Schickte Michael zu seiner Mama zum Wohnen

Schick ihn zu seiner Mama, das ist besser.
Wir leben ja, als wüssten wir selbst nicht, wer wir sind! rief Michael verzweifelt. Und weißt du, was mich in dieser Situation am meisten ankotzt? Dass dir alles passt!

Was ist denn los, mein Lieber?, fragte ich gelassen.

Na ja, ich hab gestern total verpeilt, dass das WC bei uns nicht da steht, wo es in normalen Häusern hingehört, sondern mitten im Bad. Und bin mit dem Knie gegen den Spülkasten gestoßen! Jetzt habe ich ein Blauäuglein von der Größe deines kleinen Täschchens!

Von welchem Täschchen sprichst du, Süßer?, dehnte ich die Worte, während ich beobachtete, wie sein linkes Auge zuckte. Von dem winzigen, das nur Lippenstift fassen kann? Oder von dem großen, in dem meine Maniküre-Werkzeuge rumliegen, die ich seit zwei Monaten nicht mehr benutzt habe, weil das ganze Geld für deine männlichen Launen draufgeht?

Michael murmelte etwas Unverständliches, und das Thema war erledigt.

Wie, zum Teufel, sind wir nur hier gelandet? Noch vier Monate zuvor war ich die glücklichste Braut der Welt. Ich hatte Michael, einen gutaussehenden, intelligenten und (wie ich dachte) verlässlichen Mann. Ich wohnte in einer eigenen Wohnung, frisch gebaut, die noch renovierungsbedürftig war. Das Geld dafür kam aus dem Verkauf der kleinen Dachgeschosswohnung meiner Großmutter im Berliner Zentrum.

Was konnte da schiefgehen? Antwort: Alles. Ganz und gar alles.

Es fing damit an, dass mein Prinz auf dem weißen Pferd plötzlich zum professionellen Jammerlappen auf dem Sofa mutierte.

Hör mal zu, verzog Michael sein Gesicht zu einer Grimasse, die sein hübsches Antlitz verunstaltete, normale Leute renovieren erst, dann ziehen sie ein. Nicht dass sie in einer Betonbox wohnen und sich wie

Wie wie wer, Michael?, spürte ich das Aufkochen meiner Geduld, trat näher und sah ihm in die Augen. Wie Menschen, die sich keine Wohnung für fünfzig Euro im Monat leisten können, während sie renovieren? Oder wie?

Michael wurde rot. Die letzten zwei Wochen schlief er immer öfter bei seiner Mutter, die in einer geräumigen Dreizimmerwohnung im alten Stadtteil von Hamburg lebte ein Erbe ihres längst verstorbenen Vaters.

Vor drei Monaten hatte er seinen Job gekündigt und befand sich nun im aktiven ArbeitssuchModus. Das bedeutete, dass er täglich Stellenanzeigen durchstöberte und wöchentlich zu Vorstellungsgesprächen fuhr, während er den größten Teil seiner Zeit vor dem PC verbrachte und Computerspiele zockt.

Das Geld kam von seiner Mutter, die keinerlei Ahnung hatte, dass ihr goldener Sohn faul herumlungert. Sie hörte dieselben Ausflüchte wie ich: die Wirtschaftskrise, die Schwierigkeit, einen guten Job zu finden, warum er nicht als Lagerist arbeiten will, usw.

Kurz gesagt, er hatte es sich bequem gemacht.

Michael schwieg, also ging ich wieder in Angriff.

Und wie ist es bei deiner Mutter? Gemütlich?

Sofort wurde er rot.

Was hat das mit meiner Mutter zu tun?, schrie er, und ich wusste, dass meine Lieblingsmelodie gleich begann. Sie macht sich doch nur Sorgen um mich! Du hättest sehen müssen, wie sie gestern verzweifelt war, weil wir seit zwei Wochen in einer Badewanne baden, weil die Dusche noch nicht angeschlossen ist!

Wir schließen sie nicht an?, rief ich. Wir? Oder doch irgendein selbsternannter Heimwerker, der behauptet, alles selbst zu machen? Jemand, der angeblich einen Akkuschrauber hält?

