Klaus hat mich mit seiner Exfrau verglichen, und ich habe ihm geholfen, zu ihr zurückzukehren
Du hast das Fleisch wieder zu trocken gebraten, Anke. Wie oft habe ich dir gesagt, dass man es erst kräftig anbrät, damit eine Kruste entsteht, und erst dann schmort? Sabine hat das immer so gemacht ihr Gulasch war ein Gedicht, zerging förmlich im Mund, man musste kaum kauen. Und das hier nun ja, das ist einfach nur trocken.
Klaus schob die dampfende, aromatische Gulaschschüssel von Anke weg, griff demonstrativ nach einem Stück Brot und ließ durch seine Mimik klar werden, dass in diesem Haus nur das Brot den Hunger stillen kann.
Anke stand mit einem Geschirrtuch in der Hand am Waschbecken. In ihr zog sich seit dem Tag, an dem sie und Klaus das JaWort getauscht hatten, ein kleiner, immer fester werdender Knoten zusammen. Zuerst waren ihre Bemerkungen über die Exfrau nur gelegentlich und scheinbar zufällig: das zu wenig gebügelte Hemd (Heike hat immer den Kragen gestärkt), die falsche Vorhangfarbe (Heike mochte lieber fröhlich Gelb), ein missglückter Urlaub. Doch in den letzten Monaten hatte sich Heikes Gespenst endgültig in ihrer Zweizimmerwohnung eingenistet, irgendwo zwischen Fernseher und Sofa, und kommentierte jedes Ankes Handeln mit Klaus Stimme.
Klaus, versuchte Anke ruhig zu bleiben, doch ihre Stimme zitterte ein wenig, wenn dir das nicht schmeckt, kannst du ja selbst kochen oder in die Mensa gehen. Ich habe das Gulasch nach dem Rezept meiner Oma zwei Stunden lang geschmort.
Ach, da fängt was an, verdrehte Klaus die Augen. Ich kritisiere doch nur konstruktiv, damit du dich weiterentwickelst. Heike hat nie geklagt, sie hat gelernt. Sie war eine Hausfrau vom Dienst, das kann man kaum toppen. Charakterlich war sie ein Feuer, du dagegen bist eher eine ruhige Amöbe, aber wenigstens glänzt bei dir alles.
Ruhige Amöbe, das war also ihr Vorwurf. Anke hängte das Geschirrtuch ordentlich an den Haken. Sie war tatsächlich ein ruhiger Mensch, geduldig, Bibliothekarin, liebte Stille und gemütliche Abende mit einem Buch. Klaus hatte ihr einst gesagt, er suche genau so eine ruhige Ankerstelle nach einem turbulenten zehnjährigen Eheleben mit Heike, das er selbst Vulkan der Leidenschaften und Hysterie nannte. Und nun war die Ankerstelle offenbar zu langweilig?
Wenn sie so eine perfekte Hausfrau war, warum seid ihr geschieden?, fragte Anke leise, während sie sich gegenüber von Klaus setzte.
Klaus ließ das Brot liegen, runzelte die Stirn. Die Frage war eindeutig unangenehm.
Nun wir haben einfach nicht zusammengepasst. Sie war temperamentvoll, anspruchsvoll. Immer mehr: neue Jacke, Urlaub am Meer, Renovierung. Ich war müde vom DauerDruck. Mit ihr war ich allerdings immer im FitModus, fühlte mich wie ein richtiger Mann, der Berge versetzen kann. Mit dir ist alles glatt wie ein Baggersee und das Gulasch ist trocken.
Er stand vom Tisch auf, ohne fertig zu essen, und ging zum Wohnzimmer, rief dabei nach einem Tee mit extra Zucker: Mach mir bitte Tee, das Leben ist sonst zu fade.
Anke blieb in der Küche zurück, sah das abkühlende Gulasch und spürte kein Ärger mehr, sondern eine klare, kristalline Kälte. Sie begriff, dass sie müde war erschöpft davon, gegen das Gespenst anzutreten. Nicht, um zu beweisen, dass sie besser kochen könne als Heike, sondern einfach, weil sie genug davon hatte, immer im Schatten zu stehen.
