Wir wollten es nicht, es geschah einfach so

Wir wollten das nicht, es ist einfach passiert.
Liselotte Müller stellte die Schale mit Omelett auf den Tisch und setzte sich gegenüber zu ihrem Freund Max Schmitt. Die Sonne schien durch die leichten Vorhänge und tauchte alles in ein warmes, goldgelbes Licht. Sie stützte ihr Kinn mit der Hand und lächelte.

Max ließ das Handy beiseite.

Gefällt dir das? Und was hat dich an ihr so begeistert?
Alles!, jubelte Liselotte plötzlich. Gestern habe ich mit ihr gequatscht und wir haben gemerkt, dass wir total viel gemeinsam haben. Sie liebt Klettern, geht in dieselbe Kletterhalle wie ich früher, liest dieselben Bücher. Es ist, als hätte man mich kopiert und ins Büro gesetzt.

Max lachte und griff nach seinem Kaffee.

Klasse, du hast ja lange eine Kollegin gebraucht.
Genau!, sagte Liselotte, nahm die Gabel, aber ließ sie erst einmal liegen. Sie wollte weiter reden. Und sie steht total auf Wandern. Wir haben schon für nächsten Monat einen Trip ausgemacht. Sie erzählt alles ganz ehrlich, ohne diese ganze Show.

Max nickte, während er ein Stück Brot abbiss.

Klingt super. Wirst du uns vorstellen?
Klar! Lass uns am Wochenende ein Abendessen machen. Ich koche was Leckeres, wir sitzen gemütlich zusammen.
Machen wir, sagte Max locker. Warum nicht.

Liselotte nickte zufrieden und machte weiter das Omelett. Innen fühlte sie sich wie im siebten Himmel. Sie hatte einen tollen Job, einen wunderbaren Freund, mit dem sie seit drei Jahren zusammen war, und jetzt noch eine neue Freundin, mit der alles so leicht lief. Das Leben schien fast perfekt.

Zwei Wochen später organisierte Liselotte ein Abendessen bei sich. Sie putzte die Wohnung bis zum Glänzen, bereitete Max Lieblingsgericht zu Ofenhähnchen mit Rosmarin. Ihre Freundin Klara Weber kam mit einem Strauß Tulpen und einem Kuchen.

Lisel, das ist ja richtig gemütlich hier!, rief Klara, während sie sich umsah. Man will gar nicht mehr gehen.

Liselotte lachte und nahm die Blumen entgegen.
Danke. Max, das ist Klara. Klara, das ist Max.

Max streckte die Hand aus und lächelte.
Freut mich. Lisel hat so viel von dir erzählt, ich fühle mich fast, als würde ich dich schon hundert Jahre kennen.
Gleichfalls, sagte Klara und schüttelte ihm die Hand. Sie redet ständig, du bist der geduldigste Mensch überhaupt.

Max zwinkerte Liselotte. Da braucht man ja Geduld, bei so einer aktiven Frau.

Der Abend verlief fantastisch. Max und Klara fanden sofort einen gemeinsamen Nenner beide lieben alte Filme und Rock aus den siebziger Jahren. Sie diskutierten leidenschaftlich über ihre Lieblingsfilme und stritten darüber, welcher besser ist.

Liselotte saß dazwischen und beobachtete das Gespräch, ihr Lächeln blieb nicht weg. Ihre beiden Lieblingsmenschen hatten sich angefreundet. Was könnte besser sein?

Nach diesem Abend trafen die drei sich öfter. Sie gingen ins Kino, zu Ausstellungen, machten Ausflüge in die Natur. Max schlug sogar öfter vor, Klara mit einzuladen, weil es mit ihr nie langweilig wurde. Liselotte freute sich riesig.

Doch nach und nach fiel ihr immer mehr Kleinigkeiten auf. Max blieb öfter länger im Büro, obwohl er früher immer pünktlich ging. Er schrieb ihr tagsüber seltener, rief kaum noch einfach so an. Wenn Liselotte Themen wie eine neue Wohnung oder eine Hochzeit ansprach, bekam sie nur knappe, ausweichende Antworten, als würde das alles zu schwer für ihn sein.

