Lena bereitet das Abendessen zu. Ihr Mann, Hans, hat Lust auf Pasta mit Meeresfrüchten. Nach der Arbeit eilt sie zum Supermarkt, schnappt alles, was sie braucht, und kocht allein. Hans kommt mit einem Strauß Rosen leicht verspättet zurück und ruft beim Eintritt fröhlich: Leni, begrüß den erschöpften Mann! Lena lacht, nimmt die Blumen, steckt sie in eine Vase.
Nach dem Essen besprechen sie die Tagesereignisse, klären kleinere Probleme und machen es sich gemütlich auf dem Sofa, um einen Film zu schauen. Die beiden sind seit über zehn Jahren verheiratet; die einstige Leidenschaft hat sich in ein warmes Miteinander verwandelt. Gemeinsam betreiben sie ein kleines Unternehmen, das Lena mit Lieferanten und Hans mit Vertrieb und Finanzen versorgt. Sie wohnen in einer schönen Wohnung in Berlin, das Leben ist rund. Kinder? Noch nicht, das wollen sie erst um die vierzig.
Vor kurzem hat Lena auf dem Hof einen kleinen, struppigen Kater gefunden. Hans ist dagegen: Warum hast du so ein Wildeselchen mitgenommen? Bring es ins Tierheim. Wenn du eine Katze willst, nimm doch eine reinrassige MaineCoon, die gerade in Mode sind, oder wenigstens eine gepflegte Katze. Doch Lena hat den Kerl schon ins Herz geschlossen; er wird ihr neuer Schwanz und trägt den Namen Mieze. Hans mag das Tier nicht; die Abneigung ist beidseitig. Schnell kann Hans den Kater mit einem Tritt oder Stoß wegschieben, und Mieze legt sich dann auf seine Hose, verliert Haare und kneift an seinem Pullover.
Hans schreit: Ich werfe den Kater raus, er ruiniert meine Kleidung.
Lena erwidert: Wirfst du nicht einfach alles weg, räum das in den Schrank.
Barst ist doch ein peinlicher Name, brummt Hans.
Mieze funkelt mit seinen grünen, rätselhaften Augen.
Ein ganzes Jahr lang kämpfen Hans und Mieze gegeneinander. In letzter Zeit nervt der Kater Hans sogar, wenn er ihn nur sieht, und er ruft: Was macht er denn hier? Jetzt macht er wieder was.
Lena beruhigt: Hans, was soll das? Der Kater geht nur seinen Katzengeschäften nach. Er ist kein Rabauke.
Leni, er geht mir auf die Nerven. Gibst du ihn mir?
Niemals. Er ist mein.
Im Laufe des Jahres wächst Mieze zu einer großen, hübschen, flauschigen Katze heran. Lena macht am Samstag gründlich sauber. Hans ist noch am Donnerstag geschäftlich in München unterwegs und wird erst am Sonntag zurückkommen. Sie wäscht die Wohnung, saugt den Staub und räumt alles weg. Während sie das Wohnzimmer aufräumt, springt Mieze neugierig zum Schrank. Was hast du da, eine neue Spielzeugkiste? fragt Lena den Kater und entdeckt in einer Lücke einen Ordner. Sie zieht ihn heraus und findet darin Quittungen: Hotelrechnungen, Kurzurlaube von zwei bis drei Tagen, teure Schmuckkäufe, Flugtickets alles nicht für Lena. Außerdem liegt ein Kaufvertrag für ein Auto, dessen Eigentümerin eine unbekannte Natalia ist, aber die Zahlung stammt von Hans.
Lena blättert die Unterlagen durch; manche Seiten tragen Hans Notizen. Er sammelt Quittungen und bucht sie später über die Firma, um Geld zu verschleiern. Jetzt hat er dieselbe Taktik hier versteckt. Lena fühlt, wie ihr das Herz stockt. Sie will die Papiere zerreißen, schreien, sofort Hans anrufen hält sich aber zurück. Mieze schmust um ihre Beine, springt auf den Ordner und schnurrt beruhigend. Du hast das gesehen und mir gezeigt, murmelt Lena traurig. Der Kater legt sich in ihren Schoß, schnurrt ein weises Katzenlied und hilft ihr, klar zu denken. Ja, Mieze, du hast recht. Erst nachdenken, dann handeln. Sie kopiert alle Quittungen und Dokumente.
