Benötigst du mich noch? Thomas, bitte lass mich los Wir versuchen, eine Familie zu gründen, doch es klappt nicht. Warum quälen wir uns weiter? Lass uns einfach scheiden?
Ja, sofort! grinst er hämisch. Du hast dich nur in Luft aufgelöst. Ich lasse dich nicht gehen. Du bist meine Frau, ich bin dein Mann wir haben eine Familie. Hast du etwa ein schlechtes Leben? Oder hast du mich bereits nicht mehr lieb? Hast du jemand anderen? Antworte, wenn ich frage!
Anneliese sitzt am Rand der Couch, zupft nervös am Saum der Decke. Nach einem weiteren Streit mit Thomas möchte sie einfach verschwinden, aus seinem Leben verschwinden. Sie könnte sich scheiden lassen doch ihr fehlt der Mut, das Gericht zu beantragen. Zwei Jahre Ehe erscheinen ihr jetzt wie ein Albtraum, besonders die letzten sechs Monate sind unerträglich Thomas hat sich plötzlich in einen unerbittlichen HaushaltsKönig verwandelt, der täglich neue Gründe findet, um zu nörgeln.
Heute Morgen beginnt alles mit einer harmlosen Situation. Anneliese bestellt eine neue Gesichtscreme.
Schon wieder Geld für Schnickschnack ausgeben? hört sie Thomas Stimme, als sie mit dem Paket nach Hause kommt.
Sie versucht zu erklären, doch Thomas hört nicht zu.
Denkst du überhaupt an uns? Oder nur an dich, Liebling? Die Creme ist doch unnötig! Du solltest das Geld lieber für etwas Nützliches ausgeben, zum Beispiel meine Eltern unterstützen.
Thomas, warum so gleich? Ich arbeite, ich habe mein eigenes Geld. Und deinen Eltern helfe ich immer, das weißt du.
Was machst du denn? Du überweist ihnen nur ein paar Groschen! Sie brauchen echte Hilfe, verstehst du? Du bist egoistisch, Anneliese. Du denkst nur an dich. Fast alles, was du verdienst, verschwendest du für teure Hautpflege!
Seine Stimme wird lauter, seine Blicke schießen Funken. Anneliese kann nicht mehr und bricht in Tränen zusammen. Thomas schlägt die Tür zu, lässt sie allein mit ihrem Weinen und dem Gefühl völliger Hilflosigkeit zurück. Er macht das immer so erst Druck ausüben, dann einfach gehen…
Anneliese erinnert sich gut daran, wie alles begann. Thomas wirkte wie der ideale Mann aufmerksam, fürsorglich, liebevoll. Doch nach und nach veränderte er sich. Vielleicht hat sie den wahren Thomas vorher nie gesehen?
Am Abend kommt Thomas zurück. Anneliese sitzt in der Küche, trinkt Tee.
Was, weinst du wieder? fragt er, ohne sie anzusehen.
Nein du hast mich verletzt
Ich? Du bist selbst schuld. Du musst darüber nachdenken, was du tust.
Was mache ich denn falsch? fragt Anneliese leise.
Alles! Du gibst dir keine Mühe. Ich arbeite den ganzen Tag, und du? Du tippst den halben Tag nur am Rechner, sitzt den Rest zu Hause!
Ich arbeite auch, nicht weniger als du, erwidert sie, bereut es sofort.
Was verdienst du? Ein paar Groschen! Ich halte die Familie am Laufen. Du solltest das zu schätzen wissen, Anneliese. Ich habe noch nie ein einziges Dankeschön von dir erhalten!
Ich schätze dich, Thomas aber das gibt dir nicht das Recht, so mit mir zu reden.
Wie soll ich mit dir reden? Du bist ständig unzufrieden und deine Tränen nerven mich! Warum stellst du mich als Monster dar?
Thomas du bist immer unzufrieden. Ich habe Angst, ein Wort zu sagen, etwas zu kaufen, mir einen Tag freizunehmen. Nach dem Mittagessen kann ich nicht mehr liegen! Wenn du das hörst, fängst du sofort an zu schreien! Meine Psyche ist nicht aus Stahl, ich verliere die Kontrolle
Hör auf zu jammern! Du spielst immer die Opferrolle. Das macht mich fertig!
Seine Stimme klingt so abweisend, dass Anneliese körperlich wehtut.
Ich verstehe nicht, was hier passiert, flüstert sie, warum behandelst du mich so?
Mach dein Leben in Ordnung, ärgere mich nicht, dann wird alles gut.
Anneliese sieht in seine Augen keine Wärme, keine Liebe mehr, nur noch Ärger.
Vielleicht sollten wir mit jemandem reden, schlägt sie vor, einen Familienberater aufsuchen?
Ein Berater? Das brauchst du, weil du verrückt bist, unterbricht Thomas, du erfindest ständig Probleme aus dem Nichts.
Nach diesen Worten beschließt Anneliese fest, dass sie gehen muss. Thomas frisst hastig etwas, schaltet den Fernseher ein, und sie schnappt ihr altes Notizbuch, um einen Fluchtplan zu schreiben. Alles muss gut durchdacht sein.
Am nächsten Tag verlässt Anneliese das Haus früher als üblich. Sie will in ein Café gehen, still sitzen und ihre Gedanken ordnen. Sie bestellt einen Kaffee, öffnet das Notizbuch und schreibt:
Erster Schritt: Teilzeitjob finden. Mehr Geld als jetzt. Zweiter Schritt: Kleine Wohnung oder Zimmer mieten. Dritter Schritt: Klamotten packen. Vierter
Anneliese? hört sie eine vertraute Stimme. Sie blickt auf und sieht ihre ehemalige Klassenkameradin Brigitte.
