Wenn deine Schwiegermutter…

Vincenz, Vincenz was schläfst du noch? Hörst du? Steh auf, sonst verschläfst du noch dein ganzes Leben.
Nein, schau ihn dir an, ja? Pennt Viktor, steh auf, ich sage dir, du verschläfst noch dein Glück.

Adelheid Markowna, lassen Sie mich doch endlich schlafen, zum Teufel nochmal.

Ich sage, steh auf, schlafen In Rente kannst du dich ausschlafen.

Ja klar, sagen Sies doch gleich auf dem Friedhof schlaf ich mich aus.

Da schläfst du nicht, nun komm schon ja?

Viktor betrachtete sich im Spiegel: unausgeschlafen, mit roten Augen.

Na?

Kein Bock, aber du quengelst. Geh dich waschen, rasieren, mach dich fertig, du hast noch Zeit. Los.

Was für Zeit, Adelheid Markowna?

Die übliche.

Viktor schlurfte ins Badezimmer, seufzte und fluchte leise vor sich hin sonst gabs gleich einen Pantoffel gegen den Hinterkopf oder auf den Mund. Erzieht mich, hol sie der Teufel, dachte er wütend.

Vincenz, hab ich dir schon mal gesagt, dass ich manchmal Gedanken hören kann? Habe ich? Nein? Dann weißt dus jetzt. Die Schwiegermutter setzte sich in Lotushaltung auf sein Bett. Nebenwirkung. Nun geh, wasch dich, putz die Zähne, schön gründlich, und vergiss nicht, dich zu rasieren. Du siehst aus wie ein Partisan.

Vincenz wusste, Diskutieren brachte nichts. Schon zu Lebzeiten war das zwecklos gewesen.

Seine Schwiegermutter war übrigens keine gewöhnliche sie war ein Geist.

Ja, genau.

Nein, er war nicht verrückt, er hatte sich nicht in den Suff getrunken Aber Adelheid Markowna war eines Tages einfach in seiner Wohnung aufgetaucht.

Nachdem sie längst begraben worden war.

Ich höre es, ja. Manchmal. Fast immer, was du denkst, nickte die Schwiegermutter und schwebte langsam durch die Luft. Wie hat meine Lieselotte bloß mit dir leben können? Du Dinosaurier, einfach ein Dinosaurier.

Viktor winkte ab und ging ins Bad.

Mit Lieselotte hatte er sich vor einem Jahr scheiden lassen. Die Kinder waren groß, hatten ihr eigenes Leben. Lieschen war ausgerastet, hatte ihn einen Tyrannen genannt, behauptet, er lasse sie sich nicht entfalten, hatte ihre Sachen in eine Tasche geworfen und war gegangen, die Tür knallend hinter sich.

Viktor stand verwirrt allein da.

Er rief Lieschen an. Sie sagte, sie wolle nichts mehr mit so einem rückständigen Frauenfeind zu tun haben. Niemand hatte Viktor je so beschimpft.

Und wie, fand Lieschen, sollte er denn aufhören, rückständig zu sein? Wenn er, Viktor, schließlich Häuser baute und Bäder, Schuppen und so weiter. Seltsame Frau, diese Lieselotte. Und dann noch die Schimpfwörter.

Kurzum, sie hatte sich irgendwelche Coaches angehört, wer weiß, was das sein sollten. Und beschlossen, dass ihr Leben mit Viktor keine Ehe, sondern Qual gewesen sei. Er habe sie wie ein Pferd vor den Pflug gespannt, sie gezwungen, Borschtsch zu kochen und Frikadellen zu braten.

Übrigens, Lieschen konnte fantastische Frikadellen machen

Viktor verschluckte sich fast am Speichel, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Mit halb rasiertem Gesicht stürmte er in den Flur.

Adelheid Markowna Adelheid Markowna!

Was ist denn, warum schreist du?

Adelheid Markowna, können Sie mir beibringen, Borschtsch zu kochen? Bitte?

Ach, klar als ob ich mein Rezept einfach so verraten würde!

Wozu brauchen Sie es denn da? Wolln Sies den Teufeln kochen?

Pfui, mit dir.

Na gut Lieschen kocht eh besser als Sie.

Ha, als ob! Das habe ich sie gelehrt, weißt du.

