Zu alt für das Glück? rief die Mutter, während sie mit der Tasse am Rand des Tischs balancierte. Mutter, warum laufen Sie jetzt noch zu Dates? Sie haben ja bald Enkelkinder zu betreuen, und Sie spielen noch mit der Liebe!
Helga erstarrte, die Hand um die Tasse fest gepackt. Anke saß ihr gegenüber, rührte lässig mit dem Teelöffel und ließ ein spöttisches Halblächeln auf ihrem Gesicht zurück. Innerlich zog sich etwas zusammen. Helga stellte die Tasse langsam auf die Untertasse, bemühte sich, das Zittern ihrer Finger zu verbergen.
Anka, flüsterte sie leise, ich bin seit fünf Jahren allein und erst fünfzig. Auch ich will glücklich sein, verstehst du?
Die Schwiegertochter lachte, und ihr schriller Klang schnitt wie ein Messer in Helgas Ohren.
Wünschen darf man ja, das sei klar, fuhr Anke aus, lehnte sich zurück und ließ sich auf die Stuhllehne fallen. Aber jungen Leuten fällt es schwer, einen Partner zu finden und wo willst du hin? Jetzt ist keine Zeit dafür.
Helgas Wangen erröteten, der Ärger stieg wie ein Knoten im Hals. Sie stand auf, sammelte die Tassen, ihre Hände gehorchten kaum noch.
Der Tee ist aus, sagte sie trocken.
Anke zuckte mit den Schultern und ging ohne Abschied in ihr Zimmer. Helga blieb allein in der Küche zurück, lehnte am Waschbecken und starrte aus dem Fenster auf den grauen Hinterhof. Die Worte ihrer Schwiegertochter brannten wie ein Splitter. War sie wirklich für niemanden mehr etwas? War ihre Zeit vorbei?
Zwei Tage wanderte Helga durch das Haus, mied jedes Gespräch. Lukas, ihr Sohn, versuchte herauszufinden, was geschehen war, doch sie winkte nur ab. Was sollte sie ihm sagen? Dass er sich über seine Frau beschweren? Helga wollte nicht die Schwiegermutter sein, die Zwietracht sät.
Am dritten Tag klingelte Gabriele, eine Freundin aus Schulzeiten, und lud zum Kaffee ein. Helga stimmte zu ein Tapetenwechsel würde ihr guttun.
Gabriele empfing sie mit einer warmen Umarmung und führte sie in die Küche. Sie setzten sich, und Helga spürte, wie ihr Inneres zu zerfallen drohte.
Gaby, ich habe das Gefühl, mein Leben hat die falsche Richtung eingeschlagen, begann sie, während sie die heiße Tasse umklammerte. Vor einem Jahr brachte Lukas seine Frau nach Hause. Die Jungen sparen für ihre eigene Wohnung. Ich versuche, eine gute Schwiegermutter zu sein, die Beziehung ist gut, ich freue mich für meinen Sohn. Doch ich sehne mich nach Liebe, nach Zuneigung. Und dann sagt meine Schwiegertochter, ich sei zu alt für neue Beziehungen. Vielleicht hat sie ja recht
Gabriele legte beruhigend ihre Hand auf Helgas.
Olga, das stimmt nicht, sagte sie fest. Ich war nach meiner Scheidung mit dreißig allein. Mein ganzes Leben habe ich den Kindern gewidmet und mich selbst vergessen. Was habe ich dafür bekommen? Sie zogen aus, ich blieb zurück. Jetzt weiß ich nicht, wie ich wieder jemanden finden soll. Du hast die Zeit noch ergreife sie.
Helga lauschte und fühlte, wie eine Last von ihren Schultern fiel. Gaby verstand sie.
Weißt du, Olga mein Cousin, Klaus, ist ein guter Mann. Er ist fünfunddreißig, geschieden seit fünf Jahren, hat zwei erwachsene Kinder. Würdest du ihn kennenlernen? Vielleicht führt das Schicksal uns zusammen.
