Wir wollten doch nur zwei Wochen hier wohnen die Verwandtschaft hat uns kaum losgelassen, sagte ich, während ich versuchte, dem Chaos einen Sinn zu geben.
Eine Mutter hat das Recht, auf unsere Hilfe zu zählen, sie ist schließlich nicht fremd, entgegnete meine Schwiegermutter.
Deine Mutter ist ja nicht fremd, erwiderte ich. Aber ihr… wie heißt er noch gleich? Viktor? Valeri?
Wolfgang, korrigierte mein Mann, Wolfgang Berger. Ein ganz ordentlicher Kerl, den ich ein paar Mal getroffen habe ruhiger, gebildeter ehemaliger Physiklehrer.
Ich schüttelte nur den Kopf. Das mochte ich überhaupt nicht.
***
Die Geschichte begann, wie man so schön sagt, mit einem dummen Missgeschick. Lieselotte Müller rief morgens an, während Dieter auf einer Dienstreise in Hamburg war, und jubelte, dass sie und ihr neuer Freund bereits im Taxi saßen und zu uns nach Berlin kommen würden, um zwei Wochen zu wohnen. Wir haben ein Rohr gebrochen, erklärte sie, die Hälfte der Wohnung ist überflutet, jetzt brauchen wir eine komplette Sanierung.
Und wo sonst hin, als zu ihrem geliebten Sohn?
Lieselotte, versuchte ich zu protestieren, sollen wir nicht auf Dieter warten? Er kommt in ein paar Tagen zurück
Ach, Anni, warum warten?, zwitscherte sie. Wir kommen, und das wars!
Mir schien, als käme eine Lawine auf mich zu. Die folgenden Ereignisse bestätigten dieses Gefühl.
Eine Stunde später standen die Gäste bereits an der Tür.
Anni, mein Süßes!, stürzte Lieselotte mich umarmend zu. Darf ich vorstellen: das ist Wolfgang. Wolfgang, das ist Anni, Dieters Frau, von der ich dir schon so viel erzählt habe!
Wolfgang reichte mir unbeholfen die Hand:
Freut mich, Anna. Lieselotte hat mir schon viel von dir berichtet. Wir wollen euch nicht zu sehr stören. Ich verspreche, leiser zu sein als ein Mäuschen.
In diesem Moment lugte unser verschlafenes Mädchen Marlene aus dem Kinderzimmer.
Mama, was ist das für ein Lärm? Oh, Oma Lieselotte ist da!
Marlene, mein Sonnenstrahl!, schwenkte Lieselotte zu ihr. Schau, ich habe dir Opa Wolfgang mitgebracht! Ein richtiger Opa, der Wolfgang!
Marlene starrte Wolfgang mit der unvoreingenommenen Neugierde an, die nur ein sechsjähriges Kind besitzen kann.
Warum hat Opa einen Bart wie ein Karottenschnitzer?
Wolfgang lachte laut und herzlich.
Weil ich manchmal auch schelmisch bin. Ich habe zwar keine Puppentheater, dafür aber dieses.
Er griff in seine Aktentasche und zog ein buntes Buch hervor.
‘Spaßphysik für kleine Fragensteller’. Lust auf Experimente?
Marlene strahlte. Verräterisch.
***
In der ersten Woche hielt ich tapfer durch und versuchte, gastfreundlich zu bleiben. Wir überließen ihnen unser Schlafzimmer, während Dieter und ich auf das ausklappbare Sofa im Wohnzimmer umsiedelten. Ich ertrug, wie Lieselotte die Küche nach ihrem eigenen Geschmack umräumte, und schwieg, als Wolfgang das Bad jeden Morgen für vierzig Minuten besetzte.
Ach, Dieter, zurück aus Hamburg, war zunächst auch genervt, doch seine Mutter brachte ihn schnell wieder auf Vordermann. Sie konnte im Handumdrehen den Modus liebe Mutter, die ihr einziges Kind unterstützt einschalten. Und Dieter fiel jedes Mal in die Falle.
Anni, halt ein bisschen durch, flüsterte er abends, während wir auf dem unbequemen Sofa lagen und hinter der Wand seine Mutter laut Serien schaute. Sie gibt ihr Bestes kocht, sitzt mit Marlene
Sitzt sie!, knurrte ich ins Kissen. Ich kann nicht mal in Ruhe auf die Toilette gehen, weil dieser Wolfgang jederzeit aus der Ecke springen kann wie ein Teufel aus einer Tabakdose und uns mit naturwissenschaftlichen Verdauungsfakten bombardiert!
Dieter schwieg höflich.
***
Wolfgang war übrigens ein echter Frühaufsteher. Um fünf Uhr morgens stampfte er bereits in die Küche, ließ den Wasserkocher heulen und schaltete das Radio an. Leise, aber unser altes Panel hörte jedes Geräusch. Um sechs gesellte sich Lieselotte, und sie begannen laut zu flüstern, was das für ein Tag werden würde.
