Der kleine Kater Leo fiel schon beim Spaziergang auf, doch als Nina Iwanowna eine Runde “Gänsespiel” organisierte, konnte er sich nicht näher herantrauen.

Hey, ich muss dir noch die Geschichte von Lenn erzählen, weil sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Also, das war in Berlin, im Kindergarten an der Kantstraße. Dort hat die Erzieherin Frau Nina eine Runde Gans, Gans, Entenfeder organisiert, und deswegen kam der kleine orangefarbene Kater, den wir Lenny nennen, nie so richtig nah ran. Der Kater war genau so rot wie Lenn, nur dass seine Wimpern ja ja, man glaubt es kaum, Kätzchen können ja fast Wimpern haben irgendwie unentschieden rot waren. Lenn hat die roten Wimpern.

Seine Mutter hat früher immer gesagt, die Sonne hat ihm einen Kuss geschenkt. Sie hat Lenn auch geküsst, und dann ist sie plötzlich gestorben. Seitdem küsst ihn niemand mehr. Der Vater hat nie viel Zeit, und die Oma Gertrud scheint Lenn irgendwie nicht zu mögen. Und wenn die Sonne ihm wirklich einen Kuss gegeben hat, ist er dann sozusagen ein Sonnenkind? Was, wenn die Sonne auch den kleinen Kater geküsst hat? Und haben Kätzchen überhaupt Wimpern?

All das ratterte gerade in Lenn’s Kopf, als es still wurde.

Lenn, warum schläfst du noch nicht? flüsterte Frau Nina und zog ihm die Decke ein wenig höher. Mach die Augen zu. Lenn schloss sie, aber das Einschlafen klappte nicht. Er lag da und hörte aus dem Umkleideraum, wie Frau Nina mit jemandem diskutierte:

Wie lange soll das noch gehen? Wir brauchen für jede Gruppe wenigstens einen Assistenten. Bei so vielen Kindern ist das doch ein Witz. Und wer will dafür so schlecht bezahlt werden?

Puh, gut dass Anna weg ist, kam eine andere Stimme. Wie sie die Kinder behandelt hat, das war echt zu viel.

Nee, aber wie man die Kinder führt, ist doch die Frage. Frau Nina zuckte die Schultern, und dann wurde es still.

Der frühere Kindergarten­betreuerin Anna Weber die war echt streng hatte die Kinder oft angeschrien. Wenn sie das BreiMitKlumpenEssen nicht wollten, hat sie ihnen die Löffel ins Maul gedrückt, bis die Zunge wehtat. Einmal hat sie den Löffel so fest auf Lenns Zunge gedrückt, dass das Essen direkt auf den Tisch geflogen ist. Sie hat geschrien, Lenn war total verängstigt, und Frau Nina hat ihn dann gewaschen und umgezogen. Danach hat jemand bei der Leitung geklagt, und Anna kam nie wieder.

Am Abend, als Lenn mit seinem Vater nach Hause ging, sah er nur einen flüchtigen orangefarbenen Schwanz hinter der Bank verschwinden. Dann kam sein Vater, aber seit dem Tod seiner Mutter redet er kaum noch mit Lenn und schenkt ihm kaum Aufmerksamkeit. Er holt Lenn aus dem Kindergarten ab und wirft ihn ins Kinderzimmer zum Spielen. Eines Tages hörte Lenn seine Oma Gertrud schreiend zu seinem Vater:

Sascha, ich sags dir immer wieder, du erziehst nicht dein eigenes Kind! Er sieht ja nicht aus wie du, siehst du das nicht?

Mama, er erinnert mich an Nadine, erwiderte der Vater.

Und an Nadine erinnert er sich kaum. Mach doch mal einen Vaterschaftstest, das ist doch einfacher, als mit einem fremden Kind rumzuhantieren.

Lenn verstand das nicht. Die Oma schimpfte oft, aber er hatte sich daran gewöhnt und hörte kaum hin.

Dann kam die neue Tagesmutter, Frau Irene Schmidt. Sie war ganz anders als die alte Anna. Sie schrie nicht, flüsterte nur leise zu den Kindern, und sie aßen endlich ihr Essen. Lenn setzte die Gabel ab und beobachtete sie neugierig. Sie kam zu ihm:

Hey, wie heißt du? Lenn? Ich bin Irene. Warum isst du nicht?

Ich mag den Brei mit Klumpen nicht, sagte er.

Weißt du, ich mag den auch nicht. Und ich zwinge die Kinder nie, die Klumpen zu essen. Leg sie einfach auf den Teller, und wir schauen später, wer die meisten hat.

Das fand Lenn spannend. Er suchte eifrig nach Klumpen und fand kaum welche aber beim Suchen fraß er fast den ganzen Brei. Irene lobte ihn: Du bist ein echter Kerl, Lenn! Das habe ich lange nicht mehr gesagt. Das tat gut, weil ihn sonst nie jemand gelobt hatte.

