Kauf dir noch etwas Schönes!

Ich kauf mir noch etwas, flüsterte sie im Traum, während das Zimmer sich in ein Kaleidoskop aus umgedrehten Schränken und offenen Kisten verwandelte.
Kein Ring! schrie Lieselotte, die Stimme hallte wie ein Echo durch das zerwühlte Schlafzimmer. Mein SmaragdRing ist nirgends mehr zu finden!

Sie stand schwankend inmitten des Chaos, die Hände zitterten vor wachsender Panik. Der Ring war ihr ganzer Stolz gewesen ein Geschenk, das sie für die erste große Auszeichnung erhalten hatte, ein Symbol dafür, wie sie sich in der Firma nach oben gekämpft hatte. Und nun war er wie vom Erdboden verschluckt.

Andreas, müde von einem Anruf, atmete tief durch.
Lisel, das kann doch nicht einfach verschwunden sein. Du hast ihn doch sicher wo hingetan, wo du ihn immer ablegst.
Ich weiß es genau, drehte Lieselotte sich zu ihm, die Augen glühten. Außer in der Schatulle auf dem Kommode lege ich ihn nie hin. Du kennst mich.

Andreas zuckte die Schultern.
Wir finden ihn schon. Mach dir nicht so einen Kopf.

Liselottes Stimme wurde schrill.
Kein Kopf? Das ist keine Kleinigkeit, Andreas, das ist ein wertvoller Gegenstand Das war meine Schwester, Kristine, die ihn genommen hat. Genau! Niemand sonst!

Andreas runzelte die Stirn, legte das Handy beiseite und sah sie mit kaum verhohlener Verärgerung an.
Du schiebst wieder alles auf dich. Kristine würde das nie tun.
Ja? Und wer hat die letzten drei Monate in unserer Wohnung herumgestöbert, während wir arbeiten waren? Ich will, dass sie den Ring sofort zurückgibt. Wir fahren jetzt zu ihr.

Andreas presste die Hände an die Stirn. Lieselotte sah, wie sich seine Schultern verkrampften, seine Lippen zu einer dünnen Linie wurden. Er wollte die Fahrt nicht, wollte den Streit nicht. Doch sie zog nicht zurück.

Liesel, lass das lieber. Was will sie denn mit deinem Ring?
Weil er schön und teuer ist. Machen wir uns gleich auf den Weg.

Mit einem widerwilligen Seufzen folgte Andreas ihr nach außen, und das Auto fuhr durch neblige Felder, die wie aus Watte gezogen schienen. Jeder Kilometer zog sich wie ein zäher Faden, während Andreas nur gelegentlich schräge Blicke zu ihr warf, voll stiller Vorwürfe.

Nach einer Stunde erreichten sie das Haus der Eltern von Andreas in einem kleinen Dorf nahe Berlin. Das Tor quietschte, die Stille lag schwer wie ein Bett aus alten Vorhängen. Lieselotte sprang aus dem Wagen, die Hände umklammerten ihr Handy, das innere Feuer brannte lichterloh.

Die Schwiegermutter, Frau Müller, öffnete die Tür und erstarrte, als sie das Paar sah. Ihr Gesicht war ein Bild des fassungslosen Erstaunens.
Andreas, Lieselotte? Was ist denn passiert? Wir haben euch nicht erwartet.

Wo ist Kristine? schnappte Lieselotte, ohne ein Wort zu verlieren.

Sie ist zu Hause, stammelte Frau Müller, ließ sie hinein. Sie kam erst gestern von euch.

Im Wohnzimmer saßen Schwiegervater, Schwägerin und Kristine, die den Kopf hob, als sie die beiden sah, und ihre Augen wurden groß.

Kristine, du musst meinen Ring zurückgeben, und zwar ohne Tricks, sagte Lieselotte, die plötzlich mitten im Raum stand.
Ein drückendes Schweigen legte sich über das Zimmer. Der Schwiegervater erhob sich langsam vom Stuhl.

Wer hat dir das Recht gegeben, hier so aufzutreten? seine Stimme war tief, drohend. Beschuldigst du unsere Tochter des Diebstahls?

Ich stelle nur die Tatsache fest, antwortete Lieselotte unbeirrt, ihr Herz hämmerte wie ein Trommelwirbel im Hals. Mein SmaragdRing ist verschwunden, seit Kristine ausgezogen ist. Es war niemand sonst in der Wohnung.

Meine Tochter würde so etwas nie tun!, kreischte die Schwiegermutter. Du beleidigst unsere ganze Familie!

Dann lass sie doch erklären, wo der Ring ist. Beeil dich, meine Geduld ist am Ende.

Andreas stand blass an der Tür, schweigend, die Blicke zwischen Frau und Schwester hin und herwechselnd.

Kristine brach plötzlich in ein Schluchzen aus, ihre Unterlippe vibrierte, Tränen flossen.

Ich ich wollte ihn nur kurz anprobieren. Er ist so schön. Und ich dachte, du bemerkst es nicht, wenn ich ihn zurücklege

Liselotte erstarrte. Sie hatte jede Reaktion erwartet Verneinungen, Empörung, einen Anfall aber nichts Vergleichbares.

Du hast Mitleid?, hauchte sie, während eine Welle der Wut in ihr aufstieg. Ja, ich habe Mitleid! Ich habe drei Monate Überstunden geschoben, um diesen Ring zu verdienen! Und du nimmst ihn einfach, ohne zu fragen! Das ist doch verrückt!

