Zwei Jahre nach unserer Scheidung begegnete ich meiner Ex-Frau: Plötzlich wurde alles klar, doch sie schenkte mir nur ein bitteres Lächeln, bevor sie meine verzweifelte Bitte, alles neu zu beginnen, abwies…

Zwei Jahre nach unserer Trennung tauchte meine ExFrau plötzlich wieder auf, und plötzlich war mir alles klar bis sie mir nur ein bitteres Lächeln schenkte und meine verzweifelte Bitte, von vorne zu beginnen, abwandte

Als unser zweites Kind geboren wurde, ließ Klara völlig die Pflege ihrer eigenen Erscheinung fallen. Früher wechselte sie fünfmal am Tag das Outfit und jagte jedem Detail nach, doch nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub in München wirkte es, als hätte sie das ganze Kleiderspektrum aus ihrem Gedächtnis gelöscht und sich nur noch auf einen abgenutzten Kapuzenpullover und eine löchrige Jogginghose reduziert, die wie ein herunterhängendes Fahnenband vor ihr baumelten.

In diesem bewundernswerten Zootrieb verbrachte Klara nicht nur Zeit zu Hause sie lebte dort, Tag und Nacht, und sackte häufig im Bett zusammen, noch immer in diesem Lumpen, als wäre er ein Teil ihres Körpers geworden. Auf meine Frage nach dem Grund murmelte sie, dass es praktischer sei, nachts für die Kinder aufzustehen. Da steckt schon ein dunkler Logikstrang, gebe ich zu, aber all die großen Mantras, die sie mir einst wie ein Mantra aufzählte Eine Frau muss Frau bleiben, selbst in der Hölle! waren zu Asche geworden. Klara hatte alles vergessen: ihr beliebtes BeautySalon in Freiburg, das Fitnessstudio, das sie einst heilig nannte, und verzeihen Sie die rohe Offenheit sie zog morgens nicht mehr einmal einen BH an, stapfte durch das Haus mit hängender Brust, als wäre das völlig unwichtig.

Natürlich folgte ihrem Körper derselbe Verfall. Ihre Taille, ihr Bauch, ihre Beine, sogar ihr Hals sanken zusammen und wurden zu Schatten ihrer einstigen Form. Die Haare? Ein lebendiges Desaster: mal ein wilder Sturm, mal ein schlampig zusammengebundener Knoten, aus dem rebellische Strähnen wie stumme Schreie hervorsprangen. Vor dem Kind war Klara eine strahlende Schönheit ein glatte Zehn! Wenn wir durch die Straßen von Hamburg schlenderten, drehten sich die Männer um, die Blicke fest an ihr klebend. Das steigerte mein Ego: Da ist meine Göttin, nur für mich! Und jetzt von dieser Göttin blieb nichts mehr übrig, nur ein ausgebranntes Gespenst ihrer einstigen Pracht.

Unser Haus spiegelte ihren Fall wider ein düsteres, erstickendes Chaos. Das einzige Tal, das sie noch beherrschte, war die Küche. Ich schwöre bei meinem Herz: Klara war eine Hexe am Herd, und ihr Essen zu kritisieren wäre ein Sakrileg. Der Rest? Ein absolutes Desaster.

Ich versuchte, sie aufzurütteln, flehte sie an, nicht weiter zu versinken, doch sie schenkte mir nur ein schiefes Lächeln und versprach, sich zu fangen. Die Monate vergingen, meine Geduld schmolz jeden Tag diese Parodie der Frau zu sehen, die ich einst liebte, war eine kaum erträgliche Qual. In einer stürmischen Nacht ließ ich das Urteil fallen: die Scheidung. Klara versuchte, mich festzuhalten, wiederholte leere Versprechen, doch sie schrie nicht, kämpfte nicht. Als ihr klar wurde, dass meine Entscheidung unumstößlich war, stieß sie einen herzzerreißenden Seufzer aus:

Jetzt liegt es an dir Ich dachte, du liebst mich

Ich stürzte mich nicht in ein sinnloses Wortgefecht über Liebe oder deren Fehlen. Ich füllte die Formulare aus, und bald, in einem Amtsgebäude in Köln, hielten wir beide unsere Scheidungsurkunden das Ende eines Kapitels.

