Schon als Kind wuchs Liselotte, ein sanftes, gutherziges Wesen, heran. Ihre Mutter flüsterte oft:
Unser Mädchen hat den Charakter meines Vaters Günther geerbt. Er war ein Gütiger, half jedem, doch sein Leben war kurz. Jetzt setzt Liselotte seine guten Taten fort, obwohl sie noch ein Kind ist, rettet sie jede kleine Käferkreatur.
Liselotte wurde erwachsen, lernte, arbeitete und zog in die Wohnung ihres Opas Friedrich in München ein. Sie blieb stets freundlich und gerecht, half Menschen und Tieren, selbst wenn manche sie belächelten.
Sie ist doch gar nicht von dieser Welt, murmelte man manchmal.
An einem regnerischen Herbstnachmittag, als Liselotte von einem Laden zurückkehrte, sah sie vor sich eine alte Frau, die mühsam zwei halb leere Tüten schleppte.
Gott, wie zittern ihre knochigen Hände, wie krümmt sich ihr Rücken, dachte Liselotte mit Mitleid. Wie viele Jahre hat sie bereits getragen?
Sie eilte ihr nach und erkannte die Nachbarin Margarete Ilse aus dem Flur.
Guten Tag, darf ich Ihnen helfen?, bot Liselotte an und nahm die Tüten.
Zuerst zuckte die Alte zurück, dann lächelte sie zaghaft.
Danke, Liebes, doch ich wohne im vierten Stock
Ich weiß, ich lebe im zweiten, erwiderte Liselotte mit einem Lächeln.
Als sie die Tüten in Margaretes Wohnung brachte, fiel ihr das Chaos auf seit langem nicht mehr geputzt.
Margarete Ilse, ich helfe gern beim Aufräumen. Es sieht schwer für Sie aus. Ich kann später kommen, wenn ich erst meine Einkäufe nach Hause bringe, schlug das Mädchen vor.
Ach, du brauchst das nicht, ich will deine Zeit nicht verschwenden
Für mich ist das kein Problem, ich lebe allein und heute habe ich frei, entgegnete Liselotte.
Von da an besuchte Liselotte Margarete regelmäßig, manchmal tranken sie zusammen Tee. Liselotte liebte es, der alten Dame beim Spielen des klapprigen Flügels zuzuhören das Klavier, das ihr Mann ihr zum ersten gemeinsamen Kind geschenkt hatte. Liselotte selbst hatte Klavierunterricht genommen, doch ihre Mutter hatte andere Pläne für sie.
Beim Vorbeigehen am Treppenhaus bemerkte Liselotte die betagte Theresa Schmitz, die auf der Bank vor dem Aufzug saß.
Liselotte, ich sehe, du bist die Schutzpatronin von Margarete. Gut gemacht. Schade um die Großmutter. Ihr Sohn lebt wohlhabend in Berlin, die Enkel in Köln, doch sie besuchen sie fast nie. Man spricht nur davon, dass sie auf ihr Erbe warten.
Liselotte nickte und ging weiter.
Gott, was für ein Erbe soll das sein? Nur ein Klavier und ein paar solide Möbelstücke, dachte sie, gleichzeitig aber das Flüstern der Nachbarn hörend.
Am selben Abend brachte Liselotte einen Kuchen zu Margarete.
Lass uns Tee trinken, ich stelle gleich den Wasserkocher, rief sie fröhlich und verschwand in die Küche.
Warum machst du das?, fragte Margarete, doch ihre Augen funkelten.
Einfach, weil ich dir eine Freude machen wollte, lächelte die Nachbarin.
Während sie zusammen Tee tranken, erzählte Margarete von ihrer Kindheit im Krieg, von ihrem längst verstorbenen Mann, vom Sohn, der nach Berlin gezogen war, und von der seltenen Rückkehr der Enkel.
Aber Sie haben doch noch Enkel?, hakte Liselotte nach.
Enkel, bebte Margaretes Stimme, sie sehen mich als alte Nörglerin, die vom Verstand abgekommen ist. Letztes Jahr kam Harald, grob, aber mit Früchten. Beim Abschied sagte er: Oma, du gehst mir auf die Nerven, es ist Zeit, dass du gehst. Und seitdem wartet keiner mehr auf mein Lebensende
Der Winter kam, Margarete wurde krank. Liselotte besuchte sie jeden Abend nach der Arbeit, brachte Essen, kaufte Medikamente und Vorräte. Eines Abends bat die alte Dame:
Liselotte, spiel doch bitte Klavier, ich möchte die Musik hören.
Liselotte setzte sich, ließ ihre Finger sanft über die Tasten gleiten. Ein zarter Klang erfüllte den Raum, Margarete schloss die Augen, lauschte und schien in Erinnerungen zu schwelgen. So entstand ein kleines Ritual: Geschichten am Abend, dann Liselottes leise Melodien.
Die Zeit verging, Margarete wurde schwächer, rief regelmäßig den Hausarzt. Eines Tages, während Liselotte den Boden wischte, setzte sich die alte Dame neben sie und flüsterte:
Ich habe ein Testament gemacht. Die Wohnung soll an meine Enkel gehen, aber das Klavier will ich dir vermachen.
