Wohnheim-Camp
Am Samstag, als der März endlich dem April Platz machte, herrschte in der Wohnung von Anke und Sebastian das gewohnte SonntagsRitual. Sebastian hatte sich gleich nach dem Aufstehen an sein Hobby gesetzt er tüftelte in der Küche mit der Kaffeemühle und maß die perfekten Verhältnisse für eine neue Bohnensorte ab. Anke blätterte auf dem Sofa durch einen Stapel Zeitschriften und schrieb eine Einkaufsliste: Nach dem Mittag wollte sie zum Supermarkt, doch ein Frühlingsschauer setzte ein. Draußen schmolz der nasse Schnee langsam, sodass sich Pfützen mit schmutzigem Eis auf dem Asphalt bildeten. Im Flur standen bereits ein kleines Archipel aus Gummistiefeln und Hausschuhen.
Sebastian ließ die Tasse sinken:
Möchtest du was knabbern? Ich habe gerade ein Rezept für Quarkpfannkuchen ohne Grieß gefunden.
Anke lächelte die Pläne waren entspannt: gemeinsam frühstücken und danach jeder seinem eigenen Tun nachgehen. Sie wollte gerade antworten, da ertönte ein lautes Klopfen an der Tür.
Im Eingangsbereich stand ihre Nachbarin Katrin aus der Wohnung gegenüber. Sie wirkte etwas nervöser als sonst und hielt mit einer Hand den kleinen Lukas, etwa acht Jahre alt nicht ganz fremd, aber auch nicht allzu vertraut.
Entschuldigen Sie die Störung Wir haben hier eine höhere Gewalt: Ich muss dringend zu einem Meeting, und mein Mann steckt irgendwo zwischen der A9 und dem Mars fest. Können Sie für ein paar Stunden auf Lukas aufpassen? Er ist leise die Sachen liegen hier drüben, sagte sie und reichte einen kleinen Rucksack mit einem DinosaurierPlüschtier, Er muss nicht gefüttert werden, hat gerade gefrühstückt. Aber er liebt Äpfel.
Sebastian warf einen Blick zu Anke; sie zuckte mit den Schultern wer würde sonst so schnell zusagen? Nachbarn halfen manchmal. Sie nickten Katrin kurz zu:
Natürlich, er kann bleiben! Keine Sorge.
Lukas schritt vorsichtig über die Schwelle, blickte von unten nach oben neugierig und ein wenig skeptisch. Seine Gummistiefel hinterließen sofort neue nasse Fußabdrücke im Türbereich. Katrin erklärte schnell das Wichtigste: Das Handy der Eltern immer griffbereit; im Notfall rufen, keine Allergien, er mag TierCartoons. Dann gab sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und verschwand.
Der Junge hängte seine Jacke sorgfältig an den Kleiderhaken neben dem Heizkörper. Die Wohnung wirkte für ihn ein bisschen dunkler als sein Zuhause, weil schwere Vorhänge das Licht dämpften, doch es roch angenehm frischer Kaffee gemischt mit der warmen Luft der Heizung.
Also, Lukas, hast du Lust, einen Film zu schauen oder etwas zu spielen?, fragte Anke, die versuchte, alle Kinderspiele im Kopf zu behalten.
Lukas zuckte mit den Schultern:
Vielleicht etwas über Dinosaurier? Oder etwas zum Bauen
Die ersten dreißig Minuten vergingen ruhig: Sebastian startete DinoPark für Lukas und las dann Nachrichten auf seinem Handy. Anke blätterte weiter durch Zeitschriften, dabei immer wieder einen Blick auf den neuen Mitbewohner warf, der mit dem Rucksack auf dem Sofa vor dem Fernseher saß. Trotzdem ließ das Gefühl von Vergänglichkeit selbst nach dem dritten Werbeblock nicht nach.
Gegen ein Uhr nachmittags wurde klar, dass die Pläne der Erwachsenen schneller schmolzen als der Märzschnee auf den Heizkörpern. Katrin schrieb: Entschuldigung! Wir stecken seit einer Stunde im Stau. Wir versuchen, bis zum Abend zurück zu sein. Kurz darauf klingelte Lukas Vater, seine Stimme klang beschämt:
Leute, vielen Dank! Wir sind gleich da! Ist alles in Ordnung?
Anke beruhigte ihn:
Ja, ja! Alles gut, keine Sorge!
Sie legte das Telefon weg und sah zu Sebastian:
Sieht so aus, als müssten wir das Mittagessen umplanen
Er zuckte mit den Schultern:
Na dann, das wird ein gemeinsames KochAbenteuer!
