Verena stand in der Küche, das Mehl lag verstreut wie ein schneeweißes Märchen auf dem Linoleum. Das matte Licht der Küchenlampe tauchte die weißen Streifen in ein surreales Muster, doch die Poesie musste warten in einer Stunde sollten Gäste kommen, und der Kuchen war noch nicht einmal angefangen.
Schon wieder ein Chaos? schnappte Oskar, als er die Schwelle übertrat. Meine Mutter kommt, und du wie immer.
Verena presste die Lippen zusammen.
War nicht meine Absicht, Oskar. Der Beutel ist gerissen.
Bei dir geht immer etwas kaputt, fällt oder zerschellt, brummte er, öffnete den Kühlschrank und holte eine Flasche Mineralwasser heraus. Dreißig fünf Jahre und du benimmst dich wie ein tollpatschiges Kind.
Sie sammelte das Mehl mit einem kleinen Besen, während Tränen kaum ihren Lauf fanden. Zehn Jahre hatten sie gelehrt, das Weinen zu verschlucken.
Ich fahre zur Mutter, sagte Oskar und blickte auf die Uhr. Um sieben sollst du den Tisch decken. Und versuch heute, nicht zu bluten, ja? Es ist ihr Jubiläum.
Als die Tür hinter ihm zuschlug, ließ Verena sich auf einen Hocker fallen und atmete tief ein. Sie erinnerte sich an das erste Treffen mit Oskar in der Bibliothek, wo sie beide schufteten. Er kam täglich, brachte Bücher nach ihrer Empfehlung mit, blieb bis spät und lud sie dann ins Theater ein. Sie fühlte sich damals wie die Heldin eines Romans eine alleinerziehende Mutter, geliebt von einem charmanten, eigenständigen Mann. Wer hätte gedacht, dass das Märchen so abrupt enden würde?
Kilian schlich lautlos herein, wie ein Gespenst.
Schon wieder das Problem? fragte er und deutete zur Haustür.
Hör auf, schnappte Verena. Du redest von deinem Stiefvater.
Der dich wie eine Dienstmagd behandelt.
Verena hatte nichts zu erwidern. Mit sechzehn sah Kilian die Welt klarer als jeder Erwachsene.
Mach deine Hausaufgaben, nicht das Kichern über Erwachsenengespräche, murmelte sie, während sie weiter aufräumte.
Kilian brummte, zog aber die Ärmel hoch und half.
Mama, wir müssen reden, sagte er ernst. Ich will nach der Schule nach Berlin, um Programmierer zu werden.
Nach Berlin? stockte Verena mit dem Lappen in der Hand. Aber wir hatten doch das Studium hier geplant, das Wohnheim
Und Oskar, der dich bei jeder Gelegenheit kritisiert, schnitt Kilian ein. Ich kann das nicht mehr ertragen, Mama.
Kilian, das ist das Erwachsenenleben. In Familien passiert alles Mögliche, versuchte Verena zu trösten.
Das ist keine Familie, Mama. Das ist er ließ den Satz abbrechen, zuckte mit den Schultern und verließ den Raum.
Kurz vor dem Eintreffen der Gäste hatte Verena den Tisch gedeckt, sogar einen Apfelkuchen gebacken ihr ganzer kulinarischer Stolz. Schwiegermutter Helene Schmitt, eine stattliche Frau im eleganten Kleid, musterte alles kritisch, sagte aber nichts. Das war bereits ein Sieg.
Bitte, setzen Sie sich, Frau Schmitt, stürzte Verena. Oskar und Wilhelm kommen gleich.
Helene ließ sich in den Stuhl sinken, richtete ihr ergrautes Haar.
Und wo ist dein Sohn? fragte sie, als ginge es um ein Haustier.
Kilian ist in seinem Zimmer. Ich hole ihn gleich.
Und lernt er noch?, fuhr sie fort. Was bringt das alles? Er wird doch nie etwas mit den Händen anstellen, nur am Kopf rumhängen.
