Wenn Irmtraud heute an jenen Morgen zurückdenkt, sieht sie zuerst den Hund. Friedrich Brandt war an diesem Morgen gefunden worden, und Donner hatte schon seit dem Vorabend geheult. Irmtraud hörte es durch die Zäune, zwei Grundstücke weit, aber sie ging nicht hinaus. Donner heulte oft. Man stand dafür nicht mehr auf. Sein Heulen war tief und zäh, ohne Pausen, und um Mitternacht gehörte es zur Nacht wie der Wind oder das Rauschen des Wassers in den Rohren.
Der Revierpolizist kam gegen Mittag, versiegelte das Haus und fuhr wieder. Er schrieb seine Papiere auf der Motorhaube aus, rauchte und sah ab und zu zu dem Hund, ging aber nicht näher. Er sagte Irmtraud über den Zaun, dass man die Leiche in die Kreisstadt gebracht habe und dass man nach Verwandten suchen müsse. Dann klappte er die Tür zu und fuhr über den Feldweg, zwei tiefe Spuren im Schlamm hinterlassend. Donner blieb. Er saß an seiner Kette, die Schnauze gen Himmel gereckt, und der Klang kam aus ihm gleichmäßig und tief, wie aus einem Rohr, das man vergessen hatte zuzudrehen. Kein Bellen, kein Winseln. Ein Heulen, das unter den Rippen schmerzt, wenn man es zu lange hört.
Irmtraud stand an ihrer Pforte und sah über die Straße in Friedrichs Hof. Der Regen der Nacht hatte den Boden aufgeweicht, die Spuren glänzten, und es roch schwer und feucht, wie nach frisch umgegrabener Erde. Der Zaun hing schief, drei Latten lagen in den Brennnesseln, aber das Tor war mit Draht verschlossen, und der Draht war sauber viermal verdreht. Der Alte hatte den Zaun nie ausgebessert, aber das Tor jeden Abend zugewickelt. Irmtraud wusste das, weil sie vom Küchenfenster aus sah, wie er in der Dämmerung hinaustrat und mit trockenen Fingern den Draht drehte. Sie überquerte die Straße, wickelte den Draht ab und trat in den Hof. Es roch nach nasser Erde, nach Hund und nach etwas Sauerm, nach altem Wasser aus dem Fass am Schuppen.
Donner hörte auf zu heulen und drehte den Kopf. Er war rotbraun, mit einem schwarzen Sattel auf dem Rücken, groß, wie ein Schäferhund, den jemand mit einem Dorfhund gekreuzt hatte. Die Schnauze war grau, und die Augen waren gelb und trüb, wie bei alten Hunden, die mehr gesehen hatten, als ihnen gut tat.
Die Kette lief vom Pfosten zum Halsband. Dick, mit großen Gliedern, fünf Meter lang. Irmtraud kannte sie seit sieben Jahren. Jeden Sommer sah sie vom Fenster aus, wie Donner im Bogen lief und eine Rinne in den Boden trat. Die Rinne war im Lauf der Jahre tief geworden, bis zum Knöchel, und das Regenwasser stand darin. Im Winter überzog die Kette sich mit Reif, und die Glieder schlugen im Wind gegeneinander. Aber an diesem Tag fiel Irmtraud etwas auf, was sie vorher nie gesehen hatte. Auf einer Seite, dort, wo die Kette am stärksten gespannt war, waren die Glieder blank gerieben. Das Metall glänzte wie eine Türklinke, an der man jeden Tag fasst. Der Hund hatte immer in dieselbe Richtung gezogen. Nicht hin und her gerannt, nicht im Kreis gerissen. In eine Richtung.
Am Pfosten stand ein Napf. Aluminium, verbeult, mit dem Rest von Brei. Der Brei war eingetrocknet. Buchweizenkörner klebten an den Wänden, und auf der Oberfläche hatte sich eine Haut aus Fett gebildet. Daneben ein Napf mit Wasser, in dem ein Blatt schwamm.
