Ein Engel namens Andreas
Katja war bereits fertig angezogen, als Ingo ins Büro kam.
“Bist du allein?”, fragte er und trat näher.
“Ja.”
“Ich komme heute Abend vorbei. Ich habe gute Neuigkeiten für dich”, flüsterte Ingo. Gerade als er Katja umarmen wollte, hörte man Schritte vor der Tür. Sofort trat er zurück und ging zur Tür.
“Bis heute Abend”, sagte er und verließ das Büro.
Am Aufzug stehend hoffte Katja immer noch, dass Ingo ebenfalls kommen und sie nach den Neuigkeiten fragen könnte. Hatte er sich endlich entschieden, seine Frau zu verlassen? Vielleicht blieb er sogar über Nacht? Dann musste sie schnell Abendessen vorbereiten. Hätte sie nur morgens das Fleisch aus dem Gefrierfach genommen, dann wäre es jetzt aufgetaut. Gut, dass sie gestern eine Flasche Wein gekauft hatte.
Vor Ungeduld tippelte sie mit dem Fuß. Sie beeilte sich nach Hause, um alles rechtzeitig fertig zu haben. Endlich kam der Aufzug.
Zu Hause holte sie sofort das Fleisch aus der Tiefkühltruhe und tat es in die Mikrowelle zum Auftauen. Erst dann zog sie sich um, während sie schnell durchs Zimmer blickte. Alles sah ordentlich aus.
Als sie anfingen, sich zu treffen, hatte Ingo sich beschwert, dass seine Frau nicht arbeite, den ganzen Tag zu Hause sitze, aber nicht einmal das Abendessen schaffe. Stattdessen vertrödele sie ihre Zeit mit Shopping, Schönheitssalons und Fitnessstudios. Katja hatte sich das gemerkt. Vor seinem Besuch putzte sie gründlich und kochte etwas Leckeres. Ingo aß jedoch nie richtig, manchmal kostete er nur. Meistens landete das Essen im Müll. Er kam zweimal die Woche, wenn er seinen Sohn zum Sportverein brachte. Sie hatten etwa eine Stunde. Katja weinte nicht, machte keine Vorwürfe, verlangte nichts. Die perfekte Geliebte.
Ihre ältere Schwester hatte jahrelang einen verheirateten Mann getroffen, doch er verließ seine Frau nie. Als sie Schluss machte, starb er an einem Herzinfarkt. Deshalb hatte Katja sich geschworen, sich nie auf verheiratete Männer einzulassen. Doch bekanntlich sagt man nie nie.
Vor Ingo war sie vier Jahre mit einem Mann zusammen, der sie nie heiraten wollte. Dann sah sie ihn im Café mit einer anderen Frau, als sie nach der Arbeit mit einer Freundin vorbeikam. Sie packte seine Sachen in einen Koffer und stellte ihn in den Flur.
Nachdem er gegangen war, weinte sie die ganze Nacht. Später bereute sie, ihn so schnell rausgeworfen zu haben. Mit der Zeit versuchte sie es mit anderen Männern, doch es passte nie. Früher fuhr Niklas sie zur Arbeit, jetzt verlor sie viel Zeit mit dem Bus. Katja kündigte und fand einen Job nur zwei Haltestellen entfernt, sodass sie jetzt zu Fuß ging.
Bei der neuen Arbeit fiel sie sofort dem stellvertretenden Direktor auf, einem gutaussehenden Mann, der irgendwie an den Schauspieler Dieter Hallervorden erinnerte.
Eine Kollegin, die mit ihr im selben Büro arbeitete, bemerkte sein Interesse und warnte Katja: Er sei verheiratet und habe einen Sohn. Katja war enttäuscht. Ingo gefiel ihr ebenfalls. Von solchen Männern konnte man nur träumen. Doch sie beschloss, distanziert zu bleiben und nicht auf seine Avancen einzugehen.
Von der Weihnachtsfeier ging Katja früh. Es war glatt, und im dunklen Seitenweg rutschte sie fast aus. Jemand fing sie am Arm auf. Ingo war ihr gefolgt. Er begleitete sie nach Hause, ohne sich auf einen Kaffee aufzudrängen.
Vielleicht überzeugte sie das, vielleicht war es einfach an der Zeit, sich wieder zu verlieben. Seitdem fand Katja morgens manchmal Blumen, Schokolade oder eine Karte mit guten Wünschen auf ihrem Schreibtisch. Wer könnte da widerstehen?
