In einer Stunde zum Ziel: Wie man alles schafft!

Liselotte Schneider geriet in die Klemme nichts tat mehr weh, nur noch ihre Seele Sie wusste nicht, wo sie gerade stand und was ihr wirklich zugestoßen war.

Sie schaute sich kreuz und quer um, doch vor, über, unter und hinter ihr war fast nichts. Nur ein dichter, grauer Nebel wirbelte um sie herum.

Willkommen in der Unendlichkeit, flüsterte eine leise, schleichende Stimme.

Und plötzlich erinnerte sich Liselotte sie erinnerte sich an alles!

Wie ihr Auto plötzlich eigenwillig wurde, wie es auf die Seitenstreifen raste, wie es in der Luft überschlug und jener letzte, heftige Aufprall, der ihr Leben für immer zerschnitt.

Ich kann das nicht! schrie sie. Ich habe zu Hause Klaus und den kleinen Fritz, meine Mutter liegt schwer krank im Bett. Ich muss denen helfen! Bitte, hilf mir! Ich gebe dir alles, was du willst!

Interessantes Angebot, schnurrte die Stimme, fast spürbar hinter einem unsichtbaren Grinsen. Ich helfe dir. Aber glaub mir, du schaffst es kaum, dich selbst zu retten. Und die Gegenleistung wird schrecklich.

Bitte, wer auch immer du bist, verschon mich!

Gut, ich bin schon gespannt, sagte die Stimme. Ich teile deine Seele in vier gleiche Stücke. Drei bleiben bei dir, das vierte behalte ich als Pfand. Du hast genau eine Stunde. Aber ich habe das Gefühl, du kennst dich selbst kaum.

Liselotte stürmte in den Hof, weil sie die abendlichen Verkehrsstaus vermeiden wollte. Ihr Sohn Fritz war bei den Schwiegereltern auf dem Land, und sie musste ihn jetzt abholen.

Am Wagen hockte eine zerzauste, unsympathische Krähe. Ihr gebrochenes Flügelchen hing schlaff, und dann hüpfte sie hastig und mit Mühe auf Liselottes Schulter.

Sind Sie mit dem Auto unterwegs? rief die Nachbarin, die gerade vorbeikam, außer Atem. Fahren Sie uns mit der Krähe zur Klinik, ich zahle! Sonst stirbt sie ja

Liselotte war jedoch in Eile.

Rufen Sie ein Taxi, sagte sie kühl. Ich habe gerade keine Zeit für verletzte Vögel.

Die Krähe bohrte sich verzweifelt in ihr Blickfeld, watschelte um ihre Füße und versuchte zu schreien, wobei ihr krächzendes Gackern die Nerven weiter strapazierte.

Mit einem schroffen Tritt schob Liselotte die Krähe beiseite, stieg ins Auto, drehte den Motor an und flitzte davon. Die Nachbarin sah verwirrt zu, wie die Krähe in Luft aufgelöst zu sein schien.

An der letzten Tankstelle wollte Liselotte gerade tanken, als ihr ein dünner, herrenloser Hund im Weg stand. Der Hund wedelte schuldbewusst mit dem Schwanz, blickte flehentlich in ihre Augen und versuchte, sie anzulocken.

Hau ab! stampfte Liselotte.

Der Hund ließ sich nicht einschüchtern. Er legte die Ohren flach, drückte sich ans Erdreich, kroch fast bis zu ihr heran, biss sich vorsichtig in die Hose und zog sie ein Stück hinterher.

Ein Duft von nassem, schmutzigem Fell wehte ihr entgegen; hinter dem Ohr des Hundes entdeckte Liselotte eine Flöhehaufen.

Zieh dich zusammen! fauchte sie abweisend.

Ein Tritt ließ den Hund zur Seite fliegen. Liselotte massierte keuchend ihren plötzlich schmerzenden Rücken, schloss die Tür und fuhr ohne den hilflosen Vierbeiner zu beachten davon.

Ohne zu bremsen, wischte sie sich mit einem antibakteriellen Tuch die Hände ab. Pfui, dachte sie, nun noch ein tierisches Ärgernis. Erst die Krähe, dann der Hund eine wahre Seuche.

Auf der Autobahn drängten sich die Autos, jeder war in Eile wer wohin, wer von wo. Liselotte entspannte sich ein wenig und gab Gas, obwohl sie nie ganz locker lassen konnte.

