Eine zufällige Haltestelle
Liselotte hetzte durch die Gassen. Sie kam nie pünktlich zur Arbeit, zu Treffen mit Freundinnen, sogar zu Verabredungen. Heute jedoch musste sie besonders schnell sein: In zwei Stunden stand das Vorstellungsgespräch bei einer angesehenen Firma im Herzen Berlins, und wenn sie es vermasselte, würde sie mindestens ein halbes Jahr ohne Job bleiben, weil es keine anderen ernsthaften Angebote mehr gab.
Der Bus rollte gerade zur Haltestelle, genau in dem Moment, in dem Liselotte, keuchend, aus dem Haus stürmte. Sie schnappte nach vorn, doch ein Bordstein erwischte sie, und sie stürzte direkt vor die Tür des Busses. Der Bus fuhr, schloss die Türen und fuhr weiter, ohne einen Blick zurückzuwerfen.
Verdammt! schrie sie, während ihr Knie brannte und ihre Hände von Schürfwunden übersät waren.
Brauchen Sie Hilfe? beugte sich ein Mann über sie.
Liselotte hob die Augen und sah braune Augen, dunkles Haar und ein leichtes Lächeln.
Danke, aber das hilft jetzt nicht mehr, murmelte sie, während sie sich aufraffte. Der Bus ist weg, der nächste kommt erst in zwanzig Minuten.
Wohin eilen Sie denn so? fragte er.
Zum Vorstellungsgespräch. Ins Zentrum.
Der Mann blickte auf seine Armbanduhr.
Ich fahre genau dorthin. Ich kann Sie mitnehmen.
Liselotte wollte ablehnen vielleicht ein Fremder mit schlechten Absichten? doch die Zeit drängte.
Sind Sie sicher?
Ganz sicher. Ich heiße übrigens Johann.
Liselotte.
Johann stellte sich als keineswegs bedrohlicher Typ heraus. Das Auto roch nach frischem Kaffee und einem Hauch von Holz. Im Radio spielte leise Jazzmusik.
Sammeln Sie oft junge Damen am Straßenrand? fragte Liselotte, um die Situation zu lockern.
Nur die, die vor mir hinfallen, antwortete er ernst, doch in den Augen funkelten winzige Funken.
Sie kamen zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin an. Liselotte sprang aus dem Auto, ohne nach seiner Telefonnummer zu fragen ein Traumgespräch, das niemals enden wollte.
Danke! rief sie, während sie davonlief.
Viel Glück! rief er zurück.
Das Gespräch verlief überraschend gut. Liselotte verließ das Büro mit leichtem Kopf und einem Lächeln. Kaum hatte sie das Gebäude verlassen, stand Johann wieder am Eingang, zwei Tassen Kaffee in den Händen.
Wie lief es?
Super! Aber was machen Sie hier?
Warte.
Warum?
Um das Ergebnis zu erfahren und Ihnen vorzuschlagen, das zu feiern falls Sie Zeit haben. Und es gibt doch einen Grund zu feiern.
Liselotte lachte.
Da ist ein Grund. Und ich habe im Moment sehr viel freie Zeit. Ich habe den Job, aber ich darf erst in einem Monat anfangen.
Dann umso besser! Lass uns im Café feiern.
Drei Stunden verbrachten sie im kleinen Café, sprachen über Bücher, Reisen und die absurden Missgeschicke des Lebens. Johann war Projektplaner, liebte alte Filme und verabscheute Oliven. Liselotte erzählte von ihrer Leidenschaft für Malerei und davon, als Kind Tänzerin werden zu wollen, bis sie sich beim Springen über Pfützen das Bein brach.
Also ist das Fallen Ihre Schwäche, bemerkte Johann.
Und Ihre?
Das Einsammeln der Gefallenen.
Den ganzen Monat über trafen sie sich täglich. Manchmal spazierten sie, manchmal fuhren sie ins Umland, an einem regnerischen Tag rannten sie lachend zur Autoscheibe, stolperten und fielen dabei fast gleichzeitig.
Ich habe dir ja gesagt, du fällst zu oft, neckte er, während er ihre Jacke schüttelte.
Aber du bist immer da, um mich aufzuheben.
Am Tag, an dem Liselotte ihre neue Arbeit antrat, erwartete Johann sie vor dem Büro mit einem Strauß Pfingstrosen.
Wofür das?, wunderte sie.
Einfach so.
Ein halbes Jahr später gestand er ihr seine Liebe nicht in einem Park, nicht in einem Restaurant, sondern an genau jener Haltestelle, wo sie sich das erste Mal begegnet waren.
Erinnerst du dich, wie du gefallen bist?
Wie könnte ich das vergessen?
Seitdem habe ich mich nie wieder erhoben. Du hast mich umgestürzt.
Liselotte lachte, doch ihr Blick funkelte.
Das ist die seltsamste Art zu sagen: Ich liebe dich.
Aber ehrlich.
Ein Jahr später heirateten sie. Als Liselotte bereits ein Kind erwartete, fuhr Johann sie erneut zu jener Haltestelle, wo alles begonnen hatte.
Sieh mal, wies er mit dem Finger auf den Asphalt, hier hat dein Schlüssel sogar eine Schramme hinterlassen.
Lügst du, lachte sie und bückte sich, um genauer hinzusehen, ihr Bauch machte das Bücken schwer.
Johann packte sie liebevoll am Ellenbogen:
Schon wieder am Fallen?
Ich falle nicht, das Gleichgewicht hat sich nur verändert.
Er legte seine Hand auf ihren runden Bauch:
Unser kleiner Passagier heute ruhig?
Er ist gerade aufgewacht, drückte Liselotte seine Hand an die Stelle, wo ihr Baby sich bewegte.
Johann blieb stehen, ein dämlicher Grinser, wie immer, wenn er die kleinen Tritte spürte.
Weißt du, worüber ich nachdenke?, umarmte Liselotte ihn an der Taille. Wenn der Bus damals nicht weggefahren wäre
Ich hätte dich trotzdem gefunden, unterbrach er. Vielleicht in der Klinik, im Supermarkt, auf dem Parkplatz oder im Park, wo du gern liest.
Romantiker, piepste sie ihm in den Arm.
Realist.
Langsam gingen sie zum Auto. Liselotte bewegte sich vorsichtig, als trüge sie eine Kristallvase, nicht einen lebendigen, wankenden Menschen.
Du verstehst doch, dass ich jetzt gleich zwei Personen aufheben muss, sagte Johann plötzlich ernst, während er ihr die Tür öffnete.
Liselotte legte seine Hand an seine Wange:
Schaffst du das?
Wir werden sehen, küsste er sie auf die Stirn, wie immer, wenn er etwas zu sentimental auszusprechen fürchtete.
Ein Monat später, als sie gerade ein kreischendes Paket aus dem Kreißsaal trugen, brach Liselotte in Lachen aus:
Schau, er ist genauso ein Eilbote wie ich! Er konnte den Termin kaum erwarten.
Johann, den Blick fest auf die Straße gerichtet, deckte mit einer Hand ihre Finger:
Hauptsache, er erbt nicht deine Angewohnheit zu stürzen.
Mach dir keine Sorgen, lächelte Liselotte und sah ihr beruhigtes Kind an. Er hat ja dich.




