Vater bringt seine junge Frau nach Hause, und er erstarrt bei ihren Forderungen. Er wirft die Hände in die Luft. Zwanzigtausend Euro für eine Beratung?! Bist du überhaupt bei klarem Verstand?!
Die Beraterin für Renovierungen, eine junge Dame im BusinessAnzug, legt ruhig die Unterlagen auf den Tisch.
Das sind die üblichen Preise. Wenn Ihnen das nicht passt, können Sie woanders hinwenden.
Ich werde es tun! Und zwar gleich! Liselotte schnappt sich die Tasche, dreht sich zur Tür. Das ist doch ein Wucher!
Sie stürmt aus dem Büro, schlägt die Tür hinter sich zu. Draußen ist es kalt, ein unangenehmer Oktoberregen prasselt nieder. Liselotte greift zum Handy und wählt die Nummer ihres Vaters.
Papa, das hat nicht geklappt. Die Beraterin verlangt kosmische Summen. Du musst die Renovierung offenbar selbst übernehmen.
Liselotte, mach dir keine Sorgen, Viktor Schulz Stimme klingt ungewöhnlich heiter. Weißt du, ich habe jemanden kennengelernt. Sie wird uns helfen.
Wer? Liselotte runzelt die Stirn. Wer ist das?
Komm heute Abend vorbei. Ich stelle dich vor.
Papa
Der Anruf endet, bevor er zurückkommt. Liselotte steht im Regen, spürt, wie ihr innerlich alles abkühlt. Sie. Seit dem Tod ihrer Mutter sind eineinhalb Jahre vergangen. Hat ihr Vater bereits jemand Neues getroffen?
Am Abend fährt Liselotte zu ihrem Vater. Sie steigt in den fünften Stock, klingelt. Die Tür öffnet Viktor Schulz in Krawatte und gebügeltem Hemd. Zweiundsechzig, wirkt er jedoch eher fünfzig.
Liselotte, komm rein! sein Ton ist aufgeregt. Ich stelle dir Anna vor!
Aus der Küche tritt eine Frau. Hochgewachsen, schlank, im figurbetonten Kleid, Haare bis zur Schulter, auffällig geschminkt. Sie ist etwa fünfunddreißig.
Hallo, Liselotte! sie reicht die Hand. Ich bin Anna. Freut mich sehr, dich kennenzulernen!
Liselotte schüttelt die Hand mechanisch. Die Finger sind kühl, die Fingernägel lang und lackiert.
Guten Tag.
Anna, setz dich bitte, eilt Viktor. Liselotte, du auch! Ich hol gleich Tee!
Anna lässt sich auf das Sofa fallen, schlägt die Beine übereinander. Liselotte nimmt den Stuhl gegenüber und mustert die Fremde.
Dein Vater hat viel von dir erzählt, beginnt Anna. Er sagt, du bist seine kluge Tochter. Arbeitest du bei einer Bank?
Ja, antwortet Liselotte knapp.
Wunderbar! Ich habe auch lange bei einer Bank gearbeitet, aber jetzt erledige ich andere Dinge.
Was genau?
Unterschiedliches, winkt Anna ab. Mal das eine, mal das andere. Du kennst das sicher.
Liselotte nickt, versteht aber wenig. Sie ist vierzig, hat ihr ganzes Berufsleben in einer Bank verbracht und eine feste Karriere aufgebaut.
Viktor bringt Tee, Kekse und Marmelade, wirbelt herum wie ein Bräutigam vor seiner Hochzeit.
Bitte, greift zu! Liselotte, probier die Marmelade! Ich habe sie selbst gemacht!
Liselotte nimmt einen Keks, beißt hinein. Trocken, fade. Anna trinkt Tee und lächelt.
Viktor, Liebling, wo ist der Zucker? Ohne Zucker geht bei mir nichts!
Gleich, gleich! Viktor springt in die Küche.
Liselotte schaut ihren Vater an und erkennt ihn kaum wieder. Früher war er zurückhaltend und streng, jetzt hetzt er herum, die Augen stets auf Anna gerichtet.
Papa, können wir kurz reden? fragt Liselotte, als er mit dem Zuckerkännchen zurückkommt.
Natürlich! Leg los!
Unter vier Augen.
Viktor stockt, wirft einen Blick zu Anna. Sie erhebt sich.
Kein Problem, Viktor. Ich gehe ins Bad, mache mich frisch.
Sie verlässt den Raum, schwingt die Hüften. Liselotte folgt ihrem Blick, dann wendet sie sich wieder ihrem Vater zu.
Papa, was soll das? sie fragt.
Was?
Diese Frau. Woher kommt sie?
