Wir haben noch viel vor uns, flüsterte Lukas Schneider, während er Anke zärtlich an den Schultern umarmte und sie an sich drückte. Eines Tages werden wir Eltern sein, ein Kind, das uns beide in sich trägt. Hörst du? Das wird wahr.
Anke nickte, ihr Gesicht an seiner Schulter vergraben. Sie wollte an diese Worte glauben, sie wollte es. Doch ein kalter, schwerer Nebel hatte sich bereits in ihr Herz geschlichen und ließ sie kaum noch tief einatmen. Drei Jahre Ehe drei Jahre voller Hoffnungen, Enttäuschungen, unzähliger Arztbesuche, Blutabnahmen, Ultraschalluntersuchungen, die immer wieder nichts zeigten.
Ich weiß, hauchte Anke leise, obwohl sie selbst nicht mehr sicher war, ob sie das noch sagen kann.
Lukas küsste ihr Haupt, ein warmes Lächeln schien ihr zu begegnen. Jetzt jedoch wirkte sein Lächeln für Anke wie eine dünne Maske, hinter der Enttäuschung und Zorn verborgen lagen.
Anfangs hielt Lukas jedes Versprechen. Er war da, unterstützte, kümmerte sich, brachte Blumen ohne Anlass, bereitete sonntags Frühstücke zu, hielt nachts Anke im Arm, wenn sie nach einem weiteren negativen Test in ihr Kissen weinte. Er war freundlich, geduldig, liebevoll.
Doch nach und nach änderte sich etwas, zunächst unmerklich. Lukas blieb länger im Büro, dann kamen Geschäftsreisen, immer häufiger. Morgendliche Umarmungen verstummten, er wich zurück, wenn Anke abends an das Sofa schmiegen wollte. Gespräche wurden kurzer, formaler, nur noch ein Wort hier und dort, ein leerer Blick dort.
Anke versuchte, es zu ignorieren, sich einzureden, dass es nur eine Phase sei, dass Lukas von der endlosen Anspannung, vom Warten und den Enttäuschungen erschöpft sei. Dass alles wieder gut werden würde, wenn man nur abwartete.
So verging ein weiteres halbes Jahr.
Anke, wir müssen reden, sagte Lukas eines Abends, als sie nach dem Abendessen das Geschirr spülte.
Anke erstarrte mit einer schmutzigen Tasse in der Hand. Sein Ton war zu ernst, zu förmlich. Langsam drehte sie sich zu ihm.
Worum geht es? ihre Stimme klang fremd in ihren Ohren.
Ich reiche die Scheidung ein.
Vier Worte, vier Schläge, und Ankes Welt zerbrach. Der Teller rutschte ihr aus den Händen und zerschellte an den Fliesen. Sie stand regungslos, die Augen weit offen, versuchte das Gehörte zu begreifen.
Was?!
Es tut mir leid, wandte Lukas den Blick ab. Ich halte das nicht mehr aus. Ich bin müde vom Warten, vom Hoffen. Das ist nicht das Leben, das ich wollte. Ich will Kinder, Anke, eine richtige Familie. Aber wir sind nicht mehr ein Paar, wir sind nur zwei Menschen unter einem Dach. Es ist Zeit, das Schauspiel zu beenden.
Anke ließ sich langsam auf einen Stuhl sinken, die Beine wankten, ein Vakuum breitete sich in ihrem Kopf aus Leere.
Ich gebe dir keine Schuld. Es ist einfach so passiert. Ich kann nicht länger vortäuschen, dass alles in Ordnung ist. Es tut mir leid.
Er drehte sich um und verließ die Küche. Anke hörte, wie er im Schlafzimmer Koffer packte, dann das leise Klicken des Schlosses, und Stille folgte.
Die Zeit zerfloss zu einem farblosen Fleck. Anke ging weiter zur Arbeit, kochte für sich, putzte die Wohnung, tat alles, was sie vorher getan hatte, doch innerlich war nur ein klaffender Abgrund, ein kalter Nebel, aus dem kein Licht dringen konnte.
Sie machte sich selbst die Schuld an allem daran, dass die Familie zerbrach, daran, dass sie nicht das geben konnte, was Lukas wollte.
