Liebes Tagebuch,
ich liege noch immer im kühlen Wasser der Badewanne, die Hände erschöpft, als könnte ich mich kaum noch aus dem Becken ziehen. Ich hätte längst gehen müssen, wiederhole ich zum tausendsten Mal, als wäre ich damit versuche, mich selbst zu überzeugen oder jemand anderen zu rechtfertigen. Auf meinem Handy vibrieren ein paar Nachrichten, doch ich will sie nicht öffnen ich weiß, was mich dort erwartet.
Meine Beziehung zu Klaus war von Anfang an ein ständiges Auf und Ab. Wir lernten uns auf dem Wacken Open Air kennen, und ich lud ihn noch am gleichen Abend zu mir ein, ohne je zu planen, dass wir uns wiedersehen würden. Am nächsten Morgen stand er dann vor meiner Haustür mit einem Strauß Gänseblümchen in der Hand, und mir wurde klar, dass ich mich verstrickt hatte.
Kurz darauf fuhr ich für ein Jahr nach Berlin, um ein Forschungspraktikum zu absolvieren, während Klaus zu Hause blieb, auf mich wartete und mir lange Briefe schrieb. Als ich nach fünf Stunden Flugverspätung zurückkam, traf ihn ein hölzerner Zustand ganz weiß vor Aufregung und Müdigkeit. Er stand am Flughafen mit demselben Strauß Gänseblümchen, und in diesem Moment dachte ich daran, eines Tages mit ihm Kinder zu haben.
Fünf Monate nach der Geburt meiner Tochter kehrte ich wieder zur Arbeit zurück, während Klaus zu Hause mit dem kleinen Mädchen saß, weil er noch keine Anstellung gefunden hatte. Stündlich klingelte sein Telefon, er fragte, wo alles lag und wann ich nach Hause käme. Bei der Arbeit lachten die Kolleginnen über den Anblick eines Mannes mit Kind, doch ich hatte keine Zeit zu schmunzeln. Nach der Schicht, das Baby im Arm, kochte ich Abendessen, wusch Wäsche, räumte auf und arbeitete noch nachts weiter.
Ich musste Geld leihen, um meiner Tochter ein Fahrrad zu kaufen, das undichte Dach unseres Ferienhauses zu reparieren, den Autokredit zu tilgen das Auto, das wir gekauft hatten, damit Klaus als Taxifahrer Geld verdienen konnte, bis er eine feste Stelle fand. Ich war Juniorwissenschaftlerin, das Gehalt mickrig, und ich kam nicht weiter vielleicht fehlten mir die Fähigkeiten, vielleicht nur die Zeit.
Jahre vergingen, das zweite Kind kam, und nach einem halben Jahr kehrte ich wieder zur Arbeit zurück, ließ den Sohn bei seiner Mutter. Klaus hatte inzwischen eine Gelegenheitsstelle gefunden: Er fuhr Kinder zur Kita, schlief, nahm Kredite auf für einen neuen Wintermantel für den Sohn, bezahlte den Schwimmbadbeitrag für die Tochter, kochte Suppen und wechselte das Wasser in den Vasen mit Gänseblümchen.
Manchmal arbeitete er, manchmal sah er fern, doch meistens trank er. Im neunten Jahr unserer Ehe wurde er wegen Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärztin schlug vor, ihn in eine Rehaklinik zu geben sein Blut bestand wohl zu einem großen Teil aus Alkohol, nicht aus roten Blutkörperchen.
Ich übte unzählige Male den Satz Wir müssen getrennt leben und Lass uns scheiden, während ich nach Hause ging. Sein Geruch, seine Berührungen wurden mir immer unangenehmer. Das Dach am Ferienhaus verfault erneut, doch ich wollte es nicht reparieren. Wir fuhren nicht mehr hin, die Gänseblümchen verdorrten, weil ich vergaß, das Wasser zu wechseln.
Dann verliebte ich mich in einen anderen Mann und betrog Klaus. Ich hatte nichts zu beanstanden er schaute mich noch immer mit denselben Augen an wie am Flughafen, als hätte er Angst, ich käme nie zurück. Doch ich wollte andere Blicke sehen. Ich redete zu mir: Es bedeutet nichts. Doch es bedeutete eines ich musste schon lange gehen. Der andere war jedoch selbst verheiratet.
Eines Tages ertappte ich mich dabei, wie ich darüber nachdachte, wie viele Jahre ich hinter Gittern verbringen würde, wenn ich jemanden töten würde. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich packte die Kinder, die Koffer und zog ins Haus meiner Mutter. Klaus weinte die ganze Zeit und flehte: Bitte geh nicht. Ich schwieg und weinte ebenfalls, doch noch nie fühlte ich mich so leicht.
Endlich stand ich aus dem kalten Wasser, zog den flauschigen Bademantel über und griff nach meinem Handy. Irgendwann muss ich die Nachrichten lesen, dachte ich. Nach zehn Nachrichten Ich liebe dich, Komm zurück, Ruf mich an, Geh nicht schrieb Klaus schließlich: Dann gehe ich ich. Das war die letzte Nachricht.
Ich lege das Handy beiseite, atme tief durch und fühle zum ersten Mal seit langem einen Hauch von Freiheit.





