Der Mensch mit dem Hobel

15. Oktober, 2024 Berliner Herbst

Der Oktober hat die Ahornblätter noch gelb an das Fenster geklebt, während der erste Rascheln gefallenes Laubs den Fußboden unter meinen Schritten durchnässt. Heute habe ich in meiner kleinen Berliner Wohnung den Sperrholzkoffer in der Mitte des winzigen Wohnzimmers geöffnet. Das Sofa, der runde Esstisch und das schmale Bücherregal füllen den Raum bereits aus mehr Platz gibt es nicht. Auf dem Tisch habe ich meine Hobel, Meißel, Winkel und ein paar stumpfe Messingwinkel ausgepackt, als würde ich die Mannschaft nach einem langen Feldzug zusammenrufen. Das frisch polierte Metall glitzert leise, die hölzernen Griffe tragen den feinen Duft von Leinöl, den ich gestern Abend eingearbeitet habe. Ohne Worte reden Mensch und Werkzeug, doch das Gespräch ist reich und von langen Erinnerungen durchsetzt.

Die Werkstatt, in der ich 43 Jahre gearbeitet habe, schließt ihre Tore: Der Eigentümer will das Gebäude in ein Lager für Kunststofffenster umwandeln. Von Freitag bis Montag muss jedes Stück bis zum letzten Nagel raus. So habe ich mein dreißig Jahre altes Vermögen das Werkzeug, das ich auf Flohmärkten und von früheren Meistern zusammengetragen habe gerettet. In meiner Zweizimmerwohnung fehlt fast jeder freie Zentimeter, doch ich habe den Koffer unter das Bett geschoben und gedacht: Lass ihn hier liegen, bis etwas passiert. Ein Jahr später, im Herbst, nagte das Bild von den ruhenden Hobeln an mir. Es ließ mich nicht schlafen, bis ich einen einfachen Plan gefunden habe: den Nachbarn zeigen, was Holz in den Händen eines Menschen bedeutet.

Ich schnitzte ein Schild aus Buche, darauf brannte Werkzeug und Menschen. Noch am selben Abend rief ich drei Nachbarn per Klingel an und lud schüchtern zu einem Heim-Museum ein. Die Rentnerin aus der Wohnung gegenüber lächelte, richtete ihre Brille und versprach, mit ihrem Enkel vorbeizukommen. Der Jugendliche aus dem fünften Stock schnupperte skeptisch: Ist das ein Museum ohne Eintritt? Und ohne langweilige Vorträge, erwiderte ich. Ich wusste sofort, dass ich die Vorträge weglassen muss, sonst kommen keine Kinder.

Am Vorabend der Ausstellung stand ich früh auf, kochte einen kräftigen Kaffee und griff nach dem Koffer. Meine Finger bemerkten, dass das Polster an den Ecken ein wenig aufgerissen war die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Ich verteilte die Exponate im Raum: Auf der Fensterbank das handgefertigte Flachhobel, im Schrank drei Arten von Schabern, an der Wand die alte Werkbank, die ich noch in meiner Jugend zusammengebaut hatte. Zu jedem Stück fand ich eine Geschichte: wo ich es gekauft, wer es benutzt hatte. Laut auszusprechen, merkte ich, dass ich nicht nur Fakten, sondern Schicksale erzähle. Ein Werkzeug lebt, solange man sich an es erinnert.

Samstagmorgen klingelte die Tür: Leni aus dem fünften Stock und ihr Bruder Jonas traten ein. Das Mädchen fuhr mit dem Finger über die Hobelklinge und staunte, dass sie wie ein Spiegel sei. Ich erklärte, warum ein plane Hobelfläche nur bei richtig eingestelltem Winkel glatt bleibt. Weitere Nachbarn drängten sich an: Herr Becker, Buchhalter aus dem dritten Stock, die Architekturstudentin Anna, und zwei Jungen auf ihren KickScootern. Jeder bekam eine kurze Anekdote. Der Raum war eng, doch die Luft blieb leicht; die Fenster standen halb offen, trugen den warmen Duft von Öl und Spänen. Die Menschen lauschten, als erinnerten sie sich an ein längst vergessenes Gefühl: Respekt vor handgemachter Arbeit.

