Ich erinnere mich noch gut an jene Zeit, als ich noch ein junger Mann auf dem Land bei Brandenburg lebte, und meine Freundin Waltraud mir das Wort des Abschieds entgegnete.
Lass mich los! Ich habe dir nie versprochen, zu heiraten, und ich weiß nicht einmal, wessen Kind das ist vielleicht ist es gar nicht meines. sagte Viktor, während er seine Habseligkeiten zusammenpackte.
Waltraud stand wie erstarrt da, unfähig zu begreifen, dass gerade dieser Mann, der ihr einst sein Herz geschenkt und ihr Liebesbeteuerungen geflüstert hatte, nun fortziehen wollte.
Ein Jahr später, mit fünfunddreißig Winteren auf dem Buckel und wenig Hoffnung, ein Kind zu finden, beschloss sie, doch ein Kind zu bekommen.
Waltraud brachte ein Mädchen zur Welt, das sie Liselotte nannte. Das Kind wuchs ruhig und ohne Beschwerden auf, brachte seiner Mutter kaum Ärger. Waltraud kümmerte sich zwar um das Essen, die Kleidung und die Spielsachen, doch echte mütterliche Wärme blieb ihr verwehrt; ein zärtlicher Arm, ein Kuss, ein gemeinsamer Spaziergang fehlten gänzlich.
Als Liselotte sieben Jahre alt war, kam ein Fremder ins Dorf ein wandernder Schreiner namens Heinrich, der nur sporadisch Arbeit fand und sein Zuhause kaum benennen konnte. Waltraud arbeitete im Dorfladen, während Heinrich die Kisten mit Waren belud. Zwischen den Brettern und Nägeln entfaltete sich ein leiser Schwur, und bald lud Waltraud den Mann ein, bei ihr einzuziehen.
Die Nachbarn tuschelten: Was hat Waltraud nur für eine leichte Hand, einen fremden Mann nach Hause zu holen? Heinrich sprach selten, doch Waltraud hörte nicht auf die Spekulationen; sie sah in ihm die letzte Chance auf ihr weibliches Glück.
Heinrich, dessen Hände vom Holzduft durchzogen waren, reparierte das Haus, das ohne Männerhand verfallen war: Zuerst die Veranda, dann das Dach, dann den Zaun. Tag für Tag arbeitete er, und das Heim gewann an Glanz. Die Dorfbewohner kamen zu ihm, um Hilfe zu ersuchen, und er verlangte nur ein Wie du mir hilfst, so helfe ich dir manchmal Geld, manchmal Marmelade, manchmal ein Stück Fleisch, Eier oder frische Milch.
Da Waltraud keinen eigenen Hühnerhof besaß, war das Vieh des Heinrich nun ihr ganzer Stolz. Vorher hatte sie Liselotte selten mit Sahne oder frischer Milch verwöhnt; nun standen beides im Kühlregal bereit. Heinrichs Hände wurden im Dorf zum Synonym für Können und Fleiß: Er ist ein Tausendsassa, der Hammer schwingt und die Ähren schüttelt.
Waltraud, die nie als schöne Frau galt, erstrahlte plötzlich, wurde sanft und milde, fast wie vom Licht geküsst. Auch Liselotte wirkte freundlicher, ihr Lächeln offenbarte kleine Grübchen an den Wangen.
Eines Tages, während Liselotte auf der Veranda saß und Heinrich beim Schreinern zusah, ging sie zu einer Nachbarin. Als sie zurückkehrte, öffnete sie das Tor und erstarrte. In der Mitte des Hofes standen wie aus dem Nichts Schaukelgestelle, die im leichten Wind schaukelten.
Für mich? Heinrich, hast du das für mich gebaut? starrte Liselotte ungläubig.
Natürlich für dich, kleine Liselotte! Nimm dir die Schaukel, genieße das Leben! lachte Heinrich, der sonst kaum ein Wort verlor.
Liselotte setzte sich, schaukelte hin und her und fühlte sich die glücklichste Tochter der Welt.
Heinrich nahm die Küche in die Hand, bereitete Frühstück, Mittag und Abendessen zu. Seine Kuchen und Aufläufe wurden legendär; er lehrte Liselotte, wie man ein gutes Mahl zubereitet und den Tisch deckt.
Im Winter, als die Tage kurz wurden, holte Heinrich Liselotte von der Schule ab, trug ihren Ranzen und erzählte Geschichten aus seinem Leben: Wie er für die kranke Mutter seiner Schwester sorgte, seine Wohnung verkaufte, um ihr zu helfen, und wie sein Bruder ihn aus dem Elternhaus vertrieb. Er brachte ihr das Angeln bei, und an lauen Sommermorgen saßen sie zusammen am Fluss und warteten geduldig auf den ersten Biss.
So lernte Liselotte Geduld.
Im Hochsommer schenkte Heinrich ihr ihr erstes Kinderfahrrad und zeigte ihr das Pedalieren.
Sie ist doch noch ein Mädchen, murrte Waltraud.
Das macht nichts. Sie muss lernen, erwiderte Heinrich bestimmt.
Zum Neujahrsfest brachte Heinrich ihr ein Paar echte Schlittschuhe. Am Abend deckten sie gemeinsam den festlich gedeckten Tisch, den Heinrich mit Liselottes Hilfe hergerichtet hatte.
Am Morgen weckte das Lachen von Liselotte das Haus:
Schlittschuhe! Hurra! Meine echten Schlittschuhe! Weiß und neu! Danke, danke! Tränen des Glücks liefen ihr über das Gesicht, als sie das Geschenk unter dem Weihnachtsbaum betrachtete.
Später gingen sie zusammen zum zugefrorenen Fluss, räumten den Schnee vom Eis, und Heinrich zeigte ihr das Gleiten. Als sie zurückkehrten, umarmte Liselotte ihn plötzlich:
Danke, danke, Papa!
Heinrich weinte leise vor Freude, wischte die Tränen heimlich weg, damit Liselotte sie nicht sah.
Liselotte wuchs heran, ging in die Stadt, um zu studieren, und erlebte viele Schwierigkeiten wie es im Leben eines jeden jungen Menschen geschieht. Doch Heinrich blieb stets ihr Rückhalt: Er war bei ihrem Abitur, brachte ihr Lebensmittelpakete nach Hause, damit seine kleine Liselotte nie hungern musste.
Am Tag ihrer Hochzeit fuhr er sie zum Standesamt, stand neben ihrem Mann und wartete vor dem Entbindungskrankenhaus, bis sie zurückkehrte. Er hütete seine Enkelkinder wie einen Schatz, liebte sie, wie man selten eigene Verwandte liebt.
Schließlich ging auch er, wie wir alle einst gehen werden. Am Abschied stand Liselotte, Hand in Hand mit ihrer Mutter, und ließ ein wenig Erde über die Hände rieseln, seufzte tief und sprach:
Leb wohl, lieber Vater Du warst der beste Vater der Welt. Ich werde dich immer in meinem Herzen tragen.
So blieb er für immer in ihrem Innern, nicht nur als Heinrich, der Schreiner oder Stiefvater, sondern als Vater, der nicht durch Blut, sondern durch Liebe verbunden war. Denn ein Vater ist nicht immer der, der uns geboren hat, sondern der, der uns aufzieht, mit uns Freud und Leid teilt und stets an unserer Seite steht.