Helga blieb wie erstarrt stehen, ihr Herz schlug schneller. Das Angebot zu akzeptieren war beängstigend, doch noch viel schlimmer war die Vorstellung, für immer allein zu bleiben.
Dann lass es uns versuchen!, sagte sie entschlossen.
Sie verabredeten sich in einem kleinen Café in Berlin. Helga kam ein wenig früher und zupfte nervös an ihrem Rock. Kurz darauf trat ein hochgewachsener, leicht ergrauter Mann ein Klaus. Er lächelte und setzte sich zu ihr.
Olga? Sehr erfreut, Gabriele hat viel von Ihnen erzählt.
Sie bestellten Kaffee und begannen, zunächst stockend, dann lockerer zu reden. Klaus erzählte von seiner Arbeit als Ingenieur, von seinen beiden Töchtern, die bereits ausgezogen waren, und davon, wie er nach der Scheidung ein Jahr brauchte, um zu begreifen, dass man neu anfangen kann. Helga sprach über ihren verstorbenen Ehemann, den plötzlichen Verlust, den sie lange nicht verkraften konnte.
Beide trugen ein ganzes Leben hinter sich genug Gesprächstoff, keine Masken, keine Rollen. Zwei erschöpfte, aber nicht gebrochene Menschen, die bereit waren, ein weiteres Kapitel zu schreiben.
Als der Abend endete, begleitete Klaus Helga zur Haltestelle, überreichte ihr ein kleines Sträußchen Gänseblümchen vom Marktstand.
Einfach, aber von Herzen, murmelte er leicht verlegen.
Helga drückte die Blumen an ihr Herz und lächelte breit.
Danke, die Blumen sind wunderschön.
Zu Hause erwartete Lukas sie mit einem Lächeln. Er bemerkte das Sträußchen und sagte schmunzelnd:
Mama, schau dich an! Du strahlst fast wie die Sonne.
Helga lachte und umarmte ihren Sohn, froh, dass er die neue Bekanntschaft akzeptierte.
Plötzlich trat Anke in die Küche, ihr Blick erstarrte, das Gesicht verhärtete sich.
Und was kommt als Nächstes? Wohin führen diese Dates Sie?
Helga stockte.
Anka, ich sagte doch, es ist zu früh, darüber zu reden. Wir kennen uns gerade erst.
Doch das ist zu früh, schnitt Anke scharf zurück. Sie sehen doch, dass dieser Mann nur wegen Ihrer Wohnung auf Sie zukommt. Warum geben Sie ihm das?
Tränen stiegen Helga in die Augen. Lukas sprang auf, packte Ankas Hand.
Anka, was redest du da? Du kennst ihn ja gar nicht! Warum gleich anklagen?
Anke zog die Hand zurück.
Ich verurteile nicht, ich sehe nur. Heute gibt es zu viele Schmarotzer. Nur die Familie ist vertrauenswürdig.
Helga wandte sich ab, ging in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür und ließ sich auf das Bett fallen. Das Sträußchen lag unschuldig auf dem Nachttisch. War Anke vielleicht im Recht? War Helga zu naiv? Der Schmerz ihrer Schwiegertochter schnitt tief, besonders weil sie das vor Lukas sagte.
In den folgenden Wochen trafen sich Helga und Klaus immer wieder. Jeder Ausflug schenkte ihr ein neues Stück Freude Spaziergänge im Park, Kinobesuche, lange Gespräche bei Kaffee und Kuchen. Eines Abends sprach Klaus über die Zukunft.
Olga, ich will nichts überstürzen, aber würdest du mit mir zusammenziehen? Unsere kleine Wohnung wird eng, ich habe ein Ferienhaus am See, wo wir den Sommer verbringen könnten. Ich suche eine feste Beziehung.
Helga lauschte, ihr Herz wärmte sich. Anke würde das sicher nicht gutheißen.