Gegen Abend war die kleine Ausstellung vorbei, doch vor der Tür bildete sich ein Gedankengang aus Fragen. Können wir das nochmal machen, für die Kinder? Gibt es einen Kurs? Mein alter Hocker wackelt, können Sie ihn reparieren? Diese Worte wärmten mich mehr als jede Heizung. Ich versprach mir selbst und den Anwesenden dass ich wieder zur Werkbank zurückkehre, auch wenn die alte Werkstatt verschwunden ist.

Montag ging ich das halbe Kellergewölbe des gegenüberliegenden Hauses besichtigen, das ich für einen Kurs nutzen wollte. Das Licht flackerte, der Beton roch nach Staub, doch der Platz reichte. Der Vermieter jedoch war unnachgiebig. Er lehnte ein einmaliges Ereignis ab und überreichte mir ein Schreiben: Ab dem 1. Oktober erhöht sich die Miete um das Dreifache. Das Papier raschelte trocken wie Herbstlaub. Im Vertrag stand, dass eine Kündigungsfrist von einem Monat gilt formal korrekt, ein Widerspruch war unmöglich.

Abends saß ich in der kleinen Küche, blickte auf die schwankenden Laternen im Hof. Der Wind trieb die letzten goldenen Lindenblätter vor die Tür. Vor meinem inneren Auge sah ich die leere Werkbank und die Menschen, für die ich plötzlich wieder Bedeutung hatte. Ein schweres Gefühl drückte: Wenn ich jetzt zögere, bleibt die Ausstellung das einzige Aufblitzen, das noch bleibt, und danach verschwindet alles wieder unter das Bett.

Die Nacht war unruhig. Am Morgen trat ich hinaus, die MietsteigerungsBenachrichtigung fest in der Tasche. Der Hausmeister kehrte nasse Blätter zusammen, Jugendliche mit Schulranzen hasteten vorbei. Auf der Bank saß wieder Leni und wartete auf ihre Mutter. In ihren Händen hielt sie ein kleines Brett: eine glatte, von ihrem Großvater gesägte Holzfläche, darauf das kunstvoll geschnitzte L. Sie strahlte und zeigte mir die Splitter an den Fingern ein kleiner Stolz. In diesem Moment sah ich die direkte Verbindung von meinem Hobel zu ihrem neuen Buchstaben. Ich atmete tief die kalte Luft ein und bemerkte den freien Raum zwischen den Häusern: ein ebener Asphalt, eine lange Bank, ein Tisch für Domino. Noch gibt es Zeit, bis der Frost kommt.

Ich druckte zehn Flyer: Dienstag, 17 Uhr, im Hof, Holzverbindungskurs. Alter 7 bis 70. Die Blätter klebte ich mit blauem Malerband an die Anschlagtafel des Eingangs.

Dienstag holte ich den klappbaren Werkbänkchen aus dem Schrank, band es mit Transportgurten, trug es zum Hof. Unter der Bank legte ich eine Plane aus Jutesäckchen aus, verteilte die Werkzeuge: zwei Hobel, ein Stechbeitel, eine Schachtel Meißel, ein Stapel Schleifpapier. An einem Ast befestigte ich ein handgemachtes Schild: Heute um 17 Uhr Kurs. Passanten blieben stehen, lächelten verwundert, fragten, ob es laut sei. Ich antwortete: Nur das Klopfen des Hammers, das Rascheln der Späne und Geschichten. Lärm ist gesund. Das Blatt mit der dreifachen Mieterhöhung ließ ich zu Hause liegen, drückte es mit einem Buch zu, als wolle ich den Tag ausradieren.

Der erste Kurs begann unter einem grauen Himmel. Das Licht schwand früh, doch wir hatten noch eine Stunde bis zur Dunkelheit. Vier Kinder, zwei Erwachsene und der neugierige Hausmeister, der seine Kehrschaufel nicht aus der Hand ließ, versammelten sich. Ich zeigte, wie man an der Holzmaserung die Trocknung beurteilt, wie man mit einem Meißel eine ViertelNut einschneidet, warum beim Schwalbenschwanz Geduld das A und O ist. Ich ließ die Kinder selbst hantieren, korrigierte Hände, erzählte Anekdoten von Meistern, die einst Bühnen, Treppen und Fensterrahmen bauten. Der Wind trug welkes Laub über den Asphalt, die Späne lagen in feinen Spiralen neben uns.

