Wo hast du meine Ohrringe her?, fragte die Frau, als sie das Foto ihrer Freundin sah.
Greta, guck mal, was Sabine für Urlaubsfotos geschickt hat!, rief Viktor aus der Küche, während er den Zucker in seinem Tee umrührte. Braun wie eine Haselnuss!
Greta schüttelte die Hände am Geschirrtuch ab und ging in die Küche, wo ihr Mann am Tisch saß, Tee trank und durch sein Handy scrollte.
Zeig her, setzte sie sich neben ihn und zupfte ihren Morgenmantel zurecht. Wo waren sie denn diesmal? In der Türkei?
Ägypten, sagt sie. Hier der Strand, da im Restaurant Viktor blätterte weiter. Oh, das ist hübsch! Die waren auf einer Pyramiden-Tour.
Greta betrachtete schweigend die Bilder. Sabine wusste schon immer, wie man sich ins beste Licht rückt schon in der Schule war sie die Anführerin, die alle mochten. Nach dem Studium hatten sie sich aus den Augen verloren, bis sie sich zufällig in der Arztpraxis trafen und wieder Kontakt aufnahmen.
Guck mal, das hier ist mein Lieblingsfoto. Viktor blieb auf einem Bild hängen: Sabine in einem Café, strahlend in die Kamera.
Greta starrte auf den Bildschirm. Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. In Sabines Ohren glänzten vertraute Ohrringe winzige goldene Rosen mit Perlen. Genau die, die Viktor ihr zum Hochzeitstag geschenkt hatte.
Warum trägt sie meine Ohrringe?, fragte Greta leise.
Was? Viktor blickte auf, verdutzt.
Die Rosen mit den Perlen. Die hast du mir geschenkt, erinnerst du dich? Ihre Stimme zitterte.
Viktor musterte das Foto genauer. Ach, Greta. Das sind bestimmt ähnliche. Solche Ohrringe gibts doch überall.
Nein. Es sind dieselben. Sie nahm das Handy, zoomte heran. Hier, siehst du? Auf der linken Rose ist ein kleiner Kratzer. Den habe ich damals am Schrank hinterlassen.
Viktor trank wortlos seinen Tee aus. Gretas Puls raste.
Viktor. Wo sind meine Ohrringe?
Woher soll ich das wissen? Du verwahrst deinen Schmuck doch selbst.
Greta stand auf und ging ins Schlafzimmer, zur Schmuckkommode. Sie durchwühlte jedes Fach die Ohrringe fehlten. Sie suchte im Badezimmer, unter dem Bett, fand nichts.
Viktor!
Was denn jetzt?
Sie sind weg. Nicht in der Kommode, nirgends.
Vielleicht hast du sie im Urlaub verloren?
Welcher Urlaub? Letztes Jahr waren wir bei deiner Mutter! Dieses Jahr gar nicht weg!
Viktor seufzte, stand auf und schaltete den Fernseher ein.
Keine Ahnung, Greta. Vielleicht hast du sie zur Reparatur gegeben?
Wozu? Sie waren doch fast neu. Sie verschränkte die Arme. Viktor. Sieh mich an.
Er wandte sich widerwillig vom Bildschirm ab.
Was?
Weißt du, wo sie sind?
Nein.
Greta setzte sich wieder, nahm ihr Handy und schrieb Sabine:
*Sabine, deine Urlaubsfotos sind toll! Wo hast du die wunderschönen Rosen-Ohrringe her?*
Die Antwort kam schnell: *Danke! Die hat mir ein lieber Mensch geschenkt. Wollte sie schon lange.*
*Welches Geschäft? Vielleicht hole ich mir auch welche.*
*Keine Ahnung, ich hab sie nicht ausgesucht. Aber wozu? Dein Viktor ist doch so knausrig, hast du selbst gesagt.*
Greta legte das Handy weg. Ihr Herz schlug bis zum Hals.
Greta, gibts bald Abendessen?, rief Viktor aus dem Wohnzimmer.
Mach dir selbst was.
Wegen so nem Schmuckstück so ein Theater?