Ich bin sicherlich kein vorbildlicher Vater abgesehen vom Unterhalt habe ich nichts für meine frühere Familie getan. Die Vorstellung, sie wiederzusehen, die Frau, die mich einst mit ihrer Schönheit geblendet hatte, war wie ein Messer im Herzen, das ich um jeden Preis vermeiden wollte.

Zwei Jahre flogen dahin. Eines Abends, während ich durch die belebten Gassen von Dresden schlenderte, erhaschte ich in der Ferne eine vertraute Silhouette ihr Gang, so anmutig, wie ein Tanz im Gedränge. Sie kam direkt auf mich zu. Als sie näher trat, stockte mein Herz es war Klara! Aber nicht die alte Klara. Wie aus der Asche auferstanden, strahlender denn je, die Verkörperung weiblicher Vollendung. Sie trug hochhackige Stilettos, ihr Haar war makellos frisiert, ihr ganzer Auftritt Kleid, Makeup, Nägel, Schmuck ein orchestriertes Meisterwerk. Und ihr altbekannter Duft, dieser unverwechselbare Duft von Jasmin und Vanille, traf mich wie eine Welle und katapultierte mich zurück in vergangene Tage.

Mein Gesicht musste alles verraten Staunen, Verlangen, Reue und sie brach in ein scharfes, triumphierendes Lachen aus:

Was, erkennst du mich nicht? Ich habe dir doch gesagt, ich stehe wieder auf du wolltest mir nie glauben!

Klara ließ mich großzügig bis zu ihrem Fitnessstudio begleiten, flüsterte ein paar Worte über die Kinder sie wuchsen prächtig, sagte sie, voller Leben. Sie sprach kaum über sich selbst, doch das war egal ihr Glanz, ihr unerschütterliches Selbstvertrauen, ihr neuer, unwiderstehlicher Charme schrien lauter als jedes Wort.

Meine Gedanken schweiften zurück zu jenen düsteren Tagen: sie, die durch das Haus schlabberte, zertrümmert von schlaflosen Nächten und dem Alltag, bekleidet mit diesem verfluchten Pullover und der löchrigen Jogginghose, ihr jämmerlicher Knoten wie ein Fahnensturm der Kapitulation. Wie sehr mich das geärgert hatte die verlorene Eleganz, das erloschene Feuer! Es war dieselbe Frau, die ich verlassen hatte, und mit ihr hatte ich unsere Kinder im Stich gelassen, geblendet von meinem Egoismus und einem kurzen Zorn.

Als wir uns verabschiedeten, stammelte ich eine Frage konnte ich sie anrufen? Ich gestand, dass ich alles verstanden hatte und bat sie, noch einmal von vorne zu beginnen. Sie schenkte mir ein eisiges Lächeln, schüttelte den Kopf mit unnachgiebiger Härte und sagte:

Du hast zu spät erkannt, mein Lieber. Leb wohl!.

