Nicht nur Mamas Tochter

Verena Müller weiß genau, wie man Kohlrouladen richtig einwickelt, damit sie nicht zerfallen und ihre Form behalten. Sie kennt die schnellste Route zum Frankfurter Flughafen, selbst zur Hauptverkehrszeit, ohne im Stau zu stehen. Und sie weiß, wie man eine Beschwerde an die Hausverwaltung formuliert, sodass sie nicht nur gelesen, sondern sofort umgesetzt wird. Bei Verena tropfen die Wasserhähne nicht, und die Nachbarn im Obergeschoss schleichen sich nach ihrem Besuch zum Plausch auf Zehenspitzen davon.

Verena muss alles wissen. Ihre Tochter heißt Heike.

Als Heike sechs Jahre alt wird, startet Verena die Aktion Beste Schule. Sie legt eine ExcelTabelle an, in die sie Rankings, Bewertungen, Lehrerqualifikationen und den Zustand der Mensa einträgt. Sie besucht zwölf Schulen persönlich, spricht mit den stellvertretenden Schulleitern und wirft einen prüfenden Blick über die Pausenhallen. Sie prüft die Wegstrecken, damit Heike bis zur fünften Klasse selbstständig nach Hause gehen kann.

Sie gewinnt das Gymnasium Nr.3 mit einem erweiterten Lehrplan zu allem Möglichen. Die Lehrer sind Meister ihres Fachs, die Schulleiterin ist eine charismatische Persönlichkeit, die Sponsoren für modernste Geräte gewinnt. Nach dem Unterricht führen die Schüler französische Theaterstücke auf und spielen Schach.

Verena kleidet Heike für die erste Einschulung. Das Kleid ist schlicht, kariert, die Schleife aus Seide in zartem Himmelblau, passend zu den Augen der Tochter. Der Blumenstrauß besteht aus üppigen weißen Astern, keine grellen Gladiolen. Heike lässt sich gehorsam einkleiden, und beim Verlassen des Eingangs berührt sie mit der Hand das frisch gestrichene Tor. Ein langer blauer Streifen zieht sich über das makellose Kleid.

Verena schreit nie.

Ihre eigene Mutter heulte bis zur Heiserkeit, und Verena schwor sich, es nicht zu wiederholen. Sie drückt Heikes Hand so fest, dass das Mädchen vor Schmerz schnaufen muss, und führt sie zurück, um das Kleid zu wechseln. Das neue Outfit ist grau und völlig unauffällig. Auf die Einschulung stürzen sie, außer Atem, als Letzte. Beim Foto sind Heikes Haare verwirrt, die Astern welk.

Ab diesem Moment beginnt ihr stiller Krieg. Verena baut eine undurchdringliche Verteidigungslinie, Heike findet immer eine Lücke.

Kurz vor einer Sitzung des Elternbeirats, dessen Vorsitzende Verena selbst ist, bringt Heike eine Zwei in Mathematik. Verena hatte für die ganze Klasse eine Exkursion nach Hamburg organisiert und kostenfreie Schwimmkarten für die jungen Talente erstritten. Und nun die Zwei eine Schande.

Oder ein anderes Szenario: Heike wächst zur stillen Beobachterin, verbringt jede freie Minute mit Zeichnen in ihrem Skizzenbuch. Wenn Verena ihr vorschlägt, sich mit der lebhaften Tochter ihrer Kollegin, der temperamentvollen Lea, anzufreunden, schüttelt Heike den Kopf und vertieft sich weiter ins Buch.

Warum, meine Kleine? klingt Verenas Stimme süß wie Sirup. Gemeinsam macht es mehr Spaß! Ich kaufe einen leckeren Kuchen oder backe deine Lieblingsapfelstrudel

Nee, danke, widerspricht Heike entschlossen.

Dennoch lädt Verena Lea ein, deckt einen Tisch mit MiniSandwiches und heißer Schokolade. Lea, gekleidet in ein schickes Kleid, plaudert über die neuesten Trends in der Jugendmode. Heike sitzt auf dem Sofa in der Ecke, versunken in ihr Skizzenbuch, und malt weiter. Verenas Versuche, sie ins Gespräch zu ziehen, bleiben unbeantwortet. Als Verena das Heft holen will, blickt Heike ihr mit einem stillen Vorwurf entgegen, der Verena zurückweichen lässt.

Lea, erschöpft von der einseitigen Unterhaltung, sagt höflich: Ich muss gehen, Frau Verena. Danke. und geht, ohne Heike anzusehen. Verena beobachtet ihre Tochter, die das Skizzenbuch wie ein Schild umklammert, und spürt zum ersten Mal eine Abneigung gegen die Kunst.

Kurz darauf kommt Katrin, ein lautes WirbelwindMädchen aus schwierigen Verhältnissen, in die Klasse. Ihre Energie entlädt sich darin, die Stuhlbeine der Physiklehrerin zu zersägen oder philosophische Graffiti wie Platon ist mein Freund, aber die Wahrheit ist kostbarer in die Toilettenwände zu kritzeln.

Beim Abendessen sagt Heike ganz ruhig:

Mama, morgen wirst du in die Schule gerufen.

