Lena schob den Koffer zur Tür, als sie die Nachricht ihres Mannes auf dem Handy sah.
Gib mir sofort das Telefon! Schnell! Ich habe gesehen, wie deine Augen zu flackern begannen, als die Meldung kam. Du bist blass geworden, Stefan. Was ist das? Noch ein Bericht um elf Uhr abends?
Lena stand mitten im Wohnzimmer, die Hand nach oben gestreckt. Ihre Stimme, sonst sanft und gelassen, vibrierte jetzt vor Spannung wie ein zu straff gespannter Gitarrensaite.
Stefan, noch vor wenigen Minuten lässig auf dem Sofa versunken, rückte nun an den Rand, das Smartphone fest umklammert. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Schreck und jener dummen, überheblichen Verteidigung, die Männer einschalten, wenn sie ertappt werden, aber noch hoffen, sich herauszureden.
Lena, warum machst du hier so ein Aufruhr? Versuchte er ein Lächeln zu simulieren, doch die Mundwinkel zuckten verräterisch. Arbeit ist da, wir haben morgen die Prüfung, ich habe es gesagt. Frau Becker braucht die Daten zum Materialverbrauch. Was soll ich ihr denn sagen, dass ich nicht antworte? Ich bin doch Abteilungsleiter.
Frau Becker? wiederholte Lena, einen Schritt nach vorn. Schickst du ihr Kuss-Emojis? Ich habe das Spiegelbild im Sideboard gesehen, Stefan. Du hast dem Bildschirm zugegrinst, wie du mir seit drei Jahren nicht mehr zulächelst. Gib mir das Handy. Wenn es um Becker und Material geht, entschuldige ich mich und gehe in die Küche, den Kuchen fertig zu backen.
Stefan sprang auf, versteckte das Telefon hinter dem Rücken.
Das ist ein Eingriff in meine Privatsphäre! Hast du dich zum Gefängnisaufseher ausgebildet? Ich habe ein Recht auf Privatleben! Du bist unerträglich mit deiner Eifersucht, Lena. Das ist Paranoia, du brauchst Hilfe.
Paranoia? Lena spürte, wie eine kalte, schwere Welle in ihr aufstieg. Dann mach das so: Entweder du legst das Telefon auf den Tisch, entsperrt, oder ich packe deine Sachen. Sofort.
Ein Schweigen lag über dem Raum, nur das Ticken der Wanduhr ein Geschenk ihrer Mutter zur Silberhochzeit, die erst in einem halben Jahr stattfinden sollte war zu hören. Stefan musterte seine Frau, wog die Ernsthaftigkeit der Drohung ab. Normalerweise war Lena nachgiebig, weinte, verzieh. Heute jedoch funkelte ein leerer Glanz in ihren Augen.
Na, gib her! warf er das Telefon aufs Sofa. Lies! Such dir deinen Beweis! Und dann beschwer dich nicht, wenn du merkst, wie dumm du bist.
Lena hob das Gerät langsam. Der Bildschirm leuchtete noch. Das Passwort kannte sie das Geburtsdatum ihrer Tochter Klara. Stefan hatte offenbar vergessen, es zu ändern, weil er sich seiner Unantastbarkeit sicher war.
Sie öffnete den Messenger. Der oberste Chat war nicht mit Becker. Er war betitelt Lieselotte (Buchhaltung). Das Avatarbild zeigte ein junges Mädchen mit einem spitzen Lippenstift und tief ausgeschnittenem Top.
Lena begann zu lesen, und mit jedem Satz schien jemand ihr das Leben mit einem harten Löffel abzuschöpfen.
Stefan, bist du gleich fertig? Ich vermisse dich. Erinner mich an das Mittagessen in der Kantine Du warst Feuer die Nachricht war erst zwei Minuten alt.
Stefans ungesendete Antwort hing im Eingabefeld: Schatz, halt durch. Meine Gans schnüffelt wieder rum, kreist. Ich beruhige sie und schreibe dann. Liebäugle bitte mit deinen Lippen.
Lena scrollte weiter.
Ist deine Frau wirklich so langweilig, wie du sagst? Mein Kater Miez, wie er das erträgt? Liegt sie wahrscheinlich wie ein Brett im Bett?