Verena schwieg, doch erwiderte nicht. Helene hatte stets den ersten Ehemann abfällig erwähnt, obwohl sie ihn nie gekannt hatte. Verena wollte ihn nicht beleidigen, wagte aber nicht, der Schwiegermutter zu widersprechen.
Ein Klopfen löste die Spannung. Liselotte, Oskars Schwester, kam mit ihrem Mann Wilhelm, einem erfolgreichen Geschäftsmann, dessen bloße Gegenwart Oskar immer reizbar machte.
Alles Gute zum Geburtstag, Mama!, stürzte Liselotte vor und umarmte Helene. Du siehst fantastisch aus man würde gar nicht sagen, dass du sechzig bist!
Helene strahlte. Liselotte wusste immer, was zu sagen war.
Verena, küsste Wilhelm Verenas Hand, du siehst großartig aus. Neue Frisur?
Ja, danke, dass du es bemerkst, antwortete Verena verlegen und bemerkte Oskars missmutigen Blick.
Oskar schüttete Sekt ein und ignorierte Kilian, der am Rand stand.
Auf das Geburtstagskind!, rief er. Auf die beste Mama der Welt!
Und die Großmutter!, fügte Liselotte hinzu. Übrigens wir haben eine Überraschung.
Welche Überraschung?, fragte Helene vorsichtig.
Wir erwarten ein Kind!, verkündete Liselotte feierlich.
Helene schlug in die Hände und weinte vor Freude. Wilhelm strahlte. Oskar lächelte gezwungen.
Herzlichen Glückwunsch, flüsterte Verena. Das ist wundervolle Neuigkeiten.
Und warum bekommt ihr selbst nichts?, fragte Helene plötzlich und drehte sich zu Verena. Oskar ist fast vierzig und hat keine eigenen Kinder. Nur ein fremdes Kind im Haus.
Stille breitete sich aus. Verena spürte, wie Farbe ihr Gesicht überzog.
Mama, das haben wir doch besprochen, knurrte Oskar durch die Zähne.
Was haben wir besprochen? Dass deine Frau ihre Karriere in der Bibliothek ausbaut?, schnaufte Helene. Welche Karriere, sag bloß! Meine Enkelinnen babysitten, und ich sehe nur deinen Sohn Kilian. Und wenn er doch ein netter Junge wäre
Helene!, platzte Verena. Kilian ist hier.
Behaupte ich denn etwas Falsches?, wandte sich Helene an den Jungen. Immer im Eckchen sitzend, nichts sagend. Und jetzt Berlin? Was für ein Unsinn?
Verena staunte. Wie hatte Helene von Kilians Plänen erfahren?
Ich verdiene das selbst, sagte Kilian ruhig. Habe einen Nebenjob, baue Websites.
Welche Websites?, misste Oskar ein. Du sollst ordentlich studieren, nicht mit Quatsch dein Geld verdienen.
Es ist kein Quatsch, das ist meine Zukunft, beharrte Kilian. Und das Geld ist gut.
Wer hat dir das erlaubt?, rief Oskar. Du wohnst unter meinem Dach, also gelten meine Regeln!
Dein Dach, deine Regeln, murmelte Kilian. Aber ich bin nicht dein Sohn, also muss ich dir nicht gehorchen.
Oskar wurde blutrot.
Genau! Nicht mein Sohn! Und nie wirst du es sein!
Oskar!, schrie Verena. Hör sofort damit auf!
Was habe ich gesagt?, fuhr Oskar mit ausgebreiteten Armen. Die Wahrheit! Zehn Jahre füttere ich ihn, kleide ihn, und dafür nichts! Er sitzt nur im Zimmer, starrt auf den Rechner. Und jetzt will er nach Berlin, hinter meinem Rücken!
Hinter deinem Rücken?, grinste Kilian. Mir egal, was du denkst. Du bist mir nichts mehr.
Kilian!, rief Verena verzweifelt, ihr Blick zwischen Sohn und Mann hin- und hergerissen. Oskar, bitte, nicht heute. Helene hat Geburtstag.
Nein, jetzt ist es Zeit!, warf Oskar ein. Zehn Jahre habe ich dein Unhold ertragen, und jetzt soll ich sein Studium in Berlin finanzieren?