Brigitte! Was für ein Zufall!
Lange nicht gesehen, lächelt Brigitte, was machst du hier? Arbeitest du?
Nein, ich bin nur gekommen, um nachzudenken, antwortet Anneliese ausweichend.
Ist etwas passiert? Du siehst nicht gut aus. Hast du dich erkältet?
Anneliese hat seit Ewigkeiten keine aufmunternden Worte mehr gehört. Sie hat ihren Eltern nie von ihren Sorgen erzählt, um sie nicht zu belasten, und ihre Freunde haben sie nach und nach verlassen. Jetzt bricht sie in Tränen aus:
Brigitte, es geht mir furchtbar schlecht. Mein Mann macht mich fertig, kritisiert und demütigt mich ständig. Ich halte das nicht mehr aus. Ich fürchte, er wird mir irgendwann wehtun.
Brigitte hört aufmerksam zu, unterbricht sie nicht.
Ich will von ihm weg, wirklich, ich will, Brigitte! Aber ich habe Angst. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Wie soll ich danach leben?
Lauf, Anneliese! Ich lasse dich nicht allein. Komm zu mir, bleib ein wenig. Kennst du die Adresse? Außerdem gibt es kostenlose Beratungsstellen für Frauen, die von gewalttätigen Ehemännern betroffen sind.
Das wusste ich gar nicht, gesteht Anneliese.
Jetzt weißt du es. Und das Wichtigste: Glaub an dich selbst. Du bist stark, du schaffst das.
Nach der Arbeit treffen sie sich wieder. Nach einem zweistündigen Gespräch wirkt Anneliese wie ein anderer Mensch.
Am Abend, als sie nach Hause zurückkehrt, wartet Thomas bereits. Er sitzt im Sessel und schaut fern.
Wo warst du? fragt er, ohne sich umzudrehen.
Ich war unterwegs, antwortet Anneliese.
Du gehst jetzt viel öfter raus. Hast du etwa einen Liebhaber?
Ihr Herz friert ein.
Was redest du da für Dinge? protestiert Anneliese.
Was? Ich wäre nicht überrascht, wenn du fremdgehst. Du bist ja ganz flink.
Thomas, reicht jetzt, sagt Anneliese müde, ich will das nicht mehr hören.
Was willst du denn hören? Komplimente? Du bekommst nichts.
Anneliese atmet tief ein und versucht ruhig zu bleiben.
Thomas, wir müssen reden.
Worum? Um deine Untreue?
Nein, um uns. Um unsere Ehe.
Und was willst du sagen?
Ich will die Scheidung.
Thomas schaut überrascht.
Was hast du gesagt?
Ich habe gesagt, dass ich die Scheidung will. Ich kann so nicht weiterleben. Du erniedrigst und kritisierst mich ständig. Ich bin unglücklich.
Du hast den Verstand verloren! Scheiden? Wer brauchst du denn ohne mich? Niemand! Du solltest dankbar sein, dass ich bei dir bin.
Ich schulde niemandem etwas. Ich will glücklich sein.
Glücklich? Denkst du, du bist glücklich ohne mich? Du irrst dich. Du bist niemandem mehr nötig. Verstehst du das?
Anneliese schweigt. Sie will nicht länger streiten. Sie hat ihre Entscheidung getroffen.
Ich gehe morgen. sagt sie gelassen.
Wohin gehst du? Wo willst du wohnen? Du bist doch mittellos! ruft Thomas.
Das ist nicht deine Sache. Ich regle das selbst.
Ich lass dich nicht gehen! Ich finde dich und du wirst bereuen, dass du geboren wurdest! Ohne Gewissen! Ich habe dir alles gegeben, dich in die Gesellschaft eingeführt, und du
Anneliese antwortet nicht. Sie dreht sich um und geht ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen.
Thomas bleibt im Wohnzimmer übernachten. In der Nacht kann Anneliese nicht schlafen, liegt im Bett und starrt an die Decke. Gedanken rasen Angst vor der Zukunft, Angst, allein zu sein, Angst, nie wieder glücklich zu werden. Am meisten jedoch fürchtet sie, bei Thomas zu bleiben.
Am Morgen steht Anneliese früh auf, wäscht ihr Gesicht, zieht sich an und geht in die Küche. Thomas sitzt bereits am Tisch und trinkt Kaffee.
Du gehst nirgendwo hin, sagt er, denk nicht daran zu fliehen, solange ich arbeite!
Ich habe alles entschieden, antwortet sie.
Ich lasse es nicht zu!
Genug, Thomas
Verstehst du nicht, was ich sage!
Thomas steht vom Tisch auf und geht zu ihr. Anneliese erschrickt.
Komm mir nicht zu nahe, fleht sie, Thomas, geh weg!
Thomas stößt sie gegen die Wand. Sie schlägt mit dem Kopf auf den Boden und fällt zu Boden. Er schlägt ihr ins Gesicht. Anneliese schließt die Augen und bereitet sich auf das Schlimmste vor
Polizisten retten Anneliese, weil Nachbarn früh am Morgen laute Schreie hören und die Polizei alarmieren. Sie wird ins Krankenhaus gebracht. Sobald sie entlassen ist, reicht sie sofort die Scheidung ein das Familienleben ist endgültig zerbrochen.