Liselotte erstarrte.
Ich brauche nichts, ich bin nur eine fremde Person für Sie, protestierte sie.
Keine Sorge, ich habe alles geregelt, beruhigte Margarete.
Im Frühling lag Margarete im Bett, rief kaum noch den Arzt, und starb in einer stillen Nacht. Am Vorabend hatte sie Liselotte noch leise gesagt:
Vergiss das Klavier nicht, es bleibt dein. Ich will es sehr.
Am nächsten Morgen, kurz vor der Arbeit, fand Liselotte die Wohnung leer, das Klavier stand allein in der Mitte. Auf dem Anrufbeantworter hörte sie die Stimme von Harald, ihrem Sohn, der ihr die Nachricht übermittelte.
Bei der Beerdigung weinte Liselotte, als hätte sie ihre eigene Großmutter verloren. Später kamen die Enkel, um die Wohnung zu regeln. Harald, ein großer, selbstgefälliger Mann, befahl den Umzugsleuten:
Bringt das Klavier zu Liselottes Wohnung. Sie soll es behalten, wie es die alte Dame wollte
Er lächelte herablassend: Sie hat uns eine verrückte alte Frau geschenkt, aber danke, dass du dich gekümmert hast.
Liselotte staunte über das geheime Lob.
Das Klavier stand nun in ihrer eigenen Wohnung. Sie fegte den Staub, Tränen der Trauer und dankbaren Erinnerung flossen über ihr Gesicht.
Danke, Margarete Ilse, du gütige Seele, murmelte sie.
Einige Tage ließ sie das Instrument ruhen, doch eines Abends, nach der Arbeit, öffnete sie den Deckel, strich über die Tasten und fand zwischen den Saiten ein kleines, in dünnes Tuch gewickeltes Päckchen. Sie öffnete es: ein Schmuckkästchen, darin funkelnder Schmuck und ein Zettel:
Liselotte, liebste Liselotte, das ist für dich. Danke für das letzte Jahr meines Lebens, es war glücklich, weil du bei mir warst. Wenn du verkaufen willst, verkauf, aber behalte wenigstens einen Ring als Erinnerung an mich.
Sie schloss die Augen, sah die Ringe, Ohrringe, Armbänder, zwei Halsketten und ein Foto einer jungen Margarete. Tränen flossen über ihr Gesicht, ein unbeschreiblicher Reichtum fiel ihr zu. Sie wählte einen Ring, steckte ihn an den Finger und spielte erneut, die Melodie floss sanft.
Das Kästchen lag offen auf dem Tisch. Sie überlegte, was damit zu tun sei. Am nächsten Morgen, ein Samstag, packte sie das Kästchen in ihre Tasche und ging zum Pfandhaus.
Das sind Ihre Familienjuwelen?, fragte der Gutachter erstaunt.
Ja, sehr wertvoll, antwortete Liselotte.
Ich sehe, es ist teuer, meinte er.
Mit dem erhaltenen Geld kehrte sie nach Hause, fuhr dann an den Rand der Stadt, zu einem verlassenen großen Herrenhaus, das sie schon lange aus der Ferne beobachtet hatte: ein zweigeschossiges Gebäude mit großem Garten, abgeblätterter Putz, doch darunter massiver Ziegel, fest und solide.
Sie setzte sich ans Klavier und spielte klassische Stücke. Kurz darauf wandte sie sich an einen Makler, weil sie das Haus kaufen wollte. Der Makler staunte:
Sie wollen dieses Haus wirklich kaufen? Es braucht riesige Renovierung
Genau dieses, bestätigte Liselotte.
Acht Monate später öffnete das renovierte Haus seine Türen als Heim für alleinstehende Senioren. Im geräumigen Wohnzimmer stand das Klavier, umgeben von bequemen Sofas und Sesseln. Die ersten Bewohner waren der alte Herr Ivan Semenowitsch und die beiden Schwestern Anna und Gisela, die nach einem Brand ihr Zuhause verloren hatten. Bald kamen noch mehr.
Oft setzte Liselotte sich ans Klavier und spielte klassische Stücke, weil die Bewohner immer wieder baten:
Liselotte, spielen Sie doch etwas für uns.
Sie spielte, als wäre sie im Rausch, und spürte zwischen den Noten das leise Flüstern von Margarete: Gut gemacht, meine Liebe
Liselotte wurde zur Hüterin dieses behaglichen Hauses, das die Bewohner Unser Heim nannten. Journalisten kamen, schrieben darüber und staunten.
Haben Sie nicht bereut, die Juwelen zu verkaufen und so etwas zu starten?
Kein bisschen, lächelte Liselotte. Es ist wundervoll, die alten Menschen glücklich zu sehen. Da strickt Gisela Socken, Ivan spielt Schach und wartet auf seinen Freund Ignaz. Ich weiß, Margarete ist zufrieden, denn ich habe ihr Erbe gut eingesetzt. Ich habe mehr gewonnen Liebe und Güte.
Zwei Jahre später heiratete Liselotte den gutherzigen Steffen, der ihr mit Freude zur Seite stand. Gemeinsam führten sie das Heim und teilten die Freude am Leben.





