Ich erzähle Ihnen die Geschichte von Liselotte, einer alteningesessenen Jungfrau, die sehnlichst heiraten wollte. Heutige Frauen streben kaum noch nach der Ehe warum ein ganzes Schwein ins Haus schleppen, wenn eine einzige Bratwurst reicht? Und um die Bratwurst gibt es ja heute in allen erdenklichen Sorten und Größen. Auch das bloße Zusammenleben gilt als völlig normal und wird nicht mehr als Schande gebührt, wie es einst war.
Damals noch herrschten Moral, Scham, Stolz, Anständigkeit und allerlei weitere, heute völlig überholte Werte. Selbst der Müßiggänger der faule Hans gilt nicht mehr als negativ, denn das Geld kamen ihm regelmäßig aus seinem Gutshof ein richtiger Rentier! Bekäme hingegen Ilya Ilyich ein Smartphone, würde er sofort als erfolgreicher Blogger gefeiert, der sich gut durchs Leben geschlagen hat.
Die heutige Einstellung zur Ehe lautet schlicht: Lebt, wie es euch gefällt! Treffen Sie sich in Hotels, in möblierten Wohnungen nach Stunden das ist doch das, was man sich jetzt ausgedacht hat! Es gibt sogar die Gästehochzeit: Warum gleich ins Standesamt eilen, wenn das Ergebnis noch ungewiss ist? Wer weiß, was nach der Hochzeit noch alles aus dem Partner herauskommt! Früher machten kaputte Socken und das Unvermögen, Kohlrouladen zu kochen noch Tragödien aus. Jetzt gibt es schlimmere Dinge: Infantilität, MutterSyndrom und chronisches NichtsTunlassenbeidenFreunden bei den Männern. Und dieses NichtsTunlassen ist bei den Damen ebenso verbreitet, wenn sie von ihrer eigenen Schönheit begeistert sind.
Natürlich gibt es auch die ganzen Anforderungen beider Geschlechter nicht nur Brot und Unterhaltung: Das Brot soll man selbst essen. Und das Shopping, das selbstverständlich bleibt.
Liselotte war eine angenehme Ausnahme: hübsch, ohne den neumodischen Schnickschnack, also ohne aufgesetzte Körpermodifikationen. Klug, mit einem angesehenen Hochschulabschluss und einem guten Job, der ein anständiges Gehalt einbrachte. Und trotzdem beachteten sie die Männer kaum; sie zogen in geraden Reihen an anderen vorbei und schlossen sich mit anderen zusammen kurz gesagt, sie landeten immer wieder in den gleichen Fallen.
Doch das bedeutet nicht, dass Liselotte nie Männer begegnete sie war schließlich attraktiv! Nur bis zum Standesamt kam es nie. Und sie sollte im nächsten Jahr dreißig werden. In der alten DDRSprache hieß das noch nicht weit vom ersten Geburtszeitpunkt entfernt heute spricht man von jungen Müttern bis zum sechzigsten Lebensjahr. Liselotte wollte nicht für sich selbst ohne Mann gebären.
Sie glaubte an Horoskope genauer gesagt an astrologische Vorhersagen. Horoskope sind ja Erfindungen findiger Leute, um leicht Geld zu machen. Deshalb war jedes PrognoseBlatt voll von Optimismus: Am Dienstagmorgen erwartet Sie ein schicksalhaftes Treffen mit einem Oligarchen! Und man sollte besser die Zahnbürste einpacken die Absichten könnten ernst sein.
Liselotte suchte ihren Partner nach Sternzeichen: Sie selbst war Schütze, ein Feuerzeichen. Zu ihr gehörten außerdem Widder und Löwe; unter ihnen gilt der Schütze als der gelassenste. Ihre erste große Liebe erlebte sie im ersten Semester ihres Studiums das Alter, das man heute als Kindergarten bezeichnet, denn was verstehen achtzehnjährige Kinder schon? Sie verstehen jedoch ein wenig: Was wohin geht, denn die Sexualaufklärung ist heute völlig anders als früher.
Dann kam der kreative Stillstand. Sie musste Miete, ÖPNV und Lebensmittel zahlen. Plötzlich musste sie selbst einkaufen, anstatt wie früher das Essen aus dem Kühlschrank zu nehmen, das ihr die Eltern bereitstellten. Sie lebte bereits allein, aber das Geld reichte nicht für zwei Personen. Das war ein unangenehmes Erwachen für ihren Freund: Sie wohnten in Liselottes Wohnung, die ihr die Großmutter zum sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte.
Wirst du nicht die Lebensmittel kaufen? fragte ihr Freund verwundert.
Warum ich? erwiderte Liselotte.
