Der Nachbar und sein Freund

Ende August ging das Treppenhaus wie gewohnt vor sich hin: Der Aufzug kreischte, die Müllschachtklappe knallte, die Kinder brachten ihre Scooter nach unten. Heike kam von der Arbeit immer exakt um sieben zurück, und fast jeden Abend hörte man auf dem vierten Stock die Geräusche von Hundefutter und das Klappern von Krallen auf dem Linoleum. Das war ihr Zeichen, dass hinter Tür 47 wieder Klaus Matthäus schlummerte und an der Türschwelle geduldig sein Mischlingshund Mümmel wartete.

Klaus war fast sechsßig, hatte früher als Elektriker im Hausmeisterservice gearbeitet, dann Krankenstand genommen und danach war das Gerücht entstanden, er trinke zu oft. Trotzdem blieb der Hund stets gepflegt: die Wasserschale war immer voll, das Fell sauber, und abends trug Mümmel ein knalliges rotes Halsband, das er wie Klaus erzählte nach seiner ersten nüchternen Prämie bekommen hatte.

Heike bemerkte gern die kleinen Details das Stück Stoff, das Klaus unter die Futternäpfe legte, damit sie nicht klappern; die zusammengefalteten Tüten, die aus seiner Tasche ragten; das leise Danke, das er murmelte, wenn er jemandem im Treppenhaus aus dem Weg ging. Diese Kleinigkeiten milderten die Irritation, die trotzdem kam, wenn aus den Wohnungen laute Rufe oder Geschirrklirren drangen. Niemand konnte verstehen, warum jemand, der so fürsorglich mit einem Tier umging, nicht für sich selbst sorgen konnte.

Anfang September wurde es lauter. Zuerst nur laute Musik nach Mitternacht, dann fing Klaus an, mit dem Radio zu reden und den Sender zu bitten, etwas Menschliches zu spielen. Die Wände wummerten von Bass, und Heikes Gläser zitterten in der Küche. Im Haus-Chat flogen die Beschwerden: Wie lange noch?, schrieb die Nachbarin von oben, Das Kind lässt sich nicht schlafen legen. Der Hausvorsitzende schlug vor, die Polizei zu rufen, andere warnten um den Hund. Das Seltsamste war, dass Mümmel kaum bellte, als wolle er die Lautstärke selbst regulieren.

Heike redete sich ein, ein paar Nächte durchzustehen, dass das alles vorbeigehen würde. Doch am vierten Abend roch es hinter Tür 47 nicht nach Futter, sondern nach säuerlichem Schnaps, und Mümmel kratzte bis zur Haut, um rauszukommen. Klaus reagierte nicht auf das Klopfen. Heike rief die Leitung war tot. Dann ging sie zu ihrer Nachbarin oben, Karin Schulz, und zusammen überlegten sie, was zu tun war. Ohne Geschrei, aber die Anspannung war wie ein zu straffes Gummiband.

Bei der spontanen Versammlung im Treppenhaus flogen die Stimmen durcheinander. Einige wollten die Tür aufbrechen, andere schimpften über den Trinker, wieder andere baten um Mitleid für den Hund. Heike hielt Mümmel an der Leine der Hund hatte sich am Müllschacht festgekratzt und die Tür einen Spalt offen gelassen. Das Fell war feucht vom Atem, die Hüfte zuckte. Vor dem Treppenabsatz stand der Hausmeister, telefonierte mit der Hausverwaltung und erkundigte sich, ob man dem Störenfried den Strom abstellen könnte. Vom Telefon kam die standardmäßige Antwort: Bitte schriftlich beantragen.

Am Sonntagmorgen brach das Chaos endgültig los. Der Flur roch nach Erbrochenem und Medikamenten, Tür 47 stand einen Spalt offen, ein dumpfes Stöhnen drang heraus. Heike wählte 112, erklärte, ihr Nachbar liege bewusstlos, vielleicht an einer Alkoholvergiftung. Die Leitstelle schickte den Rettungsdienst, verlangte die Adresse, das Alter des Betroffenen und den Puls. Heike hielt den Hund mit dem Knie, zählte zitternd die Herzschläge des Mannes dumpf, selten, aber da.

