Zwei Ehefrauen: Ein Drama über Liebe und Loyalität

Zwei Ehefrauen
Der unfruchtbare Schwiegermutter sie war kaum mehr Schwiegermutter, sondern nur noch ein halber Schatten. So sagte meine Schwiegermutter, seufzte Lisel und lächelte bitter.

Hör nicht hin, hauchte plötzlich die halbohrbare Nachbarin Ute, denn Gott weiß, was er tut. Du bist noch zu jung, um Kinder zu bekommen, er sieht alles im Voraus.

Aber Ute, wie kann er das sehen? Wir leben schon fünf Jahre zusammen. Ich sehne mich so nach einem Kind, flossen Tränen über Lisels Wangen. Selten sprach sie laut darüber; oft hielt sie den Schmerz im Herzen, verschwiegen. Jetzt war sie zehn Kilometer von ihrem Heimatdorf zurückgekehrt, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen, und setzte sich mit ihrer alten, halbohrbaren Nachbarin, um zu reden.

Das Schicksal ist grausam, murmelte die Schwiegermutter, wir finden die Kinder nicht, sie finden uns. Ertrage es, mein Kind.

Die Hunde des Dorfes heulten, die Spatzen zwitscherten. Die vertrauten Dorfgeräusche waren verschwunden. Das Dorf Schleusen im sächsischen Land strich sich fast tot, die bröckelnden Fachwerkhäuser neigten sich dem Fluss zu, als wollten sie ihm ihren letzten Gruß spenden.

Lisel zog nach Hause zu ihrem Mann, nach Lindenau, einem größeren Ort. Sie musste bei Tagesanbruch das Dorf verlassen. Die nächtlichen Wälder und Felder hatten ihr seit Kindheitstagen Angst eingejagt; ein kindlicher Schrecken, der nie ganz verging.

Lisel war hier geboren. Vor sechs Jahren blieb sie allein zurück, ihr Vater war nach dem Krieg gefallen, die Mutter früh verstorben. Sie arbeitete als Melkerin im örtlichen Agrarbetrieb.

Als sie ihren späteren Mann kennenlernte, war es Juni. Es war Lisels siebzehntes Lebensjahr und ihr erstes Sommer im Betrieb. Der Weg zur Farm war weit, doch sie lief gern hin, obwohl ihre Hände vom langen Melken anfangs schmerzten.

Eines Morgens traf sie ein schräger Regen. Der Himmel verdunkelte sich, Wolken rollten herauf, ein raues Grollen erfüllte die Luft. Alles wirkte schief und gekrümmt.

Lisel flüchtete unter ein kleines Unterstand nahe dem Waldrand. Sie setzte sich auf die Holzplanke, zog ihre schwarzen Zöpfe zusammen und presste das Regenwasser aus ihnen. Durch die schrägen Regengüsse sah sie einen dunklen, gestreiften Jungen in kariöser, am Körper klebender Hemd und hochgekrempelten Hosen. Er tauchte ebenfalls unter das Dach, sah sie und grinste breit:

Ein Geschenk! Ich bin Niklas, und du?

Lisel erschrak, ihr Herz klopfte wild dunkle Regenwolken umgaben sie. Sie schwieg und rückte ein Stück zurück.

Hat dich der Blitz getroffen? Oder bist du von Geburt an stumm? neckte er.

Nicht stumm. Ich heiße Lisel.

Kalt? Brauchst du Wärme? fuhr er fort, blieb aber zunächst Abstand. Der Regen hat alles umgekehrt. Ich komme von der Telekom.

Er scherzte noch lange, doch dann drängte er sich zu sehr, Lisel wurde ganz blass. Ihr Hemd klebte am Körper was den Jungen erregte oder einfach nur seine Liebe zu ihr zeigte. Sie sprang hastig wieder ins Regenwasser, rannte, drehte sich immer wieder um.

Der Wald, beschattet von drohenden Wolken, erschien ihr unheimlich.

Später kam Niklas als Aushilfsarbeiter zur Farm. Lisel sah ihn mit einem Anflug von Ärger. Dann begann er, ihr ernsthaft nachzujagen, als wäre das Treffen ein bleibender Abdruck.

Die Ehe fand Lisel mit Freude, doch sie ahnte kaum, was das Leben bei ihrem Mann und im fremden Dorf für sie bereithielt. Die Schwiegermutter erwies sich als mürrisch und krank. Sie schob Lisel viele Aufgaben zu, beobachtete alles scharf.

