Es war alles ganz einfach bei ihnen, fast schon klassisch, möchte ich sagen: Sie lernten gemeinsam seit der ersten Klasse und verliebten sich in der zehnten. Diese Liebe blühte in den letzten beiden Schuljahren und erfreute alle, denn beide waren schön, und ihre Beziehung wirkte rein und erhaben. Jeder dachte, sie würden nach dem Abitur sicher heiratenes war nur eine Frage der Zeit. Hans und Liesel.
Und Hans Glaube daran, dass es so kommen würde, war fest wie das Ehrenwort eines Pfadfinders. Liesel wiederum zweifelte nie an ihm, so wenig wie am unvermeidlichen Glockenschlag der Berliner Rathausuhr zu Silvester.
Auch mir, ihrem Klassenlehrer, gefielen sie. Beide. Hans war zielstrebig, ein junger Mann, der genau wusste, wohin er wollte. Er träumte davon, Jurist zu werden, und legte sich in der Schule besonders in Geschichte und Sozialkunde ins Zeug. Liesel hingegen sollte eine große deutsche Dichterin aller Zeiten und Völker werdenso sagte Hans über sie. Denn sie schrieb unendliche Ritterromane, die Hans immer als Erster las. Der zweite Leser war stets ich. Schließlich unterrichtete ich sie in Deutsch und Literatur.
In diesen Romanen gab es alles: leidenschaftliche Liebe, so stark, dass Sie stets allen Reichtum der Welt verwarf, während Er unablässig gegen jeden kämpfte, der Sie ihm entreißen wollte. Es gab Burgen, halsbrecherische Hängebrücken über Abgründen, böse Mütter und tyrannische Väter, die, blind für das wahre Glück ihrer Kinder, es nach eigenem Gutdünken zu formen versuchten. Doch am Ende zerrissen die dunklen Schleier und unerwartet, im allerletzten Satz, starb Sie. Oder Er. Der Sieg der Wahrheit war erhebend. Doch immer blieb auch die Trauer, dass sie, wie so oft, zu spät kam, selbst wenn sie am Ende triumphierte.
Trotz dieser blumigen Geschichten glaubten Hans und ich an unsere Liesel. Hans, weil seine Augen und sein Herz für immer an ihr zu hängen schienen. Ich, weil zwischen den üppigen Ranken ihrer Erzählungen immer wieder erstaunlich präzise Worte aufblitzten. Manchmal sogar ganze Bilder:
das welke Laub des Vorjahrs knisterte trocken unter den Füßen, die Kapuzen der Mönche, die langsam über der Menge schwebten, sahen aus wie Zuckerhüte der Sünde, die Tür gähnte schwer und alles versank wieder in den Morgenschlaf. Vieles davon weiß ich noch heute.
Doch alles, wie man weiß, findet irgendwann ein Ende. Und so verließen auch sie die Schule.
Unsere Liesel begann ein Studium am Literaturinstitut bei dem großen Enzensberger. Ein paar Mal lud sie mich sogar zu ihren Seminaren ein, und ich sah und hörte einen engen Freund von Grass. Sie lernte mühelos und erfolgreich. Schon im ersten Semester begann sie zu veröffentlichen. Ich war stolz auf sie. Und auch auf mich. Weil ich sie erkannt, behütet, gehegt und großgezogen hatte.
Hans hingegen war nur stolz auf sie. Nach jeder neuen Veröffentlichung kam er in die Schule, und während ich las, rutschte er auf dem Stuhl hin und her, rieb sich die Hände, gab mir Ratschläge, welche Stellen ich noch einmal lesen sollte, worauf ich besonders achten müsse. Dann blickte er mir gespannt in die Augen und fragte: Nun, wie?.. In dieser Frage lag alles, wie in Liesels frühen Romanen: Begeisterung, Hoffnung, eifersüchtige Abwehr von Kritik, Liebe, Verehrung und alles, was eine junge Seele mit nicht einmal zwanzig Jahren erfüllt.