Lisel, beruhige dich, versuchte der Schwiegervater, du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Das Mädchen ist jung, will nur schöne Dinge. Du hast doch alles: guten Job, Mann, Wohnung. Lass sie den Ring tragen, sie wird an dich denken. Du kaufst dir etwas Neues.

Sie schienen ernst zu sein? Zu glauben, dass sie ihr eigenes Eigentum hergeben sollte, nur weil die Schwester es begehrt?

Lisel, sei doch menschlicher, legte die Schwiegermutter die Hände auf ihre Schultern, umarmte sie. Kristine will dir nichts Böses. Sie bewundert deinen Ring, träumt davon. Du hast alles Arbeit, Mann, Haus. Sie fängt gerade erst an. Sei nicht egoistisch.

Liselotte wandte sich an ihren Mann, suchte in seinen Augen ein wenig Unterstützung, ein Wort, das sie verteidigen könnte. Doch Andreas schüttelte nur den Kopf, wich ihrem Blick aus.

Du reagierst zu heftig, Liesel, sagte er schließlich. Es ist nur ein Ring, nicht das Ende der Welt.

Ein Ring ihr Erfolg, ihre Freude, ihr Besitz plötzlich bedeutete er nur noch ein Stück Metall im Traum. Liselotte stand zwischen Menschen, die sie drei Jahre lang als Familie gekannt hatte, und erkannte plötzlich, wie sehr sie sich geirrt hatte.

Ihre Hände beruhigten sich, ein eisiger Frieden breitete sich aus. Sie zog das Handy aus der Tasche, wählte drei Ziffern und richtete es zur Schwiegermutter.

Ich gebe euch noch zwei Minuten, sagte sie kühl. Entweder ihr gebt mir den Ring zurück, oder ich rufe die Polizei.

Du wagst es nicht! brüllte der Schwiegervater, das Gesicht gerötet.

Wir werden sehen, antwortete Liselotte unbeirrt.

Kristine schrie laut, klammerte sich an ihre Mutter. Die Schwiegermutter blickte mit zerstörerischen Augen, schwieg aber.

Die Zeit läuft, erinnerte Liselotte.

Andreas!, flehte die Schwiegermutter. Sag doch etwas zu deiner Frau! Stoppe sie!

Aber Andreas starrte nur auf den Boden. Liselotte lächelte bitter. Sie griff nach dem Aufrufknopf.

Okay, okay!, kreischte Kristine, rannte ins Schlafzimmer und kam nach einer Minute zurück, eine samtene Schachtel in der Hand. Sie warf sie auf den Tisch vor Liselotte.

Nimm! Dein glitzernder Ring! Du Geizige, geizige Nörglerin!

Liselotte öffnete die Schachtel der Ring lag darauf, der Smaragd funkelte im Licht der alten Lampe. Sie steckte ihn ein, versteckte ihn im Ärmel ihrer Jacke.

Ich dachte, du bist normal, schluchzte Kristine, wischte sich die Tränen ab. Aber du bist gierig und böse.

Liselotte drehte sich zur Tür, ihr Blick war hart.

Wenn ich so schlecht bin, warum habe ich dann drei Monate in deiner Wohnung gelebt? Ich habe dein Internet, dein warmes Wasser genutzt? Und warum hast du mich gebeten, deine Kurse zu bezahlen? Erkläre mir das.

Kristine verzog das Gesicht, drehte sich um.

Liselotte wandte sich wieder zu Andreas. Er stand gebeugt, den Kopf gesenkt, ein armseliger Anblick.

Ich habe nicht erwartet, dass du so bist, Andreas. Aber angesichts deiner Familie Es wäre seltsam, wenn du anders wärst.

Sie reichte ihm die Autoschlüssel.

Was?

Das Auto ist auch meins. Ich habe es aus meinem Geld gekauft. Gib mir die Schlüssel.

Lisel

Schlüssel! rief sie und riss ihm die Hand.

Andreas griff in die Tasche, übergab ihr schweigend die Schlüssel. Liselotte knetete sie zu einer Faust und drehte sich ein letztes Mal zur Tür.

Ich hole deine Sachen morgen, und dann reiche ich die Scheidung ein.

Sie ging, ohne zu warten.

Ein Monat später war die Scheidung offiziell. Liselotte sah auf den Kommodenschrank. Die Schatulle stand wie immer dort, auf einem Samtkissen glitzerte ihr SmaragdRing.

Das Handy vibrierte, wieder eine Benachrichtigung. Früher war es ein Sturm aus Vorwürfen: Sie ist gefühllos, kaltherzig, zerstört die Familie. Jetzt blockierte sie nur die Nummern, wie sie es mit Dutzenden anderen getan hatte.

Ohne Andreas wurde das Leben leicht und frei. Die Probleme seiner Familie berührten sie nicht mehr. Ob Kristine nun Arbeit fand oder nicht, war ihr egal. Sie dachte nicht mehr darüber nach, wie das Haus ihrer Schwiegereltern den Winter überstehen würde.

Liselotte schmiedete Pläne nur für sich selbst, wollte die Feiertage mit denen verbringen, die sie wirklich liebte.

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Homy
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Kauf dir noch etwas Schönes!
„Das Späte Erwachen einer Schwiegermutter“