Der Kühlschrank ist doch deiner, ich bin hier nicht der Besitzer! erklärte Vadim, ihr Freund, und seine Logik war eindeutig.
Wenn es nur darum geht, überlegte Liselotte schlau, kann ich dir die Vollmacht geben: Kümmere dich um alles, wie es dir gefällt!
Kurz darauf verschwand ihr Freund und hörte nicht mehr, mit ihr zu reden sie studierten im selben Kurs. Und das war ein klares Zeichen des Feuerzeichens Schütze: ein völliges Zusammentreffen.
Liselotte konnte nicht heiraten, doch sie schmiedete bereits neue Pläne. Sie liebte Vadim, schließlich war er ihr erster Mann. Doch die Jugend zieht ihre Kreise, und ein zweiter fester Freund trat in ihr Leben, als sie im dritten Semester war. Dieser kam nicht aus ihrem Studiengang, sondern aus dem Sport.
Sergej war deutlich älter, über dreißig, und hatte ernste Absichten: Wir werden heiraten, mein Hase! Er war geschieden, doch die Liebe kennt keine Hindernisse, dachte Liselotte. Doch Sergej hatte keinen festen Job. Damals, bevor die neue Wirtschaftskrise ausbrach, war das Leben noch nicht so kompliziert, aber die permanenten Probleme blieben: Chefs, die nur Ärger machten, überzogene Forderungen und unmenschliche Arbeitszeiten.
Vielleicht als Kurier? schlug Liselotte nervös vor.
Ich bin Analyst! prahlte Sergej.
Kann ein Analyst nicht Kurier sein? fragte Liselotte logisch. Fahr und analysiere, wie du willst ich habe gestern das letzte Geld für Lebensmittel ausgegeben.
Frag doch deine Mutter! rief er. Sag, wir haben vorübergehende Schwierigkeiten.
Ich sage das seit zwei Monaten! protestierte sie.
Zeit ist ein erstaunlich langes Ding! zitierte er Mayakovsky und sah stolz auf sie: Wie gefällt dir meine Bildung? Freue dich, dass du einen solchen Kerl erwischt hast!
Liselotte erwiderte: Dann bitte nicht um Essen bitten! Die Zeiten haben sich geändert schieb die Beine weg! Sie war nicht nur belesen, sondern auch gewitzt.
Wem hast du das BeineWegSchlagen angeboten? schnappte sich Yuri Petrowitsch. Mir? war das das erste Mal, dass er das hörte: Bisher war er stets der, der Frauen verlassen hatte.
Nein, ich habe es Mayakovsky vorgeschlagen! antwortete Liselotte. Ihr könnt zusammenziehen! Lass ihn dich jetzt füttern.
Das traf Yuri wie ein Schlag. Er war ein Steinbock, eines der fleißigsten und zuverlässigsten Zeichen also glaubte man nach diesem Vorfall nicht mehr an Horoskope.
Der dritte Freund, Lennart, glaubte ebenfalls an Sternzeichen; das war die Basis ihres Kennenlernens auf einem AstrologieForum. Ihre Beziehung entwickelte sich zu echten Gefühlen, doch er nannte das Zeichen immer wieder falsch.
Warum veränderst du meine Worte? fragte Liselotte.
Ach, das ist doch lustig! lachte er.
Bei mir läuft alles ohne dich! dachte Liselotte, nach dem Spruch ihrer klugen Großmutter.
Sein Wortschatz war voll von erfundenen Ausdrücken: Schnarchwurst, Sturzelmann und DubiRegowitsch. Für ihn war das der Gipfel des Witzes, obwohl er schon vierundvierzig war. Für die zwanzigjährige Liselotte wurde das irgendwann lästig.
Beide hatten gute Jobs und waren frei der geschiedene Mann hatte einen erwachsenen Sohn. Anfangs war er etwas schüchtern, dann aber völlig locker.
Ein Skandal entstand, als Liselottes Großvater, ein ehemaliger StasiMann, im Beisein des Bräutigams den berühmten Dichter Džerginski mit Dżerdinski verwechselte und lauthals lachte.
Jesus Maria! schrie der Großvater, dessen polnische Wurzeln man kaum verbergen konnte. Verschwinde, du ungebetener Gast!
Das war bei der Familienfeier, als sie sich bereits als Braut und Bräutigam sahen. Der Versuch, ins Standesamt zu gehen, scheiterte ebenfalls. Lennart war ein Stier, ein Erdzeichen wie der Steinbock, und Stiere gelten als besonders empfindlich.
