DIE GELIEBTE

Die Geliebte meines Mannes war ein echter Hingucker hätte ich den Mann in ihr gestoff, hätte ich sofort dieselbe Wahl getroffen. Kennen Sie diese Frauen, die ihren eigenen Wert genau wissen? Sie schreiten würdevoll, blicken geradeaus, hören aufmerksam zu. Keine hektischen Gesten, kein Aussetzen von Brust und Rücken, um Aufmerksamkeit zu erhaschen sie strahlen königliche Gelassenheit aus und geraten nie in Panik.

Sie würde sie ebenfalls wählen als völliges Gegenteil zu mir.

Warum? Ich bin nämlich die, die ständig hetzt, den Kindern und meinem Mann hinterher ruft, aus der Hand verliert, nie genug schafft, im Büro ein Berg Arbeit liegt und der Chef unzufrieden brummt. Ich hänge in immer gleichen Hosen und PullunderT-Shirts. Ein Kleid zu bügeln ist ja ein halbes Projekt. Ich habe vergessen, wann ich das letzte Mal Rüschen glattgestrichen habe zum Glück glättet die neueste Trockner und Waschmaschine das Zeug fast ohne Bügeleisen.

Doch die Geliebte war makellos. Figur, Haltung, Beine, Haare, Augen, Gesicht man könnte kaum atmen! Und sie atmete nicht mehr, seitdem sie ihn sah. Oder besser: seitdem sie ihn bemerkte. Beim Dienst in einem fernen Stadtteil stolperte sie in das erstbeste Café, um schnell etwas zu essen. Der Hunger war nicht zu überhören. In dem vollgestopften Lokal fand sie einen freien Eckplatz, setzte sich, blätterte die Speisekarte und hob den Blick. Nicht eingebildet, sondern sofort: Sie erkannte ihren Mann von hinten. Und daneben stand sie selbst.

Er hielt ihre Hände in seinen Handflächen und küsste die Finger. Wie kitschig, dachte ich. Fast schon Ihre Finger riechen nach Weihrauch. Doch die Frau war gut aussehend objektiv gut.

Sie bestellte Suppe und Salat, aß, ohne den Geschmack zu spüren, und wartete noch eine Weile, bis sie ging. Angst, sichtbar zu werden, war unbegründet ihr Mann interessierte zu diesem Moment niemanden sonst.

Ein seltsames Gefühl überkam sie, wie nach einer Verbrennung, wenn man die rote Markierung auf der Haut sieht und weiß, dass in ein paar Sekunden ein Stich folgt. In diesen Sekunden lebt man in Erwartung des Schmerzes und bläst, um die Haut zu kühlen Man sollte ja Schmerzen fühlen, doch innerlich war alles leer.

Thomas kam pünktlich zurück, gut gelaunt und ausgeglichen. Ich, die immer im Halbschritt stolpere, alles eilig mache, während er ein ruhiger, bodenständiger Sanguiniker mit gutem Humor ist. Jetzt könnte ich seine Witze gut gebrauchen sie passen nicht zu dieser Situation.

Den ganzen Abend über dachte ich daran, ihn direkt und gefasst zu fragen: Wie war deine Affäre? Habe ich dich neulich im Café am Tiergarten gesehen? Gut, gut, ich verstehe dich, ich hätte das auch nicht zurückgehalten. Und dann zuzusehen, wie Schweißperlen auf seiner Stirn erscheinen, er rot wird und versucht, die Fassung zu wahren.

Und jetzt? Stell dir die Kinder vor, die neue Mutter kennenlernen müssen. Wo soll ich hin? Mit eigener Wohnung oder doch zu euch? das wäre meine nächste Frage gewesen. Doch ich sagte nichts. Stattdessen zog er mich wie gewohnt ins Bett, zog mich zu sich und schlief sofort ein.

Vielleicht gibt es noch keinen Sex zwischen uns dachte ich, während ich mich auf meine Seite des Bettes kuschelte und leise lachte. So dachte ich plötzlich wie eine Frau, die gerade betrogen wurde, und trotzdem allen erzählt, dass sie sich das nur eingebildet habe.

