Der Traum der Rettung: Wie eine Begegnung an der Bushaltestelle meine Tochter wieder zum Leben erweckte
Als unsere kleine Tochter mit Stefan geboren wurde, konnte sich das gesamte Krankenhauspersonal nicht sattsehen an ihr. Sie war wie ein Engel: ihr zartes Gesichtchen mit feinen Zügen, die Nase wie eine Erbse, die Ohren wie gemeißelt, und die Augen die Augen waren etwas Besonderes blau wie der Himmel, klar und durchdringend, als verstünden sie alles, was in dieser Welt geschah.
Zuerst verlief alles gut. Mit zwei Monaten hielt sie ihr Köpfchen, mit vier zog sie sich hoch. Wir freuten uns über jeden ihrer Schritte, machten Pläne, ohne zu ahnen, welches Leid bevorstand. Als sie sechs Monate alt war, erschien eine seltsame Beule an ihrem Hals. Groß und hart. Die Ärzte zuckten nur die Achseln niemand wusste, was es war. Wir versuchten Umschläge, Salben, liefen von Praxis zu Praxis vergeblich. Das Mädchen wurde reizbar, aß nicht, weinte ununterbrochen, schlief nachts nicht. Ich wiegte sie bis zum Morgengrauen in den Armen. Und die Ärzte? Alles war in Ordnung. Die Blutwerte perfekt.
Wir suchten eine Hexe auf nichts half. Die Verzweiflung packte mich.
Dann, als sie anderthalb Jahre alt war, geschah das, was ich ein Wunder nenne. An jenem Tag wollten wir zu meiner Mutter fahren. Wir warteten lange an der Haltestelle der Bus hatte Verspätung. Das Mädchen saß bleich und traurig im Kinderwagen. Da näherte sich uns eine Frau. Kräftig, mit einem strengen Zopf, einfach gekleidet, mit blauen Augen und einem Blick, der einem bis ins Mark ging.
Sie betrachtete das Kind und sagte mitleidig:
Du Ärmste. Und du, Mutter, wie viel hast du gelitten? Sie isst nicht, schläft nicht, quält sich?
Ich nickte. Und sie, unerwartet:
Ich heile solche. Wenn du nichts unternimmst, wird sie sterben. Willst du sie retten? Komm vor Sonnenuntergang. Bring frische Eier mit.
Dann ging sie rückwärts, als spürte sie mein Zögern. Und ich zögerte wirklich. Eine andere Zigeunerin, die Geld wollte? Doch etwas durchfuhr mich als wüsste ich: Wenn ich nicht gehe, werde ich es niemals verzeihen.
Meine Mutter sagte nur:
Geh. Wenn sie zu viel verlangt, gehst du wieder.
Also ging ich. Ich kaufte Eier und kam zu ihr. Ein kleines Haus mit grünen Fensterläden, Blumen unter den Fenstern und einem Kälbchen, das im Hof spielte.
Du bist gekommen, sagte sie. Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt. Normalerweise mische ich mich nicht ein, aber mein Herz ließ mich nicht an euch vorbeigehen. Sieh mal, die Leonie aus München, fast tot, und jetzt rennt sie wie der Wind.
Leonie klatschte begeistert in die Hände und versuchte aufzustehen. Ein Mädchen voller Leben.
Komm in die Küche, forderte sie mich auf. Ich fragte:
Was kostet es?
Nichts, winkte sie ab. Jeder gibt, was er kann. Ich verdiene kein Geld mit Leid. Kinder sind unschuldig.
In der Küche nahm sie ein Ei und rollte es über das Kind von den Füßen aufwärts, über die Gelenke, den Kopf. Sie flüsterte: Geh, Schmerz, aus dem unschuldigen Leib, aus den weißen Knochen, aus dem reinen Blut Das Mädchen staunte und versuchte, das Ei zu greifen.
Dann schlug sie es in ein Glas Wasser. Im Sonnenlicht zeigte sich im Eigelb ein klares Kreuz, und im Eiweiß sprudelten Blasen wie kleine Quellen.
Siehst du?, fragte sie. Das ist böse Magie. Die Menschen fürchten Gott nicht. Aber keine Sorge, wir heilen sie.
Wer hat das getan?, wollte ich wissen.
Das verrate ich nicht. Jedes Mal, wenn ich es tat, gab es Ärger. Gott soll sie richten. Meine Aufgabe ist zu retten.
Wir machten drei Behandlungen je zehn Tage, mit Pausen. Zuerst verschwanden die Kreuze, dann die Blasen. Und das Mädchen veränderte sich. Es schlief, aß, lachte. Seine Wangen wurden rosig.
Esst ihr diese Eier?, fragte ich eines Tages.
Gott bewahre!, lachte sie. Die gebe ich den Schweinen. Die haben keine Angst.
Dann erzählte sie mir, wie sie die Gabe erhalten hatte. Von ihrer Mutter, die sie wiederum von der Großmutter bekam. Sie hatte eine böse Schwester, die die Macht wollte, doch die Mutter gab sie ihr, weil sie wusste: Güte ist stärker als die dunkle Kunst. Die Schwester versuchte, das Gebet zu stehlen vergeblich. Die Gabe liegt nicht in Worten sie liegt im Herzen.
Während unserer Behandlungen lernte Leonie laufen. Ihre Augen leuchteten. Dann ging sie ihr Vater holte sie ab. Er brachte zehn Kisten Kirschen, Käse, Honig.
Siehst du, wie er dankt?, seufzte die Frau. Aber das Mädchen blieb in meinem Herzen.
Und eines Tages war es geschafft. Nach dem letzten Ei kein böses Zeichen mehr. Das Mädchen war gesund.
Heute ist sie neunzehn. Klug, schön. Sie lernt Sprachen, malt, träumt von Berlin. Wenn ich sie ansehe, kann ich kaum glauben, dass ich sie hätte verlieren können. Dass das alles kein Albtraum war. Und jedes Mal, wenn ich an jener Haltestelle vorbeigehe, erinnere ich mich an diese Frau. Und flüstere: Danke.
Denn damals rettete sie nicht nur mein Kind. Sie rettete auch mein Leben.