Die erste kleine Peinlichkeit löste sich dank Lukas kindlicher Unbefangenheit von selbst. Er zeigte seine Sammlung von drei DinosaurierFiguren und bat um Erlaubnis, beim Kochen zu helfen.
Sebastian sprang unerwartet leicht mit an: Er holte Eier für ein Omelett aus dem Kühlschrank, und Lukas knackte die Schalen geschickt am Rand einer Schüssel (nur dass ein paar Eier daneben landeten). Der Duft von Butter und geröstetem Brot erfüllte die Küche; der Junge rührte den Teig mit einem Holzlöffel, bis er fast wie Zement wirkte.
Während die Erwachsenen diskutierten, welchen Film ein achtjähriger Junge sehen sollte von Der König der Löwen bis zu alten deutschen Komödien stapelte Lukas alle Kissen aus dem Wohnzimmer zu einem riesigen Hügel neben dem Couchtisch. Nach kurzer Zeit war dieser Turm zur Hauptbasis der Expedition erklärt worden; jeder, egal welchen Alters, war eingeladen.
Draußen fiel der frühe Abend schneller ein, als man im März erwarten würde; die Laternen im Hof spiegelten sich in den Pfützen wie Glühwürmchen im Schnee.
Als die Eltern des Jungen gegen Abend wieder anriefen diesmal gleichzeitig war klar: Sie würden heute nicht nach Hause kommen.
Sebastian brach das Schweigen zuerst:
Sieht so aus, als würden wir heute übernachten! Was meinst du?
Anke blickte nachdenklich zu Lukas, der breit lächelnd seine neue KissenFestung betrachtete keine Angst, nur Abenteuerlust.
Dann erkläre ich den WohnungsCamp!, rief Sebastian feierlich. Wir machen zusammen das Abendessen! Wer kümmert sich um das Menü?
Zu dritt gekocht überraschend fröhlich, selbst für erfahrene Familienveteranen. Lukas schälte Kartoffeln (eine fast quadratisch geworden), Sebastian schnitt das Gemüse für den Salat, Anke deckte mit Plastikschalen, denn für ein Lager braucht man schließlich das richtige Flair!
Der Regen trommelte immer lauter an die Fensterscheibe, während Gespräche über LieblingsKindheitsfilme (alle aus verschiedenen Epochen) und SchulAnekdoten (Lukas erzählte von einer Mathelehrerin und einer PlastikEchse) die Luft füllten. Das Lachen war locker, als wäre niemand mehr ein Fremder; Sorgen lösten sich im Duft der geschmorten Gemüse und dem warmen Licht der Lampe.
Im Wohnzimmer entstand ein provisorisches Zeltlager ein paar Bettlaken über die Sofas, eigene Regeln: Geschichten nur im Flüsterton, sich vor den Waldgeistern (die Rolle bekam ein plüschiger Nilpferd) verstecken. Als die Uhr weit über die übliche Schlafenszeit hinaus zeigte, dachte niemand mehr daran, Lukas an den Tagesablauf zu erinnern.
Das Zelt hielt erstaunlich gut: Die Laken rutschten nicht, die Kissen dienten als Wände und Matratzen. Lukas, jetzt in einer viel zu großen Pyjama, der ihn noch größer wirken ließ, kuschelte sich zusammen mit dem plüschigen Nilpferd. Neben ihm lag der sorgfältig zusammengeknüllte Rucksack mit dem Dinosaurier.
Anke brachte eine Tasse warme Milch und ein Teller Kekse.
Das ist eure nächtliche Ration für die Expedition, erklärte sie ernst.
Sebastian setzte aus irgendeinem Grund ein Küchentuch als Kopftuch auf und sagte:
In unserem Lager gilt nach dem Tafelstopp nur Flüstern!
Er zwinkerte Lukas zu, der zustimmend nickte und so tat, als baue er gerade einen neuen Tunnel aus Kissen.
Der Abend dauerte länger, als es Erwachsene normalerweise zulassen. Sie lasen Lukas lustige Märchen über einen tollpatschigen Bären (bei jedem Mal die Namen der Helden in Nachbarnamen geändert), überlegten, was man in einen richtigen Ausflug mitnehmen würde. Sebastian erinnerte sich an seine erste Übernachtung bei Freunden er hatte sich vor fremden Tapeten fürchtet, träumte dann aber eine Woche lang von einer ähnlichen Festung aus Stühlen. Anke erzählte von Familienausflügen ans Lausitzer Bergland und davon, wie sie einmal einen Hausschuh im Schnee vor der Haustür verloren hatte.