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Zwei Jahre nach unserer Scheidung begegnete ich meiner Ex-Frau: Plötzlich wurde alles klar, doch sie schenkte mir nur ein bitteres Lächeln, bevor sie meine verzweifelte Bitte, alles neu zu beginnen, abwies…
Ein Geschenk vom Unbekannten Die Nachricht poppte im Team-Chat zwischen Tabellen und dringenden E-Mails auf – wie ein bunter Ball zwischen Papierstapeln: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Wichteln startet! Anonymer Geschenke-Tausch zur Weihnachtsfeier, Budget bis 20 €. Link zum Anmeldeformular unten.“ Artem las die Nachricht noch einmal und blickte automatisch in die rechte obere Bildschirmecke, wo die Uhr tickte. Zehn Arbeitstage bis zum Jahresende, zwei Wochen bis zum Quartalsabschluss, drei Tage bis zur nächsten Kreditrate. Alles in seinem Kopf maß sich in solchen Zeitfenstern. Im Chat hagelte es bereits Reaktionen. Die einen schickten ein GIF mit einem Rentier, andere fragten: „Schon wieder?“, wieder andere wollten das Budget genau wissen. HR-Managerin Katja schrieb prompt: „Mitmachen ist nicht verpflichtend, aber sehr erwünscht. Gemeinsam Weihnachtsstimmung schaffen!“ Artem trank seinen kalten Kaffee aus und klickte auf den Link. Das Formular – Name, Abteilung, Datenschutz-Einwilligung. Unten ein blinkender Button: „Mitmachen“. Er zögerte kurz, stellte sich vor, wie eine weitere nutzlose Kerze oder Tasse seinen ohnehin überfüllten Schreibtisch erobert. Dann stellte er sich vor, wie neben seinem Namen in der Teilnehmerliste ein leeres Feld steht. Er klickte auf „Mitmachen“. — Na, hast du auch bei diesem Lotteriespiel mitgemacht? – Sascha vom Nachbarteam tauchte in seinem Büro-Cubicle neben ihm auf. – Ich hoffe, ich kriege jemanden mit Humor. Habe mir schon was überlegt: eine Zeitmanagement-Bibel für unseren Chef. — Ist doch anonym, – erinnerte Artem. — Eben, das macht ja den Reiz aus! Stell dir vor, der packt aus und … — Sascha mimte ein schockiertes Gesicht und lachte. Artem lächelte höflich und tippte weiter am Bericht – Zahlen rauschten wie graues Rauschen an ihm vorbei. Nebenan stritt man über Geschenksets für Geschäftspartner: bessere Pralinen oder sparsam sein? In der Morgenpause drehte sich alles um die Bonuszahlung: gibt’s was, wird gekürzt, nur ein Präsentkorb als Naturalien? Alles flimmert durchs Büro wie eine unendliche Weihnachtsdeko: Tannenbäume im Foyer, Plastik-Kugeln, belanglose Grußkarten: „Sehr geehrte Partner! Wir wünschen Ihnen …“ Artem hat dieses Jahr zwei Ziele. Erstens: Bonus fürs Teamziel. Zweitens: Den Sohn nicht wegen der Noten anfahren. Beides gleich schwierig. Abends kam die Mail: „Ihr Secret-Santa-Pate steht fest.“ Artem las im Gedränge der U-Bahn am Handy. „Hallo Artem! Ihr Wichtelkind: Artem Krylow, Abteilung Analytics.“ Er las den Satz. Noch mal. Ein Ruck im Abteil, ein stummes Schulterzucken. Im Chat erscheinen schon Screenshots: „Bug?“ „Hab auch mich selbst!“ „Next Level Self-Care, Leute.“ Katja schrieb schnell: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, ja, das System hat sich vertan. Ändern geht nicht mehr, IT sagt, alles hängt am User-ID. Sehen wir es als Experiment. Geschenke bitte trotzdem mitbringen, wir tun so, als wäre alles normal. Hauptsache Stimmung und ein bisschen Geheimnis bleiben!“ „Was für ein Geheimnis, wenn ich weiß, dass ich es bin?