Egal, brummte Viktor, ohne die Badezimmertür zu schließen, und rasierte weiter. Anstand war ihm egal, ebenso dass sein freier Tag so verlief, dass er um sieben aufstehen musste die Alte würde nicht lockerlassen.

Eben doch!, rief die Schwiegermutter aufgeregt, schwebte hin und her und setzte sich schließlich auf einen Stuhl. Anfangs hatte sie noch Purzelbäume geschlagen wie ein Akrobat, unter der Decke getanzt, aber mittlerweile konnte sie sogar Dinge greifen Pantoffel zum Beispiel. Ich habe Lieselotte alles beigebracht, verstanden, Dummkopf?

Ich widerspreche nicht, aber manchmal übertrifft der Schüler den Lehrer.

Was? Sag das noch mal! Welches Fleisch nimmt Lieschen für den Borschtsch, hm?

Schwein natürlich.

Ach du es muss Rind sein!

Ach ja, und Sie werden mir jetzt erzählen, man muss nicht in diesem Topf kochen, sondern in dem.

Bist du bescheuert? Natürlich in DEM da

So kochten sie gemeinsam Borschtsch, während Viktor alles in ein Notizbuch kritzelte.

Sauber rasiert saß er in der Küche und aß einen atemberaubenden Borschtsch

Mmm, Mama Sie sind ein Genie.

Wie bitte?

Ihr Borschtsch ist unbeschreiblich

Und der von Lieschen?

Pff, Mama, der kommt nicht mal in die Nähe Heulen Sie etwa? Können Geister weinen?

Keine Ahnung, schluchzte die Schwiegermutter. Du bist ein Schuft, Vincenz.

Na toll, jetzt bin ich wieder schuld. Was hab ich diesmal falsch gemacht?

Ach nichts Mama hast du mich genannt, du Drecksack. Und jetzt jetzt heule ich. Vincenz, ich wollte dir doch dein Schicksal bescheren.

Wie meinen?

Nun ich sollte dich zwingen, den Müll rauszubringen gewaschen, rasiert, um halb sieben. Gleichzeitig wäre aus dem Nachbarhaus Galina gekommen, eine alte Jungfer von siebenundvierzig, frisch zugezogen. Ihr hättet euch buchstäblich in die Arme gelaufen, und dann

Aha und dann?

Nichts, Vincenz. Die Augen der Schwiegermutter huschten hin und her so gut es bei einem Geist möglich ist.

Sprechen Sie weiter Adelheid Markowna.

Na ihr hättet euch na ja, und ich ich hätte gehen können. Das war die Bedingung.

Welche Bedingung?

Dass ich dich glücklich mache.

Sie wussten also schon vor einem Jahr, als Sie auftauchten, alles?

Ja.

Warum haben Sie es dann nicht getan?

Na, ich Ihre Augen flackerten. Du du bist schuld, mit deinem blöden Borschtsch, klebst mir wie eine Nassrasur am Hintern.

Ich?

Ja, du! Jetzt bleib ich noch ewig hier, bis bis

Bis was?

Bis ich dich glücklich mache, so.

Glücklich? Ernsthaft? Wer hat sich ausgedacht, dass ich mit einer fremden Tante glücklich werde? Ich bin glücklicher, als Sie denken.

Wie das?

Ganz einfach. Ich lebe, ich atme, ich habe jetzt das Rezept für den besten Borschtsch der Welt. Ich habe jemanden, der mich nicht verhungern, verwahrlosen oder einsam werden lässt. Ich bin nicht allein ich habe Sie Mama

Ach fahr zur Hölle!, kreischte der Geist und verschwand im Schrank. Von dort hörte man noch lange Schluchzen und Wimmern.

Viktor beschloss, aufzuräumen.

Wie du den Spiegel putzt nimm doch das Tuch da

***

Lieselotte hatte schlecht geschlafen. Sie träumte von ihrer Mutter jung und schön, streckte die Arme aus und rief sie

Lieschen wollte ihrem Coach Winfried Wundervoll zuhören, aber das Video lud nicht. Also rief sie per Videocall an.

Dieser göttliche Mensch, der ihr die Augen geöffnet hatte, war 24/7 erreichbar.

Doch Winfried ging nicht ran.

Hallo? Eine krächzende Stimme drang wie aus dem Nichts hervor, ein rotes Gesicht erschien. Wer zum Teufel ruft um sieben Uhr morgens an, seid ihr bescheuert?