Liselotte, ich wollte dir ja schon sagen Anna und ich sind ein Paar. Seit drei Monaten.
Drei Monate?! Und du hast mir nichts gesagt?!
Ich wollte dich nicht beunruhigen. Ich dachte, ich warte, bis es ernst wird.
Und wie ernst ist es?
Viktor räuspert sich, richtet die Krawatte.
Wir heiraten.
Liselotte fühlt, wie ihr der Atem stockt.
Heiraten? Du kennst Anna doch erst drei Monate!
Ja, doch ich bin kein Junge mehr, Liselotte. Ich bin zweiundsechzig. Ich weiß, was ich will.
Und was willst du? Eine junge Gattin?
Liselotte! Viktor wird ernst. Sag das nicht! Anna ist ein guter Mensch!
Guter Mensch, wiederholt Liselotte. Papa, wie alt ist sie?
Achtunddreißig.
Vierundzwanzig Jahre jünger! Findest du das nicht seltsam?
Nein! Die Liebe kennt kein Alter!
Liselotte schließt die Augen. Liebe. Ihr Vater verliebt sich wie ein Teenager.
Papa, du weißt doch, dass seit Ninas Tod kaum Zeit vergangen ist?
Eineinhalb Jahre, Liselotte. Ich war einsam. Dann traf ich Anna. Sie hat mich verstanden, mich unterstützt.
Wo habt ihr euch kennengelernt?
Im Park. Ich spazierte, sie kam vorbei, wir kamen ins Gespräch und trafen uns dann regelmäßig.
Liselotte nickt. Klassische Geschichte.
Anna kommt aus dem Bad, duftet nach Parfüm.
Na, haben wir geredet? sie setzt sich neben Viktor, legt ihm eine Hand auf die Schulter.
Geredet, Liselotte steht auf. Ich muss los. Morgen muss ich früh aufstehen.
Liselotte, warte! ihr Vater erhebt sich ebenfalls. Ich habe noch etwas zu sagen. Anna zieht nächste Woche zu mir.
Liselotte erstarrt an der Tür.
Hierher? In diese Wohnung?
Ja. Was soll ich sonst?
Aber, Papa, das ist doch Mamas Wohnung eure!
Sie war meine, murmelt Viktor leise. Jetzt ist sie meine und Annas.
Liselotte geht ohne Abschied zu sagen. Auf dem Heimweg kann sie nicht ruhig werden. Ihr Vater heiratet, und zwar eine Frau, die doppelt so alt ist wie sie, die er erst drei Monate kennt.
Sie ruft ihren Bruder Andreas an, der in einer anderen Stadt lebt und selten Besuch kommt.
Andreas, hast du gehört, dass Papa jetzt jemanden hat?
Ja, ich habe von Anna gehört.
Und du bist einverstanden?
Liselotte, er ist erwachsen. Er hat ein Recht auf ein Privatleben.
Aber sie will doch nur das Geld!
Welches Geld? Er hat nur seine Rente und diese Wohnung. Keine anderen Mittel.
Die Wohnung ist eine Dreizimmerwohnung im Zentrum! Sie ist richtig viel wert!
Und? Sie heiratet ja nicht die Wohnung, sondern ihn.
Andreas, bist du wirklich so naiv?
Andreas seufzt.
Liselotte, dramatisiere nicht. Wir werden sehen, wie es weitergeht.
Liselotte legt auf. Sie erinnert sich an ihre Mutter, Heike, die gutherzige Krankenpflegerin, die vor einem Jahr an Krebs starb. Sie hatte ihr ganzes Leben mit Viktor verbracht, die Kinder großgezogen und das Haus geführt. Liselotte hatte ihre Mutter bis zuletzt gepflegt, während ihr Vater verzweifelt an ihrer Hand hielt.
Jetzt hat er eine junge Ersatzfrau gefunden. Liselotte ballt die Fäuste. Sie will nicht zulassen, dass Anna das Haus und den Vater übernimmt.
Nächste Woche ruft Viktor wieder an.
Liselotte, komm am Samstag vorbei. Anna zieht ein, ich will, dass du dabei bist.
Warum?
Damit ihr euch besser kennenlernen könnt. Vielleicht werdet ihr Freundinnen.
Liselotte fährt hin, nicht aus Freundschaft, sondern um Anna genauer zu beobachten.
Die Wohnung ist voller Kartons und Koffer. Anna befiehlt dem Vater:
Viktor, das in das Schlafzimmer! Nein, nicht dort! Vorsicht! Das ist zerbrechlich!
Viktor stapelt Kartons, schwitzt, während Liselotte unbeachtet arbeitet.
Guten Tag, sagt sie.
Anna dreht sich um, lächelt.