Obwohl das Leben hart war, ließ Lisel nicht den Mut sinken. Sie war fleißig und robust, doch die Vorwürfe der Schwiegermutter nagten. Und doch war sie ja nur ein Waisenkind ohne Mitgift, ein armer Bursche.

Nach einiger Zeit beruhigte sich die Schwiegermutter, sah Lisels Geschick und ließ die Vorwürfe nach. Ein Jahr verging, das zweite folgte, doch eine Schwangerschaft blieb aus.

Du bist verdorben, unfruchtbare Schwiegermutter. Was bleibt von uns ohne Enkel? schrie die Schwiegermutter.

Lisel weinte über Niklas Schulter, er schimpfte die Mutter an, und sie wurde noch wütender. Lisel blieb still, seufzte. Ihr Schwiegervater sah nur zu, wenn sie ihm eine Schale gab.

Trotzdem gab Lisel die Hoffnung nicht auf. Sie besuchte die Dorfärztin, lief heimlich zum Pfarrer im Nachbardorf, kochte und trank Kräuteraufgüsse, die im Volksglauben gegen Kinderlosigkeit helfen sollten.

Das Leben ging weiter. Das Haus der Niklas-Familie war nicht arm, trotz der schwierigen Nachkriegszeit. Jeden Morgen brachte Niklas ein halbes Pfund nasses Getreide.

Ach, Kolja, lass das!, rief seine Mutter.

Wir alle tragen Lasten, nicht nur ich. Beruhige dich, Mutter.

Lisel warnte Niklas, er solle nicht in solche Geschäfte verwickelt werden, doch er brachte stets etwas vom Hof mit.

Lisel schlief nachts schlecht. Ohne Licht lag sie im Bett, zog die Beine an und wartete auf ihren Mann.

Eines Tages entschied sie, ihn zu treffen. Sie griff nach ihrem Rock, einer Bluse und einer dicken Strickjacke, fand unter dem Bett hohe Gummistiefel, schnappte den leinenen Umhang und trat auf die Veranda. Der kalte Novemberwind schlug durch die offenen Türen, große Regentropfen brannten ihr Gesicht.

Wo war ihr Mann in dieser nassen Stunde? Ihre Füße trugen sie zum Dorfrand. Die Fenster waren dunkel, sogar die Hunde versteckten sich. Der anhängliche Welpe Fenn, den sie liebte, folgte ihr nicht. Lisel ging weiter, suchte ihren Mann, bis sie bei einem alten Hühnerstall am Dorfrand anhielt.

Weiter führte nur ein Feld. Das nächtliche Feld und der Wald, vor dem sie sich seit Kindheit gefürchtet hatte, lag vor ihr. Sie beschloss, kurz zu warten und dann zurückzukehren.

Der Regen trommelte auf den kalten, feuchten Boden, mal heftig, mal gleichmäßig. Durch das Rauschen hörte Lisel plötzlich ein leises weibliches Lachen, das vom Hühnerstall kam.

Sie lauschte und vernahm Niklas Stimme, dann jedoch ein zweites, weibliches Lachen die Stimme von Katrin, einer Nachbarin aus dem benachbarten Dorf, die ebenfalls auf dem Hof arbeitete.

Katrin war einst mutig, fröhlich und gesprächig, träumte davon, das Dorf zu verlassen, in die Stadt zu gehen, um zu arbeiten.

Ich bin die einzige Tochter meiner Mutter, und das reicht nicht! Ich will einen reichen, glatzköpfigen Mann in der Stadt, sang sie auf Dorffesten.

Doch in letzter Zeit war ihr Lachen verstummt. Sie wirkte schwer, plumpte, und die anderen Frauen auf dem Hof sagten, sie sei eifersüchtig auf einen verheirateten Mann.

Lisel war sicher, dass es um die Stadt ging, doch das Schicksal hatte andere Pläne: der eifersüchtige Mann war Niklas.

Der Regen peitschte durch die Rinnen, und Lisel stand noch immer starr vor dem Stall. Plötzlich schoss ein lautes, schrilles Lachen aus Katrins Kehle, und sie rannte schnell zurück zum Haus, stolperte über einen nassen Haufen Stroh, das ihr SchutzhosenMuster aus dem Militärschiff-Baumwollstoff verhedderte sich.

Sie tauchte im Bad auf, schrubbte sich mit einem Eimer und flüsterte:

Wir waschen den Dreck, Fennchen, wir waschen.