Klaus vermisste seine Exfrau. Er idealisierte die Vergangenheit, vergaß die Scherben und das kaputte Geschirr und erinnerte sich nur an den saftigen Gulasch und die stärkebedeckten Kragen. Wenn ein Mann so litt, dachte Anke, muss die liebende Frau ihm helfen.
Am nächsten Tag nahm Anke einen freien Tag. Nicht, um auf dem Sofa zu faulenzen, sondern um nach Heike zu suchen. Ihre Stadt war keine Megametropole, also war es leicht, die Ex zu finden Heike war aktiv in den sozialen Medien.
Heikes Profil war ein Sammelsurium aus Bildern: im Garten im knalligen Sommerkleid, beim Karaoke mit Freundinnen, jammert über einen tropfenden Wasserhahn und behauptet, echte Männer gäbe es nicht mehr. Ihr Status lautete: Auf der Suche nach dem Glück.
Anke schmunzelte. Das Puzzle passte.
Als Klaus abends von der Arbeit kam (wieder verärgert, weil der Bus überfüllt war und wir das Auto nie gekauft haben, Heike hätte das Geld gespart), begrüßte Anke ihn mit einem Lächeln.
Klaus, setz dich, es gibt Frikadellen. Und ich wollte mit dir reden.
Worum gehts?, blickte er skeptisch, während er eine Frikadelle aufspießte. Wollen wir wieder die Beziehung klären?
Nee, ich habe über deine Bemerkungen nachgedacht. Du hast recht, ich bin wohl nicht so eine gute Hausfrau wie Heike. Und ich könnte von ihr noch was lernen.
Klaus hustete fast.
Meinst du das ernst?
Absolut. Heute habe ich alte Unterlagen durchwühlt und ihre Telefonnummer gefunden, die du anscheinend in deinem Notizbuch vergessen hast. Und ich dachte: Wenn sie so ein tolles Gulasch macht, könnte sie mir das Rezept geben oder den Kohlkuchen, den du immer erwähnst.
Klaus ließ das Messer sinken. In seinen Augen flackerte Interesse, gemischt mit Misstrauen.
Na ja, sie ist eine stolze Frau. Vielleicht schickt sie gar nichts.
Aber vielleicht nicht. Ich habe zufällig ihr Profil gesehen. Sie schreibt, dass sie einsam ist und männliche Hilfe braucht.
Echt?, fuhr Klaus geradezu stolz. Ohne Mann geht sie nicht klar. Kochen kann sie, aber einen Nagel einschlagen oder ein Regal aufhängen, das ist meine Aufgabe. Meine Hände sind Gold wert, das hat sie immer geschätzt.
Sieh mal, fuhr Anke sanft fort. Unser Wasserhahn leckt, du bist müde, ich verstehe das. Vielleicht hat sie ein echtes Problem, vielleicht ein Rohrbruch. Du könntest ihr einfach aus Freundschaft helfen, weil ihr zehn Jahre zusammen verbracht habt nicht, weil du dich beweisen willst.
Klaus überlegte. Auf der einen Seite war das Anrufen der Ex peinlich, auf der anderen schien es, als würde Anke ihm das Ding aus der Hand geben. Sein Ego krachte förmlich.
Na gut, ich frage einfach, wie es ihr geht. Nur so, aus Freundschaft.
Er wählte nach etwa einer halben Stunde, während er auf dem Balkon stand. Anke lauschte nicht, aber die Stimme des Mannes verriet Unsicherheit, dann Aufregung und schließlich ein fast kindisches Grunzen.
Er kam vom Balkon zurück, strahlend.
Stell dir vor, Anke, du hast das nicht gesehen! Sie hat einen Vorhang im Schlafzimmer verloren, liegt im Dunkeln mit einer Taschenlampe, die vom Straßenlicht blendet. Sie bat um Hilfe. Ich dachte, ich überlege, aber
Natürlich, geh hin!, schnappte Anke. Man kann eine Frau doch nicht im Stich lassen. Morgen ist Samstag, helf ihr.
Ähm du hast nichts dagegen?, fragte er aus Höflichkeit.
Was soll’s. Das ist edel. Vielleicht lehrt sie mich ja, wie man richtig Borschtsch kocht, wie du es magst.