Dann lernte Liselotte Peter kennen: kein einziges Haar von ihr störte ihn! Er war geschieden, kinderlos, attraktiv, nicht arm, gebildet, humorvoll und besaß eine gemütliche Einzimmerwohnung. Außerdem war er sparsam und ökonomisch geboren unter dem Zeichen der Jungfrau, ebenfalls ein Erdzeichen, das für Sparsamkeit steht.
Sie entschieden, zusammenzuziehen. Peter bat Liselotte, ihn in ihrem Melderegister anzumelden.
Warum? wunderte sich Liselotte. Du bist doch bereits in deiner Wohnung gemeldet! Ohne Meldung kann man heute ja gar nichts tun.
Wie bitte? warf Peter zurück. Wir lieben uns doch, wir sind jetzt eine Familie! Alles muss zusammen gehören!
Das erinnerte Liselotte an einen bekannten Spruch: Schreiben Sie meine Wohnung bitte auf mich um! Moment, das war nicht der Anfang, sondern: Glauben Sie an Gott?
Doch dann ging es nur noch um Liebe: Wir lieben uns
Gut! stimmte die zukünftige Braut nach kurzem Zögern zu. Du hast schön über Liebe, Familie und Gemeinsamkeit gesprochen. Ich melde dich, du meldest mich.
Wohin? fragte Peter erstaunt.
In meine Wohnung jetzt gehören wir zusammen!
Aber du wohnst doch nicht dort! erwiderte Peter nach kurzem Nachdenken.
Wenn es nur um das geht, können wir im Wechsel wohnen: einen Monat bei mir, den nächsten bei dir! sagte Liselotte, jetzt etwas enttäuscht, weil sie wieder nichts als leere Versprechungen hörte.
Peter schwieg, weil ihm keine kluge Antwort einfiel.
Was sagst du dazu? drängte Liselotte, die das vermeintlich kluge Gesicht ihres Freundes musterte. Eine sehr vernünftige Entscheidung!
Das war das Letzte, was er sagen konnte, denn das Anmelden eines Fremden in der eigenen Wohnung erschien ihm absurd.
Sie standen in der kleinen Einzimmerwohnung, die Liselotte von ihrer Großmutter geerbt hatte. Die erste Ehefrau hatte das nichts genützt. Peter war schlichtweg geizig und merkwürdig geldgierig.
Beide wussten nicht, wie sie weiter vorgehen sollten. Das Verstecken, als wäre nichts geschehen, ging nicht mehr.
Liselotte ging von der Küche ins Wohnzimmer, während sie zu Abend aßen und Peter versuchte, das Problem selbst zu lösen.
Nach etwa fünfzehn Minuten stand er auf, ging zu ihr und fragte unverkrampft:
Liselotte, wollen wir ins Kino gehen?
Gern! stimmte sie zu, und Peter atmete erleichtert auf er hatte bereits eine Anzahlung für ein Restaurant geleistet.
Dann meldest du mich, Peterchen? Ich verstehe das nicht ganz, wir haben noch nichts endgültig geklärt!
Peter senkte den Blick, zuckte mit den Schultern und ging. Liselotte ließ ihn nicht aufhalten; wenigstens hatten sie nicht für die Hochzeit Geld ausgegeben, weil er das Thema vor der standesamtlichen Anmeldung noch nicht angesprochen hatte.
Ist das die Lage aller? Nicht alle Frauen heiraten. Zwei von Liselottes drei Freundinnen haben geheiratet eine nur ein halbes Jahr, die andere ein Jahr, die dritte, wie in einem Witz, schlich sich heimlich hinein.
Auch Liselotte fand schließlich einen Weg: Sie lebte mit einigen unverheirateten Partnern länger als einen Monat, und die Liebe war da! Doch Liebe bedeutet nicht nur Gefühle, sondern Taten und Verantwortung. Bei allen Männern war die Liebe zu ihr nicht wirklich vorhanden wie man in einem bestimmten Land sagt: Es gibt keine dummen Menschen.
Obwohl die Männer keine Widder waren, fühlte sie sich trotzdem ein Stück weit zu ihnen hingezogen. Es war ärgerlich, ja, aber nicht lebensbedrohlich, Liselotte.
Liselotte, die über dreißig war, hörte auf, nach einer Heirat zu streben. Wie? Sie bekam eine Beförderung, zog aus der kleinen Wohnung ihrer Großmutter in eine geräumige Zweizimmerwohnung. Sie kaufte sich ein neues Auto aus dem Ausland, fuhr in den Urlaub und kam zu dem Schluss, dass das Leben gelungen ist.
Heute gilt das kinderreiche Alter bis zum sechzigsten Lebensjahr, sodass sie noch für sich selbst ein Kind bekommen könnte. Und überall wimmelte es von Würstchen die Welt ist voll von ihnen.