“ – schreibt jemand. „Stell dir vor, es schenkt dir ein Unbekannter, der dich wirklich versteht“, antwortet Katja und hängt einen Tannenbaum-Emoji an. Artem schließt den Chat und steckt das Handy weg. Im Abteil telefoniert jemand laut über den „Jahresabschluss“. Artem betrachtet sein Spiegelbild im Zugfenster. 41. Die Haare halten noch, an den Schläfen schon hell. Das Gesicht müde, nicht alt. Sakko aus einem Modehaus, Uhr auf Raten, Smartphone wie der Chef. „Ein Geschenk an mich selbst, wie von einem Unbekannten“ – denkt er. – Und was würde dieser Unbekannte mir schenken? Er weiß es nicht. Am nächsten Tag dreht sich in der Rauchpause alles nur noch um das Thema. — Ehrlich, das gehört abgeschafft, – meint Jurist Paul, ascht ab. – Das ist Konzeptbruch. Wichteln darf nicht un-wichtelig werden. — Ich find’s super, – widerspricht Anna aus dem Marketing. – Endlich schenke ich mir mal was Vernünftiges und nicht wieder einen Schal mit Elchen. — Kaufst dir doch eh immer alles selbst, – meint jemand. — Nicht alles. Für viele Dinge ist mir das Geld zu schade, – lacht Anna. – Genau das macht’s spannend. Artem bleibt stumm. Im Kopf dreht er Geschenkideen: Kopfhörer, Powerbank, neue Maus. Alles Dinge, die er sich auch so kaufen könnte – keine Geschenke, nur Bürobedarf. — Was schenkst du dir? – fragt Sascha im Aufzug. — Weiß nicht. — Du bist witzig. Ich würde mir ’ne PlayStation holen – passt aber nicht ins Budget, – Sascha grinst. – Jetzt wird’s wohl Craft-Bier-Set mit „vom Wichtel“-Zettel. Und ich?, denkt Artem zurück am Platz. Was würde ich gern bekommen, wenn mich jemand wirklich sehen würde? Nicht als Mitarbeiter, nicht als Kreditnehmer, nicht als Vater, dem man zu wenig Zeit vorwirft, sondern als … wen? Als Mensch? Er findet kein Wort. Abends schlendert er durch ein Einkaufszentrum. Alles glitzert, dudelt Musik, überall „Perfekte Geschenke“, „Sets für Ihn“, „Für Erfolgsmenschen“. Auf jedem zweiten Plakat ein Mann im teuren Mantel. Ohne Augenringe, ohne Schulden. Im Elektronikladen Kopfhörer „Bestseller“. Ein Verkäufer erklärt geduldig technische Details. Artem hält die Verpackung, das Preisschild passt ins Budget. Aber das kaufe ich doch mir selbst. Was soll daran ein Geschenk sein? Ich kaufe doch eh permanent alles, was ein Mann mit 40 angeblich braucht. Handy, Uhr, Schuhe. Ist das ein Geschenk? Er stellt die Kopfhörer zurück. Im Buchladen eine Wand voller Motivationstitel: „Werde die beste Version deiner selbst“, „Mehr schaffen – glücklicher leben“. Er greift automatisch zu, blättert, liest von „Komfortzone“ und „Effizienz“, spürt Müdigkeit. Am Regal für Literatur fährt er mit den Fingern an den Buchrücken entlang, sieht alte vertraute Namen. Früher hat er viel gelesen. Heute ist „Lesen“ eine To-do-Position. Vielleicht ein Buch? Und doch: Würde ein Unbekannter mir eines schenken, wenn ich nie Zeit finde zu lesen? Er verlässt den Buchladen mit leeren Händen. Der Kopf surrt von Werbeslogans und Geklimper. Zuhause fragt seine Frau: — Warum so nachdenklich? — Alles gut, – antwortet er, zieht die Schuhe aus. – Wir haben so ein Firmenspiel. Wichteln. — Wieder Kerzen und Tassen? – sie grinst. — Jeder beschenkt sich selbst. Irgendwie war die Technik überfordert. — Besser eigentlich, – stellt sie Macaroni auf den Tisch. – Kauf dir was, für das dir sonst das Geld zu schade ist. — Was denn? — Weißt du selbst am besten. Er schweigt. Der Sohn wälzt ein Mathebuch, tut, als würde er lernen. — Na? – seine Frau sieht ihn forschend an. – Du