Vielleicht gibt es noch keinen Sex, nur die erste Phase: Vorspiel, Sympathie, Atem im Gleichklang. Und er ist ein verschlüsselter Liebhaber ohne Wort, ohne Muskelspannung!

Ich wälzte mich im Bett, schlief in Fetzen, träumte von leuchtenden Blumen und fremden Liebesaffären in roten Kleidern. Am Morgen erwachte ich mit schwerem Kopf, bewegte mich langsamer als üblich durch die Wohnung, brachte die Kinder pünktlich zur Schule.

Und die Frage: Was soll ich tun? Was machen Frauen, deren Männer nebenbei rumalbern? Googeln? Google half nicht, und ich hatte selbst keine Antworten. Weiterleben? Warum nicht, ich lebe ja schon weiter: der gewohnte Alltag, der pünktlich heimkehrende Mann, kein Lippenstiftfleck auf dem Hemd, kein fremder Parfümduft, hüpfende Kinder und sonntägliche Kinobesuche. Keine Verhaltensänderung. Der Sex bleibt zweimal pro Woche, manchmal dreimal, wenn man wirklich auf Details achtet.

War ich im falschen Café im fernen Stadtteil? Nein. Ich rief ihn zur Mittagszeit an, er ging nicht ran. Ich nahm ein Taxi, fuhr zurück zum selben Café, erfand dem Taxifahrer eine plausible Geschichte, dass wir ein Paket für die Arbeit abholen würden. Thomas Wagen stand gegenüber. Er und seine Geliebte stiegen ein und fuhren weg.

Ich wurde blass, bat den Taxifahrer um Wasser, tat so, als würde ich jemanden anrufen, und schrie in das leere Telefon: Verdammt, ihr Paket! Ich kann nicht länger warten, ich gehe zur Arbeit! Mir war egal, was der Taxifahrer von mir dachte.

Die Existenz einer Geliebten ändert das Leben immer Scheidung? Wahrscheinlich. Wie weiter? Ertragen? Warum? Was bringt das?

Ich erinnerte mich an ein Freundespaar, bei dem vor ein paar Jahren die Ehe vom Seitensprung überschattet wurde. Der Mann versteckte sich, die Frau fand es trotzdem heraus. Es kam zum Zoff, er leugnete bis zuletzt, bis Beweise in Form von nicht gelöschten Nachrichten auftauchten. Er behauptete, er sei Opfer von neidischen Konkurrenten.

Damals sagte ihr Mann: Ich würde niemals lügen. Wenn ich etwas verbockt habe, dann gestehe ich es. Und wenn dir die Familie wichtig ist, brech es ab. Oder geh, aber sorg für deine Familie. Ich war damals total stolz auf ihn so verantwortungsbewusst.

Leicht, solche Situationen aus der Ferne zu lösen. Vor Ort, mitten im Drama, wo sowohl Ehefrau als auch Geliebte vor einem stehen, verliert man plötzlich den Mut und die klare Stimme.

Ich trat an ihren Tisch im Café, setzte mich auf den freien Stuhl. Die Geliebte hob überrascht die Augen, Thomas erstarrte, dann setzte er sich zögerlich. Schweigen. Es war fast komisch, ihnen zuzusehen. Die Geliebte wusste sofort, wer ich war oder zumindest, sie ahnte es.

Thomas wollte etwas sagen. Ich hob die Hand, um ihn zu stoppen: Das ist nicht das, was ich dachte, oder? Es gibt hier nichts Überraschendes. So etwas passiert eben. Aber überlegt euch jetzt, wie ihr das Ganze regelt Kinder, gemeinsame Wohnung, ältere Eltern. Ihr seid klug, ihr schafft das. Und dann ging ich gemächlich zur Tür. Das frisch gebügelte Kleid stand mir gut. Schade, dass ich es lange nicht getragen hatte.