Sie ging nach Hause, um Anke von Klaus’ Worten zu erzählen, doch an der Ecke sah sie Anke mit einer Freundin sitzen. Die beiden lachten laut, während Anke fast schrie:
Ich weiß nicht, was ich noch tun soll! Lukas will ein Kind, ich fühle mich noch nicht bereit. Früher hat man die Schwiegermutter um Hilfe gebeten, jetzt liegt sie in den Wolken ihrer Liebe. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Beziehung beenden, aber sie hört nicht zu!
Helga schlich sich leise zurück, ihr Inneres fror. Anke dachte nur an sich selbst, an ihre Pläne, und Helga war nur die kostenlose Babysitterin.
Beim Abendessen fragte Helga Lukas:
Wie viel fehlt euch noch für die Anzahlung für die neue Wohnung?
Lukas hob überrascht den Blick.
Noch fünfhundert Euro. Aber, Mama, wir wollen dich nicht belasten
Das ist kein Problem, nickte Helga. Ich werde einen Teil meiner Ersparnisse einsetzen, damit ihr euer Eigenheim bekommt.
Lukas sprang auf, umarmte sie.
Mama, danke! Das ist unglaublich!
Anke verzog verärgert das Gesicht. Lukas drehte sich zu ihr.
Anka, sei doch bitte dankbar!
Helga starrte Anke an.
Sie wird mir nicht danken, weil ich nicht länger nur die kostenlose Nanny sein will. Ich habe mich entschieden, mich selbst zu wählen.
Lukas erstarrte.
Was?
Helga erzählte ihm alles von dem Gespräch auf der Straße, von Ankes Plan, sie als Nanny zu benutzen, und warum sie die Beziehung zu Klaus sabotierte.
Lukas wurde bleich, wandte sich an seine Frau, sein Gesicht verzog sich.
Stimmt das, Mama?
Anke schwieg, blickte zu Boden.
Antworte! schrie Lukas.
Sie erwiderte:
Ich wollte nur das Beste für uns. Einen Helfer für das Kind.
Raus hier! Pack deine Sachen und geh! Ich will dich nicht mehr sehen.
Lukas, bist du verrückt?, rief er.
Du hast die Grenze überschritten. Ich reiche die Scheidung ein!
Anke begann zu weinen, doch ihre Tränen erreichten Lukas nicht. Er stellte ihr eine Frist, um die Wohnung zu räumen. Die Tür schlug hinter ihr zu.
Lukas setzte sich, vergrub sein Gesicht in den Händen. Helga setzte sich zu ihm, zog ihn in eine Umarmung.
Es tut mir leid, Mama. Es tut mir leid, dass ich das nicht früher gesehen habe. Ich wollte dich schützen.
Alles wird gut, mein Sohn. Wir schaffen das.
Drei Jahre später.
Das Schrebergartenhaus erblühte im Grün. Die Juliasonne brannte heiß, doch unter dem Pavillon mit dem langen Tisch war es kühl. Helga trug Salate, lächelte. Klaus schwenkte den Grill. Lukas schaukelte den dreimonatigen Max, während seine Frau Irina den Tisch deckte. Klaus Töchter, Katja und Lena, spielten mit dem Baby, kraulten es zärtlich.
Wie süß er ist!, rief Katja, während sie Max am Kinn kitzelte. Lukas, wie bekommst du so einen hübschen Sohn?
Lukas lachte:
Das ist alles Irinas Verdienst, ich habe nichts zu tragen!
Lena setzte sich daneben, machte dem Kleinen Grimassen.
Helga betrachtete das fröhliche Bild, konnte kaum fassen, wie glücklich sie war. Der Sohn schenkte ihr einen Blick, Lukas lächelte ihr zu, und in diesem Lächeln lag Dankbarkeit, Liebe, pure Glückseligkeit.
Helga erwiderte das Lächeln. Alles fügte sich zusammen für sie und für ihn.