Plötzlich sah sie in der Mitte der Fahrbahn ein kleines Kätzchen. Ein staubiger, weißer Ball, der von weitem zu erkennen war. Seine bittenden Augen schienen förmlich zu schreien: Hilf mir!

Liselotte schüttelte den Kopf, überzeugt, dass sie sich das nur eingebildet hatte. Sie fuhr mit hoher Geschwindigkeit vorbei, blickte in den Rückspiegel und sah das Kätzchen auf den Hinterreifen stehen, die Vorderpfoten auf der Heckbank, die Pfoten kniend, als wolle es um Gnade bitten.

Ach du meine Güte, das kleine Ding, murmelte sie. Wer hat das denn hierher gebracht, mitten auf der Schnellstraße?

Ein schwaches Stöhnen kam aus dem Inneren des Kätzchens, das zu ihr dröhnte, als wollte es sie zurückrufen, zumindest um es vom Fahrbahnrand zu holen. Aber die Zeit war knapp.

Sie warf einen Blick auf die Uhr 58 Minuten waren vergangen, seit sie das Haus verlassen hatte. Keine Zeit für ein Kätzchen, dachte sie, ich habe selbst kaum Zeit zum Atmen.

Dennoch drehte sie sich ein letztes Mal um. Das Kätzchen jagte ihr hinterher, winzig und verzweifelt, und versuchte, das schnelle Auto einzuholen vergeblich.

Liselotte schob das Bild des Kätzchens aus dem Kopf, konzentrierte sich auf die verbleibende Strecke. Für Vögel, Hunde und Kätzchen kann sich jemand anderes kümmern, sagte sie ironisch, meine flöhebelasteten Begleiter lassen mich in Ruhe.

Zwei Minuten später geriet das Auto ins Schleudern.

Im dichten, grauen Nebel hörte Liselotte ein diabolisches Kichern, dann wieder die Stimme:

Warum beschuldigt ihr die Menschen immer mich? War ich diesmal wirklich schuld? Ich habe dir ja gleich drei wunderschöne Chancen gegeben nur ein bisschen länger zu dauern.

Warum hast du nicht den Vogel zur Klinik gebracht, den Hund abgeholt, das Kätzchen mitgenommen?

Die Stimme lachte, aber jetzt war es ein bitteres Lachen:

Du hast doch selbst versucht, dich aufzuhalten! In Form von Vogel, Hund und Kätzchen drei Splitter deiner Seele. Erinnerst du dich?

Liselotte nickte. Sie erinnerte sich daran, wie sie sich selbst flehte, wie sie versuchte, wenigstens einen Moment anzuhalten. Doch sie war zu hastig, zu willig, ihr eigenes Leben zu überstürzen, und ließ niemanden herein.

Ich weiß, du hast es nicht böse gemeint, fuhr die Stimme fort. Viele haben um einen weiteren Versuch gebeten, ich habe immer drei gegeben, aber das hat selten geholfen. Von allen Menschen, die je in meine Hölle kamen, kehrten nur wenige zurück. Und ich gebe den vierten Teil deiner Seele gern zurück, ohne Bedauern.

Liselotte wollte noch einmal bitten, doch aus dem Nebel streckten sich haarige, furchterregende, krallenbewehrte Pfoten nach ihr.

P.S. Jedes Mal, wenn du an jemandem vorbeigehst, der Hilfe braucht, überlege: Vielleicht ist das ein Stück deiner eigenen Seele, das dich bremsen, warnen und vor dem Schlimmsten bewahren will. Denn sie weiß schon, was dich erwartet.