Theater? Das war unser Hochzeitsgeschenk! Zwanzig Jahre Ehe!
Na und? Verloren ist verloren. Kauf ich dir neue.
Darum gehts nicht.
Worum dann?
Dass Sabine sie hat.
Viktor zuckte mit den Schultern. Und?
Viktor hast du sie ihr gegeben?
Eine lange Pause. Der Fernseher plapperte weiter.
Unsinn.
Wie sind sie dann zu ihr gekommen?
Vielleicht hat sie sich selbst welche gekauft.
Greta trat vor ihn hin. Sieh mir in die Augen und sag, dass du sie ihr nicht geschenkt hast.
Er blickte kurz auf, dann weg. Greta, jetzt hör auf. Wegen so was ein Verhör.
Also doch.
Nein! Seine Stimme wurde scharf.
Sie setzte sich. Zwanzig Jahre, Viktor. Wenn etwas läuft, sag es lieber jetzt.
Da läuft nichts! Er sprang auf. Du spinnst! Wegen eines Fotos machst du dich verrückt!
Warum bist du dann so nervös?
Weil du mir auf die Nerven gehst! Arbeit den ganzen Tag, komm heim, und dann das!
Er stürmte in die Küche, knallte die Tür zu. Greta blieb sitzen, starrte ins Leere. Zwanzig Jahre. Ihre Tochter Hanna war schon verheiratet, der Sohn Paul studierte.
Vor einem Jahr hatte Viktor plötzlich Überstunden gemacht, stand oft vorm Spiegel, kaufte neue Hemden. Sie dachte, es sei Midlife-Crisis.
Dann wurde er kälter, umarmte sie seltener, sprach kaum noch über Zukunftspläne. Sie schob es auf Stress er hatte einen anspruchsvollen Job in einer Baufirma.
In der Küche klapperte Geschirr.
Greta öffnete Sabines Social-Media. Fotos vom Urlaub, vom Café, vom Theater. Auf einem Bild entdeckte sie eine Jacke genau wie Viktors dunkelblaue mit Pelzkragen. Aber die Frau darauf war nicht Sabine.
Sie ging zum Schrank. Die Jacke hing noch da. Aber sein hellblaues Hemd fehlte.
Ist Papa da?, hörte sie plötzlich Pauls Stimme.
Paul! Sie umarmte ihn. Nein, er ist in der Garage.
Mama, was ist los? Du siehst blass aus.
Ach, nur müde. Wie läufts im Studium?
Gut. Aber was ist hier los? Papa hat gestern seltsam telefoniert. So lieblich, meine Süße, ich vermiss dich. Dachte, er redet mit dir aber du warst doch arbeiten.
Greta setzte sich aufs Bett. Paul nahm ihre Hand.
Mama hat Papa eine andere?
Ich weiß es nicht.
Hast du es geahnt?
Er war anders in letzter Zeit. Distanziert.
Paul drückte ihre Schulter. Sprecht doch direkt.
Er leugnet alles.
Sie erzählte von den Ohrringen, zeigte Sabines Fotos.
Mama, vielleicht sinds nur ähnliche?
Paul, ich trug sie täglich. Ich kenne jeden Kratzer.
Dann kam Viktor zurück.
Paul! Schön, dass du da bist!
Papa. Wir müssen reden.
Worüber?
Über Ehrlichkeit.
Viktor seufzte. Schon wieder die Ohrringe?
Nicht nur.
Beim Abendessen herrschte Schweigen. Später im Wohnzimmer fragte Greta direkt:
Viktor, hast du eine Affäre?
Er errötete, erbleichte. Was? Wie kommst du darauf?
Meine Ohrringe bei Sabine. Dein seltsames Verhalten. Paul hat dich mit einer Frau sprechen hören.
Viktor ging zum Fenster. Gut. Ehrlich. Ja. Mit Sabine.
Greta schloss die Augen. Wie lange?
Anderthalb Jahre.
Und was jetzt?
Ich weiß nicht. Es war nicht geplant.
Wie nicht ge





