MELDIE DES LEBENS ODER DIE LIBELLE

Melodie des Lebens oder Libelle

Ich erinnere mich daran, dass Liesel ihr ganzes Dasein als kleine Lisi geführt hat. Sie war zierlich, schlank wie eine Flöte, hatte leuchtend grüne Augen und ein ansteckendes Lachen, das Männer jeden Alters in den Bann zog. Männer standen kleine Frauen stets nahe; man wolle sie behüten, verwöhnen, fast wie ein zartes Wiehern­pferdchen, das man auf dem Arm trägt.

Lisis Gabe war das Singen eine warme Mezzosopran-Stimme, die überall erklang, wo es nur ging. Sie arbeitete als Laborantin in einem Chemiewerk bei Leipzig, doch ihr Herz gehörte dem Gesang. In Chören und Gesangsvereinen sang sie, zuerst zaghaft, dann immer mutiger, bis sie schließlich regelmäßig die Bühne betrat. Ihre Seele dürstete nach Kunst, sie war von ihr erfüllt.

Eine Ehe, Kinder das dachte Lisi nie einzuplanen. Sie sah darin nur Verpflichtungen, die ihr das Singen rauben würden. So sprach sie mit ihren verheirateten Freundinnen, die ihr aufmerksam zuhörten und dann selbst in den Mutterschaftsurlaub gingen die eine zum zweiten, die andere zum dritten Mal.

Lisi wollte ihr Leben ganz dem Gesang widmen, doch das Schicksal wendete das Blatt. Im Werk traf sie den Abteilungsleiter Heinrich, dem sie regelmäßig Laborberichte übergab. Vor seinem Büro stand stets die Sekretärin Sibylle, die den Eingang eifersüchtig bewachte. Wenn Lisi das Büro betrat, nahm Sibylhe sofort die Unterlagen entgegen, dankte und winkte ab: Mädchen, Sie können gehen, ich gebe alles an Herrn Heinrich weiter. So sah Lisi den Chef nie.

Eines Tages jedoch war Sibylle krank. Lisi klopfte vorsichtig an die Tür, trat ein und fand Heinrich hinter einem langen Schreibtisch sitzen. Kommen Sie, Mädchen! Was haben Sie denn? fragte er freundlich. Nur die Probenberichte, stammelte Lisi. Sind Sie neu hier? hakte er nach. Nein, ich arbeite hier seit über fünf Jahren. Heinrich zuckte mit den Schultern, lächelte und ließ das Gespräch locker ausklingen.

Von da an legte Lisi die Berichte persönlich auf Heinrichs Tisch. Sibylle, sobald sie genesen war, wandte sich demonstrativ ab, goss blumige Fensterbankpflanzen und ignorierte Lisi ganz. Lisi war damals siebenundzwanzig.

Ein kurzer Arbeitsflirt entwickelte sich. Heinrich, ein ehrbarer Mann, wollte kein Aufsehen erregen, also schlug er Lisi bald eine feste Verbindung vor. Lisi lachte zunächst ab; sie wollte keine weiteren Verpflichtungen. Heinrich war überrascht, weil jede andere Frau ihm sofort nachgelaufen wäre ein gutaussehender, nüchterner Mann mit sicherem Einkommen.

Doch das Kollegium drängte: Ein solch feiner Mann will dich heiraten! Warum zögerst du? Jetzt wäre es an der Zeit, zu heiraten, sonst sitzt du allein da! Und Lisi gab schließlich nach.

Die Hochzeit war ein großes Fest. In einem Brautkleid, einer Schleier und winzigen Pumps sah Lisi aus wie eine kostbare Puppe. Heinrich strahlte, Lisi jedoch behielt ihre Energie für das Singen und zeigte kaum Zuneigung zu ihrem Mann. Nach der Flitterwochen zog sie wieder zu Auftritten in Kurorten, Schulen und Heimen über.

Heinrich ließ sie gehen, bat nur um ein wenig Essen und ein ordentlich gebügeltes Hemd. Lisi schoss zurück: Heinrich, ich habe keine Zeit, ich muss proben! Heinrich küsste sie am Nasenspitze, sagte: Entschuldige, Liebste, ich störe nur. Auf gehts, sing! So wiederholte sich das Ganze immer wieder, bis Heinrich lernte, Fertiggerichte zu erwärmen, Wäsche zu waschen und Eier zu braten schließlich musste er für die Frau, die keine Hausfrau sein wollte, selbst Hand anlegen.