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Homy
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DIE GELIEBTE
Olga bereitete sich den ganzen Tag auf die Silvesterfeier vor: Sie putzte, kochte und deckte den Tisch. Es war ihr erstes Silvester nicht bei den Eltern, sondern mit ihrem Liebsten. Seit drei Monaten wohnte sie nun schon bei Timo in seiner Wohnung. Er war 15 Jahre älter als sie, geschieden, zahlte Unterhalt und trank gern mal einen über den Durst… Aber das alles war egal, wenn man wirklich liebt. Niemand verstand, was Olga an ihm fand: Er war weit entfernt davon, als schön zu gelten, eher im Gegenteil – sogar richtig unansehnlich, dazu hatte er einen furchtbaren Charakter, war geizig bis zum Gehtnichtmehr und ständig pleite. Und wenn er doch mal Geld hatte, war es nur für ihn selbst da. Trotzdem verliebte Olga sich in dieses Kuriosum von Mann. Drei Monate lang hoffte Olga, Timo würde erkennen, was für eine geduldige und fleißige Frau sie war, und sie vielleicht sogar heiraten wollen. Er sagte immer: „Man muss erst zusammenwohnen – dann sieht man, was für eine Hausfrau du bist. Nicht, dass du so bist wie meine Ex!“ Was genau mit seiner Ex-Frau los war, blieb für Olga ein Rätsel – er druckste immer herum. Deshalb gab Olga alles: Sie schimpfte nicht, wenn er betrunken heimkam, kochte, wusch, putzte und kaufte die Lebensmittel von ihrem eigenen Geld (bloß damit Timo nicht denkt, sie sei aufs Geld aus). Auch die Silvester-Tafel hatte sie alleine bezahlt. Sogar ein neues Handy gab sie ihm zum Geschenk. Während Olga sich auf das Fest vorbereitete, nutzte ihr Wunder-Timo die Zeit auf seine Weise: Er trank mit seinen Freunden. Beschwingt kam er nach Hause und verkündete, dass zu Silvester seine Freunde kommen würden – Leute, die Olga nicht kannte. Sie deckte den Tisch, noch eine Stunde bis Mitternacht. Die Laune war im Keller, doch sie blieb ruhig, denn sie wollte nicht wie seine Ex sein. Eine halbe Stunde vor Mitternacht platzte eine betrunkene Gesellschaft von Männern und Frauen herein. Timo blühte richtig auf, setzte alle an den Tisch und das Besäufnis ging weiter. Olga stellte er den Gästen nicht mal vor; niemand beachtete sie, stattdessen tranken und redeten alle unter sich. Als Olga anmerkte, dass in zwei Minuten Mitternacht sei und sie doch mit Sekt anstoßen sollten, schaute man sie an, als sei sie das fünfte Rad am Wagen. „Und wer ist das?“ lallte eine Frau. „Die Bett-Nachbarin“, prustete Timo, und alle lachten über Olga. Sie aßen Olgas Essen und machten sich über sie lustig. Um Mitternacht zogen sie über ihre Naivität her und lobten Timo: „Schlauer Kerl, so eine kostenlose Haushälterin zu haben!“ Timo verteidigte sie kein bisschen, sondern lachte mit. Aß ihr Essen und „trat nach ihr“. Olga schlich leise hinaus, packte ihre Sachen und fuhr zu den Eltern. So ein furchtbares Silvester hatte sie noch nie. Die Mutter sagte nur: „Ich hab’ dich ja gewarnt“, der Vater atmete auf, und Olga weinte sich die Enttäuschung von der Seele und legte ihre rosarote Brille ab. Nach einer Woche, als Timos Geld weg war, stand er plötzlich vor ihrer Tür, als sei nie etwas gewesen: „Warum bist’n weg? Schmollst du jetzt, oder was?“ Und als klar wurde, dass sie nicht einknicken würde, probierte er es anders: „Na super, du gammeln bei Mama und Papa, und bei mir tanzt schon die Maus im Kühlschrank! Du wirst wirklich immer mehr wie meine Ex!“ Vor so viel Dreistigkeit verschlug es Olga die Sprache. Sie hatte sich so oft vorgestellt, was sie ihm alles sagen würde – und jetzt fiel ihr nur eines ein: Ihn schroff zu verabschieden und ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. So begann für Olga mit diesem Silvester ein neues Leben.