Ein einziger Lichtblick blieb: Marlene, eine Freundin aus der Studienzeit, die immer noch wie ein Anker wirkte. Marlene kam mit Kuchen und Tee, setzte sich neben Anke, hielt sie im Arm, hörte zu, ohne Ratschläge zu erteilen, ohne Vorwürfe zu machen.
Alles wird gut, Anke, streichelte Marlene ihren Rücken. Du schaffst das. Du bist stark.
Anke nickte, obwohl sie nicht glaubte. Doch Marlenes Gegenwart wärmte sie, ließ sie spüren, dass sie nicht völlig allein war.
Sie sahen sich wöchentlich, im Café, bei jemandem zu Hause. Marlene erzählte von ihrer Arbeit, ihrem Mann, ihren Plänen, während Anke versuchte, sich für die Freundin zu freuen, obwohl ihr Inneres zusammenzuckte. Marlenes Leben schien perfekt ein liebevoller Ehemann, ein stabile Job, das, was Anke verloren hatte.
Doch nach und nach bemerkte Anke merkwürdige Veränderungen. Marlene antwortete seltener auf Nachrichten, sagte Treffen in letzter Minute ab. Ihr Lächeln wurde gezwungen, ihr Blick flüchtig. Sie eilte fort, immer mit einer Ausrede über dringende Verpflichtungen.
Nicht nur Marlene. Der ganze Freundeskreis schien sich zurückzuziehen. Der Gruppenchat verstummte, niemand schrieb Anke zuerst, Einladungen blieben aus. Sie fühlte sich unsichtbar, als hätten alle beschlossen, sie zu ignorieren.
Sie versuchte, das zu rationalisieren: vielleicht sind alle einfach beschäftigt, haben ihre eigenen Leben. Doch ein kalter Schauer der Unsicherheit kroch in ihre Brust und ließ sie nicht los.
Dann kam Marlenes Geburtstag. Anke erinnerte sich genau an das Datum; sie hatten die Tradition seit der Uni, Kuchen, Sekt, Geschenke, Lachen bis zum Morgengrauen. Doch dieses Jahr kam keine Einladung, kein Anruf, kein Hinweis. Der ganze Tag verging still.
Am Abend, von einer wachsamen Sehnsucht getrieben, kaufte Anke ein Geschenk einen Schal, den Marlene schon lange wollte wickelte ihn in schöne Folie und fuhr zur Wohnung ihrer Freundin, nur um zu gratulieren, nur um zu zeigen, dass sie noch an sie dachte.
Auf dem Treppenhof hörte Anke leise Musik und Stimmen; die Feier war bereits im Gange. Sie blieb einen Moment, sammelte ihren Mut, klopfte an die Tür. Die Geräusche drangen weiter, ein Viertel nach halb sieben, die Tür öffnete sich.
Im Türrahmen stand Marlene, im eleganten Kleid, mit einem Glas Sekt in der Hand. Ihr Lächeln erstarrte, als sie Anke sah, die Augen weiteten sich, sie schien völlig überrascht.
Anke, hauchte Marlene. Was machst du hier?
Deinen Geburtstag wollte ich dir wünschen, streckte Anke das Geschenk aus, zwang ein Lächeln, das inside ein zusammengezogener Knoten war. Alles Gute zum Geburtstag.
Marlene nahm das Geschenk nicht, stellte sich bloß zwischen Anke und den Flur, ihr Blick war voller Unbehagen, als wolle sie das Ungeheuer vertreiben.
Ich danke, aber stammelte Marlene.
Warum habe ich nicht eingeladen?, platzte Anke heraus. Wir haben das immer zusammen gefeiert. Was ist passiert, Marlene? Warum ignoriert ihr mich alle?
Marlene wandte den Blick ab, fasste ihr Haar. Im Hintergrund ertönte Gelächter. Anke zwang sich, in die Wohnung zu schauen. Was sie sah, ließ ihr Blut erstarren.
Lukas stand am Tisch, umarmte eine junge, blond wirkende Frau, die lachte. Er beugte sich zu ihr, küsste sie zärtlich, ein langer, inniger Kuss.
