DIE ZWEITE FRAU
Ich war mir sicher, dass mein Ex-Mann bald von dieser Frau flüchten würde.
Elke war nicht aus seinem Kreis. Taktlos im Umgang, launenhaft, eine verzweifelte Abenteurerin. Sie war sechs Jahre älter als Uwe.
Fairerweise muss man sagen, dass Elke eine hübsche, immer geschmackvoll gekleidete Dame war. Sie verstand es, sich einen Hauch von Mystik zu verleihen. Doch sobald Elke den Mund aufmachte, verschwand dieser Zauber augenblicklich. Uwe (mein Ex-Mann) war ihr vollkommenes Gegenteil. Sanft, fürsorglich, ruhig. Warum wir uns dann scheiden ließen, wenn er doch so ein Engel war? Die Schuld lag bei mir. Ich gestehe
Als Uwe und ich uns trennten, stürzte er sich kopfüber in das wilde Leben. Zuerst spielte er Liebe mit seiner Kollegin Heidi. Sie hatte schon lange ein Auge auf Uwe geworfen und träumte davon, seine Frau zu werden. Heidi hatte einen kleinen Sohn. Der brauchte einen Vater. Diese Frau war bereit, Uwe alles zu geben. Sie umsorgte ihn, wo sie nur konnte. Kochte ihm leckere Mahlzeiten, bügelte seine Hemden akkurat, band ihm fast schon den Schal um den Hals, wenn er das Haus verließ Doch Uwe wollte eine Frau, keine Mutter. Die Büroaffäre hielt nicht länger als drei Monate. Uwe schaffte es, sich aus Heidis fürsorglicher, aber erdrückender Umarmung zu befreien.
Dann schnappte sich meine beste (nun ehemalige) Freundin Gisela ihn. Sie hatte meinem Mann schon lange gefallen. Uwe dachte, ich würde nichts von seinem kleinen Geheimnis ahnen. Eine Frau, frei von Ehemann und Kindern, durstig nach Liebe.
Sobald Gisela den Riss in unserer Ehe bemerkte, wurde sie zur Trösterin. Uwe pendelte ein Jahr lang hin und her. Mal zu Gisela, mal zurück zum erloschenen häuslichen Herd. Sein ganzes Geld floss zu Gisela. Und offenbar ging es auf eine Hochzeit zu.
Dann tauchte Elke unerwartet am Horizont auf. Uwe lernte sie durch gemeinsame Freunde kennen. Diese Freunde brachten die beiden auch zusammen. Beide alleinerziehend, mit Kindern warum nicht gemeinsam glücklich werden? Uwe erzählte Elke von Gisela. Eine Braut ist noch keine Ehefrau. Die kann man auch wieder loswerden!, erklärte Elke.
Gisela musste weichen. Elke zerrte Uwe sofort zum Standesamt, zog mit ihrer Tochter Lena in seine Wohnung. Uwe und ich hatten unsere gemeinsame Wohnung zu diesem Zeitpunkt bereits getauscht.
Lena war damals vierzehn. Lena das wäre ein eigenes Gespräch wert. Das Mädchen trieb ihre Mutter zur Verzweiflung, rannte oft von zu Hause weg, war viel zu eigenständig.
Kaum verheiratet, schlug Elke Uwes Mutter vor, ihre Zweizimmerwohnung gegen eine Einzimmerwohnung zu tauschen. Für Sie, Mutter, ist das Putzen doch zu anstrengend. Uwes Mutter zog ohne Widerwort um. Hauptsache, ihrem Uwe ging es gut in der neuen Familie. Mit dem übrig gebliebenen Geld renovierte Elke Uwes Wohnung und meldete sich dort gleich mit Lena an.
Elke geriet ständig in Schwierigkeiten. Mal wurde ihr im Laden ein Zobelmantel gestohlen, mal fehlte eine größere Summe in der Kasse, mal beleidigte sie eine betuchte Kundin Der Ladenbesitzer hörte sich lange die Ausreden der Verkäuferin Elke geduldig an. So lange, bis Uwe die fehlenden Beträge brav abstotterte. Kaum war die letzte Rate gezahlt, entließ der Chef Elke prompt.
Uwe schlug vor, sie solle Hausfrau werden. Das ist billiger. Elke willigte ein, doch zu Hause strickte sie keine Socken, kochte keine Suppen, buk keine Frikadellen. Stattdessen begannen endlose Kaffeetratschrunden mit Freundinnen, Schönheitssalons, Shoppingtouren. Uwe kam von der Arbeit, brätete sich ein Spiegelei und wartete auf seine Angetraute. Wie man so schön sagt: Die Frau geht aus, der Mann bleibt zu Haus.
Jeden Sommer reisten Uwe und Elke durch Europa. Uwe konnte großzügig und aufrichtig lieben.
Die Jahre vergingen
Mit zwanzig brachte Lena einen Sohn zur Welt von wem, das wusste niemand. Wie man sagt: Sie kam mit dem Kind unterm Arm.
Elke musste sich um den Enkel kümmern. Lena brachte immer neue Väter für ihren Sohn mit nach Hause. Uwe ärgerte sich maßlos darüber. Und Elke bat ihn, Lena eine eigene Wohnung zu kaufen. Am besten eine Dreizimmerwohnung Dann findet sich auch schneller ein richtiger Vater. Uwe kaufte. Bald darauf zog bei Lena ein netter Kerl ein, der sie und ihren Sohn liebte. Doch Elke mochte ihn nicht. Verdiente zu wenig. Elke jammerte unentwegt über reiche Schwiegersöhne. Schließlich ging der junge Mann. Nun muss Uwe auch noch Elkes Enkel versorgen.
Unsere gemeinsame Tochter wollte ihren dreißigsten Geburtstag mit der zerrütteten Familie feiern.
Elke ließ Uwe nicht allein hingehen. Sie kam mit. Nach ein paar Gläsern Wein am Festtisch erzählte Elke mir von den Männern, die sie eigentlich bevorzugte. Angeblich liebte sie Halunken und brutale Machos. Uwe passe überhaupt nicht zu ihr Doch für Elke war er ein Zauberstab. Ich muss nur die Lippen spitzen, und Uwe würde sich für mich in Stücke reißen Mit ihm ist mein Leben ein einziges Zuckerlecken!
Offenbar hatte Elke die Hausfrauenrolle satt und versuchte, sich in Uwes Geschäft einzumischen. Und sie mischte sich ein Nun läuft Uwe zu unserem Schwiegersohn und borgt Geld.
So eine Liebe
Uwe und Elke heirateten vor zwanzig Jahren. Sie sind immer noch zusammen. Ich verstehe es nicht