Friedrich hatte den Hund an dem Morgen gefüttert, an dem er starb. Oder am Abend davor. Irmtraud sah den Napf an und strich sich das Kopftuch glatt, weil die Hände etwas Vertrautes brauchten. Sieben Jahre lang hatte sie den Nachbarn gesagt, dass der Alte den Hund quälte. Sie sagte es Hildegard im Laden, der Postbotin Berta, ihrer Tochter am Telefon. Kette, Hundehütte, Brei, kein einziger Spaziergang. Ein Lebewesen am Pfosten. Und jedes Mal, wenn sie es aussprach, spürte sie diese Sicherheit, eine Gerechtigkeit, die besser wärmt als ein Ofen und keinen Beweis verlangt. Die Wahrheit war doch klar: Der Hund war angekettet, der Herr schwieg, also war er schuldig.
Die Postbotin Berta kam eine Stunde später, brachte Brot und Milch mit, weil sie gewohnt war, Friedrich etwas vorbeizubringen, und nun nicht wusste, wem es gehören sollte. Sie sagte, sie habe ihn am Samstag gesehen, er habe seine Rente geholt und zwei Kilo Buchweizen gekauft. Für sich und für den Hund. Irmtraud fragte, ob Friedrich Verwandte habe. Berta überlegte, drückte die Tasche an die Hüfte und erinnerte sich an die Tochter. Liesbeth. Sie lebte in Lindenau, jenseits der Bundesstraße, zwölf Kilometer entfernt. Sie war lange nicht mehr gekommen. Berta fügte leise hinzu: „Die Tochter hat angeboten, den Hund zu nehmen. Aber der Alte wollte nicht. Ich habe ihre Telefonnummer irgendwo in der Poststelle.“
Irmtraud schwieg. Sie dachte: geizig, er hat den Hund nicht einmal abgeben können, wenn er selbst nicht mehr zurechtkam. Dann ging sie zu dem Pfosten.
Der Karabinerverschluss am Halsband war verrostet, und ihre Finger glitten an dem nassen Metall ab. Sie rieb, drehte, drückte mit dem Daumen auf die Feder. Rost setzte sich unter die Fingernägel, und die Handflächen rochen nach Eisen, herb und kalt. Donner stand still. Er winselte nicht, er zuckte nicht. Er wartete, als wüsste er, dass genau jetzt etwas geschehen würde, und als hätte er sieben Jahre lang auf dieses eine Klicken gewartet.
Der Karabiner gab nach. Das Halsband glitt vom Hals, und darunter kam ein Streifen gestauchten Fells zum Vorschein, hell, fast weiß, wie der Abdruck eines Eherings. Der Hund schüttelte sich am ganzen Leib, von der Schnauze bis zum Schwanz. Dann sah er Irmtraud an. Er stand einen Augenblick. Und riss los. Nicht zu ihr, nicht zum Napf, nicht zum Haus. Zum Zaun. Er zwängte sich zwischen den Latten durch, sprang auf die Straße und lief. Irmtraud sah den rotbraunen Rücken hinter den Holunderbüschen verschwinden.
Sie ging in die Poststelle zu Berta, um die Tochter von Friedrich zu erreichen.
Donner hatte inzwischen schon die Bundesstraße überquert. An der Stelle, wo die Straße eine Kurve machte und die Autos vor der Brücke über den Graben abbremsten, wartete er und lief hinüber. Dann bog er auf den Feldweg nach Lindenau ab.
Lindenau begann mit drei Pappeln und einer Bushaltestelle ohne Dach. Donner bog in die zweite Straße ein, lief an der Wasserpumpe vorbei, an einem Vorgarten mit Dahlien, und blieb vor dem Haus mit dem grünen Dach stehen.
Die Treppe vor der Tür war niedrig, zwei Stufen, die Bretter vom Regen dunkel geworden. Die Tür war mit Kunstleder bezogen, und an einer Ecke löste sich der Bezug und hing wie ein Dreieck herab. Donner setzte sich vor die Tür und winselte. Sein Schwanz schlug gegen die Stufe, und dieses Schlagen war das einzige fröhliche Geräusch des ganzen Tages.
Die Tür ging auf. Im Rahmen stand eine Frau, schmal, das dunkle Haar im Knoten, die Hände voller Mehl. Aus dem Haus roch es nach Hefeteig und Vanille, der warme Geruch floß über die Stufen und mischte sich mit dem Geruch der nassen Erde.