Am Samstag fuhr Klaus zu Heikes Wohnung, zog sein bestes Hemd an (etwas, das er seit einem Jahr nicht mehr für Anke benutzt hatte), nahm einen Werkzeugkasten mit und ging.
Er kehrte spätabends zurück, erschöpft, aber zufrieden wie eine Katze, die sich in Sahne gewälzt hat.
Na, hast du alles repariert?, fragte Anke, während sie ihm Tee einschenkte.
Ja, die Leuchte, die Steckdose, das Schranktor. Und sie hat die Wohnung fast allein wieder ans Laufen gebracht. Sie hat mir sogar gesagt, du bist eine heilige Frau, weil du mich zu ihr gehen lässt.
Sie hat recht, lächelte Anke geheimnisvoll.
So begann ihr seltsames Dreierleben. Klaus besuchte Heike immer öfter: ein Fernseher, ein Regal, ein bisschen Kartoffeln, weil sie schwache Frau ist, sonst bricht sie sich den Rücken. Er kam stets satt, roch nach fremden Düften und erzählte unaufhörlich, wie bunt Heike sei.
Sie trug heute ein rotes, enges Kleid, sagt sie, nur für sich, aber ich sehe, es ist für Gäste. Und ihr Lachen voll trompetenartig. Du lächelst nur mit den Mundwinkeln, bei ihr ist ein ganzer Wasserfall an Emotionen.
Anke hörte zu, nickte und hörte auf, selbst zu kochen.
Klaus, du gehst doch nach der Arbeit immer zu Heike, um ein Regal aufzuhängen? Warum soll ich noch Lebensmittel kaufen, wenn sie so ein kulinarisches Feuerwerk schmeißt? Ich trinke nur Kefir, das ist gesund.
Klaus protestierte anfangs, gewöhnte sich dann daran. Zu Hause war Ruhe, saubere Hemden (Anke wusch und bügelte zwar noch, aber ohne Leidenschaft). Dort gab es ein Festmahl für den Magen, Bewunderung für seine goldenen Hände und das Funken-Gefühl, das er so lange gesucht hatte.
Ein Monat verging. Anke bemerkte, dass Klaus immer weiter zurückwich. Er wurde reizbar, langweilte sich zu Hause, kam nur zum Schlafen.
Weißt du, Anke, sagte er eines Abends vom Sofa aus und starrte an die Decke, Heike meint, sie hat einen Fehler gemacht, hat mich nicht genug geschätzt. Sie weinte heute.
Echt?, legte Anke das Buch beiseite. Und was dann?
Ich habe gesagt, ich habe eine Familie, ich bin anständig, aber mein Herz tut weh. Sie ist mir doch noch wie eine Schwester. Nach so vielen Jahren ist sie weicher, gefügiger geworden.
Weicher, weil sie jetzt kostenlose Reparaturen will, dachte Anke, sagte aber etwas anderes: Klaus, du machst dir das Leben schwer für dich, für sie und für mich.
Wie meinst du das?, fragte er, leicht erhöht.
Schau uns an. Wir leben wie Nachbarn. Mit mir ist es langweilig, ein Sumpf. Bei ihr ist ein Vulkan, Leidenschaft, Kekse. Vielleicht solltest du zurück?
Klaus wirkte überrascht.
Du wirfst mich raus?
Nein, ich lass dich frei. Du vergleichst mich ständig mit ihr, und das geht nie zu meinen Gunsten. Warum soll ich dich quälen? Geh. Verbring ein oder zwei Wochen dort, finde dich selbst.
Und wenn ich merke, dass es dort besser ist?
Dann soll es so sein. Ich will, dass du glücklich bist, Klaus.
Das war ein meisterhafter Bluff. Anke wusste, dass ein EiferschaftsDrama Klaus nur aus Pflichtgefühl bei ihr halten würde, er würde sie aber verhasst leben. Wenn sie ihn gehen ließ
Klaus zögerte zwei Tage. Er schlenderte mit dramatischem Blick durch die Wohnung, starrte Anke mit Hundeblick an, erwartete, dass sie ihn umarmen und zum Bleiben flehen würde. Stattdessen packte Anke leise seinen Koffer, legte Hemden, Socken, seinen Lieblingspullover und sogar eine Dose seines Lieblingskaffees hinein.