wolltest sonst immer irgendwas Bestimmtes. Neues Handy, eine Uhr, Rucksack. Du bist der Gadget-Typ. — Kauf ich mir, wenn ich’s brauch. — Dann vielleicht etwas, das kein Ding ist? – schlägt sie vor. – Gutschein. Für Massage. Oder für einen freien Tag … — Für einen freien Tag brauch ich keinen Gutschein – brauche einen Chef, der sonntags nicht mailt, – unterbricht er. Sie lächelt. — Dann wünsch dir von deinem Wichtel so einen Chef. — Passt nicht ins Budget, – witzelt er. Nachts wälzt er sich herum. Bilder aus den Läden, Werbeparolen, Wünsche anderer: „Karriere“, „Erfolg“, „finanzielle Sicherheit“. Alles irgendwie wichtig – aber äußerlich, wie Lametta, das im Januar wieder eingepackt wird. Was hätte ich gern, wenn mich niemand bewertet? Weder Kollegen noch Ehefrau, weder Sohn noch Eltern noch Bank? Er weiß es immer noch nicht. Im Büro summt es eine Woche vor der Feier. Erste Geschenkpakete tauchen auf: im Schrank versteckt oder auf dem Tisch. Im Chat dreht sich alles um Dresscode, Menü, Spiele. Katja kündigt einen Moderator, DJ und „Secret-Santa-Moment“ an. Artem läuft weiter ohne Geschenk herum. — Wieso zögerst du? – fragt Sascha. – Es bleibt eh bald nix Vernünftiges übrig. — Ich überleg noch. — Was gibt’s da zu überlegen? – Schulterzucken. – Nimm was Nützliches. Ich hab ein Grillset bestellt. Wollte ich immer, kam nie dazu. Jetzt schon. Beim Mittagessen starrt Artem auf den Werbe-TV hinter der Bar: „Mach dir selbst eine Freude! – Geschenksets zum Fest“. Am Fenster zückt er sein Handy, durchforstet Online-Shops: „Geschenk für Männer 40+“. Vorschläge: Uhren, Geldbörsen, Gadgets, Whiskeysets, Barbershop-Gutscheine. Das alles zielt darauf, wie ich wirken soll, denkt er. Nicht darauf, wie ich mich fühle. Er macht die Website zu, öffnet sein privates Postfach. Dort Gutscheinemails, Werbespam – und eine Nachricht von einem Weiterbildungsportal, auf das er mal angemeldet war: „Fotografie-Kurs – neuer Start, Anmeldung bis zum Wochenende“. Fotografie. Er denkt zurück: Spiegelreflexkamera von früher, gekauft vor der Familie, als die Hypothek noch Zukunft war. Damals ging er an freien Wochenenden fotografieren. Später landete der Apparat im Schrank. Erst gab es keine Zeit mehr, dann keine Lust, dann kam es ihm albern vor. Klassisch, brummt die innere Stimme. Midlife-Mann entdeckt das alte Foto-Hobby, wähnt sich als Künstler. Lächerlich. Er schiebt das Tablett weg, innerlich zieht sich etwas zusammen. Ich will nichts hinschmeißen. Ich will nur … Er findet kein Ende. Das Handy vibriert: „Quartalzahlen bis heute Abend“, schreibt der Chef. Artem seufzt. Abends sucht er die Kamera aus dem Flurschrank, wiegt sie in der Hand. Akku leer, im Schreibtisch findet er das Ladegerät. Seine Frau hebt überrascht die Braue: — Willst du wieder fotografieren? — Wollte nur testen, ob alles geht. Als der Akku etwas geladen hat, geht er auf den Balkon, macht ein paar Bilder. Autos, Fenster, Schnee, Laternen. Nichts Besonderes. Aber als er durch den Sucher schaut, wird es im Kopf plötzlich leiser. Vielleicht ist das das Geschenk? Nicht die Kamera selbst, sondern die Erlaubnis, Zeit dafür zu reservieren. Eine Stunde pro Woche. Zwei. Ohne Schuldgefühl. Gleich wieder der innere Skeptiker: Klar, meld dich zum Fotokurs an. Als würde das etwas ändern. Doch ein anderer, leiserer Gedanke sagt: Warum nicht? Dinge, die man in einem Jahr vergessen hat, kaufst du doch sowieso. Vielleicht diesmal