**Die Möglichkeiten sehen**
Der Morgen begann mit dem vertrauten Klingeln des Weckers, der um halb acht schrill durch das Zimmer schnitt. Greta streckte sich, spürte die kühle Luft und tastete ungeschickt nach ihren Hausschuhen unter dem Bett. Durch das Fenster fiel helles Tageslicht, aber es weckte keine Fantasien es markierte nur einen weiteren Tag. Sie ging zur Küche, an dem Sessel mit dem ordentlich gefalteten Plaid vorbei, und schaltete den Wasserkocher ein, alles wie automatisch, als würde jemand anderes ihre Bewegungen lenken.
Während das Wasser kochte, öffnete sie ihr Telefon: In der Timeline flogen bekannte Gesichter vorbei, fremde Erfolge, Einladungen zu Veranstaltungen, die ihr nicht für sie bestimmt schienen. Die kalte Tischplatte unter ihrer Hand erinnerte daran, dass die Heizung bereits abgestellt war wie jedes Jahr im Frühling, wenn die Sonne die Wände noch nicht richtig erwärmt hatte. Ihr gewohntes Müsli, das sie mit demselben Keramiklöffel aß, kühlte schneller ab als sonst. Kein Geschmack, keine Freude.
Seit Wochen verliefen ihre Tage gleich. Die morgendliche Dusche ohne Eile. Die Arbeit von zu Hause: Anrufe mit Kollegen, kurze Mails an den Chef, seltene Kaffeepausen auf dem Balkon. Draußen hörte sie Kinderstimmen im Hof sie riefen so hell und frei, als gehörten sie zu einem anderen Leben. Abends ging sie manchmal ums Haus spazieren oder kaufte im nahen Supermarkt ein. Alles Teil eines Kreislaufs ohne Farbe.
Das Gefühl der Stagnation war in den letzten Wochen fast greifbar geworden. Die Menschen um sie herum, sogar ihre eigene Müdigkeit, reizten sie nicht es war eher die Leere, die blieb, wenn sich nichts veränderte. Sie erinnerte sich an ihre Versuche, etwas Neues zu beginnen: Online-Kurse, die sie nach zwei Wochen abbrach, Sport, der nach drei Einheiten langweilig wurde. Alles schien entweder zu schwer oder einfach nicht für sie. Manchmal fragte sie sich: Was, wenn es für immer so bleibt?
An diesem Morgen bemerkte Greta, wie lange sie aus dem Fenster starrte. Im Hof half ein Mann mittleren Alters seinem Kind, mit dem Roller zu fahren. Der Junge lachte laut und ansteckend; der Vater sah ihn mit einer so echten Freude an, dass etwas in ihr zuckte. Sie wandte den Blick ab solche Momente fühlten sich immer fremd an, wie Postkarten aus dem Leben eines anderen.
Der Arbeitstag verlief wie üblich: Berichte, sinnlose Anrufe. Nach dem Mittagessen ging Greta zur Post, um Steuerunterlagen zu verschicken. Draußen war es wärmer als erwartet: Der Asphalt unter ihren Füßen war so heiß, dass die Luft darüber flimmerte. Auf den Bänken vor den Häusern saßen ältere Frauen und diskutierten die neuesten Nachrichten, jemand fütterte Tauben mit Brot. Junge Mütter und Teenager mit Smartphones hatten die Sitzplätze besetzt.
Auf dem Rückweg bemerkte Greta eine Frau mit einem bunten Fliederstrauß sie lächelte ihr so offen und warm zu, als wären sie alte Bekannte. Greta erwiderte das Lächeln fast unbewusst. Erst nach ein paar Schritten spürte sie, wie diese Geste in ihr nachhallte. Unerwartet schön.
Abends öffnete sie den Messenger: Zwischen dienstlichen Nachrichten fand sie eine Einladung Greta! Am Samstag gibts einen Workshop für Zeitschriften-Collagen in der Nähe! Lust? Wir können Kaffee mitnehmen. Die Nachricht kam von ihrer ehemaligen Kommilitonin Lena. Normalerweise hätte Greta sofort abgelehnt wozu extra irgendwo hingehen? Doch diesmal zögerte sie.
Sie überlegte: Lena könnte enttäuscht sein, Bestimmt kennen sich alle dort, Ich kann das nicht. In ihr kämpften alte Gewohnheiten und ein zaghafter Funke Neugier. Der Workshop war kostenlos sie konnte ja einfach zuschauen…
Spätabends trat sie auf den Balkon. Die Luft roch nach frischem Gras vom Hof, irgendwo spielte Musik. Der Himmel war noch nicht ganz dunkel, nur die ersten Sterne wagten sich hervor. Greta atmete langsam ein, spürte, wie die Wärme des Tages sich in der Steine wanderte. Ihr Handy vibrierte eine Erinnerung: *Samstag, 11 Uhr, Werkraum im Kulturhaus*. Sie lächelte schwach, tippte auf Zusage und ließ das Telefon sinken. In der Ferne lachte jemand, und dieses Mal klang es nicht fern.