Doch Hans Mutter mochte unsere Liesel nicht. Ich wusste nicht, warum. Und sie tat alles, um diese Liebe zu zerstören. Aber klug, Schritt für Schritt, so dass weder Hans noch Liesel es merkten. Mich holte sie nicht auf ihre Seitesie wusste, dass ich ihr darin kein Verbündeter wäre, eher das Gegenteil. Doch sie war freundlich zu mir. Zu freundlich. Wie, fragen Sie? Nun, so
Stellen Sie sich vor, Sie trinken süßen Tee mit Marmelade, Sirup und Eis. Und man bietet Ihnen noch Bonbons an. Und Honig. Aufrichtig. Von Herzen. Doch in Wahrheit ist es keine Gastfreundschaft mehr, sondern eine Quälerei.
So klangen unsere seltenen Gespräche.
Kurz gesagt: Es gelang ihr. Hans ging zum Jura-Studium nach England. Liesel erzählte es mir als Erste: Sie kam mit dem Blick einer Hexe in die Schule, richtete ihre Augen ins Nichts und verkündete es mit der Tragik einer Dostojewskaja.
Dann seufzte sie und meinte, das alles bedeute nichts, denn sobald Hans sein Studium beende, würden sie heiraten. Dass er jetzt fortginge, sei sogar gut, denn ich habe ein wichtiges Projekt mit einem Verlag, sagte sie, und im Institut ist einiges liegen geblieben. Jetzt habe ich endlich Zeit dafür.
Und wieder war alles gut. Oder besser: ruhig.
Beide lernten. Nur jeder für sich und an entgegengesetzten Enden Europas: Er etwas westlicher, sie etwas östlich von Parisso formulierte es Liesel, wenn sie mich in der Schule besuchte. Doch diese Besuche wurden seltener. Hans schrieb noch weniger, denn das Leben in England war eintönig und grau.
Dann, etwa ein Jahr später Ja, genau ein Jahr später, kam Liesel plötzlich und lud mich ein zu ihrer Hochzeit. Mit einem Kommilitonen. Er studiert nur Lyrik, sagte sie, als wäre das das größte Hindernis. Und sie sah mich so an, dass ich wusste: Fragen war unnütz. Also fragte ich nicht, denn ich wusste längst, dass das Leben nun einmal so ist
Ach, was erzähle ich Ihnen da. Sie verstehen es ja selbst.
Hier wäre ein Zitat angebracht, von Fontane vielleicht:
So verstummten die Lerchen über den Feldern, die meinem Herzen so teuren, und das reife Korn raunte ihnen kein Abschiedswort mehr zu. So verhallte das Plätschern des Bächleins, das irgendwo aus den Hügeln des Spreewalds kam. Und das wars
Ja, das wars. Noch eine Liebe ging zugrunde. Wieder einmal setzte sich die Vernunft der Erwachsenen durch. Wieder entstand eine durchschnittliche Familie. Und bald, so dachte ich, würde auch Hans eine gründen.
Liesel kam nie wieder. Sie zog mit ihrem Dichtergatten fort. Auch Hans ließ sich nicht mehr blicken.
Das wars.
Und gestern verließ ich die Schule nach der sechsten Stunde. Mai, warm, hell und jung. Wie schön das war. Mein Gott!.. Da kam Hans auf mich zu, deutlich gealtert. Ich erkannte ihn sofort, obwohl wir uns sechzehn Jahre nicht gesehen hatten:
Guten Tag. Ich habe auf Sie gewartet Ja, alles in Ordnung, danke Verheiratet, zwei Töchter. Der Job? Ich habe eine eigene Kanzlei Nur bei Liesel ist der Mann gestorben. Heute vor neun Tagen. Sie ist jetzt allein mit ihrer Tochter Kommen Sie mit, ich fahre Sie.
Und er sah mich so an, dass ich wusste: Fragen war unnütz. Also fragte ich nicht, denn jetzt wusste ich endgültig, dass das Leben eben so ist.