Verena erfragt keine Einzelheiten. Den ganzen Abend trinkt sie Baldriantee, und am nächsten Morgen erscheint sie mit steinernem Blick beim Direktor. Es stellt sich heraus, dass die Lehrer beschlossen haben, die ruhige Heike zusammen mit der wilden Katrin in eine Klasse zu setzen, in der Hoffnung, Heike könnte Katrin zügeln. Zunächst klappt es, dann bricht das Chaos los. Jemand hat alle Stifte durch unsichtbare Tinte ersetzt. Ein anderer hat im Namen der stellvertretenden Schulleiterin dem Sportunterricht eine SMS geschickt, dass die Stunde wegen einer außerplanmäßigen Sanitätskontrolle ausfällt.

Man erwischt Katrin dabei, wie sie im Sportsaal ein Zitat von Kant an die Wand malt. Doch das Zitat stammt nicht aus dem Gedächtnis, sondern von einem Zettel, auf dem Heikes saubere Handschrift steht: Charakter ist die Fähigkeit, nach Prinzipien zu handeln. Katrin hat Kant nie gelesen.

Das ist Verleumdung, erklärt Verena klirrend. Sie haben keinen Beweis. Ich habe viel für dieses Gymnasium getan, und Sie reden so mit mir.

Natürlich, Frau Müller, senkt der Direktor die Stimme conspirativ. Wir haben sie zusammen gesetzt. Aber Katrin ist ein wildes Kind, und solche feinen Scherze mit unsichtbarer Tinte da braucht sie schon Fantasie.

Verena verlässt das Büro, holt Heike vom Chemieunterricht unter dem Vorwand, zum Zahnarzt zu gehen.

Sie gehen schweigend. In einer stillen Gasse bleibt Verena abrupt stehen, dreht Heike zu sich. In ihren Augen sieht sie nicht Reue, sondern kühle Entschlossenheit.

Was willst du? fragt Verena.

Dass du nie wieder Lea zu mir einlädst, sagt Heike klar. Niemanden mehr einladen.

Verena nickt schweigend.

Der Vorfall in der Schule wird vertuscht, Katrin wird bald an eine andere Schule versetzt.

In der achten Klasse schreibt Verena Heike für die Kunstschule ein. Entwicklung des Schöns, überzeugt sie sich selbst, und soziale Integration. Heike protestiert. Verena, mit gebrochenem Herzen, erwidert: Man kann nicht ablehnen, was man nie probiert hat.

Die talentierte Tochter des Elternbeirats wird sofort in die Oberstufe für Malerei aufgenommen. Doch das Seltsame beginnt: Heikes einst lebendige Skizzen verwandeln sich in triste, technisch einwandfreie, aber seelenlose Stillleben. Sie wird in die Untergruppe versetzt, dann komplett auf monotone Strichübungen reduziert. Der Höhepunkt ihrer Karriere ist ein Monat lang das ständige Nachzeichnen eines Kalksteinskubus bei wechselnder Beleuchtung.

Verena besucht jede Ausstellung der Kunstschule, wo Heikes Werke knusprig in der hintersten Ecke hängen.

Im elften Schuljahr erinnert sich Verena an ihre monumentale Arbeit bei der Schulauswahl und will das gleiche Wunder für das Studium erreichen. Sie erstellt eine detaillierte Analyse des Arbeitsmarktes, der Zukunftsaussichten und der Zulassungszahlen. Auf einem silbernen Tablett präsentiert sie ihrer Tochter fünf Studiengänge aus Wirtschaft und Recht.

Doch vergeblich. Heike nimmt einen Platz im Fachbereich Animation an der Akademie der Bildenden Künste in Berlin, völlig kostenfrei.

Liebling, bist du dir sicher? zittert Verenas Stimme, während in ihr ein Sturm aus Panik tobt.

Absolut, Mama, antwortet Heike mit ihren sehr ruhigen, tiefblauen Augen.

Sie fahren nach Berlin. Verena sitzt im Flur mit einer Liste von tröstlichen Wirtschaftsuniversitäten auf dem Schoß, bereit, die weinende Tochter zu fangen und sanft zu einem sicheren Weg zu lenken.

Heike verlässt den Hörsaal mit derselben unerschütterlichen Miene.

Alles gut, lass uns Pizza essen gehen, sagt sie.

Verena kann es nicht fassen. Als die Zulassungslisten aufgehängt werden, steht Heikes Name unter den Zugelassenen.

Warum?, kann Verena nicht mehr zurückhalten. All die Jahre in der Kunstschule diese endlosen Kuben wozu? Du hattest doch Talent!

Ich hatte, stimmt Heike zu.

Dann warum?, schreit Verena fast.

Weil das nicht ich brauchte, das war du, erwidert die siebzehnjährige Tochter. Du hast es für dich gebraucht.

Verenas Beine geben nach, sie sinkt auf die nächste Bank.

Neben ihr steht ihre Tochter talentiert, eigensinnig, und trotz allem in die beste Hochschule des Landes aufgenommen. Verena begreift mit Entsetzen, dass sie ihre Tochter all die Jahre nicht erzogen, sondern versucht hat, sie nach ihrem eigenen Schema zu formen. Heike war immer lebendig und unvorhersehbar, und hat den Druck ihrer Mutter stets umgangen. Verena erkennt, dass sie den stillen Krieg verloren hat. Zum ersten Mal hat sie keinen Plan für den nächsten Tag und weiß nicht, was sie damit tun soll.

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Homy
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