Hey du, lass mich dir was erzählen, das mir neulich im Kopf herumspukt so ein bisschen von meiner Oma, meiner eigenen Generation und dem ganzen Wirrwarr um das Alter.
Meine Oma, Helga Müller, wurde erst mit 44 zur Oma. Und im selben Moment passte sie sich plötzlich völlig ihrer neuen Rolle an. Nein, sie lief nicht mehr mit einem bunten Kopftuch und einem Stock herum, sie sah bis ins hohe Alter hinnehmbar und würdevoll aus. Ich erinnere mich noch, wie wir zusammen ein knallrotes Puppenkleid genäht haben. Ich war total aus dem Häuschen und fragte sie: Willst du sowas eigentlich tragen? Sie lachte nur und meinte: Ach was, ich bin doch Oma! Dieses Ich bin doch Oma war ihr in allem ein Mantra. Sobald ihr erster Enkel kam, schlüpfte sie sofort in das Bild, das die Gesellschaft und sie selbst gezeichnet hatten, und lebte so bis zuletzt genauso wie fast jede Frau in ihrem Umfeld.
Heutzutage hört man von den übervierzigern, dass ihnen schon alles Mögliche widerfahren ist und das Leben in ständiger Veränderung kaum noch zu ertragen sei. Aber gerade diese Generation hat die alten Schranken, die Traditionen und die Vorstellungen vom richtigen Alter eingerissen. Stell dir mal vor, du würdest eine Frau, die gerade mal über vierzig ist, sofort Oma nennen das wäre doch absurd, oder? Sie ist noch immer eine junge Frau, vielleicht nicht mehr die frischeste Jungfräulein, aber immer noch ein Mädchen im Herzen. Ihre Psyche richtet sich auf Jugend, nicht umgekehrt.
Einmal probierte ich etwas Neues aus, und nach vier Tagen war mein Gehör wieder da der Arzt meinte, das sei normal! In der heutigen Zeit kann man das Alter einer Frau kaum noch exakt einschätzen, höchstens anhand von Begleitumständen. Ich sitze oft im kleinen Café am Spreebogen, wo die Barista, Lena Wagner, meine Kaffeewünsche schon kennt. Wir tauschen immer ein paar lockere Zeilen aus. Sie ist klein, zierlich, echt hübsch wirkt wie eine frischgebackene Studentin. Letztens, als ich reinsah, stand ein riesiger, breitschultriger Typ fast zwei Meter groß an ihrer Seite. Ich dachte, ist das ihr Freund? Sie ist doch doch die kleine Maus, während er ein Bär ist! Doch er beugte sich über die Theke, küsste sie und flüsterte: Mama, kannst du mir ein paar hundert Euro leihen? Wenn mir jemand gesagt hätte, das wäre ihr Sohn, hätte ich kaum überrascht reagiert
Das Schönste an der modernen Frau ist, dass sie selbst bestimmen kann, wie sie aussehen will und welches Alter sie tragen möchte. Sie kann Zöpfe und Tattoos im Badebereich haben, High Heels und tief ausgeschnittene Kleider, Sneaker und zerrissene Jeans, Zitronenblusen, enge Röcke und Hüte je nach Saison. Und ja, rote Kleider, MiniKleider, sogar mit verführerischem Reißverschluss über den Rücken, sind völlig okay. Keiner zuckt mit den Schultern oder schüttelt den Kopf. Wenn doch, dann egal dem ist das völlig egal.
Erinnere dich an den Spruch: Wenn die Jugend wüsste, wenn das Alter könnte der gibts heute nicht mehr. Die Generation um die Vierzig hat das wie einen weißen TischtuchBleach weggeschrubbt. Wir wissen jetzt alles, können aber immer noch aktiv etwas bewegen. Dieses ungewöhnliche Alter schwebt zwischen den Ufern die Alten schieben es zurück, die Jungen schauen skeptisch. So treibt das Schiff ganz eigenständig, genießt den Rausch der eigenen Abenteuer.
Und jetzt das Wichtigste, das ich erst neulich richtig kapiert habe: Mit dem Alter werden die Möglichkeiten nicht kleiner, sondern größer. Wir müssen uns nicht mehr suchen, wir haben uns bereits gefunden und können jetzt mit Freude unser Können verfeinern oder neue Techniken ausprobieren alles, was uns glücklich macht. Wir müssen nicht mehr mit jedem quatschen, den wir treffen, sondern konzentrieren uns darauf, die Menschen zu behalten, die unser Herz berühren. Wir können uns den Luxus gönnen, einfach nur angenehme Kontakte zu pflegen, statt früher nur das Nötigste zu suchen. In der Liebe, im Intimem suchen wir Qualität, weil wir wissen, dass Quantität das nicht ersetzen kann und wir geben der Jugend gern einhundert Punkte voraus.
Wir zwingen die Kinder nicht, schneller zu wachsen, weil wir das schon erlebt haben. Stattdessen wollen wir ihre Kindheit genießen und ihnen geben, was uns selbst gefehlt hat. Wir haben lange gemerkt, dass man nicht alles mit Geld kaufen kann weder Glück, noch Gesundheit, noch Treue. Und wir wissen, dass der Weg zum Ziel oft wichtiger ist als das Ziel selbst. Wer den Prozess nicht feiern kann, wird selten vom Ergebnis begeistert sein. Wir haben alles erlebt, aus Fehlern gelernt und fühlen, wie schnell die Zeit vergeht. Das Bild unseres Lebens ist gemalt, jetzt ist die Zeit, es mit kleinen Details und feinen Strichen zu vollenden das macht aus einem Maler einen Meister und aus dem Bild ein Kunstwerk.
Wenn du das alles verstehst, merkst du plötzlich: Jetzt, in diesem Moment, sind deine Möglichkeiten grenzenlos. Du kannst tanzen lernen, singen, Harfe spielen, Sprachen studieren, tauchen gehen, reiten, Ski oder Rollschuh fahren. Glasvasen blasen, Auto fahren, Weihnachtskugeln bemalen, Kajak fahren, Mosaik legen, Bienen halten, Spielplätze streichen, Töpfe formen, mit Perlen oder Stickgarn sticken, Kuchen backen, Kraut einlegen oder Nudeln selbst machen. Du kannst reisen und Dinge sehen, von denen du nur gehört hast. Du kannst dir einen Hund (wie den Dackel Fritz) oder eine dritte Katze (Minka) holen, einen eigenen Film drehen oder auf der Bühne stehen, aufs Land ziehen oder endlich das lange Aufgeschobene anfangen das, wovon du dein ganzes Leben geträumt hast. Du kannst in einen neuen Roman eintauchen, ein weiteres Kind bekommen, oder einfach allein durch den Park spazieren, im Nebel einen Schluck heißer Schokoladenkaffee oder Melissentee genießen und jeden Schluck des Herbstes, des Lebens auskosten.
Wir wissen jetzt, dass die Zeit nicht unendlich ist, also sollten wir unser Alter, das voller unbegrenzter Möglichkeiten steckt, umso mehr schätzen. Du siehst, es ist nie zu spät, etwas Neues zu wagen und das ist doch genau das, was das Leben so spannend macht. Bis bald, drück dich!