Als die Laternen flackerten, packte ich die Werkzeuge ein und sah in die Gesichter der Kinder: rot vor Kälte und Begeisterung. Leni fragte, ob ich morgen wieder komme. Kommt, wenn ihr wollt, sagte ich. Die Erwachsenen sahen sich an, boten an, einen Thermosbecher mit Tee zu bringen. Jemand meinte, wir könnten die Einladung in die Hausgruppe schreiben. In diesem Moment wurde mir klar: Ich würde nie wieder allein zurückkehren.

Der Hausmeister klopfte mit dem Besen auf den Asphalt, ließ lose Blätter fallen. Meister, rief er, könnten Sie mir die Hand für die Schaufel schärfen zeigen? Ich nickte: Morgen zeige ich es. Die Entscheidung, die Kurse ins Freie zu verlegen, hatte sich vor ein paar Stunden noch unsicher angefühlt, jetzt lebte sie ihr eigenes Leben. Sobald ich die Werkbank auf die Schulter nahm, wurde mir bewusst: Auch ohne geschlossene Räume lässt sich das Handwerk nicht einlagern.

Der Abend senkt sich schnell, die Schatten der Häuser werden länger, die Luft kühlt. Ich gehe zum Hauseingang, halte die Werkzeuge fest in beiden Händen und spüre ihre angenehme Schwere. Hinter mir flackert die Treppenlampe, ich blicke zurück auf den Hof, wo die Blätter wirbeln und der Duft von frischer Späne noch in der kühlen Luft liegt. Ein Rückweg scheint nicht mehr möglich.

Einige Tage später organisierte ich bereits den dritten Kurs im Freien. Das Wetter war nicht gnädig: ein Hauch von Winterkälte lag in der Luft, doch Kinder und Erwachsene kamen weiterhin. Auf dem Tisch lag eine dünne Schneeschicht, die schnell unter den Fingern verschwand, die das Holz bearbeiteten. Die Teilnehmer wickelten ihre fertigen Hocker und Kästchen in warme Schals die Arbeit wärmte doppelt.

Durch die Begeisterung der Teilnehmer entstand in unserer Hausgruppe die Idee, den Kreis zu erweitern und die Stadtverwaltung um Unterstützung zu bitten. Die Behörde zeigte sich freundlich, versprach, die Möglichkeit einer Förderung zu prüfen.

Am nächsten Morgen, während ich die Werkbank am alten Ort aufbaute, kamen zwei Vertreter der Kulturabteilung des Bezirks. Sie wollten mehr über mein Projekt erfahren. Nach dem Kurs hatten sie die Atmosphäre gespürt und wollten helfen.

Könnten wir uns treffen? fragte die Ansprechpartnerin, während sie die kleine Menschenmenge betrachtete, die gerade mit dem Hobel arbeitete. Wir planen im Winter über Räumlichkeiten für Ihre Werkstatt zu verhandeln. Ich nickte dankbar und lud sie ein, später bei mir auf einen Tee zu kommen. Das Gespräch gab mir Hoffnung. Sie diskutierten mögliche Räume und Fördergelder, die das Projekt nachhaltig unterstützen könnten.

Als die offenen Sitzungen in den Küchen endeten, kam im Dezember die Nachricht: Die Stadt stellt ein altes Gebäude zur Renovierung als Werkstatt zur Verfügung. Das leerstehende Haus wartete, und ich fühlte, dass ich ihm neues Leben einhauchen konnte. Der Besuch des Gebäudes gab mir das sichere Gefühl, dass ich wieder unter einem Dach arbeiten kann.

Ich teilte den Kursteilnehmern die gute Nachricht mit bald könnten wir in gemütlichen Räumen weiterarbeiten. Für die Kinder war das ein Versprechen für weitere Entdeckungen.

Neujahr kam, und ich trat in das warme, lichtdurchflutete Gebäude mit einem Bündel Werkzeuge. Hier gab es mehr Licht als in der alten Werkstatt, und die Wände warteten darauf, vom Geruch frischer Späne und Leinöl erfüllt zu werden.

Ich weiß, diese Wände werden Zeugen unzähliger Geschichten von Arbeit und kreativen Erfolgen nicht nur meine. Die Zukunft liegt vor mir wie ein glatt geschliffenes Brett, das nur darauf wartet, dass eine feste Hand mit Hobel darüber fährt.

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Homy
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