Fünfzehn Minuten später fuhr ein weißer Mercedes Sprinter quietschend über den nassen Hof. Die Sanitäterin, eine mürrische Frau im dunkelblauen Kittel, roch sofort den Geruch im Flur, ihr Gesicht blieb unbewegt. Sie maß den Blutdruck, legte eine Infusion mit Kochsalz und einem Mittel gegen Alkohintoxikation. Die Polizisten, die parallel kamen, machten nur ein Protokoll: LärmBeschwerde aufnehmen, den offenen Türschlüssel notieren. Nachdem sie Klaus abgeholt hatten, durften die Ärzte Mümmel im Haus lassen Heike versprach, ihn zu füttern und auszuführen. Die Tür wurde mit rotem und weißem Klebeband versiegelt, Datum und Unterschrift drunter.

Zwei Tage später, mitten im regnerischen Oktober, roch das Treppenhaus noch nach Desinfektionsmittel, und die Stufen glänzten von nassen Schuhen. Klaus kam früh aus dem Krankenhaus, ein Plastiksack in der Hand, darin ein Kittel und zerknüllte Unterlagen. Er sah aus, als trüge er fremde Kleider: die Schultern verformt, die Augen suchten ein Versteck. Auf der vierten Etage hatten sich die Bewohner versammelt, darunter die Verwalterin Ursula Becker, eine lockige Dame mit Tablet. Heike führte Mümmel aus ihrer Wohnung und brachte ihn leise zu seinem Herrn. Der Hund stupste Klaus Knie an, schwang den Schwanz, und Klaus brach plötzlich in Tränen aus, versuchte sein Gesicht im grauen Fell des Hundes zu verbergen. Das stillte das laute Treiben; sogar Stefan, der Nachbar, der gerade ein Schreiben an den Bezirksbeauftragten vorbereitete, senkte den Blick.

Klaus, begann Ursula bestimmt, wir helfen dir, ein Sozialprogramm zu beantragen. Hast du einen Job? Nein, flüsterte er. Dann entweder Reha oder die Verwaltung wird wegen Lärmbelästigung klagen. Weißt du, was das heißt? Klaus nickte, sah zu Mümmel, als suche er dort einen Hinweis. Heike stand daneben, spürte, wie der Hund zitterte nicht vor Kälte, sondern vor überschüssiger Energie, die keiner mehr auslassen konnte. In diesem Moment wurde Heike klar: Die Entscheidung hängt von allen, aber das Wort muss zuerst vom Betroffenen kommen.

Er hob langsam die Stimme: Ich unterschreibe alles, nur nehmt den Hund nicht weg. Die Stimme war rau, aber fest. Die Nachbarn tauschten Blicke. Ursula seufzte: Niemand will den Hund wegnehmen. Aber die Bedingungen sind: Ruhe nach 22Uhr, kein Schnapsgeruch mehr, wöchentlicher Bericht an den Bezirksbeauftragten. Wir helfen bei den Formularen im Jobcenter und in der Klinik. Sie reichte den Stift, Klaus unterschrieb neben seinem Namen, setzte damit einen neuen Punkt in seiner Geschichte. Der Wendepunkt war geschafft, der Weg zurück ins alte Chaos war versperrt.

Einige Wochen später, seit Klaus die Unterlagen für das RehaProgramm unterschrieben hat, steht er morgens früh auf, wirft seine alte Jacke über die Schulter und geht mit Mümmel spazieren. Der Hund wedelt freudig mit dem Schwanz, blickt ihn mit klugen Augen an. Heike sieht, wie Klaus leise mit Mümmel spricht, als wolle er ihm den Tagesplan anvertrauen oder einfach Danke sagen, dass er da ist.