Die Frau sah den Hund an. Dann ging sie in die Hocke, nahm seine Schnauze in beide Hände, und das Mehl setzte sich als weiße Flecken auf das rotbraune Fell. Donner drückte die Nase an ihr Handgelenk und schloss die Augen.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Irmtraud sagte, dass Friedrich gestorben sei und dass der Hund sich losgerissen habe und weggelaufen sei.
„Er ist bei mir. Ich heiße Liesbeth.“
Irmtraud holte Luft: zwölf Kilometer über die Bundesstraße!
Und dann erzählte Liesbeth die Geschichte.
Donner war ein Welpe gewesen, als Liesbeth noch bei ihrem Vater lebte. Sie hatte ihn aus dem Nachbarort geholt, einen Monat alt, rotbraun, ein Ohr stand auf. Sie hatte ihn aufgezogen, mit der Pipette gefüttert und die erste Woche mit ihm auf dem Boden geschlafen, weil er winselte und nicht allein einschlafen konnte. Dann hatte Liesbeth geheiratet und war nach Lindenau gezogen. Donner blieb bei Friedrich.
Der Hund lief zu ihr. Über das Feld, über die Bundesstraße, zwölf Kilometer am Tag. Er kam gegen Abend an, legte sich auf die Stufe und wartete. Liesbeth fütterte ihn, streichelte ihn, ließ ihn über Nacht bleiben. Am Morgen lief Donner zurück. Wieder zwölf Kilometer. Das erste Mal wurde er nach einem halben Jahr angefahren. Ein Kotflügel streifte ihn und schleifte ihn über den Schotter. Friedrich fand ihn am Straßenrand und trug ihn nach Hause, vier Kilometer lang. Liesbeth kam per Anhalter, und sie brachten den Hund zusammen zum Tierarzt in die Kreisstadt. Die Narbe blieb auf der linken Flanke, lang, von den Rippen bis zum Bein.
Donner wurde gesund, und nach einem Monat lief er wieder weg. Das zweite Mal wurde er angefahren. Dieselbe Stelle, dieselbe Kurve. Ein Bruch im Becken, drei Monate ohne Bewegung. Friedrich wechselte zweimal am Tag das Lager und trug den Hund auf den Hof, damit er den Himmel sehen konnte.
Nach diesem Mal kaufte Friedrich die Kette. Liesbeth bat ihn, den Hund zu ihr zu geben. Friedrich lehnte ab. Er sagte nur: „Er kommt zurück. Er kommt immer zurück. Und die Straße überlebt er nicht zum dritten Mal.“
Liesbeth stritt sich mit ihm, kam ein halbes Jahr nicht. Dann kam sie seltener. Dann gar nicht.
Sieben Jahre saß Donner an der Kette.
Friedrich kochte ihm morgens und abends Brei. Buchweizen, manchmal Hirse, mit Fleischresten, die er bei Hildegard im Laden für die Hälfte bekam. Er prüfte das Halsband, fettete den Karabiner, damit er nicht festrostete. Er saß neben dem Hund auf einem Holzklotz und schwieg. Donner legte den Kopf auf sein Knie, und so saßen sie, bis es dunkel wurde, zwei Alte, einer auf dem Klotz, einer an der Kette. Irmtraud hatte das jeden Abend vom Küchenfenster aus gesehen.
Donner blieb bei Liesbeth. Er war dort, wo er sieben Jahre lang hatte hinwollen.
Irmtraud sah noch einmal über Friedrichs Zaun und blieb an dem Pfosten stehen. Die Kette lag im Schlamm, zu einem Ring zusammengerollt. Irmtraud hob sie auf. Die Glieder waren schwer und kalt, und eine Seite glänzte, poliert bis zur Glätte.
Sie hängte die Kette an den Nagel im Pfosten. Sie drehte den Draht am Tor viermal zu, so wie Friedrich es getan hatte. Sie stand einen Augenblick, sah den leeren Hof, die Rinne im Boden, die sich als Bogen ins Erdreich gegraben hatte, den Holzklotz am Pfosten. Dann überquerte sie die Straße zu ihrem Hof und schloss die Tür hinter sich.
Den Napf wusch sie aus und stellte ihn auf ihre Türschwelle. Für alle Fälle. Falls Donner zurückkäme.