Helene nickte zustimmend, Liselotte und Wilhelm starrten in ihre Teller, und Kilian stand bleich, aber ruhig.
Ich verdiene das selbst, wiederholte er. Brauche nichts von dir.
Wirklich?, brummte Oskar. Und das Dach über dem Kopf? Und das Essen? Alles meins! Und wenn du so weiterleben willst kein Berlin! Du lernst hier, unter meiner Aufsicht. Das ist mein Angebot.
Ein Teil von Verena brach innerlich zusammen. Zehn Jahre hatte sie das Nörgeln, das Schmähen, die Missachtung ertragen für Stabilität, für das Dach, für Kilian. Und nun stellte Oskar Bedingungen an ihren Sohn.
Reicht das nicht?, flüsterte sie leise. Helene hat Geburtstag, und wir haben eine Farce veranstaltet.
Dein Sohn hat die Farce gemacht, kontert Oskar. Wie immer ist alles wegen ihm. Und du deckst ihn immer! Und du bist eine undankbare Wurfköchin! Lebst du weiter von meiner Last?
Verena erhob sich langsam vom Tisch, die Stille hängte schwer im Raum.
Ich habe fünfunddreißig Jahre in der Bibliothek gearbeitet, sagte sie plötzlich mit fester Stimme. Zwei Hochschulabschlüsse. Ich habe dich nie um Unterhalt für meinen Sohn gebeten wir kamen auch ohne dich klar.
Wirklich?, schnitt Oskar spöttisch. Hab ich was verpasst!
Weil ich nicht hinsehen wollte, antwortete Verena. Du brauchst eine gehorsame Hausangestellte, nicht eine Ehefrau. Und das war’s. Genug.
Und was bedeutet das jetzt?, fragte Oskar verwirrt.
Das bedeutet, drehte sie sich zu Kilian, dass wir gehen.
Ein dumpfes Schweigen legte sich über den Raum.
Bist du verrückt?, rief Oskar schließlich. Wohin willst du gehen?
Zuerst zu meiner Schwester, sagte Verena ruhig. Dann suchen wir eine Wohnung. Ich finde einen besseren Job, vielleicht sogar in Berlin.
Kilian sah sie erstaunt und bewundernd an so hatte er sie noch nie gesehen.
Quatsch, lachte Oskar nervös. Du schaffst das nicht ohne mich. Welche Miete willst du dir leisten?
Das ist nicht mehr deine Sorge, erwiderte Verena. Übrigens, ich bin nicht nur Bibliothekarin, ich bin Leiterin. Und das Gehalt ist gut.
Du hast doch nie nachgefragt!, schimpfte Oskar. Du verdienst doch kaum etwas!
Du hörst nie zu, schnitt Wilhelm ein. Du behandelst deine Frau und deinen Stiefsohn wie Tierfutter. Das geht nicht.
Liselotte versuchte, Oskar zu beruhigen, aber er war bereits in Rage.
Wilhelm, lass das, fluchte Oskar. Mach weiter, wie du willst!
Genug, sagte Wilhelm fest. Zehn Jahre habe ich zugesehen, wie du das Haus zu einem Albtraum machst. Du bist zum Diktator geworden. Wenn Verena jetzt geht, ist das das Beste für alle.
Helene keuchte vor Empörung: Wie könnt ihr es wagen! Mein Sohn tut alles für sie, und ihr
Mama, unterbrach Liselotte sanft. Wilhelm hat recht. Siehst du, was hier passiert? Es ist schrecklich.
Verena verließ leise den Raum, Kilian folgte ihr. In der Schlafzimmerkammer packte sie hastig einen Koffer, legte das Nötigste hinein.
Meinst du das ernst?, fragte Kilian ungläubig.
Mehr als alles, nickte Verena. Pack deine Sachen. Wir gehen.
Aber wir haben kein Geld, keine Unterkunft, stammelte er.