Lisi arbeitete nicht mehr im Werk, sondern nur noch als Sängerin auf Landesbühnen. Heinrich gewöhnte sich daran, dass seine Frau künstlerisch tätig war. Eines Tages bat er seine Sekretärin, ihm einen Kaffee zu bringen. Sibylle kam mit einer Kuchenplatte. Darf ich Ihnen ein Stück geben? Ich habe Kirschenfüllung selbst gebacken. Heinrich lächelte müde: Danke, Sibylle, Kirschenmag ich. Sie bot an, ihm eine Knopf am Sakko zu annähen, doch er erwiderte: Sibylle, meine Frau hat keine Zeit für mich. Sibylle murmelte: Ja, die Frau singt, der Mann heult. So wurde sie zu seiner täglichen Versorgungsquelle kalte Suppe aus der Dose, Rindfleisch aus der Mikrowelle, immer wieder Kirschkuchen.

Heinrich bemerkte kaum, dass er immer mehr von Sibylle abhängig wurde, doch er blieb seiner Frau Lisi treu und dankbar. Sibylle wartete geduldig, liebte Heinrich aufrichtig und glaubte, er würde eines Tages erkennen, dass sie wichtiger für ihn sei.

Die Ehe war vier Jahre alt, doch das Paar bestand nur aus den beiden. Lisi dachte nie an Kinder. Plötzlich jedoch fühlte Lisi sich rundum schöner, bat ihren Mann, Gurken und eingelegte Äpfel zu besorgen ein Zeichen, dass ein Storch bald ankommen könnte. Heinrich jubelte, dachte an ein kleines Kind, das wie ein Traum in ihrem Haus wimmeln würde.

Lisi jedoch war nicht begeistert. Sie suchte einen Arzt auf, um die Last zu entfernen, doch der sagte, es sei zu spät, er wünsche ihr ein gesundes Kind. Heinrich, ahnungslos, stöberte durch Kaufhäuser nach Kinderwagen und Wiege. Lisi musste sich mit dem unerwarteten Diagnose abfinden.

Heinrich teilte die Neuigkeit mit Sibylle, die daraufhin kündigte: Ich habe keine Kirschen mehr, kein Kuchen mehr. Eine neue Sekretärin, Therese, trat ein eine Frau mittleren Alters, die im Werk jeden Chef kannte. Sie schimpfte: Ach, Heinrich, du hast eine Perle verloren! Heinrich wischte sie ab: Arbeiten Sie, Therese!

Schließlich brachte Lisi ihr Kind zur Welt ein kleines Mädchen, das laut nach dem Singen klang. Die Hebamme fragte: Wie nennen Sie das Kind? Lisi schnappte zurück: Nichts! Heinrich kam mit einem Strauß Rosen, doch Lisi blieb zurück, weinte bitterlich.

Die anderen jungen Mütter im Zimmer trösteten sie, jede erzählte von eigenen Sorgen ein doppeltes Kind, ein fremder Liebhaber, ein Mann, der nicht zurückkam. Lisi hörte zu, dachte: Vielleicht bin ich die Glücklichste, weil ich nicht die Last tragen muss. Eine Krankenschwester brachte ihr ein Blatt vom Ehemann, der vor Aufregung hin und her wankte, doch Lisi wischte die Blumen beiseite.

Kurz darauf wurde Heinrich auf eine Dienstreise geschickt; er kehrte nach zwei Wochen nach Hause, nur um Lisi allein mit Notenblättern zu finden. Wo ist unser Kind? fragte er verwirrt. Lisi sagte: Ich habe den Antrag auf das Kind unterschrieben. Heinrich schrie: Du bist verrückt! Das ist unser Blut! Er riss die Notenblätter in Stücke, warf sie ihr ins Gesicht: Das hast du verdient! Lisi fürchtete um ihr Leben, doch Heinrich packte seine Sachen, schlug die Tür zu und verschwand.

