Hanne konnte nicht glauben, was mit ihr geschah. Ihr Mann, ihr Ein und Alles, den sie als ihre Stütze und Halt betrachtet hatte, sagte ihr heute: Ich liebe dich nicht. Der Schock war so groß, dass sie wie erstarrt in einer seltsamen Pose verharrte, während er hektisch seine Sachen packte und mit den Schlüsseln klimperte.
Ja, genau das fehlte ihr jetzt noch. Erst vor Kurzem war ihr Vater plötzlich verstorben, und trotz ihres eigenen Schmerzes musste sie sich um ihre ergraute Mutter und ihre Schwester kümmern mit 18 Jahren war diese nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma behindert geblieben. Die Familie lebte in einem Nachbarort. Ihr Söhnchen war gerade in die erste Klasse gekommen. Im Juni hatte ihr Betrieb geschlossen. Sie war arbeitslos. Und jetzt auch noch ihr Mann
Hanne griff sich an den Kopf, setzte sich an den Tisch und weinte bitterlich.
Herrgott, was soll ich nur tun? Wie soll ich weiterleben? Oh, Timmi! Ich muss ihn ja noch von der Schule abholen!
Die täglichen Pflichten zwangen sie aufzustehen und weiterzumachen.
Mama, hast du geweint?
Nein, Timmi, nein.
Weinst du wegen Opa? Mama, ich vermisse ihn so sehr!
Ich auch, mein Junge. Aber wir müssen stark sein. Unser Opa war immer so. Jetzt geht es ihm gut bei Gott, mach dir keine Sorgen! Er hat sich diese Ruhe verdient, im Leben hatte er nie eine Pause.
Und wo ist Papa?
Papa? Der ist wohl wieder auf Dienstreise. Wie wars in der Schule?
Man muss weiterleben. Er liebt mich nicht? Da kann man nichts machen. Liebe lässt sich nicht erzwingen. Sie hatte wohl in ihrem ganzen Trubel etwas übersehen.
Während Timmi aß und mit seinen Spielzeugsoldaten herumspielte, loggte sich Hanne in die E-Mail des zurückgelassenen Computers ihres Mannes ein. Sie hatte das noch nie zuvor getan. Der Zugang war einfach das Postfach fand sich in der linken Ecke.
Markus hatte die letzte Korrespondenz nicht gelöscht. Er hatte eine neue Liebe und sie war jetzt die Unbeliebte. Zehn Jahre lang war sie sein strahlender Sonnenschein gewesen, nach acht Jahren Kampf um ein Kind auch noch unsere Mama.
Jetzt war alles anders. Und sie musste irgendwie damit klarkommen.
Vor allem musste sie einen Job finden. Ihr höchster Bildungsabschluss interessierte niemanden. Das bisschen Arbeitskosenunterstützung vom Amt löste keine Probleme.
Was war passiert? Warum hatte sich ihr verantwortungsbewusster, anständiger, liebevoller Mann auf einmal in einen Fremden verwandelt? Alle ihre Gedanken führten zu einer Schlussfolgerung: Er war einfach verrückt geworden. Ihr gemeinsames Haus, Stein für Stein gebaut, war noch nicht fertig. Immerhin hatten sie ein Dach über dem Kopf, und ein Zimmer war bewohnbar.
Arbeit, wie ich dich brauche! Hanne hätte sich am liebsten wieder in Tränen aufgelöst, aber dafür war keine Zeit. Sie brauchte dringend einen Job!
Die Suche dauerte Tage. Erfolglos! Erstklässler und jetzt Alleinerziehende ihre Chancen waren minimal. Am Abend eines weiteren erfolglosen Tages klingelte das Telefon. Es war ihr Schwager Thomas:
Hanne, also, ist er zurück?
Nein.
Würdest du als Lageristin anfangen?
Ernsthaft?
Ja, ich weiß, du hast gerade genug mit Markus zu kämpfen. Teilzeit. Mit Pausen. Du könntest deinen Patensohn abholen oder Nachmittagsbetreuung organisieren. Lohn sind 2000 Euro. Nicht viel, klar. Aber besser als nichts. Wir bringen euch morgen Kartoffeln, Zwiebeln und ein Hühnchen vorbei.
Thomas, ich habe doch meine Hühner. Die versorgen uns, sie legen Eier.
Dann sollen sie das weiter tun. Die kannst du nicht schlachten.
