15.November2025
Heute habe ich wieder das Gefühl, dass das Alter nur ein neues Kapitel ist, nicht das Ende. Seit meinem Ruhestand sitze ich nicht untätig hinter dem Herd. Ich gehöre zu den unerschütterlichen Optimisten, die scheinbar vom ersten Sonnenstrahl aufgeladen werden. Warum sollte ich mich beschweren? Ich habe aus Liebe geheiratet, meine Tochter Lena zur Welt gebracht und, ja, meine Ehe ist gescheitert er hat sich aus meinem Leben entfernt, und mit ihm auch ein Stück meiner eigenen Geschichte. Doch Freunde, eine geliebte Arbeit und das Reisen füllen die Leere.
Das Reisen wurde zu meinem neuen Zuhause. Nicht als geführte Tour, sondern als echte, eigenständige Trips. Ich habe gelernt, Hostels zu buchen, Routen zu planen und Mitfahrgelegenheiten zu ergattern. Immer liegt in meinem Rucksack ein kleines Notizbuch mit den Adressen von Menschen, die mich überall in Deutschland für eine Nacht aufnehmen würden.
Im späten Herbst fuhr ich nach Quedlinburg, einer Kleinstadt, die für ihre erhaltenen Fachwerkhäuser berühmt ist. Der Regen begann schon beim Aufbruch und verwandelte die Gassen in glänzende Bäche. Leicht durchnässt erreichte ich ein hübsches, geschnitztes Haus mit einem hohen Vorbau. Dort sollte mir Sebastian Krämer, ein alter Freund meiner Bekannten, ein Zimmer für ein oder zwei Nächte anbieten.
Die Tür öffnete ein hochgewachsener, leicht gebeugter Mann mit silbergrauen, noch dichten Haaren und klaren Augen, die an den Himmel im Herbst erinnerten.
Kommen Sie herein, Frau Roth, es wartet schon auf Sie, sagte er gelassen, als wäre ich eine alte Bekannte.
Der Duft von Zedernholz, Kaminfeuer und etwas Ungeklärtem fast wie selbstgemachter Apfelmus lag in der Luft. Sebastian war ein wortkarger Mensch. Er reichte mir schweigend ein großes, flauschiges Handtuch, stellte eine Teekanne auf den Tisch und zog sich zurück, sodass ich mich am Ofen wärmen konnte.
Der Abend verging bei Tee. Das Gespräch stockte, er wirkte zurückgezogen, ich fühlte mich wie ein Gast, der zu lange verweilt. Doch als das Thema Reisen kam, funkelte in seinen Augen ein Funke.
Ich bin auch viel unterwegs gewesen, sagte er plötzlich. Als Geologe. Hab das ganze Land durchkämmt.
Er stand auf und reichte mir eine alte, abgenutzte Karte. Sie war übersät mit Notizen, Routenlinien und merkwürdigen Symbolen.
Das ist Ihr Leben, stellte ich fest, ohne zu fragen.
War es, korrigierte er leise.
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört. Sebastian bot mir an, die Stadt zu zeigen. Er führte mich nicht über die Hauptstraßen, sondern durch enge Gassen, die nur Einheimische kannten. Er zeigte das Haus, in dem ein berühmter Maler geboren wurde, und eine verlassene Schmiede, deren Tür noch von einem antiken, von Zeit gegrauenden Schloss bewacht wurde. Er sprach wenig, doch jedes seiner Worte war präzise, wie bei jemandem, der seine Stimme zu schonen weiß.
Ich lauschte, beobachtete ihn und merkte, dass mich das mehr als je zuvor fesselte. Nicht wie die sonnenbeschienenen Plätze Italiens oder die lauten Märkte Asiens, sondern ein tiefer, ruhiger Genuss, so klar wie das Wasser eines Waldsees.
Ursprünglich sollte ich in zwei Tagen weiterreisen, doch ich blieb. Ich sagte, der Tagesplan könne sich ändern. Sebastian nickte, ohne Überraschung oder Begeisterung. Am nächsten Morgen weckte er mich im Morgengrauen.
Kommen wir, sagte er. Ich zeige Ihnen einen Ort.
Wir wanderten über einen vom Tau glitschigen Pfad durch einen Kiefernwald. Die Luft war dicht und berauschend. Plötzlich teilte sich das Geäst und offenbarte die glatte Oberfläche eines Sees, still und spiegelglatt wie ein Spiegel. Das vor Morgendämmerung rosarote und goldene Himmelslicht spiegelte sich darin. Es war so leise, dass man das Atmen der Erde hörte.
Wir standen schweigend da. In dieser Stille war keine Verlegenheit, nur Vollständigkeit die Fülle des Moments, der Natur, unausgesprochener Worte, die zwischen uns schwebten.