Abends sucht sie in den sozialen Medien nach der Autoschuldnerin und findet ein junges Mädchen, das stolz vor einem roten Kleinwagen posiert, mit der Aufschrift Lieblingsgeschenk. Kein Bild vom Freund, nur Hände und Rücken Lena erkennt Hans Rücken. Sie begreift, dass Hans eine Geliebte hat und das Familiengeld für die Affäre ausgibt.
Hans kehrt am Sonntagabend zurück, wie immer mit einem Strauß Rosen. Warum triffst du mich nicht an der Tür? ruft er lachend.
Ich habe eine Erkältung, Kopfschmerzen, sagt Lena, ihre Augen sind gerötet.
Hans isst, während Lena in einem anderen Zimmer liegt.
Soll ich einen Arzt rufen? fragt er.
Nein, ich bleibe hier und nehme meine Medikamente.
Hans schläft ein, lässt das Handy auf der Küchenzeile liegen. Lena nimmt es, dreht die Hand langsam um. Sie hat jahrelang Hans vertraut und nie sein Telefon eingesehen doch jetzt prüft sie die Nachrichten, SMS und Messenger. Alles bestätigt ihre Befürchtungen: Hans hat seiner Sonnenschein geschrieben: Ich vermisse dich schon. Treffen wir uns am Dienstag.
Am Montag schickt Lena Hans zur Arbeit, während sie selbst zu Hause krank bleibt. Sie sammelt die Unterlagen und geht zur Anwältin. Der Anwalt reicht Klage auf Scheidung und Vermögensaufteilung ein. Ohne Hans etwas zu sagen, erklärt Lena: Ich fühle mich völlig ausgebrannt, ich ziehe mich jetzt aufs Land zurück. Sie arbeitet nur noch einmal pro Woche im Büro, weil das Unternehmen inzwischen in Hamburg ansässig ist und remote funktioniert.
Für Hans kommt die Scheidungsklage wie ein Blitz mitten am Tag. Er hat das nicht kommen sehen und fährt sofort zu Lena. Was hast du dir nur ausgedacht? Wir sind seit Jahren zusammen, ich habe alles für dich getan.
Ich habe mich verliebt, das wars, sagt Lena schlicht. Wir sehen uns vor Gericht.
Sie schweigt über die Geliebte. Im Gerichtssaal legt sie die Quittungen und Ausgaben vor; Hans ist sprachlos. Die Richterin fragt: Haben Sie tatsächlich solche Summen für Ihre Geliebte ausgegeben und das Auto gekauft?
Ja, das habe ich, stottert Hans.
Lenas Anwältin erzielt die Teilung des gesamten Vermögens, eine Kompensation für die Hälfte der Firmengeschäfte und die Rückerstattung der Ausgaben für die Geliebte, weil es Familieneigentum war. Hans protestiert nicht. Die Wohnung bleibt Hans, Lena bekommt das Landhaus und eine ordentliche Geldsumme. Die Autos bleiben, wer sie hat, behält sie.
Noch vor der Scheidung hat Lena einige Lieferanten auf ihre neue Firma übertragen und startet das Geschäft neu, übernimmt nun sowohl Vertrieb als auch Finanzen. So ist sie unabhängiger. Mit Mieze an ihrer Seite läuft alles gut.
Hans ist wütend, weil seine Ex-Frau nun seine Konkurrentin ist und eine erfolgreiche. Sein Geld ist deutlich geschrumpft, und die neue Freundin ist nicht das, was er sich erhofft hatte. Treffen ist das eine, leben das andere. Er bringt sie nicht nach Hause, geht zu Dates und kehrt in die leere Wohnung zurück.