Alles, was sie im Haus hatte, war Liebe ihre und die seines Mannes. Doch bald stellte sich heraus, dass diese Liebe nicht mehr existierte. Sie sah nur den Regen, hörte das entfernte Lachen und das Flüstern ihres Mannes zu einer anderen.

Als Niklas das Bad betrat, sagte sie nichts. Sie beschloss, bis zum nächsten Tag zu warten.

Am nächsten Morgen kamen zwei Polizisten und der Vorstand des Agrarbetriebs. Die Schwiegermutter schluchzte, klammerte sich an den Kragen des Vorstands. Der Vater begleitete seinen Sohn schweigend, blickte misstrauisch zu den ungebetenen Gästen. Lisel sammelte alles, trug ihren Mann, hob die schwache Schwiegermutter vom Boden.

Vierzehn Dorfbewohner wurden abgeführt, zum Verwaltungsgebäude gebracht. Menschen drängten sich bis zum Mittag vor die Mauern, trugen Säcke, Kisten. Ein Lastwagen kam, lud alle Verhafteten und fuhr in die Stadt, zum Gerichtsverfahren.

Lisel drehte sich um. Neben den Birken stand Katrin, stumm.

Der Arrest erschütterte das ganze Dorf, doch niemand sprach darüber, schloss sich in den Hütten ein. Die Schwiegermutter sank in ihr mütterliches Leid, der Schwiegervater wurde schwach. Lisel schlief kaum.

Sie entschied sich nicht, mit Niklas zu bleiben, blieb weder Ehefrau noch verworfene Geliebte. Doch jetzt überlagerten Mitleid und Angst um ihren Mann das frühere Ärgernis. Ein Aufstand war unmöglich, eine verheiratete Gefangene würde in anderen Kolchosen nicht begrüßt. Das Thema Scheidung blieb unausgesprochen.

Einige Tage später kehrte Lisel von der Farm zurück, trug Milch, als sie die Tür öffnete, sah sie Katrin am Tisch sitzen, die Hände verschränkt, ein großer Bauch. Vor ihr standen Schwiegervater und Schwiegermutter, die den Kopf senkten.

Hallo, sang Katrin.

Und Ihnen auch gute Besserung, antwortete Lisel.

Lisel, sagte die Schwiegermutter freundlich, Katrin fuhr in die Stadt, besuchte unsere Verwandten Olga und Nina, deren Vater dort lebt, zusammen mit Vasili, Olgas Mann.

Lisel stellte einen Milcheimer auf den Herd, wusch ihre Hände am Waschbecken, hörte zu.

Lisel, das Gerichtsverfahren war zehn Jahre für unseren Kolben! Denk darüber nach, sagte die Mutter, reichte ein Taschentuch, drückte es an die Augen und weinte.

Lisel sank auf die Bank.

Wie zehn?, fragte sie.

Sie sagten, sie seien Staatsverbrecher. Fast jeder bekam zehn Jahre. Sie verurteilten alle auf einer Liste.

Gott im Himmel!, seufzte Lisel, ungläubig.

Die Schwiegermutter weinte, Lisel versuchte zu trösten:

Vielleicht kommen sie frei, vielleicht lassen sie uns los… Das würde die Angst vertreiben.

Wer wird sie jetzt freilassen? Du bist doch dumm, Lisel! Jetzt ist es Schritt für Schritt. Katrin bestätigte ihre Worte.

Sie redeten weiter, hörten das Klirren einer Teekanne, dann sagte Katrin plötzlich:

Wenn die Herren schweigen, sage ich es: Kolja wollte mich heiraten, wollte sich von mir scheiden lassen, aber kam nicht. So ist es, meine Kleine. Ich werde ein Kind von ihm bekommen. Und ich will es nicht allein großziehen. Mein Vater lässt mich nicht zurück, er hat es schon gehört das brennt. Ich dachte, wir heiraten, er verzeiht. Und jetzt… deshalb komme ich zu euch, um euren Enkel zu pflegen.

Katrin spuckte die Worte heraus, sah Lisel erwartungsvoll an, wartete auf Reaktion. Lisel saß still, die Hände locker auf ihrem militärischen Rock, und starrte nach unten.

Die Schwiegermutter war die erste, die den Mund öffnete.

Lisel, das ist unser Haus, wir entscheiden. Der Enkel wird kommen. Und Kolja wie geht es Kolja? Lass Katrin bleiben, das ist unser Beschluss. Lass das Kind des Sohnes im Haus wachsen. Und du entscheidest. Sie ließ den Kragen ihres Kittels nach unten sinken, weinte.