Ich habe Ersparnisse, zog Verena aus dem Schrank eine kleine Schatulle hervor, von der Oskar nie etwas wusste. Nicht viel, aber für den Anfang reicht es. Und meine Schwester hat ihr Haus seit hundert Jahren für mich reserviert. Und du, mein kluger Junge, hast ein Talent. Wir schaffen das.
Ein Klopfen an der Tür. Liselotte stand im Flur.
Wollt ihr wirklich gehen?, fragte sie leise.
Ja, antwortete Verena bestimmt. Wir haben genug ertragen.
Liselotte zögerte, dann griff sie in ihre Tasche, zog ein Kuvert heraus und reichte es Verena.
Nimm das. Es ist von Wilhelm und mir. Wir wollten lange helfen, hatten Angst, dass Oskar es erfährt.
Liselotte, ich, begann Verena, doch Liselotte ließ nicht locker. Du hast zehn Jahre den Ärger meines Bruders ertragen. Und meine Mutter auch. Nimm das bitte. Es ist kein Almosen, sondern Entschädigung für das erlittene Leid.
Verena nahm das Kuvert, ihr Herz pochte schneller.
Danke, flüsterte sie. Und entschuldige das verdorbene Fest.
Welches Fest?, winkte Liselotte ab. Vielleicht denkt Oskar jetzt mal über sein Verhalten nach. Zweifelhaft, aber zumindest ein Gedanke.
Als Verena und Kilian mit den Koffern die Wohnung verließen, herrschte angespannte Stille. Oskar saß mit zusammengekniffenen Lippen, Helene biss die Lippen zusammen, Wilhelm beobachtete mit einem leisen Grinsen.
Wir gehen, sagte Verena einfach. Danke für alles, Oskar. Und entschuldige, falls etwas schiefgelaufen ist.
Oskar sprang auf, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken.
Keine Szene mehr, sagte Wilhelm schnaubend. Wir haben uns satt gegessen. Braucht ihr ein Taxi?
Nein, danke, schüttelte Verena den Kopf. Wir rufen selbst eins.
Als die Tür ins Schloss fiel, fühlte Verena eine ungeheure Leichtigkeit, als hätte sie einen schweren Rucksack abgelegt, den sie zehn Jahre getragen hatte. Kilian ergriff ihre Hand, wie früher, und flüsterte:
Du bist großartig, Mama.
Danke, mein Sohn, lächelte sie. Vielleicht ist Berlin wirklich nicht so schlimm ein neuer Ort, ein neues Leben
Sie stiegen die Treppe hinunter, hinaus in den Hof. Es war Anfang Mai, und die Schwarzdornbäume rochen berauschend in der Dämmerung. Das Telefon vibrierte. Auf dem Display stand Oskar.
Nimm nicht ab, sagte Kilian schnell.
Verena schüttelte den Kopf und nahm den Anruf entgegen.
Ja, Oskar?
Kommt sofort zurück!, brüllte er durch die Leitung. Ich lasse euch nicht gehen! Nehmt den Jungen mit, aber bleibt selbst hier. Das ist meine Bedingung!
Verena lachte, frei und unbeschwert, wie seit Langem nicht mehr.
Du hast kein Recht mehr, mir Bedingungen zu stellen, Oskar, sagte sie. Keine Bedingungen. Nie.
Sie drückte auf Aus. Das Taxi fuhr heran, sie stiegen ein, und das Fahrzeug glitt sanft davon, in ein neues, unwirkliches Leben.
Im vierten Stock des Hauses warf Oskar wütend das Telefon gegen die Wand und wandte sich an seine Mutter, hoffte auf Unterstützung. Helene aber sah zu ihm mit einem seltsamen Blick, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Du bist wirklich unerträglich, Oskar, murmelte sie schließlich. Wie habe ich das nur übersehen?
Tränen liefen ihr über die Wangen nicht aus Ärger, sondern aus Reue. Zum ersten Mal seit vielen Jahren weinte sie über ihre eigenen Fehler, über das Aufziehen eines Sohnes, der nichts zu geben vermochte außer Egoismus. Doch war es zu spät, etwas zu ändern?




