Manchmal sah ich auf mein Büro und dachte: “Das habe ich alles selbst geschafft.” Doch tief in mir saß immer noch der Junge, der darauf wartete, nach Hause gerufen zu werden.

Manchmal saß ich in meinem Büro und dachte: Das habe ich alles allein geschafft. Aber irgendwo tief in mir saß immer noch der Junge, der darauf wartete, nach Hause gerufen zu werden.

Mit fünfzehn warf man mich raus. Nicht mit Koffern oder Geschrei wie im Film. Meine Mutter sah mich einfach eines Tages an, als wäre ich ein Fremder, und sagte: Lukas, das ist besser so. Du gehörst nicht hierher.

Ich stand in unserer engen Küche, die nach Kohlsuppe und etwas Saurem roch. Der Boden unter mir fühlte sich an, als würde er verschwinden, während ich auf ihre Hände starrte schmal, mit abgekauten Nägeln, die am Schürzenrand zupften. Sie weinte nicht. Nur ihre Augen waren leer wie ein ausgeschalteter Fernseher.

Davor war ich ein ganz normaler Junge. Wir lebten in einer Zweizimmerwohnung am Stadtrand, wo sich die Tapeten lösten und das Treppenhaus ständig nach Katzenurin stank. Ich brachte gute Noten nach Hause, reparierte Steckdosen, spülte Geschirr.

Ich hoffte, wenigstens einmal ein Gut gemacht, Lukas zu hören. Doch dann kam Jürgen. Mamas neuer Mann stürmte in unser Leben wie ein Panzer.

Als Anna zur Welt kam ihre gemeinsame Tochter , wurde ich unsichtbar. Sie war ihr echtes Kind: rosa Babyschuhe, strahlende Fotos am Kühlschrank. Ich war nur noch Ballast.

Abends schlich ich ins Treppenhaus, setzte mich auf die kalten Stufen und lauschte dem surrenden Fahrstuhl. Dort konnte ich atmen. Zuhause war die Luft wie eine gespannte Feder, kurz vorm Zerreißen. Ich wusste: Bald knallts.

Und dann knallte es.

Wo ist das Geld aus meiner Brieftasche? Jürgen stand in der Tür und hielt seinen abgewetzten Geldbeutel wie einen Beweis hoch. Zweihundert Euro eine lächerliche Summe, aber für ihn wohl eine Million.

Ich schwor, es nicht genommen zu haben. Er kniff die Augen zusammen: Lüg nicht. Mama schwieg. Dann flüsterte sie fast: Lukas, gestehe. Wir wollen nicht die Polizei rufen. Ich sah sie an und erkannte sie nicht wieder. Wo war die Frau, die mir über den Kopf strich, wenn ich krank war?

Ich packte ein paar T-Shirts, Hefte und einen alten MP3-Player mit kaputtem Display in meinen Rucksack. Dann ging ich. Die Tür fiel hinter mir zu wie ein Schuss.

Das Kinderheim empfing mich mit quietschenden Metallbetten, Chlorgeruch und kahlen Wänden. Hier gab es keine falsche Familienspiele.

Ältere Jungen testeten meine Grenzen: ein Stoß im Flur, versteckte Schuhe. Einmal lag eine tote Maus in meinem Bett. Ich schrie nicht, beschwerte mich nicht. Warf sie weg und lernte: Hier überlebt, wer schneller und schlauer ist. Also wurde ich genau das.

Ich lernte, den Mund zu halten, Lügner zu erkennen. Doch innen brannte es weiter, als hätte jemand vergessen, den Schmerz auszuschalten.

Im Heim gab es einen Computerraum alte Rechner, die wie Traktoren surrten. Zum ersten Mal sah ich Code Zeilen, in denen jedes Wort Sinn ergab. Wie Gedichte, nur besser: Sie funktionierten.

Ich saß dort bis spät, bis die Erzieher mich ins Bett schickten. Herr Schneider, der Informatiklehrer, bemerkte es. Kahl, nach Kaffee riechend, mit müden Augen.

Eines Tages warf er mir ein abgegriffenes C++-Buch zu. Hier, lies. Vielleicht kommst du hier raus. Ich schrieb meine ersten Programme: einen Taschenrechner, dann ein simples Spiel, bei dem ein Quadrat über den Bildschirm hüpfte. Jedes Mal, wenn der Code lief, fühlte es sich an, als würde jemand sagen: Du schaffst das.

