Liebes Tagebuch,
heute wurde Annegret Hartmann allein in unsere Klinik gebracht. Ich, Dr. Jürgen Weber, habe als Oberarzt viele Geburten erlebt, aber keine hat mich so erschüttert wie diese. Niemand hielt ihre Hand, als die Wehen begannen. Ihr Mann hatte sie verlassen, kaum dass er von der Schwangerschaft erfahren hatte.
Die Geburt zog sich über Stunden hin. Endlich schallte der erste Schrei eines gesunden Jungen durch den Raum. Alles war gut verlaufen.
Ich nahm das Baby behutsam auf die Arme, um es der Mutter zu geben. Doch dann blieb ich stehen. Meine Hände zitterten. Ein einziger Blick in das Gesicht des Neugeborenen, dann zu Annegret – und ich spürte, wie meine Augen feucht wurden.
„Herr Doktor, ist alles in Ordnung?“, fragte sie.
Ich nickte, weil ich kein Wort herausbrachte. Dann flüsterte ich mit brüchiger Stimme einen Satz, der Annegret wie ein Schlag traf.
Ich hatte das kleine Muttermal am Arm des Jungen gesehen. Dasselbe Muttermal, das mein Sohn gehabt hatte, bevor er vor Jahren spurlos verschwand und ich jeden Kontakt verlor.
Annegret folgte meinem Blick, dann fragte sie, was los sei. Ich holte tief Luft und erzählte ihr von meinem Sohn – und dass dieses Muttermal bedeuten musste, dass das Baby mein Enkel war.
Sie wurde blass, und ich sah, wie die Welt um sie herum zu schwanken schien. Aber dann geschah etwas Wunderbares. Der Schmerz der einsamen Geburt fiel von ihr ab, und eine tiefe, überwältigende Freude trat an seine Stelle. Sie drückte den Kleinen an sich, und mir wurde bewusst, dass dieses Kind eine längst verlorene Bindung wiederhergestellt hatte.
Heute bin ich nicht mehr nur ein Arzt, sondern auch Großvater. Diese Begegnung hat mich gelehrt, dass das Leben manchmal Wege findet, wieder zu heilen, was zerbrochen schien. Man muss nur offen sein für das Wunder, das direkt vor einem liegt.





