherung, flüsterte Liselotte. Wenn du mich berührst, rufe ich die Polizei. Alle Ärzte im Klinikum stehen hinter mir. Willst du das Presse-Desaster? Stellvertreter des Bauunternehmens schlägt Ehefrau?
Klaus erstarrte. Der Gedanke an seinen Ruf ließ ihn innehalten. Geh, zischte er. Aber versuch nie zurückzukehren.
Sie ging am Flur vorbei, zog einen langen Mantel an, ihr Herz hämmerte, doch ihre Hände zitterten nicht. Sie öffnete die Haustür, das Treppenhaus roch nach gebratenen Kartoffeln und Feuchte.
Lass die Schlüssel hier, rief er ihr nach. Sie nahm das Schlüsselbündel, legte es auf den Tisch.
Leb wohl, Klaus. Im Kühlschrank gibt es Suppe für zwei Tage. Danach musst du dich selbst versorgen. Sie schloss die Tür, ließ seine Rufe verklingen, rief den Aufzug. Während die Kabine nach unten fuhr, vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von ihrer Bank: Ihre Karte wurde auf Wunsch des Kontoinhabers gesperrt. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie hatte ihre Gehaltskarte dabei, auf der ein halbes Jahr Ersparnisse lagen genug für die erste Miete und Lebensmittel.
Draußen prasselte der Regen, jetzt reinigend. Sie atmete tief ein, bereit für das Unbekannte. Keine Angst mehr, keine Pflicht, sich zu beugen.
Eine Woche später kam Klaus betrunken zur Klinik, wurde von der Sicherheit am Eingangsbereich abgehalten. Er schrie nach ihr, verlangte sie zurückzuholen. Liselotte stand im weißen Kittel, ruhig und selbstsicher.
Was willst du hier? fragte sie.
Klaus, sei vernünftig, lallen seine Stimme. Meine Mutter ist da, das Haus ist ein Chaos, wir brauchen dich.
Die Sicherheitsleute zogen ihn hinaus. Liselotte wandte sich an Ute. Er war hier?
Ja, nickte Ute. Was bereust du?
Liselotte sah auf das EKG eines Patienten, das gleichmäßig schlug. Nur, dass ich nicht vor fünf Jahren angefangen habe zu kämpfen. Jetzt geht’s mir gut.
Am Abend saß sie in ihrer kleinen Mietwohnung, wo eine freundliche ältere Dame namens Anna das Abendbrot mit Kohlkürbiskuchen bereitete.
Setz dich, Liselotte, wir trinken Tee, rief sie. Liselotte nahm Platz, biss in den warmen Kuchen, der besser schmeckte als jeder Luxus, den Klaus je versprochen hatte. Sie war zu Hause, bei sich, und morgen erwartete sie wieder die Arbeit, in der sie Leben rettete, nicht das Ego eines Mannes.