Seitdem ging Lenn gern in den Kindergarten. Irene half immer der Erzieherin und die Kinder mochten sie sofort. Eines Tages bat Frau Nina Irene, während der Ruhezeit bei den Kindern zu bleiben, während sie ins Büro ging. Die Kinder schniefen leise, und Lenn konnte einfach nicht einschlafen.

Lenn, warum bist du noch wach? streichelte Irene ihm den Kopf.

Weißt du, meine Mama ist jetzt im Himmel?, flüsterte er.

Irene schnappte nach Luft. Sie mochte den stillen, leicht schüchternen, roten Jungen sofort. Sie hatte schon gemerkt, dass Lenn oft von seinem Vater oder seiner strengen Oma abgeholt wurde aber nie von seiner Mama.

Nein, das wusste ich nicht, sagte sie leise.

Und die Sonne hat mich geküsst, ergänzte er.

Das habe ich bemerkt, grinste Irene.

Haben Kätzchen eigentlich Wimpern?, fragte er.

Vielleicht, warum fragst du?

Lenn erzählte ihr alles: den roten Kater im Gebüsch, dass die Sonne ihn vielleicht auch geküsst hat und dass er sich wünschte, er hätte einen Bruder sogar einen Kater weil niemand mehr seine Mutter küsst.

Können Kätzchen Kinder küssen?, fragte er.

Irene streichelte sein wuscheliges Haar und nickte: Ja, die können. Ihre Zunge ist aber ein bisschen rau. Schlaf jetzt, gut?

Rau?, staunte Lenn, schloss die Augen und schlief fast sofort ein.

Die Erzieherin meinte später zu Irene: Seine Mama kam aus einem Heim, ist erst kürzlich gestorben. Seine Stiefgroßmutter akzeptiert die Schwiegertochter nicht, sagt dem Vater, das Kind sei nicht sein. Der Junge ist sauber und gepflegt, aber er lächelt kaum mehr. Früher strahlte er wie die Sonne.

Einige Wochen später kam Lenn nicht mehr zum Kindergarten. Er war krank, ein seltsames Virus wütete in Berlin, obwohl schon fast Sommer war, und er blieb wochenlang weg. Frau Nina sagte zu Irene: Er kommt nie wieder. Der Vater meldete Lenn im Heim an. Irene war total fassungslos.

Wie kann das sein?, dachte sie. Er hatte doch lebenden Vater und Oma!

Dann, direkt vor dem Kindergarten, sprang ein kleiner orangefarbener Kater aus dem Gebüsch. Irene fing ihn schnell auf das war wohl der Kater, von dem Lenn immer gesprochen hatte. Der Kätzchen war fast jugendlich, schmutzig, aber das war kein Problem, man wusch ihn. Und ja, Kätzchen haben keine Wimpern.

Spät in der Nacht kam Lenns Vater, Lukas, nach Hause. Der Kater rannte furchtlos zu ihm.

Oh, wir haben Zuwachs! Irene, macht das keine Möbel kaputt?

Lukas sah etwas besorgt aus.

Was ist los? Ist was mit Mama? Bei der Arbeit?

Sie redeten die ganze Nacht. Schließlich fragte Lukas:

Irene, bist du sicher, dass das nicht einfach ein Streunerkater ist?

Irene hatte ja den Kindergartenjob nur, weil sie selbst keine eigenen Kinder hat sie wollte wenigstens fremden Kindern helfen. Lukas meinte, alles würde wieder gut, die Ärzte sagten, es sei alles in Ordnung. Sie füllten unzählige Formulare aus, suchten eine Pflegefamilie, baten Psychologen, und dank des guten Gehalts von Lukas er verdient etwa 3500Euro netto im Monat konnten sie das alles stemmen. Die Leiterin des Kindergartens half über ihre Kontakte. Lenns Großeltern aus Sibirien riefen ständig an und drängten, dass Lenn sofort zu ihnen kommen solle.

Endlich durfte Lenn wieder in den Kindergarten kommen. Er lächelte schüchtern, doch er wusste, dass er jetzt bei Irene bleiben würde. Und zu Hause wartete schon dieser orangefarbene Kater, den sie Möwe nannten, weil er so frei war. Sie gingen zusammen jeden Tag zum Kindergarten.

Schaut, Lenn ist zurück!, rief die Erzieherin, als er eintrat.

Hallo, Lenn!, sagte Frau Nina. Und ja, Kätzchen haben wirklich keine Wimpern, aber ihre Zunge ist schön rau!

Zwei Jahre später geht Lenn in die erste Klasse. Seine Mama, sein Papa, die beiden Omas, der Opa und seine kleine Schwester stehen an der Tür und winken ihm zu. Ich dachte, das ist ein gutes Ende für unseren kleinen roten Schatz. Vielleicht sehen wir uns bald und ich erzähle dir die nächste Runde. Bis dann!

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Homy
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Der kleine Kater Leo fiel schon beim Spaziergang auf, doch als Nina Iwanowna eine Runde “Gänsespiel” organisierte, konnte er sich nicht näher herantrauen.
Weibliche Rache – lautlos, aber mächtig