März 12
Morgen soll ich zur zukünftigen Schwiegermutter fahren. Meine verheirateten Freundinnen trösteten mich, aber fast bis zur Panik:
Behalt die Stirn hoch, du bist nicht vom Schrottplatz gerettet worden.
Lass dir nichts auf den Hals legen, setz sofort alle Punkte über das i.
Gute Schwiegermütter gibts nicht.
Du hast sie glücklich gemacht, nicht umgekehrt.
Die Nacht ließ mich kein Auge schließen; bis zum Morgen sah ich aus wie ein frisch bestatteter Sarg. Auf dem Bahnsteig traf ich den Vorgesetzten der Regionalbahn, und wir bestiegen den Zug. Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden.
Durch ein kleines Städtchen im Harz fuhr der Zug, dann ein kurzer Fußweg durch ein verschneites Dorf. Die Luft war eisig, roch nach Advent und Tannenzweigen. Der Schnee funkelte in der Sonne, knackte unter den Schritten. Die Spitzen der Kiefern rauschten leise. Ich fror, doch zum Glück tauchte ein winziges Dorf auf.
Eine knochige alte Dame in einer abgenutzten Strickjacke, mit abgelatschten Hausschuhen und einem löchrigen, aber sauberen Kopftuch, stand am Tor. Hätte sie mich nicht gerufen, wäre ich vorbeigegangen:
Ach, du Kleine, ich bin Hannelore, die Mutter von Wolfgang. Wir lernen uns ja gleich kennen.
Sie griff mit ihrer runzligen Hand nach einer flauschigen Handspitze und reichte sie mir. Der Händedruck war fest, ihr Blick unter dem Kopftuch scharf wie ein Falz. Gemeinsam schlenderten wir über einen Pfad zwischen den Schneeverwehungen zur Hütte, die aus verwitterten Balken gebaut war. Innen wärmte ein rotglühender Ofen den Raum.
Wunder achtzig Kilometer von Köln entfernt, doch wie ein Sprung ins Mittelalter. Das Wasser kam aus einem Brunnen, das WC war ein offenes Loch im Hof, ein Radio gab es nur in manchen Häusern, das Licht war dämmrig.
Mama, lass uns das Licht anmachen, schlug Wolfgang vor. Seine Mutter sah missbilligend, aber dann zu mir hin:
Willst du bei Licht sitzen und deine Suppe verpassen? Sie drehte die Glühbirne über dem Küchentisch. Ein schwaches Leuchten erhellte einen Meter um uns herum.
Hungrig? Ich hab Nudeln gekocht, kommt her und schlemmt. Wir setzten uns, blickten einander an, während sie leise flüsterte. Ihre Worte waren rund und zärtlich, ihr Blick wachsam. Sie jonglierte zwischen Brot schneiden, Holz in den Ofen werfen und murmelte:
Ich stell den Kessel hin, wir machen Tee. Einen kleinen, aber feinen Tee mit Himbeermarmelade, der jede Erkältung vertreibt.
Es fühlte sich an, als würde ich in einem alten Film mitspielen, und plötzlich hörte ich die Regie rufen:
Drehschluss, danke an alle.
Die Wärme, das Essen und der Tee ließen mich fast erstarren, doch dann rief sie:
Kinder, kauft ein paar Kilo Mehl, wir backen Brötchen. Heute Abend kommen Vroni und Gisela mit ihren Familien, Liesel aus Köln will die zukünftige Schwiegertochter kennenlernen. Ich brate Kohl für die Füllung, koche Kartoffelpüree.
Während wir uns anzogen, holte Hannelore einen Kohlkopf aus dem Bett, schnitt ihn und sagte:
Der Kohl muss erst gekürzt werden.
Durch das Dorf gingen wir, jeder hörte das Grüßen, Männer zogen die Mützen ab und verneigten sich.
Die Bäckerei lag im Nachbardorf, wir mussten durch den Wald gehen. Tannen trugen weiße Mützen aus Schnee, die Sonne versprach beim Rückweg ein gelbliches Licht. Der Wintertag war kurz.
Zurück in der Hütte sagte Hannelore:
Mach dich ran, Liesel. Ich stampfe Schnee, damit die Mäuse nicht an den Bäumen knabbern. Sie nahm Wolfgang mit, um Schnee unter den Bäumen zu schieben.
Der Teig war ein Berg, doch Hannelore ermunterte mich: Wie groß die Arbeit auch sei, du beginnst sie, du schaffst sie. Der Anfang ist schwer, das Ende süß.
Allein mit dem Teig, versuchte ich, Brötchen zu formen rund, lang, klein, groß, gefüllt, leer. Einige wurden braun, andere hell. Ich war erschöpft. Später erklärte Wolfgang, dass die Mutter prüfte, ob ich für den Sohn geeignet bin.
Die Gäste strömten wie aus dem Nichts, alle blond und blauäugig, lächelten. Ich versteckte mich hinter Wolfgang, schämte mich.
Ein runder Tisch stand in der Mitte des Raumes, ich bekam den Ehrenplatz auf einem Bett mit Kindern. Das Bett war wie ein Panzer, meine Knie streckten sich bis zur Decke, die Kinder sprangen, mir wurde schwindelig. Wolfgang brachte eine Kiste, bedeckte sie mit einer Decke; ich saß darauf wie eine Königin.
Ich aß weder Kohl noch gebratene Zwiebeln, doch ich lachte mit allen, während hinter den Ohren das Kichern dröhnte.
Es wurde dunkel. Die zukünftige Schwiegermutter hatte ein schmales Bett neben dem Ofen, die anderen schliefen im Saal. Die Hütte ist klein, aber besser zusammen. Für mich wurde ein spezielles Bett aus einem geschnitzten Schrank, einst vom Vater von Wolfgang, hergerichtet. Hannelore deckte es mit gestärktem Leinen, ich zögerte, es zu betreten.
Komm, die Hütte geht, das Feuer brennt, aber die Hausherrin hat keinen Platz zum Ausruhen! Die zukünftigen Verwandten legten sich auf den Boden, auf Decken, die vom Dach herunterhingen.
Ich wollte zur Toilette. Ich schlüpfte aus dem Panzer und tastete vorsichtig den Boden ab, um niemanden zu zertreten. Im Flur war Dunkelheit, ein pelziges Wesen strich an meinen Füßen. Ich erschrak, dachte, es sei eine Ratte, schrie. Alle lachten: Nur ein Kätzchen, tagsüber unterwegs, nachts heimgekehrt.
Mit Wolfgang ging ich zur Notdurft, doch die Tür war ein Vorhang. Wolfgang stand da, drehte sich mit dem Rücken zu mir und zündete ein Streichholz, damit wir nicht in den Eimer fielen.
Zurück ins Bett, schlief ich ein; die frische Luft, kein Autolärm nur das Dorf.
Ich habe gelernt, dass Geduld und Demut das Herz einer Familie öffnen und dass das wahre Zuhause dort entsteht, wo man bereit ist, die Hände schmutzig zu machen.