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Homy
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In einer Stunde zum Ziel: Wie man alles schafft!
Als mich meine Großtante eines Tages anrief und mich zur Hochzeit ihrer Tochter – meiner Großcousine, die ich zuletzt im zarten Alter von sechs Jahren gesehen hatte – einlud, konnte ich mich nicht herausreden: „Alle zwanzig Jahre kann man sich ja mal sehen, wag es ja nicht, nicht zu kommen!“, mahnte sie streng. Also bekam ich eine Einladung mit Täubchen und Röschen von der lieben Svetlana und Anatoli, dazu noch eine Erinnerung wenige Tage vorher – es gab kein Entrinnen. Nun gut, der Samstag war dahin, aber was soll’s? So stand ich also mit Blumenstrauß, mieser Laune und dem festen Vorsatz, spätestens nach einer Stunde auf leisen Sohlen zu verschwinden, im Festsaal eines Restaurants. Dort setzte man mich zu einer fröhlichen Runde junger Leute – Freunde des Bräutigams, die nach ein paar Wodkas begeistert feststellten, was für eine tolle, gar nicht wie eine „Tante“ wirkende Tante die Braut doch habe und dass wir unbedingt gemeinsam ordentlich feiern sollten. Also gut, sag ich nicht nein. Die Braut erkannte ich im Übrigen nicht – nach all den Jahren war aus dem dunkelhaarigen Mäuschen eine kurvige Blondine geworden. Gefallen hat sie mir als Mäuschen besser. Im Übrigen herrschte eine etwas seltsame Stimmung: lauter missmutige Tanten mit ihren Onkeln, ein Bräutigam mit gehetztem Blick, eine Braut, die ganz in ihrem Schönheitstaumel und ihrem Dekolleté badete – ohne unsere sich schnell lockernde Runde hätte das Ganze an ein Leichenschmaus erinnert. Die Tanten schauten ziemlich missbilligend. Den ersten Trinkspruch verpasste ich, dann begann die zweite Runde – mit mir als Rednerin. Der Moderator forscht, wer ich bin, freut sich, kündigt laut an: „Jetzt gratuliert den Frischvermählten die junge, hübsche Tante der Braut!“ Ich erhebe mein Glas: „Liebe Svetlana, lieber Anatoli!“ Die Hochzeit war sowieso schon keine ausgelassene Feier, aber jetzt herrschte plötzlich eisiges Schweigen. Und da dämmerte es mir: Meine Tante sehe ich gar nicht. Sie hätte sich wohl kaum so verändert, dass ich sie nicht erkenne. „Die Braut heißt Ludmilla“, zischte mir eine Tante in Rosa zu. „Und der Bräutigam ist Oleg.“ – „Wie bitte? Ludmilla? Oleg?“ – „Hier gehen wohl welche nur auf fremde Feste, um sich durchzufuttern! Gab’s beim Abschied vom Militärdienst auch schon – war eine Plage, wir mussten ihn rauswerfen! Sowas von schamlos…“ Und so merkte ich langsam: Der Spaß fing gerade erst an. Die Gäste wurden feindselig, musterten mich. Die ersten rückten schon an die Stuhlkante, die Ärmel wurden noch nicht hochgekrempelt, aber es fehlte eigentlich nicht viel. „Aber ich habe doch eine Einladung!“, rief ich und wedelte damit. – „Svetlana und Anatoli, Restaurant sowieso, Saal sowieso!“ Zum Glück kam der Kellner zu Hilfe. „Vielleicht suchen Sie den anderen Festsaal im Obergeschoss?“ – „Ja ja, da will sie noch mehr abgreifen: Hier sattessen, drüben Nachtisch!“, schnappte die Tante in Rosa. „Frechheit, wie kann man nur so dreist sein! Abenteuerin!“ – „Ach was“, mischte sich eine andere Tante in Grün ein, „Frechheit siegt, das kennen wir schon…“ Ich sehe übrigens keineswegs wie eine Halbstarke oder Abenteurerin aus. Aber von außen schaut man ja bekanntlich besser. Die Bräutigam-Freunde sprangen mir zur Seite, ernteten prompt einen Spruch: „Na schau einer an! Schon wirbelt sie den Männern den Kopf!“ Und die Dame in Rosa noch dazu: „So eine hat unserem Chef auch den Mann ausgespannt – man muss nur mal nicht hinschauen, schon ist er weg, so sind sie!“ Nie im Leben habe ich jemandem den Ehemann ausgespannt, aber in dem Moment fühlte ich mich wie die schlimmste Femme fatale. Ich überlegte sogar, ob unter den Ehemännern einer dabei wäre – wenn schon, denn schon… Zum Glück flitzte der nette Kellner nach oben und kam mit meiner echten Tante zurück, die sofort beteuert, dass sie mich kenne – dabei zwinkerte sie den anderen so vielsagend zu, als wolle sie andeuten, meine geistige Verfassung sei schon immer bedenklich gewesen. Jedenfalls wurde ich in den anderen Saal evakuiert, wo tatsächlich eine gebräunte Schönheit namens Svetlana und ein Anatoli feierten – und wo ich prompt mit Hochprozentigem traktiert wurde. Wenigstens hatte ich mein Geschenk nicht schon ausgehändigt. Übrigens verabschiedeten mich zum Schluss die Freunde des Bräutigams von der ersten Hochzeit.