Ich habe nichts dagegen, sagte Lisel, stand auf und goss die Milch ab.

Katrin und der Schwiegervater holten die Sachen. Die Schwiegermutter wartete, während sie die Decke aus Stroh aus dem Hof holte, legte sie auf den Boden vor dem Ofen, darüber das gehäkelte Tuch ihr neues Bett, fast wie das der Hündin Fenn in ihrer Hundehütte.

Die Tage wurden kürzer, kälter. Die Schwiegermutter lag die ganze Winterzeit im Bett, Katrin klagte sich oft ein, schlurfte mit schwerer Last. Das Land lag nun auf Lisels Schultern, kein Entrinnen möglich.

Katrin und die Schwiegermutter wurden sogar Freundinnen, teilweise sogar heimlich einmischend, verteidigten Lisel, wenn sie zu streng wurde.

Lisel saß oft am Fenster, blickte auf den weißen Wald jenseits des Baches, dachte an ihr Schicksal. Sie konnte nicht zurück ins Heimatdorf, die Hütte pfiff im Wind, und das Arbeiten im eisigen Frost zehn Kilometer weit war unmöglich.

Sie dachte oft an ihre Mutter. Was würde diese jetzt sagen, wenn sie das Elend ihrer Tochter sähe? Zwei Frauen im Haus eines Mannes. Und wer wäre die Hauptfrau? Ihre Mutter war einst eine stolze, selbstbewusste Frau, nicht schwach.

Die Wintertage zogen dahin, mühsam und eintönig. Ein kleiner Junge, geboren im Januar, brachte ein winziges Stück Freude.

Im strengsten Frost brachte der Schwiegervater den kleinen Jungen aus dem Krankenhaus, ein Bündel in den Armen den Jungen hieß Emil. Lisel versuchte, das Kind nicht zu sehr zu lieben, ihr Herz schmerzte, weil sie das Kind nicht selbst geboren hatte, obwohl sie betete und Heilkräuter nahm.

Der kleine Emil schien Katrin mehr zu gefallen als Lisel.

Er sieht aus wie Kolja, flüsterte die Schwiegermutter, während sie Lisel ansah.

Ja, ein bisschen, stimmte Lisel zu.

Der Großteil seiner Zeit verbrachte Katrin mit ihm, doch Lisel bemerkte, dass der Junge weniger an Katrin hing als an seiner eigenen Zukunft.

Was jetzt? Verrotten wir hier auf dem Hof? Ich wollte doch eine Ausbildung zur Laborantin im Kreishaus, aber Kolja kommt nie zurück. Was soll ich tun?

Auf dem Hof begannen Veränderungen. Vier Doppelhaushälften wurden gebaut, Familien zogen ein, neue Aushilfs-Melkerinnen kamen, redegewandt und fleißig. Es entstanden freie Tage. Lisel freundete sich mit einer neuen Kollegin, Vera, an.

Eines Tages fragte Vera:

Warum das alles?

Lisel erzählte ihr ihr Leben, das im Haus nie wirklich fröhlich war. Vera staunte.

Geh weg, riet sie.

Ach V ich habe nicht woanders hin, was soll ich sonst tun? erwiderte Lisel.

Emil wuchs, kroch, stand dann auf den Knien, Lisel schmunzelte. Er zog sich mehr zu ihr, strich ihr Haar, küsste sie auf die Wange, lachte, während der Welpe Fenn mit ihm spielte.

Am ersten Mai bereitete Lisel Pfannkuchen zu, schöpfte vier Messlöffel Mehl in den Gusseisenofen, kehrte zurück zur Hütte, knetete den Teig.

Katrin wollte zum Dorffest zu den Nachbarn, zog weiße Perlen an, rannte fort. Die Schwiegermutter setzte sich neben Lisel, hielt Emil im Arm.

Lisel, ich muss dir sagen, du bist nicht die Mutter des Kindes, sondern Katrin, flüsterte sie, sie will in die Stadt, studieren, arbeiten. Sie will uns das Kind nicht geben, wir müssen ihn selbst erziehen.

Lisel lauschte, doch die Worte schwebten wie Regen.

Was sollen wirUnd so schwebte Lisel, vom Regen getränkt, durch das flimmernde Dorf, während das Lachen der beiden Frauen wie ein ferner Glockenschlag in der Nacht verwehte.

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Homy
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