Auch Klara änderte sich. Manchmal erwischte Liselotte einen flüchtigen, prüfenden Blick von ihr, als wolle Klara etwas sagen, dann lächelte sie wieder und wechselte das Thema.

Eines Abends saß Liselotte im Wohnzimmer, während Max in der Küche etwas zubereitete. Sein Handy lag auf dem Tisch neben ihr und plötzlich leuchtete der Bildschirm eine Nachricht.
Liselotte blickte reflexartig darauf. Es war von Klara, fast Mitternacht. Der Text war kurz: Danke für den schönen Tag heute.

Liselotte erstarrte. Ihr Herz pochte unangenehm. Sie legte das Handy weg und starrte an die Wand. Was sollte das bedeuten? Wann hätten sie sich heute getroffen? Max hatte gesagt, er sei wegen der Arbeit spät nach Hause gekommen.

Sie schob die Gedanken beiseite und überlegte, dass sie sich vielleicht zufällig irgendwo über den Weg gelaufen sind oder über ein Arbeitsprojekt gesprochen haben, obwohl Max ja bei einer anderen Firma arbeitet. Sie schämte sich für ihre Eifersucht und redete sich ein, dass sie nur gute Freunde seien und sie das Problem sich nur einbildete.

Doch das ungute Gefühl blieb.

Im März fuhren die drei zusammen zu einer Hütte in den bayerischen Alpen. Der Trip war lange geplant; Liselotte träumte von Wochenenden in der Natur, Spaziergängen im Wald und Abenden am Lagerfeuer. Klara war sofort Feuer und Flamme, und Max unterstützte die Idee. Sie buchten ein kleines Häuschen am See, packten Zelte und Kletterausrüstung ein.

Schon am ersten Tag war die Stimmung komisch. Liselotte bemerkte, wie Max und Klara sich immer wieder Blicke zuwarfen und plötzlich verstummten, sobald Liselotte den Raum betrat. Am zweiten Tag wanderten Max und Klara lange allein am See, während Liselotte nach einem Kletterausflug ausruhte. Max erklärte, er habe Klara nur den Weg zur alten Kapelle gezeigt, von der ein örtlicher Förster erzählt hatte.

Liselotte nickte, doch innerlich zog sich etwas zusammen.

Am Abend des letzten Tages saßen alle am Feuer. Beide wirkten verwirrt und schuldig. Max wich Liselottes Blicken aus, Klara ebenso. Liselotte versuchte, das Gespräch zu öffnen, doch sie bekamen nur kurze, einsilbige Antworten.

In der Nacht konnte Liselotte kaum schlafen. Es fühlte sich an, als wäre etwas unwiederbringlich zerbrochen.

Eine Woche nach der Rückkehr schrieb Max ihr: Lisel, wir müssen reden. Lass uns im Café treffen.
Liselotte sah auf den Bildschirm, ein ungutes Gefühl kroch in ihr.

Um fünf Uhr kam sie zum Café. Max saß schon am Fensterplatz, daneben Klara.
Liselotte blieb kurz in der Tür stehen, wollte fast umkehren, doch die Füße trugen sie zu ihrem Tisch. Sie setzte sich, die Jacke noch an.

Was ist los?, fragte sie.

Sie sah abwechselnd zu Max und zu Klara, beide hatten ein schuldhaftes Gesicht. Max schwieg lange, zerknüllte ein Stück Serviette. Schließlich hob er den Blick.

Lisel, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Wir hatten das nicht geplant. Es ist einfach passiert.

Liselotte ballte die Hände unter dem Tisch.

In den Alpen haben wir endlich gemerkt, dass dass wir uns ineinander verliebt haben, flüsterte Max. Wir haben versucht, dagegen anzukämpfen, doch wir können es nicht länger verbergen.

