Ich war gerade im Berliner Kaufhaus, als die 90jährige Frau Gerda, gestützt auf ihren alten Holzstock, langsam das Eingangs und Ausgangsportal betrat. Jeder Schritt fiel ihr schwer: Ihr Rücken schmerzte, die Beine zitterten, doch sie ging unbeirrt weiter. Sie war es gewohnt, alles allein zu erledigen ohne fremde Hilfe, ohne Mitleid, ohne Klagen.
Zwischen den Regalen blieb sie lange stehen. Sie griff nach einem Laib Roggenbrot, legte ihn dann wieder zurück zu teuer. Ihre Blicke streiften eine Packung Sonnenblumenöl, sie drehte den Preisschild um und seufzte tief. Alles um sie herum wirkte fremd und gleichgültig. Menschen eilten vorbei, Mobiltelefone klingelten, Einkaufswagen rumpelten, und sie stand allein unter Dutzenden gleichgültiger Augen.
Kurz bevor sie das Ende des Gangs erreichte, zuckte plötzlich ein stechender Schmerz durch ihr Bein, und sie stürzte auf den kalten Boden, ließ den Stock fallen.
Ach Herr Gott , flüsterte sie, während sie sich mühsam aufrappelte.
Einige Leute drehten sich um. Der eine runzelte die Stirn, ein anderer zuckte mit den Schultern, ein Dritter tat so, als hätte er sie nicht gesehen. Eine Frau am Regal suchte weiter nach Joghurt, ein Mann an der Kasse warf einen flüchtigen Blick auf die Szene und ging weiter.
Gerda versuchte aufzustehen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Sie zog sich mit dem Stock hoch und fiel erneut. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie streckte die Hand aus, hoffte, dass jemand ihr helfen würde, doch niemand kam. Ein junger Mann zog sogar sein Handy heraus, um das Geschehen zu filmen.
Dann begann sie zu kriechen, schwerfällig, die Hände an den Fliesen entlangrutschend. Der Stock klapperte neben ihr, während die Leute stumm an ihr vorbeigingen. Kein einziges Lächeln, keine helfende Hand.
Plötzlich jedoch trat ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt, mit einem Plüschbären im Arm zu ihr. Er kniete sich neben sie, sah Gerda in die Augen und sagte leise:
Oma, tut das wehtun? Wo sind Ihre Kinder?
Gerda erwiderte den Blick, Tränen glänzten nun nicht mehr vor Schmerz, sondern vor Erleichterung. Das Mädchen ihr Name war Leni streckte ihre kleine Hand aus und versuchte, die alte Dame aufzurichten.
Ihre Mutter, die das alles beobachtet hatte, eilte herbei, hob Gerda behutsam auf eine Bank neben dem Ausgang und rief den Rettungsdienst. Leni hielt die Hand der Großdamen die ganze Zeit fest und murmelte beruhigend:
Hab keine Angst, alles wird gut.
Als der Krankenwagen eintraf, herrschte im Supermarkt erstarrende Stille. Menschen, die noch eben abgewendet hatten, starrten nun auf den Boden.
Manchmal genügt ein einziges gutes Herz, um den anderen zu zeigen, dass sie ebenfalls Menschen sind.
An diesem Tag zeigte die Menschlichkeit nicht die wütende Menschenmenge, sondern das kleine Mädchen mit dem Teddybär.