Stefans Antwort: Ein Brett? Ach, Liesel. Bretter brennen, hier ist nur Moor. Ich lebe für die Tochter, weißt du. Und der Eintopf schmeckt. Meine Seele sehnt sich nach dir, nach Festen.
Moor, flüsterte Lena.
Sie hob den Blick zu Stefan. Er stand am Fenster, trommelte nervös mit den Fingern auf das Fenstersims. Er sah nicht, was sie las, doch das anhaltende Schweigen ließ ihn begreifen: Das ist nicht gut.
Der Eintopf also? fragte sie leise.
Stefan drehte sich abrupt.
Was?
Du schreibst ihr, dass du für mich lebst wegen Eintopf. Und dass ich das Moor bin, sie das Fest.
Sein Gesicht färbte sich rot.
Lena, das ist doch nur Floskel! Männerblödsinn, verstehst du? Nur ein Flirt, um das Ego zu streicheln! Nichts Ernstes, schwöre ich! Sie ist jung, dumm, hängt an mir
Das Mittagessen in der Kantine war auch ein Flirt? warf Lena das Handy auf das Sofa, als wäre es infektiös. Du warst Feuer? Das war über deinen Jahresbericht, nicht über mich!
Stefan blieb stumm, die Luft erstickte in seinem Hals.
Lena drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Ihre Beine fühlten sich wie Watte an, doch sie zwang sich, gerade zu gehen. Nicht fallen, nicht schreien, ihn nicht weiter provozieren.
Sie öffnete den Schrank und zog mit einem Krachen den alten, abgenutzten Koffer hervor denselben, mit dem sie vor fünf Jahren nach Sylt gefahren war. Damals waren sie glücklich. Oder dachte sie das?
Was machst du?, fragte Stefan, blass und ratlos im Türrahmen.
Packe dich für das Fest für Lieselotte, sagte Lena und öffnete die Schublade mit seiner Unterwäsche, stopfte Socken und Hosen wirr in den Koffer.
Lena, hör auf! Das ist doch lächerlich! Unser Leben zu zerstören wegen einer Nachricht? Seit 25 Jahren! Wir haben eine Tochter, ein Darlehen für das Haus, Pläne!
Pläne?, hielt sie inne, das Lieblingspullover in der Hand, den sie zwei Monate lang gestrickt hatte. Deine Pläne sind Kantinenflirts. Meine Pläne sind, mit einem Mann zu leben, der mich respektiert. Offenbar passen unsere Pläne nicht zusammen.
Sie warf den Pullover in den Koffer, gefolgt von Hemden, die sie nicht mehr ordentlich faltete, sondern mit Schmerzen und Groll stopfte.
Du kannst mich nicht hinauswerfen!, schrie Stefan, wechselte von Verteidigung zu Angriff. Das ist auch meine Wohnung! Ich bin hier gemeldet!
Die Wohnung gehört mir, ich habe sie von meinen Eltern geerbt. Du bist eingetragen, aber ich bin Eigentümerin. Hast du das vergessen? Oder hat Lieselotte dir das Gedächtnis mit ihren Lippen geraubt?
Das war ein Treffer unter die Gürtellinie, doch Stefan hatte ihn verdient. Eigentum war immer sein empfindlicher Punkt gewesen. Er fühlte sich benachteiligt, obwohl Lena ihn nie dafür kritisiert hatte.
Ich gehe nicht nachts allein raus!, setzte er sich aufs Bett, verschränkte die Arme. Beruhig dich, nimm ein Beruhigungsmittel. Morgen reden wir. Vielleicht bin ich schuldig, aber du bist kein Engel. Du bist immer im Bademantel, über Pflanzen zu reden? Ein Mann wird das doch nicht verstehen!
Lena erstarrte. Das war die klassische Du bist schuldRhetorik.
Sie trat zum Spiegel, sah ihr Spiegelbild eine gepflegte Frau, 45 Jahre alt, frisch geschnittener Bob, manicured Nägel, sportlicher Overall, nicht der schmutzige Bademantel. Sie ging ins Fitnessstudio, schwamm, las, aber für ihn war sie unsichtbar geworden ein Möbelstück, ein Moor.
