So kommt es vor
Jens Eltern hatten ihn sehnsüchtig erwartet. Die Schwangerschaft war jedoch schwer, und das Kind kam zu früh zur Welt. Es lag in einer Wiege, kaum größer als ein Wecker. Viele Organsysteme waren unterentwickelt, ein Beatmungsgerät summte ununterbrochen, zwei Eingriffe wurden nötig, die Netzhaut löste sich ab. Zweimal durfte das Kleine von den Eltern Abschied nehmen, doch Jens überlebte.
Bald stellte sich heraus, dass er kaum sehen und kaum hören konnte. Sein Körper entwickelte sich langsam: Er setzte sich, ergriff ein Stofftier, fuhr dann an einer Stütze entlang. Der Geist jedoch blieb still. Anfangs hofften die Eltern noch, kämpften zu zweit, dann verschwand der Vater leise wie ein Schatten im Raum, und die Mutter blieb allein im Kampf.
Mit ein wenig Glück bekam Jens im Alter von dreieinhalb Jahren Implantate, die sein Gehör wieder herstellen sollten. Nun hörte er scheinbar alles, doch das Weiterkommen blieb aus. Therapeuten, Logopäden, Psychologen und allerlei Fachleute kamen zum Einsatz. Meine Freundin Lieselotte brachte Jens immer wieder zu mir.
Probieren wir doch das hier, das dort, sagte ich, und Lieselotte versuchte das Eine und das Andere. Kein Ergebnis. Meist saß Jens still in seinem Laufstall, drehte an irgendeinem Gegenstand, klopfte damit auf den Boden, biss in seine Hand und tat sonst noch etwas. Manchmal heulte er in einer einzigen Note, manchmal modulierte er seinen Schrei. Die Mutter behauptete, Jens erkenne sie, rufe sie mit einem besonderen Gurren und liebe es, wenn ihr Rücken und seine Füße gestreichelt werden.
Schließlich sagte ein älterer Psychiater zu ihr: Welches Diagnosebild wollen Sie hier noch? Ein wandelndes Gemüse. Treffen Sie irgendeine Entscheidung und leben Sie weiter. Geben Sie ihn ab oder pflegen Sie ihn Sie haben doch schon gelernt, oder? Ich sehe keinen Sinn mehr, auf wesentliche Fortschritte zu hoffen oder sich neben seinem Laufstall zu begraben. Er war der einzige, der eindeutig sprach. Lieselotte gab Jens in einen SpezialKita und ging wieder arbeiten.
Einige Zeit später kaufte sie ein Motorrad ein langer Traum. Sie fuhr durch die Straßen Berlins und hinaus aufs Land, immer mit Gleichgesinnten; wenn der Motor dröhnte, verschwanden alle bedrückenden Gedanken. Der Vater zahlte Unterhalt, den Lieselotte vollständig für WochenendBetreuung aus Jens war eigentlich nicht aufwendig, wenn man sich an sein Stöhnen gewöhnt hatte. Dann sagte ein Motorradfreund zu ihr: Weißt du, ich habe dich irgendwie nicht kindisch, sondern tragisch interessant gefunden.
Komm, ich zeige dir etwas, erwiderte Lieselotte. Er lächelte, dachte wohl, sie wolle ihn nach Hause holen. Sie führte ihn zu Jens. Der war gerade wach, heulte moduliert und gurrte vielleicht erkannte er die Mutter oder war durch den Fremden beunruhigt.
Ach du meine Güte!, rief der Motorradfahrer.
Und was hast du dir dabei gedacht?, entgegnete Lieselotte.
Mit der Zeit lebten sie nicht nur zusammen, sondern fuhren gemeinsam. Der Motorradfahrer, Stas, ließ sich nicht an Jens heran das war vorher vereinbart und Lieselotte wollte das auch nicht. Dann sagte Stas: Lass uns ein Kind bekommen. Lieselotte schnappte zurück: Und wenn es noch so ein wie er ist, sollen wir das?. Stas schwieg fast ein Jahr, dann sagte er: Nein, lass uns doch.
Ein Sohn, Tim, wurde geboren, gesund wie ein Apfel. Stas meinte: Könnten wir Jens jetzt in eine Einrichtung geben? Wir haben ja jetzt einen normalen Jungen. Lieselotte entgegnete: Ich würde eher dich abgeben. Stas zog die Flucht zurück: Ich habe nur gefragt
Tim bemerkte Jens, als dieser etwa neun Monate alt war und krabbelte. Sofort war er fasziniert. Stas fürchtete und ärgerte sich: Lass den Jungen nicht zu ihm, das ist gefährlich. Doch Stas war meist bei der Arbeit oder auf dem Motorrad, Lieselotte ließ ihn zu. Wenn Tim neben Jens krabbelte, heulte Jens nicht. Stattdessen schien er zuzuhören und zu warten. Tim brachte Spielzeug, zeigte, wie man spielt, drückte und faltete Jens Finger.
