“Du bist nicht seine echte Tochter, du hast kein Recht auf irgendwas”, zischte Anna durch die Zähne, als sie am Sarg ihres Vaters stand. Ihre Worte trafen Sophie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie hielt einen Strauß weißer Rosen in den Händen, während die Trauergäste schweigend am Sarg vorbeizogen. Annas Blick war eiskalt, erfüllt von unverhohlener Verachtung.
“Anna, bitte, nicht hier”, flüsterte Sophie. “Papa ist noch nicht einmal beerdigt.”
“Genau. Mein Papa”, betonte Anna. “Mein leiblicher Vater. Und wer bist du? Nur ein adoptiertes Mädchen, das er aus Mitleid aufgenommen hat.”
Sophie legte die Rosen an das Kopfende des Sargs und trat zurück. Ein Kloß schnürte ihr die Kehle zu, Tränen brannten in ihren Augen. Friedrich Weber lag da in seinem weißen Hemd, das sie erst gestern für ihn ausgesucht hatte. Seine Hände waren über der Brust gefaltet, sein Gesicht friedlich. Fast sah es aus, als würde er nur schlafen doch er würde nie wieder die Augen öffnen, nie wieder “Guten Morgen” sagen oder sie liebevoll über den Kopf streichen, wie er es dreißig Jahre lang getan hatte.
“Mädchen, was soll das hier?” Tante Helga, eine Nachbarin von Friedrich Weber, trat näher. “Auf einer Beerdigung Streit anzufangen, schämt ihr euch nicht?”
“Es gibt keinen Streit”, fuhr Anna sie an. “Ich erkläre hier nur manchen Leuten ihren Platz.”
Tante Helga schüttelte den Kopf und wandte sich ab. Sophie stand abseits und fühlte sich fremd unter all den Menschen, von denen sie viele seit ihrer Kindheit kannte. Nachbarn, Kollegen, entfernte Verwandte alle waren gekommen, um Friedrich Weber das letzte Geleit zu geben. Und plötzlich begriff sie: Sie hatte kein Recht, neben seiner leiblichen Tochter zu stehen.
“Sophie, wie gehts dir?” Ihre Freundin Nina trat zu ihr. “Halte durch, Liebes.”
“Danke, dass du gekommen bist”, erwiderte Sophie und umarmte sie.
“Warum starrt Anna dich so an? Als wärst du ihr Feind.”
“Sie findet, ich hätte nicht kommen sollen.”
“Wie das? Du hast doch seit deiner Kindheit bei deinem Vater gelebt. Er hat dich großgezogen.”
Sophie nickte und wischte sich die Tränen weg. Sie erinnerte sich an den Tag, als Friedrich Weber sie mit fünf Jahren aus dem Kinderheim geholt hatte. Ein großer, freundlicher Mann mit grauem Schnurrbart, dessen Stimme tief klang und nach Tabak roch. Er hatte ihr ein kleines Zimmer mit einem Kinderbett gezeigt und gesagt: “Das ist jetzt dein Zuhause.”
“Sophie, komm mal her.” Anna winkte sie zu sich.
Mit zusammengebissenen Zähnen ging Sophie zu ihr, erwartete weitere bissige Bemerkungen. Doch ihre Schwester nahm sie plötzlich am Arm und führte sie aus dem Trauerraum hinaus in den Flur der Bestattungshalle.
“Wir müssen reden”, sagte Anna, als sie allein waren.
“Worüber?”
“Über das Erbe. Du verstehst doch, dass die Wohnung und das Ferienhaus mir gehören? Ich bin seine leibliche Tochter.”
Sophie starrte sie fassungslos an. An Erbe hatte sie gar nicht gedacht ihr Kopf war voll mit anderen Dingen: Wie sie ihren Vater beerdigen sollte, wo sie die Trauerfeier abhalten würde, wen sie noch benachrichtigen musste.
“Anna, lass uns nach der Beerdigung darüber sprechen.”
“Nein, jetzt. Damit es später keine Missverständnisse gibt. Papa hat kein Testament hinterlassen, also gilt die gesetzliche Erbfolge. Und da erben nur leibliche Kinder und Ehepartner. Du bist weder das eine noch das andere.”
“Aber er hat mich adoptiert”, widersprach Sophie. “Ich habe die Papiere.”
Anna verzog das Gesicht.
“Und? Aus Mitleid adoptiert. Und jetzt willst du dich auf meine Kosten bereichern? Die Wohnung in bester Lage kassieren?”