Lukas hörte aufmerksam zu, lächelte hier und da, stellte Fragen warum Reden Erwachsene so gern über Vergangenes? Warum haben alle ihre eigenen Gruselgeschichten? Er sprach ruhiger über die Schule als am Tag, niemand zog ihm am Ärmel oder unterbrach ihn. Schließlich gestand er:
Ich dachte, es wird langweilig aber es fühlt sich wie ein Fest an.
Anke lachte:
Siehst du! Hauptsache gute Gesellschaft.
Allmählich verstummten die Gespräche. Draußen lag die Straße fast im Dunkeln, nur vereinzelte Autos warfen Lichtstreifen durch die Vorhänge. In der Küche stand noch eine Tasse halbgetrunkenes Tee, ein Stück Brot niemand beeilte sich aufzuräumen. Die Wohnung war erfüllt von einer angenehmen, leichten Müdigkeit, als hätte man einen Tag etwas länger gelebt.
Anke legte Lukas in das Kissenzelt, zog einen gelben, gestreiften Plaid darüber ein Lieblingsstück aus Sebastians Kindheit. Der Junge kuschelte sich ein. Auf Wunsch erzählte sie noch ein Märchen von einer Stadt, in der nachts Papierboote auf Frühlingspfützen treiben. Nachdem die Geschichte endete, herrschte eine kurze Stille.
Hast du Angst ohne Mama?, fragte sie.
Nein es ist lustig, nur ein bisschen seltsam, antwortete er.
Morgen früh wird alles wieder normal Aber wenn du wiederkommen willst, bist du jederzeit willkommen.
Lukas nickte schläfrig, die Augen schlossen sich fast sofort.
Als er eingeschlafen war, ging Anke zur Küche zu Sebastian. Er saß am Tisch, das Handy zeigte eine Nachricht von Katrin: Endlich zu Hause, alles gut; morgen früh früh.
Ich habe so einen Abend nicht erwartet, sagte Anke leise.
Sebastian legte den Stuhl neben sie:
Ich auch nicht aber es ist gemütlicher als jeder Familienabend der letzten Zeit.
Sie sahen sich an, wissend, dass es ein seltener Moment der Nähe war nicht nur zum Nachbarsjungen, sondern auch zueinander.
Die Heizung wärmte den Raum, nur das Prasseln des Regens und das leise Atmen des schlafenden Lukas waren zu hören. Sebastian schlug vor:
Vielleicht sollten wir solche Lager öfter machen? Nicht nur für Kinder
Anke grinste:
Auch Erwachsene brauchen mal einen freien Tag außerhalb des Plans.
Sie einigten sich, das Experiment wenigstens einmal im Monat zu wiederholen sei es für ein gemeinsames Abendessen oder ein Brettspiel.
Der Morgen dämmerte überraschend hell: Sonnenstrahlen schlüpften durch die dicken Vorhänge und trafen den Fußboden neben dem Heizkörper. In der Diele wehte frische Luft, jemand hatte das Fenster weit geöffnet, um die Wohnung nach der Nacht zu lüften.
Lukas wachte etwas früher als die Erwachsenen, kroch leise aus seiner Festung und betrachtete die Magnetleiste am Kühlschrank. Dann half er Anke, den Tisch für das Frühstück zu decken: Toast mit Käse und Apfelmus aus dem Glas ein einfaches, aber zufriedenstellendes LagerMenu.
Kurz darauf kamen die Eltern: Katrin wirkte müde, aber dankbar; Lukas Vater fragte sofort nach den Eindrücken, und der Junge berichtete begeistert von der KissenBurg. Sebastian erzählte alles im Detail wo sie geschlafen, was gegessen, welche Filme gezeigt wurden.
Zum Abschied fragte Lukas plötzlich:
Darf ich noch mal kommen? Nicht nur, wenn Mama beschäftigt ist einfach so?
Anke lachte:
Natürlich! Wir haben jetzt das WohnungsCamp samstags!
Die Eltern bejahten die Idee sofort und versprachen, beim nächsten Mal ein Gedächtnisspiel mitzubringen das könnte für alle Generationen nützlich sein.
Als die Tür der Nachbarn hinter ihnen ins Schloss fiel und die Wohnung wieder weit und leer wirkte, sagte Sebastian zu Anke:
Was meinst du, noch jemand einladen?
Sie zuckte mit den Schultern:
Mal sehen Hauptsache, wir haben jetzt unser kleines Geheimnis gegen langweilige Sonntage!
Beide fühlten sich ein wenig jünger, als hätten sie tatsächlich ein kleines Wunder des Alltags vollbracht.