etwas, das dir wirklich mal gefallen hat. Er ruft die Kursmail auf. Inhalte: Bildkomposition, Licht, Stadtfotografie. Abends online, zweimal pro Woche. Preis passt ins Wichtel-Budget. Ein Geschenk an mich selbst vom Unbekannten, denkt er. Ein Unbekannter, der weiß, was ich früher mochte – und es nicht albern findet. Er klickt auf „Jetzt buchen“. Bleibt nur noch: das Geschenk für die Feier verpacken. Laut Anleitung braucht es einen Gegenstand zum Überreichen. „Ich buche einen Kurs“ reicht nicht. Also kauft er ein schlichte, dunkelblaue Notizbuch und einen Umschlag. Druckt die Kursbestätigung aus, legt sie dazu. Auf die erste Seite schreibt er: „Für Bilder, die du noch machen wirst.“ Seine Handschrift ist krakelig, aber lesbar. Als Karte bastelt er lange herum, dann steht da: „Für Artem. Es tut gut, sich zu erinnern, dass du mehr bist als Berichte und Calls. Gönn dir das Staunen – nicht alles geht durch Tabellen. Hoffentlich nutzt du die Zeit. Dein Wichtel.“ Er liest es durch. Es trifft ihn nicht durch Pathos, sondern weil es zugleich fremd und überfällig klingt. Der „Wichtel“ ist liebevoller, als er es selbst zu sich ist. Er packt die Kursbestätigung in den Umschlag, alles ins Notizbuch, umwickelt es mit braunem Papier, rote Schleife drum. Das Geschenk wirkt schlicht. Ohne Marken, ohne Sprüche. Die Weihnachtsfeier im großen Saal des Bürokomplexes. Weiße Tischdecken, Lichterketten, DJ mit Partymusik. Die Leute kommen: manche im Glitzerkleid, andere in Alltagsklamotten. Die Geschenke stehen auf einem extra Tisch mit Namensklebchen. Artem stellt seins dazu und schaut auf den Haufen. Bunte Tüten, Geschenkboxen, eingepackte Merkwürdigkeiten. — Fertig zur Selbstenthüllung? – zwinkert Katja im Vorbeigehen. — Sofern das überhaupt geht, – sagt er. Zur Mitte des Abends kündigt der Moderator „den besonderen Moment“ an. Musik leiser, Licht gedimmt. Die Stimmung gelassen, etwas konfus. — In diesem Jahr, – sagt der Moderator, – ist unser Wichteln ganz besonders geheim – so geheim, dass jeder sein eigener Weihnachtsengel ist. Aber natürlich tun wir, als wüssten wir davon nichts, oder? Der Saal lacht. — Kommt bitte nacheinander zum Tisch, sucht euer Geschenk und öffnet es hier. Denkt daran: Das Wichtigste ist nicht, was drin steckt – sondern was ihr über euch selbst erfahrt. Wieder so ein Sprücheklopfer, denkt Artem. Als er an der Reihe ist, schnürt sich ihm der Hals zu. Er sucht das Paket mit „Artem Krylow“, setzt sich wieder. — Na, was habt ihr bekommen? – beugt sich Sascha vor. – Hoffentlich keine Socken! Artem löst die Schleife, wickelt das Papier ab. Notizbuch. Umschlag. Sein Name. — Kein Grillset, so viel steht fest, – sagt Sascha. Artem öffnet den Umschlag. Irgendwo jubelt jemand über einen Spa-Gutschein, andere zeigen Spieleboxen. Er sieht, wie Svetlana, die Buchhalterin, verlegen eine Yogabuch auspackt, HR-Katja lacht über ihre „Bester Mitarbeiter“-Tasse. Artem liest die Karte. Noch einmal. Die Worte, die er selbst geschrieben hat, klingen, als hätte sie ein anderer für ihn gefunden. Du bist mehr als Berichte und Calls. Etwas sticht schmerzhaft, als hätte ihn jemand in einem Schwächemoment erwischt, aber nicht verurteilt. — Na, was ist es? – bohrt Sascha nach. — Ein Kurs, – sagt Artem, schluckt. – Fotografie. Und ein Notizbuch. — Respekt, – Sascha pfeift. – Da war jemand kreativ! Aber aufdecken ist Tabu, oder? — Genau, – sagt Artem. — Ok, – Sascha wendet sich seinem Grillset zu. – Dann machst du künftig unsere Fotos. Praktisch! Artem klappt das Notizbuch zu. Der DJ scherzt, andere tanzen. Außen bleibt es laut. In ihm wird es leiser. Er sieht auf sein Handy: „Wie läuft’s?