Also ich gehe?, fragte er am Türrahmen, hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Das ist nur vorübergehend, Anke, ich will nur klar kommen.
Natürlich, vorübergehend, nickte sie. Geh. Heike wartet. Lass die Dame nicht warten.
Die Tür schloss sich hinter ihm. Anke drehte das Schloss zweimal. Dann ließ sie die Tür fast fallen, lachte laut ein bisschen nervös, aber erleichtert. Endlich war sie allein, in ihrer Wohnung, mit ihrer Stille, ihren Büchern. Niemand nörgelte über trockene Frikadellen, niemand verlangte Aufmerksamkeit.
Die ersten drei Tage rief Klaus nicht an. Er genoss wohl seine Flitterwochen. Anke rief ebenfalls nicht. Sie stellte das Wohnzimmer um, kaufte neue blaue Vorhänge (die ihr gefallen hatten, nicht Klaus) und ging mit einer Freundin ins Theater.
Am vierten Tag klingelte das Telefon. Klaus Stimme klang seltsam, nicht mehr so fröhlich.
Hey, Anke. Wie gehts?
Hey, super. Lies ein Buch. Und du? Wie die Frikadellen?
Frikadellen ja, die waren gut. Sag mal, wo sind meine Winterstiefel? Ich finde sie nicht im Koffer.
Sie stehen auf dem Hochbett, Klaus. Du hast doch gesagt, du bleibst nur kurz warum brauchst du Winterstiefel? Herbst ist doch da.
Stimmt Weißt du, könntest du
Nein, Klaus. Ich bin beschäftigt. Lass Heike dir welche besorgen, sie ist ja so fürsorglich.
Eine Woche verging. Klaus rief immer öfter.
Anke, meine Rücken tut weh. Das Sofa bei Heike ist unbequem, die Federn bohren. Wir hatten doch ein orthopädisches hier.
Dann reparier das Sofa, du hast doch goldene Hände. Oder kauft ein neues. Heike verdient ja Geld, wie sie sagt, oder?
Was? Sie hat vor einem Monat gekündigt, sagt, sie sucht sich selbst. Ich arbeite jetzt für beide, bring die Lebensmittel. Sie ist an die feinen Sachen gewöhnt: Käse, roter Fisch. Und Geld fehlt. Gestern hat sie mich angeklagt, ich hätte zu wenig gebracht.
Das ist doch dein Vulkan der Leidenschaften, von dem du immer geträumt hast, sagte Anke gelassen. Du wolltest in Schwung bleiben? Dann bleib in Schwung.
Du machst mich fertig?
Ich stelle Fakten. Sie goss sich eine Tasse Tee ein. Ich muss jetzt los, Yoga.
Drei Tage später klingelte Klaus, etwas beschwipst.
Anke Sie ist verrückt. Sie schreit. Sie ließ mich nachts Tapeten kleben, weil ihr die Farbe im Licht nicht mehr gefiel. Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Ich will nach Hause. Zu dir. Dein Gulasch trocken, aber still!
Klaus, schlaf erst mal,, sagte Anke scharf. Du hast dich entschieden. Du wolltest ein Feuerwerk du hast es bekommen. Und ich bin eine Amöbe, das ist nichts für mich.
Die Auflösung kam zweiinhalb Wochen nach Klaus Auszug.
Freitagabend. Anke saß im Sessel, trank Kakao und schaute eine Serie. An die Tür klopfte es nicht zaghaft, sondern bestimmt und laut, dann knackte ein Schlüssel im Schloss.
Anke war nicht überrascht. Sie stand auf, ging zur Tür, ließ jedoch nur das Hauptschloss offen.
Die Tür öffnete sich ein Stück, gerade genug, um Klaus Gesicht zu zeigen ungepflegt, rotäugig, ein Koffer im Rücken.
Anke, öffne, ich bin zurück, keuchte er. Ich habe genug von Heike. Du hattest recht, das warAnke, ich bin zurück ich habe genug von Heikes Chaos und will endlich das ruhige Leben mit dir wieder teilen..