Eines Tages war Stas krank und blieb zu Hause. Er sah, wie Tim unsicher durch die Wohnung stapfte und etwas Murmeln von sich gab, während Jens, bis dahin unbeweglich in einer Ecke, plötzlich folgte wie ein angelehnter Schatten. Stas löste einen Aufruhr aus, verlangte: Schütze meinen Sohn vor deinem Idioten, oder bewache ihn ständig. Lieselotte zeigte schweigend zur Tür. Er erschrak, sie versöhnten sich.
Lieselotte kam zu mir:
Er ist ein Stumpfkopf, aber ich liebe ihn.
Furchtbar, nicht wahr?
Natürlich, sagte ich. Sein Kind zu lieben, egal was
Ich sprach ja über Stas, korrigierte Lieselotte. Jens ist für Tim gefährlich, was meint ihr?
Ich sagte, dass Tim wohl das dominierende Element in ihrer Familie sei, aber Aufsicht nötig bleibt. Darauf einigten wir uns.
Mit eineinhalb Jahren brachte Tim Jens bei, Pyramiden nach Größe zu stapeln. Tim selbst sprach in Sätzen, sang einfache Lieder und erzählte Reime wie: Die Krähe kocht den Brei.
Ist er ein Wunderkind?, fragte Lieselotte mich.
Stas wollte das wissen. Der Mann würde vor Stolz platzen, wenn er das hörte.
Ich glaube, das liegt an Jens, schlug ich vor. Nicht jedes Kind im Alter von eineinhalb Jahren wird zum Antrieb der Entwicklung des anderen.
Ja!, jubelte Lieselotte. Daran werde ich dieses Holzauge-Kind erinnern.
Ich dachte mir: ein wandelndes Gemüse, ein Holzblock mit Augen, eine Frau auf dem Motorrad und ein Wunderkind. Nachdem Tim das Töpfchen beherrschte, brauchte er ein halbes Jahr, um seinen Bruder daran zu gewöhnen. Lieselotte stellte ihm die Aufgabe, Jens essen, trinken aus einem Becher, an- und ausziehen zu lassen.
Mit dreieinhalb Jahren stellte Tim die Frage quer:
Was ist eigentlich mit Jens?
Er sieht ja überhaupt nichts.
Doch er sieht etwas, widersprach Tim. Nur schlecht. Je nach Licht. Am besten die Lampe über dem Badezimmerspiegel.
Der Augenarzt staunte, als man ihm Tim zum Erklären von Jens Sehbehinderung brachte, hörte aufmerksam zu, ließ weitere Untersuchungen anordnen und verschrieb komplexe Brillen.
Der Kindergarten funktionierte für Tim überhaupt nicht.
Er sollte doch endlich in die Schule! Was für ein Genie! schimpfte die Erzieherin. Mit ihm ist nichts süß, er weiß alles besser.
Ich sprach mich klar gegen einen frühen Schuleintritt aus: Tim solle in Arbeitskreisen bleiben und Jens weiter fördern. Überraschenderweise stimmte Stas dem zu und sagte zu Lieselotte: Setz dich mit ihnen bis zur Schule, was soll er in diesem albernen Kindergarten? Und hast du bemerkt, dass dein Sohn seit fast einem Jahr nicht mehr heult?
Ein halbes Jahr später sagte Jens: Mama, Papa, Tim, gib mir bitte zu trinken und miau. Beide Jungen gingen zur selben Zeit in die Schule. Tim sorgte sich: Wie kommt er ohne mich klar? Sind die Spezialschulen dort wirklich gut? Verstehen sie ihn?
Im fünften Schuljahr sitzt Tim noch immer zuerst mit Jens, dann allein im Unterricht. Jens spricht einfache Sätze, kann lesen und den Computer bedienen. Er liebt zu kochen und aufzuräumen (Tim oder seine Mutter geben die Richtung vor), sitzt gern auf der Bank im Schulhof, schaut, hört und riecht. Er kennt alle Nachbarn, grüßt immer. Er formt aus Knete, baut und zerlegt Konstrukteure.
Am allerliebsten fährt er mit der ganzen Familie auf Motorrädern die Landstraße entlang er mit seiner Mutter, Tim mit seinem Vater, und alle rufen dem Wind entgegen, als wäre er ein lebendiger Sturm.