Anke konnte nicht mehr atmen. Die Welt drehte sich. Lukas war hier, auf Marlenes Geburtstag, mit einer anderen. Und sie war nicht eingeladen.
Marlene packte Anke an der Hand, zog sie in den Flur, schloss die Tür hinter sich.
Bitte, hör zu
Erklär mir Erklär, warum er hier ist. Warum ich nicht eingeladen wurde.
Marlene seufzte schwer, lehnte sich an die Wand, ihr Gesicht zeigte ein seltsames Gleichgewicht aus Verlegenheit und Ärger. Sie blickte zur Seite.
Wir hatten während eurer Ehe Kontakt zu Dimi, dem Ehemann meiner besten Freundin. Nach seiner Scheidung wollten wir den Kontakt nicht abbrechen, weil er ein netter Kerl ist. Er ist interessant, er klagt nicht ständig, er ist anders.
Und ihr habt seine Seite gewählt, fuhr Anke eindringlich fort, das Herz erstarrend. Wir sind seit der Uni befreundet, Marlene. Wie konntest du das?
Anke, es ist nicht so einfach, verschränkte Marlene die Arme. Mit ihm ist es spannender. Er jammert nicht, er beschwert sich nicht. Und ehrlich, niemand wollte mehr deine Klagen hören, das war anstrengend. Alle haben es satt, von dieser schweren Atmosphäre erstickt zu werden.
Marlene setzte ihre Erklärung fort, hastig, als wolle sie das Gespräch beenden. Dimi ist jetzt wieder in einer Beziehung, er hat bald Hochzeit, seine Freundin erwartet ein Kind. Alles läuft perfekt für ihn. Wenn wir euch beide hier sehen würden, wäre das zu peinlich für alle. Wir wollten einfach das Drama vermeiden.
Anke nickte mechanisch, langsam. Etwas in ihr zerbrach endgültig. Lukas würde bald Vater werden, ein neues Leben, eine neue Familie das, wovon er immer geträumt hatte, aber mit ihr nie erreicht.
Und Anke? Sie war für niemanden mehr nötig.
Ich verstehe, flüsterte Anke und reichte Marlene das Geschenk. Hier, nimm es. Alles Gute zum Geburtstag.
Marlene nahm die Schachtel, ohne Anke anzusehen.
Nach all den Jahren Freundschaft hättest du das doch persönlich sagen können, fuhr Anke fort, den Blick fest auf Marlene gerichtet. Nicht erst, wenn alles ans Licht kommt. Ich dachte, wir wären ehrlich. Offenbar lag ich falsch.
Marlene schwieg, starrte auf den Boden, das Geschenk fest umklammert.
Herzlichen Glückwunsch, sagte Anke schließlich und wandte sich zur Treppe. Viel Glück euch beiden. Lebt glücklich.
Ihre Schritte hallten laut im Treppenhaus. Anke sank die Stufen hinab, hielt sich an den Geländern fest, die Beine wurden schwach, der Atem geriet aus dem Takt. Sie wollte nur bis zur Tür durchhalten.
Kalte Luft drang ein, als sie das Treppenhaus verließ. Tränen, die sie all die Zeit zurückgehalten hatte, schossen wie ein reißender Strom über ihr Gesicht, heiß und brennend. Sie ging die leere Straße entlang, ohne zu achten, wohin sie ging, weinte über den Schmerz, über die Verletzung, über die Einsamkeit.
Ein halbes Jahr war vergangen, seit sie den Mann verloren hatte. Und, wie sich herausstellte, auch jede Freundin, die sie einst für unersetzlich gehalten hatte.
Freunde zeigen sich erst in der Not, kam eine alte deutsche Redensart in ihr Gedächtnis. Doch echte Freunde blieben ihr verwehrt. Vielleicht hatte es sie nie gegeben.
Anke wischte die Tränen ab, ging nach Hause, wo niemand auf sie wartete. Doch in ihrem Inneren flackerte ein schwaches Feuer: das Gefühl, dass das nicht für immer so bleiben würde. Und vielleicht, nur vielleicht, würde alles, was nicht funktioniert, irgendwann zum Besseren führen.





