Der Glückliche Schein: Ein Ticket zum Traumleben

Glücklicher Schein

Na, meine Mädchen, nehmt Platz am Tisch! flüsterte Liselotte, während die Uhr in der kleinen Postfiliale von Bergheim langsamer tickte als sonst. Vierzig Jahre flogen vorbei, doch es schien, als sei ich erst gestern durch die Tür getreten. Sie richtete ein Tablett mit Butterbroten, belegt mit rotem Hering, und einen Salat, den sie selbst geknetet hatte, auf. Heiß duftende Chiebapuri, die die jungen Friseure im Zelt nebenan backten, lagen verführerisch bereit süß, bis man die Finger lecken musste! Und ein kleiner Kuchen, darauf ein Glas Rheinwein zum Anstoßen, auf das Leben, die Freundschaft, alles Schöne. Die Mädchen hatten keinen Ort, an den sie eilen mussten. Anke war siebenundvierzig. Sie hatte erst in einer Buchhandlung gearbeitet, die letzten fünfzehn Jahre beim Deutschen Postamt. Und sie brachte ihre Schwester Zora mit, die stets für Gelächter sorgte. Liselotte lud zudem ihre ehemalige Chefin, Ingeborg Friedrich, ein die Mentorin, mit der sie jahrelang zusammengearbeitet hatte, fast wie ein Familienclan. Nun saß Ingeborg im Ruhestand, umgeben von Enkeln.

Liselotte hatte ihr ganzes Leben in dieser Post neben dem Haus verbracht. Sie hatte die Schule hinter sich gelassen, weil das Berufskolleg keinen Platz für sie hatte, und war mit ihren jüngeren Brüdern ins Haus der Großeltern gezogen. Ihr blieb nur ein kleines Zimmer im fünfstöckigen Mietshaus. Ohne Gedächtnis, aber voller Glück, war sie erst achtzehn, trat in den Postdienst ein nicht länger auf den Schultern der Eltern zu lasten. Sie war nun ihre eigene Herrin, musste aber noch die Jüngeren hochziehen. Ich arbeite hier, bis ich etwas Besseres finde, dachte sie, und das Team war großartig; Ingeborg, die Chefin, nahm sie sofort unter ihre Fittiche. Alles war klar, wenig kompliziert. Doch nichts ist beständiger als das Unbeständige. Liselotte verteilte Zeitungen und Zeitschriften, brachte Rentnern die Pension, führte das Ablagesystem für Abonnements. Dann kamen Computer, das Ganze wurde leichter. Ihr Schicksal glich dem ihrer Freundinnen: geschiedene Alleinerziehende, die ihre Kinder zur Arbeit mitbrachten, im Pausenraum aßen und Hausaufgaben machten. Liselottes Bär, ein Plüschtier, spielte mit Zoras Tochter, einer Nageldesignerin, seit Kindheitstagen. Jetzt sind beide verheiratet, Enkelin Mila ist ein Sonnenschein bei Liselotte. Und Liselotte, jetzt Chefin der Filiale, hat das Zepter von Ingeborg vor einigen Jahren übernommen.

Wie geht es euch ohne mich, ihr Lieben? hob Ingeborg ihr Glas, ihr Blick funkelte. Auf uns, auf unser eingespieltes Team, Gesundheit und Glück, meine Freundinnen! Sie wandte sich zu Anke und Zora. Wie läufts, Chefin? Anke und Zora tauschten ein schelmisches Grinsen, lachten laut: Wir schaffen alles Pakete annehmen, Überweisungen erledigen und mit den charmanten Herren plaudern! Ingeborg schnappte sich einen Salat, griff nach einem Chiebapuri. Ach, wie gut es euch geht, meine Mädchen! Wie früher. Sie lud Ingeborg ein, öfter zu kommen, schließlich wohne sie im Nachbarhaus. Bring deine Enkel mit, wir haben hier fast ein Königreich aus Paketen und Briefen gebaut. Die Postmitarbeiter halfen dem Lastwagenfahrer Viktor, die Last zu heben. Alle haben hier gewachsen, hol sie her! Liselotte errötete, legte das Chiebapuri beiseite. Ja, einer ist da. Gestern kam er wieder, alleinerziehender Vater, sein Sohn studiert in einer anderen Stadt, er schickte Geld und ein Paket. Er hatte ein neues Lottoschein.

Zora unterbrach: Er ist nicht wegen des Scheins hier, er wartet nur, bis Liselotte kommt. Er geht nicht zu uns, er will sie. Ingeborg hob ihr Glas, kicherte: Dann, Liselotte, wer weiß, vielleicht heiratest du ja einen alten Junggesellen, das wäre doch was! Sie prostete: Auf die Liebe! Du, Anke, bist noch jung, nimm dir ein Vorbild an Liselotte. Vielleicht tanzen wir bald auf einer Hochzeit, was sagst du?

Zwei Tage später trat Konstantin, ein pensionierter Wehrmann, in die Filiale. Er suchte nach Liselotte. Zora rief: Liselotte, er wartet hier! Konstantin errötete, zog ein Lotterieheft hervor. Ich wollte nur das Los prüfen, murmelte er. Liselotte, leicht verlegen, startete das Prüfprogramm. Die Zahlen erschienen, unglaublich groß, unzählige Nullen. Das ist Ihr Gewinn, Herr Konstantin! Sie reichte das Siegel zurück, erklärte den Weg zur Auszahlung. Die Tür schlug hinter dem Glückspilz zu.

Nun, das kommt nicht mehr zurück, flüsterte Anke. Glaubst du wirklich, das kann passieren? Liselotte schüttelte den Kopf, dachte an Betrug. Am nächsten Morgen schwang sich die Tür weit auf. Konstantin kam in einem neuen Anzug, ein Strauß prächtiger Rosen in der Hand. Guten Morgen, Liselotte! Ich habe mich entschieden, ich kann nicht länger schweigen. Du bist die schönste Chefin, die ich je sah. Ich bin ein alter Junggeselle ohne Geld, aber du hast mir das Glück aus deiner Hand gegeben. Er kniete, reichte die Blumen. Liselotte, heirate mich, lass uns ein langes, glückliches Leben teilen! Die Menge jubelte, selbst die frühen Kund*innen klatschten.

Die Hochzeit war klein, im Hinterzimmer der Post, doch das war das wahre Zuhause. Ingeborg war gerührt: Ich habe es gefühlt, das würde hier enden. Bitteres Lächeln, dann ein Toast. Liselotte verließ bald die Arbeit, ihr Mann wollte ans Meer fahren, ein Ferienhaus bauen. Sie lud ihre Freundinnen zu einem Abschiedsdinner im Restaurant ein, um ihren Ruhestand zu feiern. Ein wenig Träne, ein Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen das Haus sei nur einen Katzensprung entfernt. An ihrer Stelle empfahl Liselotte Anke, die vielleicht ihr eigenes GlücksTicket finden würde.

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Homy
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