Im Heim freundete ich mich mit Finn an einem dünnen Jungen mit strubbeligen Haaren. Er lachte über alles, sogar über sich selbst.

Einmal klaute er ein Brötchen aus der Küche und teilte es mit mir. Wir saßen auf dem Fensterbrett, kauten und schwärmten davon, Rockstars zu werden. Finn träumte von einer Gitarre, ich von einem normalen Leben. Er schaffte es nicht landete in schlechter Gesellschaft, dann im Knast. Doch dieses Brötchen vergaß ich nie. Es war wie ein Versprechen, dass ich nicht allein war.

Ich machte Abitur mit Auszeichnung. Nicht für Lob nur um mir zu beweisen, dass ich kein Müll war, den man wegwirft.

Ich studierte in einer Nachbarstadt. Das Studentenwohnheim roch nach Bratkartoffeln, billigem Deo und schmutzigen Socken.

Ich lebte von Stipendium und Nebenjobs: Kisten im Supermarkt schleppen, Böden im Café wischen. Nachts programmierte ich Websites für Kleingeld.

Mein erstes Projekt eine Seite für eine Werkstatt brachte zweihundert Euro. Ich kaufte neue Turnschuhe und eine Pizza. Zum ersten Mal seit Jahren lächelte ich so sehr, dass die Wangen schmerzten. Es war *mein* Geld.

An der Uni fand ich Freunde. Tom, der Anime-Fan, zeigte mir, wie man Animationen erstellt.

Lena, ein Mädchen mit rotem Haar und lautem Lachen, brachte mir bei, wie man Rührei ohne Anbrennen macht. Sie waren die Ersten, die mich nicht als Schatten sahen. Doch ich hielt Abstand. Aus Angst, sie würden verschwinden, wenn ich sie zu nah ließ.

Mit dreißig hatte ich meine eigene Firma. Klein, aber meins. Ein Büro in der Innenstadt, eine Kaffeemaschine, die summte wie die alten Rechner im Heim. Ein Team von zehn Leuten, die an mich glaubten. Und ich an sie.

Wir bauten Websites, Apps, starteten sogar eine E-Learning-Plattform. Manchmal sah ich mich im Büro um und dachte: Das hast du allein geschafft. Doch innen wartete immer noch der Junge aus dem Treppenhaus.

Ein Interview fragte mich: Lukas, wie hast du das geschafft?

Ich erzählte alles. Von Mama, die Jürgen wählte. Von Jürgen, der mich als Bedrohung sah. Vom Heim, wo ich überlebte. Von den Nächten am Computer. Die Überschrift lautete: Vom Heimkind zum Chef. Ich las sie und dachte: Heimkind? Na ja, vielleicht.

Eine Woche später lag ein Brief in meinem Büro. Lukas. Von Mama. Darin stand:

Ich bin stolz auf dich. Es tut mir leid. Jürgen ist krank. Anna arbeitslos. Es ist schwer. Ich will dich sehen. Nicht wegen Geld. Deine Mama.

Ich starrte auf das Papier. Keine Wut, kein Schmerz. Nur Kälte, als hätte jemand das Licht in mir ausgeschaltet.

Ich fuhr trotzdem hin. Vielleicht für eine letzte Antwort.

Die Wohnung war wie damals. Feuchte Luft, dumpfes Licht. Mama öffnete in einem alten Morgenmantel, mit roten Augen.

Sie war gealtert: graue Haare, zitternde Hände. Jürgen lag im Zimmer, an eine Sauerstoffmaske angeschlossen. Sein Atmen klang wie dunkle Musik.

Anna saß daneben, erwachsen, aber gebrochen. Sie sah mich an und in ihren Augen lag Schuld. Oder bilde ich mir das ein?

Wir setzten uns. Mama redete ohne Pause: von Jürgens Krebs, Annas Schulden, den fehlenden Medikamenten.

Dann schwieg sie. Sah mich an und sagte:

Lukas, wir lagen falsch. Ich dachte, Jürgen würde uns Sicherheit geben. Anna war unsere zweite Chance. Du du erinnerst mich an meine Fehler. Es tut mir leid.

Ich sah sie an. Dieselben Augen, die mir einst Schlaflieder sangen. Jetzt voller Angst. Angst, dass ich gehen würde.

Anna flüsterte: Ich wollte dich

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Homy
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Manchmal sah ich auf mein Büro und dachte: “Das habe ich alles selbst geschafft.” Doch tief in mir saß immer noch der Junge, der darauf wartete, nach Hause gerufen zu werden.
Der letzte Wunsch