Oh, Liselotte! Hallo! Entschuldige, ich habe dich nicht gesehen! Sieh, Viktor, meine Tochter ist ja gekommen! Du hast doch gesagt, sie kommt nicht!
Viktor wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Liselotte, hilf uns! Es sind so viele Sachen!
Liselotte packt still einen Karton nach dem anderen aus. Sie findet teures Porzellan mit goldenen Rändern, Seidenbettwäsche und teure Kosmetik.
Anna, das ist alles dein? fragt sie.
Natürlich mein! Und wessen? Anna zieht Kleider aus der Tasche, hängt sie in den Schrank. Viktor, räum mir die Hälfte des Schranks frei! Besser gleich den ganzen!
Viktor nickt gehorsam.
Liselotte beobachtet, wie ihr Vater seine Hemden und Hosen in Kartons legt, um Platz für Annas Kleider, Blusen und Röcke zu schaffen.
Papa, wo lagst du deine Sachen hin?
In einen anderen Schrank. Im Wohnzimmer. Passt schon.
Und ich brauche Platz für Schuhe! ruft Anna aus dem Flur. Du hast nur alte Stiefel! Wirf die weg!
Das sind meine Stiefel! protestiert Liselotte. Ich habe sie hier gelassen!
Oh, Entschuldigung, ich wusste das nicht! sagt Anna. Nimm sie, wenn du willst!
Liselotte beißt die Zähne zusammen. Sie soll die Sachen aus der Wohnung wegnehmen, die ihr Vater ihr hinterlassen hat.
Papa, können wir reden? fragt sie leise.
Liselotte, später! Siehst du, wie viel zu tun ist!
Nein, jetzt.
Viktor geht mit der Tochter auf die Treppe.
Was?
Siehst du, was sie macht? Sie wirft meine Sachen raus!
Nun, Liselotte, das ist doch die Frau! Sie muss sich einrichten!
Auf meine Kosten!
Und sonst? Es ist ja jetzt ihr Zuhause!
Ihr Zuhause? Papa, das ist deine Wohnung! Sie war deine und Heikes!
Sie war meine. Jetzt ist sie Annas.
Liselotte dreht sich um und rennt die Treppe hinunter. Ihr Vater ruft hinter ihr, doch sie dreht sich nicht um.
Zuhause bricht sie in Tränen aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit weint sie. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater ist verwirrt, Anna übernimmt das Haus.
Sie ruft erneut Andreas an.
Was willst du jetzt tun? fragt ihr Bruder.
Ich weiß nicht! Ich will das verhindern!
Liselotte, dein Vater ist erwachsen. Er hat das Recht zu wählen.
Sie nutzt ihn aus!
Vielleicht. Vielleicht liebt sie ihn. Woher weißt du das?
Ich fühle es! Gefühl ist kein Beweis.
Gefühl ist kein Beweis.
Liselotte legt auf. Andreas kann nichts tun.
Eine Woche später klingelt ihr Vater erneut.
Liselotte, komm zum Abendessen! Anna kocht dein Lieblingsgericht!
Welches Lieblingsgericht?
Hähnchen mit Kartoffeln!
Liselotte mag Fisch, nicht Hähnchen, aber ihr Vater hat wohl vergessen.
Sie kommt. Anna steht im Küchenhemd, lächelt.
Liselotte, setz dich! Das Essen ist fertig!
Auf dem Tisch steht tatsächlich Hähnchen mit Kartoffeln, dazu Salat, Brot und Kompott.
Guten Appetit! Anna schaufelt Viktor einen großen Teller voll. Iss, Viktor, ich habe mich besonders bemüht!
Viktor lacht, Liselotte stochert mit der Gabel in den Kartoffeln.
Gefällt dir nicht? fragt Anna.
Nein, okay. Ich bin nur nicht hungrig.
Dann hättest du hungrig kommen sollen! Ich habe so viel Aufwand betrieben! Anna bläht die Lippen.
Anna, sei nicht beleidigt, Viktor versucht zu beruhigen. Liselotte hat einen anstrengenden Job, ist müde!
Verstehe, verstehe, winkt Anna. Übrigens, Viktor, ich habe darüber nachgedacht. Wir müssen renovieren.
Renovieren? Viktor hebt den Kopf. Warum?
Warum nicht? Alles ist alt! Die Tapeten blättern ab, der Parkett knarrt! Wir müssen alles austauschen!
Anna, das kostet doch Geld
Und was? Willst du, dass deine Frau in einem alten Haus lebt?
Viktor stockt.
Ich will es nicht, aber ich habe kein Geld.
Wir finden eine Lösung! Wir können einen Kredit aufnehmen!