Steh auf, sagte sie leise.
Was?
Steh jetzt sofort vom Bett auf.
Ihre Stimme war so hart wie Metall, dass Stefan widerwillig gehorchte.
Sie riss das Laken vom Bett, drückte es zusammen und steckte es ebenfalls in den Koffer.
Nimm das mit, du könntest es bei Lieselotte brauchen, wenn ihr Bettzeug nicht frisch ist.
Sie fuhr fort, Jeans, Hose, Rasierer, Aftershave. Alles flog in den bodenlosen Schlund des Koffers. Stefan versuchte zu sprechen, seine Hände nach ihr zu greifen, doch sie wischte ihn ab wie ein lästiges Insekt.
Lena, lass uns reden! rief er. Jeder macht Fehler! Der Nachbar Kater Miez lebt auf dem Dach, die Schwiegermutter erträgt das! Du bist hysterisch!
Dann geh zu Miez oder zu deiner Schwiegermutter. Teilt eure Weisheit. Ich brauche keinen Rat von einer Frau, die nur nach Essen von fremden schnitt sie ihm ins Gesicht. Ich bin widerlich, Stefan. Ich will keine Reste von fremden Mittagessen mehr essen.
Der Koffer war voll. Lena kämpfte sich, den Reißverschluss zu schließen. Sie schob ihn in den Flur.
Zieh deine Schuhe an.
Lena, stammelte Stefan, jetzt ein verängstigter Hund. Wohin soll ich gehen? Es ist zwölf Uhr. Auf meiner Karte ist fast kein Geld, das Gehalt kommt erst nächste Woche.
Frag Lieselotte. Du bist doch ihr Feuer. Lass sie dich wärmen. Oder fahr zu deiner Mutter. Sie sagt immer, ich füttere dich schlecht. Dann hast du einen Grund zu gehen.
Stefan schob sich von Fuß zu Fuß, glaubte immer noch, das Ganze sei nur ein Schauspiel, dass sie weint, er kniet, verspricht Gold, und alles kehrt zurück.
Lena trat dicht an ihn heran, sah auf ihre rechte Hand. Auf dem Ringfinger glänzte der alte, massive Goldring aus der DDR-Zeit. Sie trug ihn seit 24 Jahren, fast immer. Er war ein Teil von ihr.
Sie griff nach ihm, drehte, musste Kraft aufwenden. Die Haut darunter war blasser, ein Abdruck von Jahren.
Sie nahm den Ring ab, hielt ihn in der Hand. So klein, aber er wiegte das Gewicht ihrer Geduld, ihrer Liebe, ihrer Mühen.
Hier, nimm das, reichte sie ihm.
Warum?, flüsterte er, sah das Gold wie eine giftige Schlange.
Bring es zum Pfandleih. Das reicht für die erste Nacht, für ein Hotel oder für ein paar Blumen für die Buchhalterin. Ich brauche es nicht mehr. Es brennt meine Hand.
Stefan ließ die Hände hinter dem Rücken verschwinden.
Ich nehme es nicht. Du bist meine Frau.
Ich war deine Frau, bis du mich das Moor nannte. Nimm es!
Sie packte seine Hand, drückte den Ring fest in seine Handfläche, schnürte die Finger zusammen.
Verschwinde.
Stefan sah zur verschlossenen Schlafzimmertür, zur Küche, wo noch Vanille duftete sie hatte gerade ihren Lieblingskirschenkuchen gebacken und zum Koffer.
Du wirst es bereuen, Lena, knurrte er, zog die Stiefel an. Du wirst zurückkehren. Wer braucht dich mit fünfundvierzig? Alt, uninteressant. Ich bin ein alter Sack. Jede Frau wird mich nehmen.
Dann lass sie dich nehmen. Ich bin lieber allein als mit einem Verräter.
Er warf den Schlüsselbund auf den Boden, das Klirren des Metalls gegen die Fliese war das letzte Akkord ihrer Ehe.
Mistkerl!, spuckte er und stürmte zur Tür, schlug sie laut zu.
Lena schloss das Schloss zweimal, dann legte sie eine Kette an die Tür und lehnte sich zurück, rutschte zu Boden.