Offenbar hatte ich das schmerzhafteste Stück der Renovierung übernommen. Ich war diejenige, die mit dem Akkuschrauber hantierte, nicht er. Michael schaffte es höchstens, zum Supermarkt zu laufen und ein paar Lebensmittel zu holen Kochen war nicht seine Stärke.

Er wollte noch etwas erwidern, doch ich schnitt ihm ab:

Sag mal, wer hat das WC mitten im Bad installiert? Wer hatte zu faul, die Bauvorschriften zu lesen?

In diesem Moment schlich sich meine Katze Mieze über den FensterSitz und stieß versehentlich meinen Geschenkbecher vom Einzugstisch um. Der zerbrach in tausend Splitter, und ich dachte sofort: Das ist ein Zeichen vom Himmel.

Weißt du, Michael, sagte ich ruhig, ich glaube, du solltest nicht mehr in diesen elenden Bedingungen wohnen. Geh jetzt sofort zu deiner Mutter.

Liselotte, du wirfst mich raus?, hob Michael skeptisch die Augenbraue.

Ich befreie dich von deinem Leiden.

Ich öffnete die neue Haustür, froh darüber, dass wir wenigstens diese anstelle der klapprigen alten Tür, die nur auf einem ehrlichen Wort hing, eingebaut hatten.

Mama wird dich mit einem schönen Abendessen verwöhnen, deine Hemden bügeln, deine Socken waschen Und das WC steht bei ihr endlich dort, wo es hingehört! Ich kriege das schon allein hin.

Michael versuchte ein gehässiges Lächeln zu formen, doch es endete eher als Grimasse, die einem ZitronensaftGesicht glich.

Liselotte, genug jetzt, sagte er. Du machst mich nur lächerlich.

Wie kommst du darauf?, grinste ich. Seit zwei Monaten mache ich praktisch alles allein, während du zu deiner Mutter fährst, um dich zu beschweren. Gestern habe ich zum Beispiel die Waschmaschine selbst angeschlossen drei YouTubeVideos geguckt und fertig! Und du konntest nicht mal die Anleitung lesen.

Ach ja?, lachte Michael. Die Waschmaschine anzuschließen, das ist ja ein Kinderspiel.

Wenn ein Kind das schafft, warum nicht du?, konterte ich.

Ich ich

Du hast es nicht wollen, oder?, hakte ich nach. Sag mal, was willst du überhaupt? Den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen und kritisieren? Deiner Mutter erzählen, wie schlecht ich dich behandel, weil ich dich in unzivilisierten Verhältnissen halte?

Na ja

Ach übrigens, unterbrach ich ihn, wenn du deiner Mutter noch einmal sagst, ich verachte dich vor Hunger, erzähle ich ihr die ganze Wahrheit über deine Jobsuche. Wie du den ganzen Tag deine ShooterSpiele spielst, als wärst du fünfzehn, und weder Renovierung, noch Pflichten, noch Sorgen hast.

So ein Droh­schreiben, seufzte Michael. Na gut. Ich gehe zu meiner Mutter, und wenn du dich beruhigt hast, reden wir.

Wir reden nicht, antwortete ich bestimmt. Ich habe dir alles gesagt. Pack deine Sachen und richte deiner Mutter einen schönen Gruß aus. Sie wird sich sicher freuen.

Michael verstand, dass ich es ernst meinte, und begann, sein paar Habseligkeiten zusammenzupacken es war nicht viel, also ging es schnell.

Wie gut, dass ich dich nicht geheiratet habe, murmelte er, wohl um mich zu provozieren. Sonst hätte mich deine Enge erstickt, wir wären schon geschieden.

Genau!, erwiderte ich. Und jetzt zieh deine Koffer zusammen, und tschüss. Wir schaffen das ohne dich.

Ha!, rief er. Mit Mieze! Wer will schon mit einer Katze leben, das ist doch das Reich von Leuten wie dir. Warte ab, du bekommst noch vierzig weitere Katzen!

Als er ging, kam Mieze zu mir und schmiegte sich an meine Beine. Ich hob sie behutsam hoch, küsste ihre flauschige Stirn und flüsterte:

Na, Kleines, jetzt bist du der Chef im Haus. Schaffen wir das?

Sie blinzelte mit beiden Augen, was für mich eindeutig ein Ja bedeutete.

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Homy
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