Mein geliebtes Kristallchen

Der Unglück kommt plötzlich. Wer wartet schon darauf? Es fällt immer wie ein Schneesturm auf den Kopf.

Gregor, Fernfahrer, fährt seit fünf Jahren die Strecke Berlin Warschau Berlin. Ein Foto seiner geliebten Frau auf der Windschutzscheibe, Radio Energy aus den Lautsprechern, ein starker Kaffee im Thermosbehälter was braucht ein Fahrer noch? Doch ein weiteres fehlt: der vertraute Duft des Schals, den seine fürsorgliche Mutter gestrickt hat; ein fester Händedruck seines Vaters vor jeder Fahrt und das beruhigende Wissen, dass zu Hause jemand ihn liebt und erwartet. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde.

Eines Tages kehrt er nicht von der Tour zurück. Erst nach ein paar Tagen erfährt Marlene, seine Frau, dass Gregor im Krankenhaus in München liegt. Ein entgegenkommender Lastwagen gerät in der Kurve ins Schleudern, Gregor versucht, dem Zusammenstoß auszuweichen, aber beide Fahrzeuge kippen seitlich. Der andere Fahrer entgeht nur einer leichten Verunsicherung, Gregor erleidet jedoch eine schwere Kopfverletzung. Dabei werden die Hirnareale getroffen, die für das Gedächtnis zuständig sind. Es könnte schlimmer gekommen sein Hände, Beine, Sprache hätten fehlen können doch das Schicksal hat es anders gewollt.

Er erinnert sich an weder seinen Namen, noch an seine Identität, noch an das, was geschehen ist. Die Familienmitglieder, die das Krankenzimmer betreten, erscheinen ihm völlig fremd. Die Ärzte können keinen optimistischen Ausblick geben; das menschliche Gehirn ist ein komplexes, noch nicht vollständig erforschtes System. Es liegt in Gottes Hand, ob er sich erholt oder nicht.

Nach seiner Entlassung stellt sich heraus, dass es deutlich schwieriger ist als gedacht: Gregor hat nicht nur die Vergangenheit vergessen, sondern seine Kurzzeit­gedächtnis lässt ihn im Stich. Er weiß nicht, was vor drei Stunden passiert ist, vergisst alltägliche Fertigkeiten. Er kann weder das Essen auf dem Gaskocher erwärmen noch eigenständig einen Spaziergang machen. Die Gefahr, den Weg nach Hause nicht zu finden, ist groß. Sein Verstand, sein Wille, seine Motorik und seine Gefühle bleiben erhalten er ist nicht geistig zurückgeblieben, nur das Gedächtnis fehlt, das mit der Zeit heil werden könnte.

Marlene ist schwanger. Sie nimmt Elternzeit und widmet jede Minute ihrem Mann. Nächtlich weint sie oft, wenn sie daran denkt, wie Gregor das kommende Kind erwartete und von jeder Fahrt Spielzeug für die noch ungeborene Tochter mitgebracht hat.

Warum, Gregor? klagt Marlene es ist noch nicht die Zeit. Und man sagt ja, man soll nichts zu früh kaufen, das bringt Unglück.

Ach, welche Aberglauben, meine liebe lacht Gregor und schwenkt Marlene spielerisch in den Armen ich will, dass unser Mädchen, wenn sie ihr Zimmer sieht, vor Freude strahlt. Überall sollen tausende Spielzeuge liegen, ein Meer voller Spaß.

Er sortiert die Spielsachen selbst, stellt sie auf Regale, legt sie auf die Fensterbank und hängt sie über das Kinderbett. Bei seiner Entlassung schenkt die Krankenschwester ihm einen kleinen Teddybär.

Komischer Glücksbringer, den du immer dabei hast? fragt Marlene ironisch, weil sie nicht versteht, warum ein erwachsener Mann ein Spielzeug im Lkw haben soll.

Ja, mein Talisman, antwortet sie.

Den Teddybär stellt Marlene nicht ins Kinderzimmer, sondern auf den Nachttisch ihres Mannes.

Gemeinsam spazieren sie oft im Park, lachen, essen Eis. Die Umstehenden halten sie für ein glückliches Paar, das bald Nachwuchs bekommt und das stimmt auch. Nach einem kurzen Nickerchen erinnert sich Gregor jedoch weder an den Spaziergang noch daran, dass er eine schwangere Frau hat. Marlene muss immer wieder von Neuem erklären, dass sie seine Frau ist und dass bald ein lang ersehntes Mädchen das Licht der Welt erblickt. Die Großeltern des Sohnes unterstützen sie tatkräftig.

