Das Hochzeitskleid blieb übrig. Die Ehe jedoch nicht. Dafür blieb eine Geschichte, in der alles echt war.
Als im neuen Zuhause die begehbare Garderobe vor lauter Kleidung zu knirschen begann, schwor die junge Liselotte Schulz ihrem Mann Klaus Müller feierlich, Ordnung zu schaffen: Alte Stücke wegwerfen, verschenken oder verkaufen (vgl. Erzählung Opfer der Mode).
So stand sie eineinhalb Stunden lange zwischen den Kleiderstangen, schob Jacken von einer Leine zur anderen und rechtfertigte jedes Teil im Kopf: Das wird noch gebraucht, das ist für den Spaziergang mit Bello, das ist für den Wohltätigkeitsball.
Im Stapel für den Müll lag kaum etwas. Alles schien wichtig, nötig, fast schon verwurzelt.
Plötzlich tauchte aus den Tiefen des Schranks ein Stoffbeutel auf.
Was ist das denn?, runzelte Liselotte die Stirn. Ach! Das ist ja mein Hochzeitskleid!
Nicht der solide blaue ChanelAnzug, in dem sie beim zweiten Mal im Berliner Rathaus heiratete, sondern das Kleid ihrer ersten Hochzeit das Stück, das sie über Ozeane und Jahre hinweg begleitet hatte wie ein Relikt aus einem anderen Leben.
Das erste Mal heiratete Liselotte mit einundzwanzig nach heutigem Maß fast jugendlich, damals bereits fast eine alte Jungfrau. Sie spürte die verwirrten Blicke ihrer Bekannten, das Mitgefühl verheirateter Freundinnen und die besorgten Sorgen ihrer Mutter Greta und Großmutter Erna.
Dann kam der Anwärter: ein guter Junge aus einer angesehenen Familie, fast selbstständig, ein Jahr älter und fast am Abschluss seines Studiums.
Sie sagte zu. Er war sympathisch, verliebt, ihr gefiel er, die Eltern gaben ihr das Okay. Was fehlte noch für das Glück? Leidenschaftliche Stürme?
Der Vater meinte, Leidenschaft sei ein Erfindungswerk der Schriftsteller, die Familien seien für das Leben, nicht für Romane.
Die Hochzeit sollte bescheiden in einem Café stattfinden, ohne Prunk, ohne Limousinen (woher sollten die denn kommen?).
Als es an die Kleider ging, begannen die Abenteuer. Der Bräutigam besorgte einen Anzug mit Gutschein aus dem Salon für Frischvermählte, Liselotte bekam passende Schuhe, jedoch beim Kleid gab es eine Katastrophe.
Damals sahen Bräute aus steifem Krepp, Rüschen und mit Schleifen so groß wie ein Propeller aus einem Doppeldecker. Das war rührend und ein Stück komisch, auf ihre Weise ehrlich und schön, doch so wollte sie nicht aussehen. Keine bodenlange Schleier, kein Schwanz, der die Berliner Straßen zerzauste.
Liselotte träumte von einem besonderen Kleid außergewöhnlich und zugleich praktisch. Nicht nur für den Schrank, sondern für Fest und Alltag.
Die Schneiderin ihrer Mutter bot ein weißes BoucléKleid mit feinem blauen Blumenmuster und Korsett an. Liselotte blieb wie erstarrt stehen: Sie war inzwischen leicht schwanger, nach dem Antrag beim Standesamt. Die neue Situation hielt sie geheim vor den Eltern, doch ein straffes Korsett und morgendliche Übelkeit vertrugen sich nicht. Sie murmelte etwas von Blumen und zog sich zurück.
Die Rettung kam von ihrem Großvater und ihrer Großmutter aus Israel. Als sie hörten, dass ihre Enkelin heiratet, beschlossen sie: Das Kleid wird ihr Geschenk.
Liselotte erwartete das Paket mit Aufregung, Freude und Angst. Als sie es endlich öffnete, staunte sie: Das Kleid war schlicht, aber elegant, in den ZwanzigerJahrenStil weicher Stoff, lockerer Schnitt, waagerechte Leinen an der Taille, Rock knapp unter das Knie. Keine Spitzen, keine Pailletten nur ein leichter Schleier und feine Handschuhe, die dem Ganzen stille, edle Schlichtheit verliehen.
Der Bräutigam bestand auf dem Schleier, weil alles wirklich sein sollte. Er trug ihn später, hob die Braut auf den Händen zum sechsten Stockwerk. Danach keine Romantik mehr: erschöpft, betrunken und nervös fielen sie ins Bett und schliefen sofort ein. Um halb sieben musste es dann zum Flughafen, damit der Flieger nach Österreich für die Flitterwochen bereitstand.
Drei Jahre später zog die junge Familie in die USA. Das Kleid reiste selbstverständlich mit.
Es wurde nie wieder getragen, höchstens von Freundinnen ausgeliehen, die kleiner und glücklicher aussahen. Die anderen seufzten neidisch.
Als die Ehe zerbrach und Liselotte nach Europa umsiedelte, packte sie das Kleid erneut in den Koffer für alle Fälle.
Jetzt, Jahrzehnte später, stand sie mitten im Kleiderschrank und dachte: Zeit, es zu verkaufen.
Sie fotografierte das Kleid, schrieb eine knappe Beschreibung und stellte es bei eBayKleinanzeigen ein, dem deutschen Pendant zu eBay, wo man alles von Kaffeemaschinen bis Hamstern kaufen kann.
Der Preis: 98Euro nicht zu billig, aber nicht überteuert.
Zu ihrer Überraschung verkaufte sich das Kleid am selben Tag. Der Käufer war eine Einheimische; sie verabredeten sich in einem Café in der Innenstadt, um den Versand zu vermeiden.
Liselotte saß schon mit einem Cappuccino und einem Croissant, als eine junge Frau von etwa siebenundzwanzig Jahren, mit hellblondem Haar und blauen Augen, wie ein Wirbelsturm zum Tisch stürmte.
Gott, das bin ich doch damals, dachte Liselotte.
Die Frau prüfte das Kleid, drehte es in den Händen, sprach ununterbrochen: Sie komme aus Polen, studiere Pharmazie, ihr Verlobter sei ein Spanier, ebenfalls im Studium und Beruf.
Wir brauchen keinen Beistand, wir schaffen das allein, sagte sie selbstbewusst. Unsere Hochzeit wollen wir im GatsbyStil feiern, für Freunde, lustig. Ihr Kleid ist ein Wunder, passt perfekt!
Liselotte lächelte:
Dann ist das gut. Ich freue mich, dass ich helfen konnte. Geld brauchst du nicht, nimm es.
Sie wischte eine Träne weg und dachte: Vielleicht bringt das Kleid dir, junge Frau, echtes Glück. Und ich hatte, wenn ich ehrlich bin, nicht alles schlecht: Liebe, zwei wunderbare Söhne, Reisen, Lachen. Nicht sofort und nicht wie im Film.
Die Frau ging, draußen rieselte ein feiner Regen, zart wie ein Schleier. Liselotte sah zur Straße und dachte, Glück hat viele Gesichter.
Manchmal ist es wie ein Kleid: nicht neu, aber vertraut. Wichtig ist, dass es einmal richtig passt.
Sie rührte nachdenklich den erkalteten Cappuccino um und lächelte.
Man muss den Kleiderschrank genau prüfen, überlegte sie. Da steckt noch viel verborgen.
Und so lernte sie, dass das, was wir für alt halten, oft das ist, was uns wirklich passt.