Nach dem Tod meiner Frau dachte ich, das Leben sei beendet, sagte Sebastian plötzlich, ohne mich anzusehen. Ich sah keinen Sinn mehr. Und dann kamen Sie und erzählten, wie schön der Morgen ist. Und ich erinnerte mich, dass ich das wieder sehen will. Deshalb stehen wir jetzt hier.
Ich sah auf seine kräftigen, arbeitenden Hände, die feinen Falten um die Augen, den klaren, ruhigen Blick. Ohne große Worte legte ich meine Hand über seine. Die Wärme traf die seine.
Ich denke, ich bleibe noch einen Tag, sagte ich. Wenn es Ihnen recht ist.
Er drehte sich zu mir, und in seinen Augen sah ich nicht die kühle Herbstluft, sondern die strahlende Sonne eines Sommertages.
Ich bin gegen?, erwiderte er lächelnd. Ich bin dafür.
Wir kehrten zurück, und das Schweigen zwischen uns war nun anders nicht peinlich, sondern tief und verständlich, wie die glatte Oberfläche eines Sees. Unsere Hände berührten sich gelegentlich, das natürlichste Gestenpaar, das man sich vorstellen kann.
Zu Hause packte Sebastian, ohne zu fragen, Holzscheite für den Kamin, und ich fand in der Küche Mehl und ein Glas Honig.
Möchten Sie Pfannkuchen?, rief ich ihm durch das offene Fenster zu.
Aus der Scheune kam ein zustimmendes Geräusch, irgendwo zwischen Lachen und einem leisen Husten. Ich machte mich ans Werk, fühlte mich überraschend heimisch in dieser fremden, aber warmen Küche.
Er kam herein, wusch sich die Hände.
Das riecht nach Himmel, sagte er schlicht, und für mich war das das größte Kompliment.
Ich blieb nicht nur einen Tag. Eine Woche verging wie jener Morgen am See. Wir redeten über alles Mögliche. Er zeigte mir seine geologischen Tagebücher, Skizzen von Felsen und Mineralien. Ich erzählte von verrückten Mitreisenden und davon, wie ich in einer verlassenen Kirche in einem kleinen Ort in Kärnten übernachtet hatte. Wir lachten viel. Es war erstaunlich, jemanden zu finden, dessen Lachen im eigenen Herzen widerhallt.
Doch die Tickets waren erneut gekauft, meine Tochter wartete in Berlin, und die Realität klopfte unverhohlen an die Tür. Zwei Tage vor meiner Abreise saß ich auf der Veranda und sah Sebastian, wie er ein Vogelhäuschen reparierte.
Ich fahre bald ab, sagte ich, fast, als würde ich die Worte testen.
Er nickte, ohne die Arbeit zu unterbrechen.
Ich weiß, meinte er.
Beim Abendessen legte er plötzlich seine Gabel beiseite.
Ich habe ein Anliegen, Frau Roth, sagte er mit ungewohnt formeller Stimme. Da gibt es eine wenig bekannte Klippe, drei Stunden entfernt, wo einzigartige Gesteine an die Oberfläche dringen. Ich wollte dort Möchten Sie mich begleiten? Als Hobbyführer.
Ich sah ihm in die ehrlichsten Augen, die ich je gesehen hatte, und verstand, dass das sein stiller Weg war, mich zu bitten, zu bleiben.
Wie viele Nächte sollen wir einpacken?, fragte ich, spielend ernst.
So viele, wie ihr wollt, erwiderte er, sein Blick hielt mich. Der Ort ist wild, es gibt keine Hotels, nur Zelte.
Mir wurde klar, dass dies mehr als ein Angebot war eine Einladung in seine stille Welt.
Ich habe in den nächsten zwei Tagen Zeit, lächelte ich. Sehr viel Zeit.
Am nächsten Morgen fuhren wir in seinem alten VWBulli über unebene Wege zwischen Seen und Kiefern. Der Wind pfiff durch die offenen Fenster, und das Auto roch nach Tannennadeln, Hund und dem unverwechselbaren Duft von Werkzeug und Straße.
Am Rand der Klippe, über dem türkisblauen Fluss, blieb ich stehen. Es war nicht nur ein schönes Bild, sondern die rawPower jahrhundertealter Stille und Majestät.
Er stand neben mir, sah nicht die Landschaft, sondern mich.
Wie gefällt es?, fragte er leise.
Ich bleibe, Sebastian, flüsterte ich und wandte mich zu ihm. Länger, wenn du nichts dagegen hast.
Er lächelte.
Ich bin gegen?, wiederholte er unseren ersten Scherz. Ich bin dafür.
Hoch über dem Fluss, unterm Ruf einsamer Vögel, umarmten wir uns zwei Rentner, die sich an den knappen Stellen des Lebens gefunden hatten. Das Glück kam vielleicht zu spät, doch genau dann, wo es am nötigsten war.