Oh, machte Lieschen und schlug den Laptop zu. Nein, das war nicht Winfried, das war ein Monster

Sie überlegte, dann beschloss sie, zur Wohnung dieses Mannes zu fahren, der sie zur Sklavin gemacht hatte. Aber jetzt war sie frei sie war glücklich fast irgendwas fehlte.

Sie wusste nicht warum, aber sie musste dringend zu Viktor.

***

Viktor und Adelheid Markowna spielten Schach und stritten sich, lachten laut.

Völlig verrückt, dachte Lieselotte und beobachtete, wie ihr Ex-Mann mit jemandem sprach, lachte und Schach spielte.

Oh, Lieschen, hallo Mama, du bist am Zug. Schach!

Lieschen hätte schwören können, die Figuren bewegten sich von selbst.

Was hatte dieser Unverbesserliche jetzt schon wieder angestellt?

Du siehst gut aus, Lieschen Mama sagt, du bist abgemagert. Isst du schlecht? Ich kann dir Borschtsch anbieten, Mamas Spezialität.

Hicks Viti Gehts dir gut?

Mir? Warum sollte es mir nicht gut gehen? Mama deine will mir beibringen, Frikadellen zu braten.

Viti welche Mama? Sie ist seit einem Jahr tot.

Eben. Deshalb wohnt sie jetzt bei mir.

Viti Viktor, was ist mit dir? Fühlst du dich nicht gut?

Mir gehts prächtig, Lieschen. Komm, ich füttere dich mit Borschtsch.

Lieschen begriff, mit Verrückten sollte man nicht diskutieren

In der Pfanne war tatsächlich Borschtsch, und der Duft oh, dieser Duft wie von Mamas Borschtsch.

Viti hast du den selbst gekocht?

Ja, Mama hat ihr Geheimnis verraten. Hört auf zu heulen, Adelheid Markowna Du du glaubst nicht, dass deine Mama hier ist? Lieschen, frag sie etwas, das nur ihr zwei wisst.

Viti, ich rufe gleich

Warte Du denkst, ich bin verrückt stell deine Frage.

Mama welches schreckliche Geheimnis habe ich dir in der dritten Klasse anvertraut?

Dass du was? Dass du mich in der dritten Klasse schon mochtest?

Lieselotte setzte sich.

Welche Farbe hatte mein Kinderwagen? Wann bekam ich meinen ersten Zahn? Wer ist Tante Käthe?

Auf alle Fragen erhielt sie Antworten

Das kann nicht sein Viti Meine Mama sie lebt wirklich bei dir?

Ja in einer etwas anderen Form. Sie ist ein Geist, Lieschen. Mama zeig dich ihr.

Für einen Moment sah Lieselotte ihre Mutter, dann wieder, in kurzen Blitzen.

Sie verliert Energie, Lieschen. Aber sie liebt dich und will, dass du glücklich bist. Dass wir glücklich sind? Was heißt das, Adelheid Markowna? Warten Sie, wo gehen Sie hin?

Mama

Viktor wachte mit einem Schrei auf, Lieselotte fuhr gleichzeitig hoch.

Lieschen?

Viktor? Lieschen riss sich die Decke herunter. Ich verstehe nicht, wie das passiert ist Warte Das war

Ein Traum, flüsterte Viktor.

Hast du auch geträumt, dass Mama ein Geist war?

Ja. Und dass du zu so einem Coach gegangen bist

Viti!

Lieschen!

An die Tür wurde geklopft.

Na, wie lange wollt ihr noch schlafen?

Mama?

Adelheid Markowna, Sie leben?

Darauf könnt ihr lange warten! Lieschen, hör auf, dir solchen Unsinn anzusehen, Coaches und so Ich hatte einen Traum, dass ich ein Jahr lang mit dir, du Dummkopf, als Geist gelebt habe. Macht euch fertig, wir fahren ins Wochenendhaus. Da gibts Arbeit, wir treiben dir den Unsinn aus, Lieschen. Und du, Viktor, lernst Borschtsch kochen für alle Fälle.

***

Viti warum hast du mich in dreißig Jahren mit Lieselotte nie Mama genannt?

Keine Ahnung Mama. Weil ich es erst jetzt verstanden habe, Mama. Dass man manchmal einen Geist braucht, um zu sehen, was lebendig ist.

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Homy
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