Kredit? Viktor, ich bin zweiundsechzig! Wer gibt mir einen Kredit?!
Die Banken geben ihn, wenn man sich bemüht! Oder wir vermieten ein Zimmer, zum Beispiel das Wohnzimmer, und wir leben zu zweit!
Ein Zimmer vermieten?! In einer Dreizimmerwohnung?!
Was ist das Problem? sagt Anna. Geld ist nie zu viel!
Das ist verrückt!
Warum? Viele machen das!
Papa, sprichst du das wirklich aus? Liselotte schaut ihren Vater an.
Viktor senkt den Blick.
Vielleicht wir können darüber nachdenken
Worüber nachdenken? Das ist Wahnsinn!
Liselotte, greif dir nichts an, sagt Viktor leise. Das ist nicht deine Sache.
Liselotte erstarrt. Es ist nicht ihre Angelegenheit, das Haus, in dem sie aufgewachsen ist.
In Ordnung, sagt sie. Wenn es nicht meine Sache ist, gehe ich.
Sie geht zur Tür und schließt sie hinter sich.
Wieder ruft sie Andreas an, erzählt erneut.
Andreas, sag doch irgendwas!
Was soll ich sagen? Vater ist erwachsen. Wenn er renovieren und ein Zimmer vermieten will, ist das sein Recht.
Das ist absurd!
Absurd ist seine Entscheidung.
Liselotte legt auf. Es nützt nichts.
Ein Monat vergeht. Liselotte besucht ihren Vater kaum noch, telefoniert selten. Auch Viktor meldet sich kaum. Einmal schreibt er: Liselotte, wie gehts?
Sie antwortet kurz: Alles gut.
Später ruft er wieder.
Liselotte, darf ich zu dir kommen?
Natürlich, Papa. Komm vorbei.
Viktor kommt abends, gebeugt, etwas dünner. Er sitzt in der Küche, trinkt still Tee.
Papa, was ist los?
Ich bin einfach müde
Woran?
An allem, er stellt die Tasse hin, schaut Liselotte an. Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.
Mit Anna?
Ja. Sie ist nicht das, was sie zu sein scheint.
Erzähl.
Viktor seufzt.
Sie verlangt immer mehr. Neue Kleider, teure Restaurants, Renovierung. Ich habe einen Kredit von zehntausend Euro aufgenommen, alles für die Renovierung, und sie ist trotzdem nicht zufrieden. Sie will noch zwanzigtausend für neue Möbel.
Zwanzigtausend Euro?! Wofür?
Für neue Möbel. Ich will die alten behalten, die noch gut sind.
Aber die alten funktionieren doch!
Ich sage das gleiche, und sie wirft mir vor, ich sei geizig, ich liebe sie nicht.
Liselotte schweigt.
Und sie will ein Auto, sagt, Busse seien unbequem. Ich habe kein Geld, sie will das Haus verkaufen, ein kleineres kaufen und den Rest für ein Auto nutzen.
Das Haus verkaufen?! Liselotte springt auf. Papa, verstehst du, was sie tut? Sie bringt dich fast in den Bankrott!
Ich verstehe, sagt Viktor leise. Jetzt ist es zu spät.
Warum zu spät? Lass dich scheiden!
Wie? Wir haben doch geheiratet
Liselotte setzt sich. Sie haben geheiratet, offiziell.
Wann?
Vor einer Woche. Sie bestand darauf, weil wir zusammenleben, also müsse es legal sein.
Papa
Ich war ein Dummkopf, Liselotte. Ein alter Dummkopf. Ich dachte, ich finde Liebe, aber ich finde nur Probleme.
Liselotte ergreift seine Hand.
Papa, wir können das noch ändern. Ihr könnt euch scheiden, sie vertreiben.
Sie hat jetzt ein Anrecht auf die Wohnung. Wir sind verheiratet.
Nicht, wenn die Wohnung schon vor der Ehe dein Eigentum war!
Sie war aber ich weiß nicht, wie ich das beweisen soll
Es gibt Unterlagen! Den Grundbuchauszug!
Viktor nickt.
Also Liselotte, hilf mir. Ich komme nicht alleine klar.
Ich helfe, Papa. Das verspreche ich.
Liselotte sucht Anwältin, lässt sich beraten. Die Expertin sagt, die Wohnung bleibt beim Vater, wenn er nachweisen kann, dass sie sein Eigentum vor der Ehe war. Die Dokumente existieren noch.
Liselotte berichtet Viktor. Er spricht mit Anna.
Anna macht einenAnna packte hastig ihre Koffer, verließ das Haus und ließ hinter sich die stille Wiederherstellung des Friedens.