Eines Abends ruft Gregors Vater, Heinrich, seine Schwiegertochter in die Küche, schließt die Tür und sagt: Marlene, wir verstehen, wenn du dich irgendwann von Gregor trennst. Du bist jung, schön, das Leben liegt vor dir. Aber wie lange hält das? Nach einem Jahr wirst du ihn hassen, das ist eine schwere Last. Und wenn sein Gedächtnis nicht zurückkehrt? Siehst du, es gibt noch keinen Fortschritt. Mach dir keine Sorgen um die Enkelin, wir lieben sie und helfen, wo wir können.

Marlene fühlt sich innerlich überschüttet Müdigkeit, Angst und Ärger mischen sich. Sie sammelt sich, lächelt und senkt leicht den Kopf. Heinrich streicht ihr sanft über die sonnenblonden Haare und flüstert: Kopf hoch, Kind, wir schaffen das. Du bist stark, trotz allem, und das Baby wiegt fast nichts.

Marlene ist zierlich, fast durchsichtig, und Gregor wirkt neben ihr wie ein Riese. Als er sie zum ersten Mal zu seinen Eltern brachte, waren sie zunächst überrascht, aber dann fragten sie ihren Sohn: Ist sie nicht die Kristallprinzessin? Wo hast du sie gefunden? Sie mochten Marlene sofort sie war gutherzig, ein wenig schüchtern und zeigte von Anfang an warme Zuneigung zu Gregors Eltern. Und Gregor nannte sie fortan liebevoll mein Kristallchen.

Ihre Tochter Frieda wird geboren. Gregor trifft bei der Entlassung aus dem Krei­gs­haus die Mutter und ist überglücklich. Am nächsten Morgen fragt er: Was ist das für ein Kind? Und Marlene muss die Geschichte von Neuem erzählen, diesmal mit der Ergänzung Frieda. Gregor nimmt die Kleine in die Arme, seine Augen leuchten jedes Mal vor Glück.

Zunächst stellt Marlene Friedas Kinderbett ins eigene Schlafzimmer, weil das Baby nachts oft weint und unruhig schläft. Sie wacht die ganze Nacht, um zu trinken zu geben oder zu trösten, und schläft selbst kaum. Die schlaflosen Nächte und die Erschöpfung lassen die Milchproduktion nachlassen.

Kind, wir ziehen zu euch um, du kannst das nicht allein schaffen, drängt Gregors Mutter, Klara.

Nein, ich schaffe das selbst, widerspricht Marlene, weil sie ihre Eltern nicht zusätzlich belasten will sie sind schon nicht mehr jung und weil sie ihr Leben mit dieser Situation bewältigen muss.

Frieda wird auf künstliche Nahrung umgestellt. Eines Nachts erwacht Marlene nicht wegen des Weinens des Kindes, sondern weil leise ein Wiegenlied durchs Zimmer schwebt:

Im Zimmer liegen die Spielzeuge verstreut,
Kinder träumen süße Träume,
wie ein Fuchs stiehlt die Leckereien,
ein Elefant spielt am Tor.
Tage fliegen, wirbeln im Schnee,
draußen glitzert weißer Frost,
der Mond malt mit seinem Schatten,
sucht sein silbernes Bild.

Sie blickt auf und sieht Gregor, der die Kleine wiegt. In einer Hand hält er das kostbare Täschchen, in der anderen die Flasche mit der Mischkost, die Frieda schlürft. Marlene setzt sich leise auf das Bett, sagt nichts, aus Angst, den Moment zu stören das Baby liegt schließlich in Gregors Armen. Der Mond wirft helles Licht in das Zimmer, jeder Winkel erstrahlt.

Das ist das wahre Glück, denkt Marlene.

Gregor legt Frieda hin, nimmt den Teddybär vom Nachttisch und stellt ihn ins Kinderbett: Das ist für dich, mein Schatz, mein Geschenk. Dann schlüpft er, leicht fröstelnd, unter die Decke zu seiner Frau.

Ich liebe dich, mein Kristallchen, flüstert er.

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Homy
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