Er irrte durch die Stadt, schrie nach Liebe, doch niemand hörte ihn. Schließlich fragte er eine Kollegin nach Sibylles Telefonnummer: Wir wissen, was du suchst, sagte sie lachend und gab ihm das Blatt.

Lisi, erschüttert von dem Ausbruch, beschloss, sich ganz dem Gesang zu widmen. Sie fuhr in ein Erholungsheim, dort ein Konzert für sie organisiert, sang und wurde bejubelt, bis sie in den Himmel flog wie ein Vogel. Die Notenstücke, die sie einst zerstört hatte, reparierte sie und sang weiter.

Die Jahre zogen ins Land. Lisi gab das Singen auf, wurde Gesangslehrerin, obwohl sie nie formell ausgebildet war. Viele junge Talente kamen zu ihr, darunter ein Mädchen namens Klara, das sie sofort an ihr eigenes junges Ich erinnerte klein, keck, mit dem gleichen Lachen.

Eines Tages klopfte ein Kollege an die Tür: Lisel, ein Mädchen soll vorsingen. Lisi willigte ein. Kurz darauf trat Heinrich mit zwei Töchtern ein: die eine etwa zehn, die andere zwölf Jahre alt. Er zeigte der Jüngeren einen Stuhl: Setz dich, Marie. Und die Ältere kam näher, erkannte plötzlich seine ehemalige Frau Lisi.

Gott, warum hat das Schicksal uns hier zusammengeführt? fluchte Heinrich. Lisi ließ ihn nicht aus der Ruhe bringen: Beruhige dich, Heinrich, hör dir das Talent deiner Tochter an. Heinrich nahm die kleine Marie bei der Hand und zog sie in den Flur.

Das Vorsingen verlief großartig; das Mädchen erinnerte Lisi an ihr eigenes jugendliches Ich winzig, voller Liebe zur Stimme, ihr Lachen fast identisch. Lisi fragte: Wie alt bist du, Sonnenschein? Das Mädchen strahlte: Dreizehn, ich heiße Klara. Lisi lobte: Du singst wunderbar! Ruf deinen Vater ins Klassenzimmer. Heinrich kam herein, sagte: Heinrich, deine Tochter ist talentiert. Ich empfehle dir einen guten Gesangslehrer, falls ich nicht der Richtige bin. Du bist verheiratet, oder? Wie lebt ihr? Lisi fragte nach dem Privatleben, Heinrich antwortete: Verheiratet und glücklich. Meine Frau heißt Sibylle, meine frühere Sekretärin. Wir ziehen gemeinsam die Töchter Klara und Marie groß. Lisi stockte. Deine Tochter Klara? Die, die ich geboren habe? fragte sie ungläubig. Heinrich erwiderte kalt: Du hast sie nur geboren. Und verließ den Raum.

Ein lautes Rufen drang aus dem Flur: Mädels, wir holen die Mama ab! Lisi setzte sich, überkam von Verwirrung sie hatte gerade mit ihrer eigenen Tochter gesprochen!

Dreizehn Jahre waren vergangen, seit Lisi das Kind verloren hatte. Klara nannte eine fremde Frau ihre Mutter, und Lisi musste sich die Schuld selbst geben. Am Ende eines langen Arbeitstages stolperte sie nach Hause, nur um von ihrem Kater Melodie begrüßt zu werden, der schnurrend um die Füße sprang. Nicht jetzt, Melodie! schimpfte sie, während er sich zur Futterschale setzte, als wüsste er, dass sie schlecht gelaunt war.

Was habe ich noch? Ein mürrischer Kater, keine Mutter, keinen Ehemann, nur ein leeres Zimmer und ein kaltes Bett. Sie dachte, sie habe die falschen Noten ihres Lebens gespielt. Das war das traurige Ende.

Würde sie alles rückgängig machen können? Das sei unmöglich, denn das Sommerlicht kommt nur zweimal im Jahr. Lisi hatte das ganze Lied ihres Lebens in Noten zerlegt eine traurige Ballade aus Luftschlössern und einer nicht ganz fehlerfreien Vergangenheit. Im Sessel, eingehüllt in einen alten Familiendecke, dachte sie an das alte Sprichwort von der Zikade: Habst du alles gesungen? Das bleibt.

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Homy
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