Klara fing an zu weinen, die Tränen liefen über ihr Gesicht und verwischten das Augen-Makeup.

Lisel, es tut mir so leid. Ich wollte dir keinen Schmerz zufügen. Du bist meine beste Freundin. Aber das das ist stärker als wir.

Klara streckte die Hand nach ihr aus.

Liselotte zog die Hand zurück. In ihr brodelten Wut, Enttäuschung und Schmerz ein Knoten, der sich im Hals festgesetzt hatte.

Stärker als ihr?, fragte sie und sah sie beide an. Ihr habt hinter meinem Rücken während ich von Hochzeit, Kindern und Zukunft geträumt habe? Wie konntet ihr so mit mir umgehen? Was habe ich euch getan?

Lisel, wir wollten das nicht, begann Max.

Nicht gewollt?, schrie Liselotte lauter. Ein paar Gäste drehten sich um, aber es war ihr egal. Ihr habt euch heimlich getroffen, nachts Nachrichten geschrieben! Und jetzt sagt ihr, ihr hättet es nicht gewollt? Das ist Verrat, Max. Das Schlimmste, was du mir tun konntest.

Max senkte den Blick. Ich weiß, ich habe dich betrogen. Ich will nicht mehr lügen.

Und du, Klara?, wandte sich Liselotte an sie. Du hast gesagt, ich sei deine beste Freundin. Wie konntest du das?

Klara schluchzte und vergrub das Gesicht in den Händen.

Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass es so weit geht. Wir haben nur zusammen Zeit verbracht, geredet und dann ist es mehr geworden.

Liselotte stand auf, der Stuhl knarrte laut. Sie griff nach ihrer Tasche und warf einen letzten Blick auf die beiden.

Ich will euch nie wieder sehen. Nie.

Sie verließ das Café, die Kälte draußen hüllte sie ein. Tränen liefen über ihr Gesicht, doch sie wischte sie nicht ab. Sie lief, ohne auf die Richtung zu achten, bis sie an die UBahn-Station kam.

Am nächsten Tag stellte Liselotte einen Antrag auf Versetzung in die Münchner Zweigstelle. Der Chef war überrascht, fragte aber nicht nach Gründen. Sie war geschätzt, die Versetzung wurde schnell genehmigt.

Klara versuchte anzurufen, doch Liselotte blockierte die Nummer. Max schickte ein paar Nachrichten, die sie löschte, ohne zu lesen. Max holte seine Klamotten aus der Wohnung, während Liselotte noch nicht zu Hause war. Sie kehrte in die leere Wohnung zurück, stand lange mitten im Zimmer und starrte auf die Stelle, wo früher Max Turnschuhe standen.

Zwei Wochen später war Liselotte bereits in München. Sie richtete die neue Wohnung ein, die Eltern waren skeptisch, aber Liselotte hatte beschlossen, neu anzufangen ohne Erinnerungen an Max und Klara.

Die ersten Monate waren hart, doch sie ging wieder klettern, jetzt allein. Das half ihr.

Eines Tages schrieb eine gemeinsame Bekannte aus Berlin: Max und Klara wohnen jetzt zusammen, seit zwei Monaten.
Liselotte las die Nachricht und legte das Handy weg.

Der Schmerz blieb, aber er wurde leiser. Sie weinte nicht mehr nachts, drehte die letzten Treffen nicht mehr im Kopf. Sie lebte weiter, Schritt für Schritt, Tag für Tag.

Liselotte verlor nicht nur ihren Freund, sondern auch das Vertrauen in die Ehrlichkeit anderer, das Vertrauen, dass Freundschaft wirklich echt sein kann und dass Liebe nicht so leicht verraten wird. Trotzdem beschloss sie, ihr Leben wieder aufzubauen diesmal vorsichtiger, wenn sie neue Menschen hereinlässt.

Der Schmerz wird noch lange bei ihr bleiben, doch Liselotte weiß: Sie wird es schaffen, weil sie keine andere Wahl hat.

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Homy
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