Ein schneidendes Schweigen füllte die Wohnung. Kein Fernseher, kein Schritt, kein Gähnen. Nur das Summen des Kühlschranks.
Keine Tränen. Nur ein seltsames Gefühl der Leere, als hätte man den gesamten Krempel ausgemistet und das Haus blieb zu groß und hohl.
Sie blickte auf den Abdruck des Rings, ein weißer Streifen auf ihrer sonnengebräunten Haut.
Sie stand auf, die Beine zitterten noch, aber weniger. Sie ging zur Küche, wo der Kuchen auf dem Tisch abgekühlt lag ein schöner, rötlicher Kirschenkuchen, den sie für das Familienkaffeegetränk gebacken hatte.
Lena nahm das Messer, schnitt ein großes Stück ab, goss sich Tee ein, setzte sich.
Ein Moor, also?, flüsterte sie in die Leere. Na gut.
Sie biss in den Kuchen süß, die Kirsche ein angenehmer Stich.
Das Handy vibrierte auf dem Sofa. Es war ihre Tochter Klara, die in einer anderen Stadt studierte.
Mama, hallo! Wie geht’s euch? Papa hebt nicht ab.
Lena hielt das Telefon, die Finger kurz über die Tastatur schwebend. Die Wahrheit? Oder lügen, dass ihr Vater schläft?
Sie schrieb: Papa ist auf einer dringenden Dienstreise, für lange Zeit. Uns gehts gut, Liebes. Ich trinke Tee mit Kuchen.
Draußen hörte man ein Taxi wegfahren. Stefan war weg, wahrscheinlich zu seiner Mutter, weil Lieselotte nicht begeistert sein würde, ein Feuer in einem Koffer voller schmutziger Wäsche um Mitternacht zu finden.
Lena trank den Tee aus, ging ins Bad. Unter der Dusche spülte sie den Abend, die Worte, den Dreck ab. Sie fühlte, dass ihr Körper nach seinem Lügen roch. Sie schrubbte sich rot bis zur Haut.
Nach dem Bad trug sie eine teure Gesichtscreme, die sie für den besonderen Anlass aufgehoben hatte. Sie wickelte sich in einen weichen Plaid, setzte sich in den Sessel mit einem Buch.
Angst umfing sie. Angst, neu anzufangen. Angst, allein zu schlafen. Angst, das Vermögen zu teilen und alles den Bekannten zu erklären.
Doch schlimmer wäre es gewesen, weiter mit ihm im Bett zu liegen, wissend, dass er jemand anderem schreibt, dass er sie als langweilige Last sieht, ständig auf Meeting zu warten.
Nein. Sie hatte richtig gehandelt.
Eine Woche später rief Stefan. Viele Male. Anfangs betrunken, voller Vorwürfe. Dann nüchtern, voller Entschuldigungen. Er schwor, er habe die Beziehung zu Lieselotte beendet (sie hatte tatsächlich nie vor, ihn zu beherbergen, und war schnell geflogen, sobald das Chaos roch). Er bat, zurückzukommen, sagte, er schlafe bei einem Freund, bei seiner Mutter sei der Blutdruck hoch.
Lena nahm das Telefon nicht ab. Sie blockierte ihn in allen Messengern. Kommunikation lief nur noch über Klara, und nur noch geschäftlich.
Am Samstag ging Lena in ein Juweliergeschäft. Sie wollte sich endlich einen Ring mit Topas kaufen ihr Lieblingsstein. Stefan hatte immer gesagt, das sei Geldverschwendung, besser etwas fürs Haus. Sie wählte den schönsten Ring, tiefblau wie das Meer, das sie liebte, und setzte ihn auf den Finger, wo einst der Trauring lag. Der alte Abdruck war fast verschwunden.
Als sie das Geschäft verließ, atmete sie die kühle Herbstluft voll ein. Das Leben war nicht vorbei. Es begann gerade erst. In diesem neuen Leben hatte Lüge, Verrat und Menschen, die das Wahre nicht schätzen, keinen Platz.
Der Koffer Sie würde einen neuen kaufen, hell und bunt, und damit allein oder nicht allein in den Urlaub fahren. Wichtig war, sie würde nie wieder das Moor für jemand anderen sein.





