Die Schwiegermutter, Frau Helga Georgine, betrachtete ihren Schwiegersohn Rolf als ein rätselhaftes Gespenst, das nie ganz zu ihr fand. Er war ungeübt im Alltag, als hätte er das Leben aus einem anderen Zeitalter entliehen, und die eheliche Routine schien ihm fremd. Zu Hause fehlte Rolf häufig mal war er mit Arbeit überlastet, mal fuhr er mit seinen Freunden zu einem dringenden Treffen, als wäre er ein Wanderer zwischen den Welten.
Helga begann, sich um ihre Tochter Lotte zu sorgen. Das Paar war nun seit drei Jahren verheiratet, doch ein Kind fehlte, und Rolf schien seine Kameraden höher zu schätzen als die Familie. Lotte flüsterte, sie wollten noch keine Kinder, sie seien noch zu jung. Und doch schwirrte der Gedanke, ob Rolf eine heimliche Geliebte habe, während Lottes Augen wie offene Fenster jedes Wort ihres Mannes glaubten.
Obwohl Lotte mit Rolf zufrieden war und sie ein eigenständiges Leben führten, lag Helgas Hauptsorge darin, dass Lotte wirklich glücklich sein möge. Sie wollte eingreifen, wusste jedoch nicht wie. Helga war nicht die Art, anderen Vorschriften zu machen, doch das Geschehen einfach treiben zu lassen, schien ihr ebenfalls unangebracht. Sie musste Rolf besser verstehen, dann würde Klarheit entstehen.
Mit der Zeit durchdrang Helga Rolfs Wesen: Er liebte es, sich vor Publikum zu zeigen, ein wenig zu protzen. An seinem Geburtstag schenkte er ihr einen riesigen Rosenstrauß, der die Gäste staunen ließ. Sie riefen: Welch ein Goldschatz, er liebt die Schwiegermutter, ist gar nicht geizig! Der Strauß war zwar schön, doch Helga erkannte, dass Rolf nicht aus Liebe, sondern aus Selbstdarstellung schenkte. In Gedanken schimpfte sie: Ein kleiner Strauß hätte vielleicht fünftausend Euro gekostet, das wäre genügsamer. Sie schwieg, weil das Lob trotzdem schmeckte.
Helga überlegte, dass Rolfs Talente doch nützlich sein könnten. Andere Schwiegersöhne halfen gern auf dem Schrebergarten oder verdienten mehr; Rolf jedoch mochte den Garten nicht und war ständig unterwegs. Dann kam ein unglücklicher Vorfall: Ein kleiner Verkehrsunfall. Michael Eberhard hielt an einer Ampel, das Rotlicht glühte, und plötzlich kreischten Bremsen, ein Drängler rammte sein Heck. Der Drängler beschuldigte Michael, weil er angeblich nicht rechtzeitig gestoppt habe.
Michael, ein ruhiger und pflichtbewusster Mann, nahm gern die Schuld auf sich, um Streit zu vermeiden. Helga erinnerte sich an Rolfs Worte: Wenn etwas mit dem Auto passiert, helfe ich sofort. Und tatsächlich sprang Rolf ein, obwohl er sonst selten Anfragen annahm. Er rief: Wo ist der Unfall, Helga? Ich komme sofort. In einem Wimpernschlag stand er am Unfallort, sprach mit den Polizisten, verwies auf die richtigen Paragrafen und ließ Michael unbescholten.
Nach diesem Ereignis schwebte Rolf wie ein Heldengeist vor Helga, ein Bild, das sie nie zuvor gesehen hatte. Lotte erklärte ihrer Mutter: Mutter, so ist er, Rolf. Auf der Arbeit gibt es immer Notfälle, er muss das Heldentum spüren, sonst wird er nie zufrieden. Er ist wie ein Junge, deshalb arbeitet er beim Technischen Hilfsdienst, fährt zu Freunden, rettet Menschen aus brenzligen Situationen. Sie fuhr fort: Neulich half er Leopold, dessen Kanu kenterte, und zog einen ganzen FischfangSack aus dem Wasser das war seine Art, Danke zu sagen.
Helga lächelte und dachte: Vielleicht passt er doch zu uns. Kurz darauf brach bei ihrer Schwiegermutter, Frau Erna, ein starker Rückenschmerz aus, und sie musste ins Krankenhaus. Rolf fuhr mit einem Freund in einem Werkstattwagen, der ein SpezialSitz hatte, und brachte Erna behutsam zur Klinik. Seitdem sah Helga den Schwiegersohn mit neuem Respekt an.
Ein ungeahnter Vorfall ließ Helga jedoch fast in Verlegenheit geraten. Im Winter kaufte sie in einem Nachbarschaftsladen kleine Gartenharken, obwohl die Saison längst vorbei war. Auf dem Heimweg rutschte sie auf dem Gehweg aus, fiel auf das Auto eines Nachbarn und drückte die Harken auf die Motorhaube. Die Alarmanlage heulte, ein wütender Autobesitzer schrie: Du hast mein neues Auto zerkratzt! Ich habe Kameras im Innenraum! Gerade kam Rolf in seinem alten Wagen vorbei. Er rief: Hey, du hast doch meine Schwiegermutter angegriffen! Mein Auto ist alt, du hast dich nur schlecht geparkt. Der Mann schaute auf den Lack keine Kratze und gab Helga tausend Euro als Entschädigung. So blieb ihr Ruf ungekrönt.
Durch diese Ereignisse wuchs Helgas Zuneigung zu Rolf. Sie liebte ihn nun umso mehr, weil er seiner Tochter Lotte ein offenes Herz schenkte. Und als Lotte eines Tages verkündete, dass sie schwanger sei, brachte das Glück einen Enkel, den sie Denis nannten, im späten Sommer zur Welt.
Rolf, der einst die Gartenarbeit gemieden hatte, begann, die Schrebergärten zu schätzen, sobald er dort die Kinder seiner Enkel sehen konnte, die mit ihren Großeltern spielten. Jeder sah, dass man die guten Seiten im anderen entdecken sollte, denn sie stecken fast immer im Verborgenen, während man sonst an den Schwächen nagt.
Möge das Glück allen hold sein, Gesundheit und Lebensweisheit folgen jedem Schritt.