Danke euch. Wie gehts Greta?
Ganz gut, sie kämpft sich durch. Sie ist eine starke Frau.
So war er immer. Seine Frau Greta hatte eine schwere OP hinter sich, bekam Chemotherapie und er beschwerte sich nie, obwohl alles an ihm hing. Bei ihm lief alles bestens. Hanne seufzte: Es gab eine Chance zu überleben. Danke, Gott Er war der Zuverlässigste, Er sah alles. Er würde sie nie im Stich lassen. Danke für Thomas.
Die Arbeit war verständlich, und zwischendurch blieb Zeit, allein zu sein, zu weinen, zu begreifen: Was war eigentlich passiert?
Tage, Wochen, Monate vergingen. Nach einem Jahr spürte Hanne, dass sie wieder Lust hatte zu essen, zu schlafen, zu lachen und sich über Timmis Erfolge zu freuen. Der Schmerz über Markus Verrat flammte auf, wenn er kam, um Timmi am Wochenende abzuholen.
Sie hinderte ihn nicht daran ihr Streit sollte nicht das Kind unglücklich machen. Wie gern hätte sie gefragt, was sie falsch gemacht hatte, obwohl sie wusste: Es lag nicht an ihr, sondern an der plötzlichen Leidenschaft ihres Mannes für eine andere Frau.
Sie erinnerte sich an eine Filmzeile: Liebe die hält bis zur ersten Abzweigung, dann beginnt das Leben. Für sie waren Liebe und Leben untrennbar gewesen. Und für ihn?
Der Herbst dieses Jahres war wie eine Fortsetzung des Sommers: warm, mit grünen Blättern an den Bäumen, Kinderlachen auf den Straßen, bunten Astern und Chrysanthemen im Vorgarten. Der Tag, an dem Hanne den intensiven Blick von Michael auffing, unterschied sich nicht von anderen vielleicht schien die Sonne etwas stärker, vielleicht klang die Musik aus dem geöffneten Nachbarfenster etwas lauter, oder vielleicht war es einfach Zeit, dass zwei Einsamkeiten sich trafen, wie es das Schicksal wollte.
Fräulein, lassen Sie mich helfen. So eine Last allein zu tragen das geht doch nicht.
Ich bin es gewohnt.
Schade, dass eine so schöne Frau sich daran gewöhnt hat, schwere Sachen zu schleppen.
Helfen Sie allen schönen Frauen? Patrouillieren Sie etwa hier vorm Supermarkt?
Ja, genau. Habe patrouilliert und patrouilliert, mir fast die Augen wund geschaut und endlich eine Schönheit entdeckt.
Sie musste lachen. Und sie lachten herzlich, bis zu Tränen, einfach unbändig.
Michael, sagte er und streckte ihr die Hand hin, während seine Augen noch vor Vergnügen funkelten.
Hanne.
Hannelin, Hannelin, fremdes Weib kennen Sie das Lied?
Nein. Aber ich bin kein Weib.
Wirklich? Da habe ich aber Glück! Endlich treffe ich eine Frau, von der man nur träumen kann und sie ist frei. Sind alle Männer verrückt oder blind geworden?
Ich sehe, Humor ist Ihre Stärke. Das ist gut. Und wie siehts mit Ernsthaftigkeit aus?
Da auch alles in Ordnung. Hanne, wie wärs, wenn wir heute ins Kino gehen, uns unterhalten?
Geht leider nicht. Ich muss Timmi von der Nachmittagsbetreuung abholen.
Ich traue meinen Ohren nicht. Sie haben einen Sohn?! Sie sehen aus wie zwanzig was für eine Nachmittagsbetreuung?
Ich bin 35.
Ich auch. Was für ein Zufall. Aber ich hätte wirklich gedacht, Sie wären viel jünger.
Und jetzt?
Jetzt? Ich verarbeite es. Jeder Mann träumt von einem Sohn. Und Sie sagen so locker, Sie sind unverheiratet wo ist dann der Vater?
Darüber möchte ich jetzt nicht reden.
Verstanden. Dann nicht. Wie wärs am Wochenende? Kinderfilm mit Timmi?
Am Wochenende ist er bei seinem Vater.
Hanne, ich will Sie nicht bedrohen. Aber wenn Sie mal ein paar freie Stunden haben rufen Sie an