Nach einem Monat wurden sie intim. Katja redete sich ein, es sei nur Sex, nichts Ernstes. Doch hört das Herz auf die Vernunft?
Ingo kam zweimal die Woche für eine Stunde. Genau so lange dauerte der Sportkurs seines Sohnes. Bald wurde ihr diese Liebe nach Stundenplan zu viel, und sie wollte Schluss machen. Doch als spüre er ihre Stimmung, kam er ihr zuvor: Er wolle sich von seiner Frau trennen. Vor allem, weil sie Verdacht schöpfte. Er wolle mit Katja ein glückliches Leben führen. Als Beweis blieb er sogar über Nacht. Es war eine berauschende Nacht. Und Katja glaubte ihm, weil sie es so sehr wollte.
Dann wurde sein Sohn krank, der Sportkurs fiel aus, und Ingo kam nicht mehr. Katja wollte ihn nicht mehr hereinlassen, doch als er wieder an der Tür klingelte, öffnete sie. Ihn loszuwerden, überstieg ihre Kraft.
Katja wartete, doch er zögerte und verließ seine Familie nicht. Einmal erzählte er, er habe gehen wollen, doch seine Frau habe Tabletten genommen. Glücklicherweise kam er rechtzeitig heim und rief den Notarzt. Alles blieb beim Alten.
Kaum hatte Katja das Fleisch fertig und die Küche aufgeräumt, klingelte es kurz. Sie ging zum Flur, warf einen Blick in den Spiegel, nickte zufrieden und öffnete die Tür. Sofort zog er sie in seine Arme.
“Es riecht lecker”, sagte er.
“Ich habe Fleisch gebraten. Magst du?”
“Nein, keine Zeit.” Gierig küssend zog er sie zum Sofa, das sie schon mit frischer Wäsche bezogen hatte. Später lagen sie erschöpft nebeneinander.
“Du wolltest mir etwas sagen. Übrigens habe ich auch Neuigkeiten”, erinnerte Katja ihn.
“Gute?”, fragte Ingo.
“Weiß nicht. Du zuerst.”
“Du weißt, dass Paul Neuhaus in Rente geht?”, fragte Ingo. Katja schwieg. “Ich habe mit dem Chef gesprochen, und er will dich als Nachfolgerin. Du leitest dann eine ganze Abteilung. Freust du dich nicht?”
“Doch”, versuchte Katja ihre Enttäuschung zu verbergen, doch das Lächeln gelang nicht. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, um die Tränen zu verstecken. Dabei hatte sie so gehofft…
“Schade, dass du dann in einem anderen Stockwerk arbeitest, aber so gibt es weniger Klatsch. Es fällt mir immer schwerer, mich zu beherrschen, wenn ich dich sehe.” Ingo wollte sie küssen, doch Katja wich zurück. “Was wolltest du sagen?”
“Magst du nicht doch etwas essen?”, fragte sie und stand auf.
“Nein. Oh, spät schon. Ich muss meinen Sohn vom Training abholen.”
Mit einem Abschiedskuss ging er. Katja schloss die Tür, räumte das Fleisch und den Wein in den Kühlschrank und brach dann in Tränen aus.
Sie schlief schlecht. Starrte an die Decke und dachte, dass sie diese Beziehung beenden musste. Seine Frau durfte nichts erfahren. Morgen würde sie es ihm sagen…
Am nächsten Tag war Samstag, frei. Egal. Bis Montag war noch Zeit. Sie hatte ihm ja nicht das Wichtigste erzählt vielleicht brachte es ihn zum Handeln.
Am späten Nachmittag hörte der Regen auf, die Sonne kam heraus. Katja beschloss spazieren zu gehen. Sie hatte genug vom Alleinsein. Nach zwei Haltestellen zu Fuß betrat sie einen Supermarkt. Langsam schlenderte sie an den Regalen vorbei. Sie kaufte Tee und Kekse. Wie immer war nur eine Kasse geöffnet, eine kleine Schlange bildete sich.
Eine ältere Dame war fertig, dann kam ein Junge dran. Normalerweise kaufen Kinder Süßigkeiten oder Chips, doch dieser legte Nudeln, Gurken, Brot und Butter aufs Band.
“Bist du allein? Wo ist deine Mutter? Hast du Geld?”, fragte eine Frau hinter ihm. Die Kassiererin warf ihm einen misstrauischen Blick zu.
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