In der nächsten Woche trafen sich die Bewohner wieder zum Hausbeirat, doch die Stimmung war viel ruhiger. Man redete nicht mehr befehlend, sondern suchte gemeinsam nach Wegen, Klaus zu unterstützen, ihm eine zweite Chance zu geben. Karin brachte Orangen und anderes Obst vorbei, damit er die Fürsorge spürt. Man nickte einander zu, das war ein kleiner, aber echter Geste.

Klaus änderte nach und nach seine Gewohnheiten, er fühlte nicht mehr das Bedürfnis, in die Flasche zu flüchten, sondern verbrachte Abende zu Hause, las alte Bücher und schlüpfte in neue Literatur, um sich abzulenken. Die dumpfen Schläge und betrunkenen Rufe verschwanden aus dem Treppenhaus, ersetzt durch das leise Rascheln von umgeblätterten Seiten und die warmen Erinnerungen an vergangene Tage.

Eines Abends, als Heike von der Arbeit kam, sah sie Mümmel vor Tür47, wie er mit den Hinterbeinen scharrte, und die Absätze ihrer Schuhe rutschten nicht mehr, sondern schützten das Linoleum. Sie lächelte: Der Hund hatte sich offensichtlich an die Ruhe gewöhnt, genauso wie alle anderen. Hinter der Tür hörte man Schritte, und Klaus blickte von der Plattform aus:

Guten Abend! Danke für eure Unterstützung, das bedeutet uns beiden viel, sagte er und streichelte Mümmel über den Kopf.

Heike bemerkte, wie Ursula Becker mit einem Buch in der Hand erschien. Sie reichte es mit einem freundlichen Lächeln:

Ich denke, das passt zu Ihnen. Und wenn Ihnen noch etwas fehlt, sagen Sie Bescheid.

Klaus nahm das Buch, sein Blick war wie bei einem Geschenk von einem alten Freund. Das Buch brachte neue Hoffnungen, vor allem einen gemütlichen Abend im Kreise der Nachbarn.

Auch die anderen sahen, dass Klaus sich mehr um Mümmel kümmerte. Er besuchte öfter die Tierarztpraxis, kaufte kleine Spielsachen und Leckerlis im Laden. Diese kleinen Details fielen nicht sofort auf, aber sie vervollständigten das Bild seines neuen Lebens. Mümmel blieb ein treuer Begleiter und half nicht nur seinem Herrn, über Wasser zu bleiben, sondern war immer da, wenn eine warme Pfote oder ein wachsamer Blick nötig war.

Der Herbst wich dem Winter. Die Tage wurden kürzer, die Abende richtig kalt. Klaus war seltener draußen zu sehen, doch wenn er auftauchte, wirkte er nicht mehr wie ein Schatten, sondern wie ein gewöhnlicher Stadtbewohner. Nachdem er aus der Reha zurückgekehrt war, wusste er, dass dieser Weg erst der Anfang der Veränderung war ein kleiner Schritt, aber ein richtiger Schritt nach vorn.

Kurz vor der ersten Schneeflocke begriff er: Die Nachbarn, die ihn einst kritisiert hatten, waren keine Feinde, sondern seine Verbündeten im Kampf mit sich selbst. Sie respektierten seine Grenzen und er lernte, was es heißt, Teil einer Gemeinschaft zu sein, Teil des Treppenhauses, und dank Mümmel, der alle verbindet.

Der erste Schnee legte alles in ein weißes Deckchen. Vor dem Treppenhaus trafen sich Klaus, Mümmel und Heike.

Was meint ihr, Heike, jetzt ist es endlich ruhig?, fragte Klaus hoffnungsvoll.

Ich glaube schon. Der Fluss ist zugefroren, der Schnee liegt. Das ist ein neuer Anfang für den Hof und für uns, antwortete Heike und sah zu, wie Mümmel neugierig den Schnee schnüffelte und Pfotenabdrücke hinterließ.

Klaus nickte, und dieses einfache Nicken war das Ergebnis ihrer langen Versöhnung. Von da an wusste jeder im Haus: Der Hund bleibt die Brücke, die die Menschen zusammenhält, auch wenn sie manchmal wie auf gegenüberliegenden Ufern stehen.

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Homy
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