“ schreibt seine Frau. Er antwortet: „Ganz ok. Lustige Geschenke. Hab mir einen Kurs gegönnt“ – löscht die letzte Zeile, schreibt: „Erzähl dir später.“ Zu Hause – fast Mitternacht. Im Flur ist es still, oben knallt eine Tür. In der Wohnung warmes Licht, Mandarinen, die Frau am Tisch mit Buch, der Sohn schläft. — Und, was gab’s? – fragt sie. Er legt das Notizbuch auf den Tisch, daneben den Umschlag. — Das war’s? — Im Umschlag liegt noch was, – sagt er und öffnet ihn. Sie liest die Zeilen, sieht ihn an. — Das hast du dir selbst geschrieben? – leise. — Ja, – gibt er zu. – Und den Kurs gebucht. Fotografie. Sie nickt, lächelt nicht, macht keinen Scherz. — Gutes Geschenk, – sagt sie. – Das hast du doch gemocht. — Ist lange her. — Und? Nur weil es alt ist, ist es nicht weg. Er zuckt die Schultern, aber innerlich bewegt sich etwas, als ob er endlich ein Möbelstück verrückt hätte. — Mal sehen, – sagt er. Am ersten Januar wacht er ohne Wecker auf. Draußen grauer Morgen, Schnee, parkende Autos, Stille. Kopf schwer, nicht brummend. Frau und Sohn sind schon bei den Schwiegereltern, er fährt morgen nach. Die Wohnung: ungewohnt ruhig. Er macht Kaffee, setzt sich, öffnet das Notizbuch. Auf Seite eins stehen noch: „Für Bilder, die du noch machen wirst“. Er startet den Laptop, öffnet das Kursmail. Erste Stunde in einer Woche, doch jetzt schon Vorstellungsmodul. Die Lehrerin spricht nicht über „Selbstoptimierung“ und „Effizienz“, sondern über Licht und Schatten. Er hört zu und merkt, dass er dabei nicht die Arbeitsmails checkt. Das Handy bleibt im anderen Zimmer. Nach der Einführung nimmt er die Kamera, geht nach draußen. Kühle, aber keine Kälte. Die Leute bringen Silvestermüll raus, führen Hunde aus. Auf dem Spielplatz ein leeres Knallbonbon. Er hebt die Kamera, schaut durch den Sucher. Äste, Drähte, Balkone. Unspektakulär. Aber als er abdrückt, fühlt es sich an wie etwas Winziges und doch Wichtiges. Für keinen Bericht, kein KPI, keinen Vorstand. Nur für sich. Er knipst ein paar Bilder, geht wieder nach Hause. Am Computer sieht er, dass viele missraten, andere fad sind. Doch eines – eine Autoscheibe spiegelt Fenster – zieht ihn an. Er vergrößert das Bild: In der Spiegelung ein Umriss – er selbst mit Kamera. Ein Geschenk vom Unbekannten, denkt er. Und der war ich. Und das ist eigentlich ganz in Ordnung. Er schließt das Programm, trinkt den letzten Schluck Kaffee. Vor ihm: der erste Arbeitstag, offene Aufgaben, Meetings, Mails. Und der Kurs. Und eine Stunde in seinem Kalender, die er für sich lassen will. Er nimmt das Notizbuch, schreibt das Datum. Dann: „Hof, Morgen, Spiegelung im Glas.“ Die Zeile ist schlicht, aber sie gehört ihm. Er legt den Stift weg und merkt, wie er zum ersten Mal seit Langem an die Zukunft nicht nur in Raten und Berichten denkt. Da bleibt jetzt ein winziges Stück, in dem er einfach schauen darf, was er selbst will. Das ist wenig – aber es reicht, um wieder leichter zu atmen. Er holt sich noch einen Kaffee, öffnet das Kursprogramm und schreibt ins Notizfeld: „Nicht absagen wegen Arbeit.“ Schmunzelt – das Leben kommt schon dazwischen. Aber ab jetzt hat er wenigstens das Recht, es zu versuchen. Und auch das – ist ein Geschenk.