Wolfgang, wollen wir zum Markt, um Quark zu holen? Im Supermarkt gibt es ja kaum noch Chemie.
Natürlich, Lieselotte. Danach können wir in den Park, das Wetter sieht gut aus.
Ach, sollen wir Marlene mitnehmen? Das Kind sollte frische Luft kriegen, sonst sitzt sie nur am Tablet!
Marlene brauchen wir nicht, flüsterte ich, halb zombielich. Sie hat frei. Und ich eigentlich auch.
Haben wir dich geweckt?, fragte Lieselotte unschuldig. Wir waren doch ganz leise!
***
Drei Wochen vergingen. Eines Abends kam ich von der Arbeit nach Hause, dachte nur an das Bett besser gesagt das Sofa und wollte bis zum Morgen schlafen. Als ich die Tür öffnete, stand ich wie versteinert da.
Auf unserem Sofa saß eine unbekannte Dame, etwa sechzig, und Wolfgang saß daneben, zeigte mit dem Finger auf wirre Kritzeleien in seinem Notizblock und erklärte ihr begeistert etwas.
Aber das war noch nicht alles! Auf dem Couchtisch standen Teetassen, die sie aus meinem Hochzeitssatz entnommen hatten.
Ach, Anna!, strahlte Wolfgang, als er mich sah. Darf ich vorstellen, das ist Rosa Pfeiffer, wir haben zusammen an der Technischen Universität gearbeitet. Ein Jahrhundert her! Ich dachte, da ihr beide berufstätig seid, könnten wir bei einem Tee ungestört plaudern. Kein Problem, oder?
Wolfgang, flammte ich, die Zähne zusammenbeißen fast unmöglich. Du hast vergessen, dass das meine Wohnung ist. Wenn du jemanden treffen willst, frag bitte vorher um Erlaubnis. Und wenn du deine Jugendfreundin treffen willst, mach das doch lieber in einem Café.
Oh, Entschuldigung, stammelte Rosa und sprang auf. Ich wusste nicht, dass es euch stört Wolfgang meinte, ihr seid bis zum Abend beschäftigt.
Genau, erwiderte ich, ihr habt gedacht, weil ich nicht zu Hause bin, könnt ihr machen, was ihr wollt?
Plötzlich tauchte Lieselotte aus der Küche auf.
Anni, warum schreist du? Wir haben doch Gäste!
Gäste in meiner Wohnung?
Wolfgang zog die Brille ab und wischte gedankenverloren die Gläser.
Wenn unser Dasein so unerträglich ist, hätte ein Hinweis genügt, murmelte er. Es gibt ja schließlich Hotels und möblierte Wohnungen.
Wolfgang, lass das!, flippte die Schwiegermutter. Anni ist einfach nur müde, oder? Du entschuldigst dich doch bei Wolfgang!
Damit war der letzte Tropfen gefallen.
Genug!, schrie ich und griff nach dem Telefon.
Dieter, bitte sofort nach Hause kommen. Niemand ist gestorben. Aber wenn du nicht in einer Stunde hier bist, übernehme ich keine Verantwortung.
Dieter fuhr in vierzig Minuten herbei.
Was ist passiert?, fragte er verwirrt und schaute von mir zu den Verwandten.
Ich erzählte alles. Mit jedem Wort wurde sein Gesicht dunkler.
Dieter, deine Frau, versuchte Lieselotte einzuschalten.
Anni hat recht!, unterbrach ihn Dieter plötzlich fest. Das ist unser Zuhause. Ihr könnt keine Fremden hier reinbringen, ohne uns zu fragen.
Aber Wolfgang
Dein Wolfgang, Mama, ist für uns völlig fremd. Wir kennen ihn erst seit drei Wochen. Und ehrlich gesagt
Dieter suchte nach Worten.
Mama, ihr hattet doch gesagt, ihr bleibt nur ein paar Wochen. Drei Wochen sind vorbei. Wann ist eure Sanierung fertig?
Lieselotte senkte den Blick.
Ähm wir haben noch nicht angefangen. Wir sparen das Geld
Was?!, riefen wir beide gleichzeitig.
Und was soll’s?, hakte die Schwiegermutter ein. Wir stören euch ja nicht! Wir helfen sogar! Ich koche, Wolfgang kümmert sich um Marlene
Mama, sagte Dieter langsam, fast kindisch erklärend, so geht das nicht. Wir haben das nicht so vereinbart.
Wie bitte? Du bist doch meine eigene Mutter
Ihr müsst ausziehen, schnitt Dieter ein. Wenn ihr wollt, helfen wir euch, eine Wohnung für die Sanierung zu finden, aber hier könnt ihr nicht weiter wohnen.
Du wirfst deine eigene Mutter aus dem Haus?!
Ich werfe sie nicht raus, aber es ist Zeit, ein bisschen Anstand zu zeigen, erwiderte Dieter. Ihr habt uns belogen. Ihr habt noch eine Woche, um eine neue Bleibe zu finden.