“Ich will mich auf niemandes Kosten bereichern”, entgegnete Sophie empört. “Die Wohnung brauche ich nicht. Ich möchte nur Papas Bücher und die Fotos haben. Den Rest kannst du behalten.”
“Ja klar, das glaub ich dir sofort. Alle sagen das am Anfang und dann gehen sie vor Gericht.”
Sophie spürte, wie die Wut in ihr aufstieg. Dreißig Jahre hatte sie in dieser Familie gelebt, Friedrich Weber als ihren Vater betrachtet, Anna als ihre Schwester. Und jetzt stellte sich heraus: Sie war nur ein geduldetes Anhängsel, eine Fremde, die man aus Gnade aufgenommen hatte.
“Weißt du was, Anna”, sagte sie leise, “ich werde nicht einmal mit dir streiten. Mach, was du willst. Begrabe Papa nur anständig.”
“Du willst mir vorschreiben, wie ich meinen eigenen Vater zu bestatten habe?”
“Ja. Weil er in den letzten Jahren bei mir gelebt hat und nicht bei dir. Weil ich mich um ihn gekümmert habe, als er krank war, während du nur einmal im Monat für eine halbe Stunde vorbeigekommen bist.”
Anna wurde rot.
“Ich bin seine leibliche Tochter und du bist nur ein Findelkind aus dem Heim!”
Die Worte trafen Sophie härter als jeder Schlag. Sie drehte sich um und ging zurück in den Trauerraum, wo der Sarg mit Friedrich Webers Leichnam stand.
Die meisten Gäste waren bereits gegangen, nur die engsten Angehörigen blieben. Morgen früh würde die Beerdigung stattfinden, danach die Trauerfeier. Sophie überlegte, wo sie diese abhalten sollte. Die Wohnung war zu klein, ein Restaurant zu teuer. Friedrich Weber hatte sein Leben lang gespart, seine Rente war knapp gewesen.
“Sophie”, sagte Onkel Klaus, ein Nachbar, “ich bringe morgen mein Auto, wir tragen den Sarg zusammen.”
“Danke, Onkel Klaus”, erwiderte sie und drückte seine Hand.
“Lass dich von Anna nicht unterkriegen. Sie war schon immer neidisch. Ich erinnere mich noch, wie sie dich damals angestarrt hat, als du neu in die Familie kamst.”
Sophie nickte. Sie erinnerte sich an die ersten Monate in ihrem neuen Zuhause, wie schwer es gewesen war, sich einzugewöhnen. Anna hatte damals schon studiert, kam nur am Wochenende nach Hause und behandelte ihre neue Schwester mit unverhohlener Abneigung. Sie versteckte ihre Sachen, verbot Sophie ihr Zimmer zu betreten vor den Eltern war sie höflich, doch allein konnte sie grob werden.
Doch Friedrich Weber hatte das gesehen und Sophie immer verteidigt. Er sagte Anna, dass Sophie nun zur Familie gehöre und sie sie wie eine leibliche Schwester lieben solle.
“Papa, kommst du?” Anna nahm ihren Vater am Arm. “Wir müssen noch zum Bestatter.”
“Natürlich, mein Schatz”, antwortete er und küsste sie auf die Stirn. “Sophie, kommst du mit?”
“Nein, ich gehe nach Hause. Morgen ist ein anstrengender Tag.”
“Richtig. Ruhe dich aus.”
Friedrich Weber umarmte seine Adoptivtochter und flüsterte ihr ins Ohr:
“Lass dich von Anna nicht ärgern. Sie ist nur aufgewühlt, deshalb ist sie so wütend. Mit der Zeit wird alles wieder gut.”
Doch die Zeit verging, und nichts wurde gut. Anna heiratete, bekam Kinder, doch sie behandelte Sophie weiterhin wie eine Fremde. Bei jedem Treffen machte sie das deutlich durch Blicke, Andeutungen, manchmal auch offen.
Friedrich Weber wurde älter, kränkelte immer öfter. Anna besuchte ihn selten, hatte immer keine Zeit wegen der Arbeit, der Kinder. Die Pflege des alten Vaters lastete auf Sophies Schultern. Sie begleitete ihn zu Ärzten, besorgte Medikamente, kochte für ihn, putzte die Wohnung.
“Sophie, was würde ich ohne dich tun?”, sagte er oft. “Anna ist eine Geschäftsfrau, sie nimmt sich keine Zeit für einen alten Mann. Aber du du bist eine echte Tochter,





