Schicksalhafte BegegnungSie ahnten nicht, dass diese Begegnung ihr beider Leben für immer verändern würde.

— Marlene… — Stefan sah seine Frau an und seufzte schwer. — Tut mir leid, aber die Reise an die Ostsee müssen wir dieses Jahr streichen.

— Streichen? Wieso? Wir haben doch alles geplant. Sogar das Zimmer in der Pension ist schon gebucht.

— Auf der Arbeit ist der Teufel los. Mich lässt keiner gehen.

Als ihr Mann drei Tage vor der geplanten Abreise sagte, dass er wegen eines dringenden Projekts nicht mit an die Ostsee könne, war Marlene erst einmal enttäuscht.

So lange hatten sie sich darauf gefreut.

Sogar die Urlaubstage hatten sie so abgestimmt, dass sie mindestens zwei Wochen gemeinsam verbringen konnten.

— Stefan, könntest du nicht doch mit deinem Chef reden, ihm die Situation erklären? — fragte Marlene hoffnungsvoll.

— Nein. Augenblicklich wird niemand in den Urlaub geschickt, und für mich machen sie bestimmt keine Ausnahme. Ich könnte natürlich kündigen, aber du weißt doch, dass das keine Lösung ist? Wo soll ich so schnell eine gleich gute Stelle finden?

Marlene seufzte. Stefans Arbeit war in der Tat gut.

Seinetwegen waren sie aus der Einzimmerwohnung in ein eigenes Haus gezogen. Zwar nicht sehr groß, aber immerhin ein Haus.

Zu kündigen wäre also dumm gewesen. Doch Marlene wollte keinesfalls auf die Ostsee verzichten. Vier Jahre hatte sie davon geträumt.

Sie überlegte kurz und entschied: Wenn Stefan keinen Urlaub nehmen konnte, dann würde sie mit Erik eben allein fahren.

Ursprünglich wollten sie mit dem Auto reisen, aber der Bus tat es auch.

Ja, es dauerte länger und der Komfort war geringer, doch dafür warteten unvergessliche Erlebnisse auf sie und Erik: zwei Wochen Sonne, warmes Wasser und lange Spaziergänge an der Strandpromenade. Dazu Limonade, Eis und all das Schöne des Lebens.

— Marlene, ganz ehrlich, die Idee gefällt mir nicht, — runzelte Stefan die Stirn, als seine Frau ihm davon erzählte. — Wie willst du allein mit einem kleinen Kind verreisen?

— Erik ist fast vier. Er ist nicht mehr klein, — widersprach Marlene. — Und ich will einfach an die Ostsee.

— Dann fahren wir doch alle zusammen später, Ende August? Das Wasser ist bestimmt noch warm.

— Stefan, Liebling… Ende August habe ich keinen Urlaub mehr. Erstens. Und zweitens gibt es dann oft Quallen in der Ostsee, ordentlich schwimmen kann man nicht. Also müssen wir jetzt fahren.

— Ich mache mir Sorgen um euch, und die Gedanken lenken mich von der Arbeit ab.

— Ich rufe dich jeden Tag an, damit du dich nicht sorgst, — lächelte sie.

— Aber…

— Stefan, bitte, lass uns wegen so einer Kleinigkeit nicht streiten. Ich bin kein kleines Mädchen mehr und kann meine Probleme selbst lösen, falls welche auftauchen. Ich werde dich nicht anflehen, mich abzuholen – also mach du in Ruhe dein Projekt. Erik und ich erholen uns einfach.

Stefan war mit dieser Antwort nicht zufrieden. Aber Marlene hatte ihren Entschluss gefasst. Und wenn eine Frau sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann wird es auch so geschehen.

*****

Die ersten Tage des lang ersehnten Urlaubs verliefen fast so, wie Marlene es sich vorgestellt hatte.

Jeden Morgen jagte Erik begeistert über den Sand, baute Türmchen, versuchte Möwen zu fangen und bat ununterbrochen, nur noch eine Minute ins Wasser zu dürfen. Abends schlenderten sie durch die Stadt, tranken Limonade und aßen Eis. Kurzum, sie hatten eine wunderbare Zeit.

Am Abend des dritten Tages jedoch wurde Erik still.

Marlene maß dem keine große Bedeutung bei – sie schrieb es der Müdigkeit zu.

Sie selbst war an jenem Tag auch erschöpft. Deshalb gingen sie fast zwei Stunden früher als sonst ins Bett. Mitten in der Nacht begann Erik nach seiner Mutter zu rufen und laut zu schluchzen.

Marlene schnellte aus dem Bett und sah ihren Sohn an, ohne zu verstehen, was geschah.

— Was ist los, Erik?

— Mami, mir geht es schlecht, — krächzte er und zeigte auf seinen Hals.

Erschrocken legte Marlene die Hand auf seine Stirn – sie war glühend heiß.

Das Thermometer zeigte fast vierzig Grad.

Eine halbe Stunde später stand ein Krankenwagen vor der Pension.

— Das sieht nach einer Mandelentzündung aus, — sagte der junge Arzt nach der Untersuchung. — Gehen wir kein Risiko ein. Wir fahren in die Kinderklinik.

Marlene nickte stumm.

Dass der Urlaub vorbei war, wurde ihr bereits auf der Fahrt klar, als derselbe Arzt meinte, der Aufenthalt in der Klinik werde wohl eine Woche dauern, vielleicht länger, falls Komplikationen aufträten.

Als Marlene mit dem schläfrigen Erik auf dem Arm aus dem Krankenwagen stieg, folgte sie dem Arzt zur Notaufnahme und blieb plötzlich…

…wie angewurzelt stehen.

Direkt vor dem Eingang lag ein riesiger, zotteliger Hund. Er rührte sich nicht einmal, als der junge Arzt mit sicherem Schritt an ihm vorbeiging.

Er öffnete nur ein Auge und sah ihm gelassen nach.

Wahrscheinlich sah er ihn hier nicht zum ersten Mal.

— Was ist denn das?… — murmelte Marlene unwillkürlich.

Der Hund, der direkt vor der Kinderklinik lag, erschien ihr völlig fehl am Platz.

»Was, wenn er jemanden anfällt? Hier sind doch überall Kinder…«, schoss es ihr besorgt durch den Kopf.

— Frau, was stehen Sie da? — Der Arzt lugte aus der angelehnten Tür. — Kommen Sie, wir melden Sie an.

— Und das… — Marlene deutete ängstlich auf den Köter. — Ist das normal, dass der hier liegt?

— Keine Sorge, — lächelte der Arzt. — Der ist sehr lieb. Und mag Kinder. Kommen Sie.

Marlene drückte ihren Sohn fester an sich und umrundete den Hund in weitem Bogen.

Der rührte sich nicht. Er ließ sie nur träge mit den Blicken verfolgen und legte dann den Kopf wieder auf die Vorderpfoten.

— So was aber auch… — sagte Marlene leise im Gehen. — Ist das hier eine Klinik oder ein Tierheim? Wo gucken denn die Mitarbeiter hin?…

Die Mitarbeiter der Klinik schienen den Hund tatsächlich gar nicht zu beachten.

Das merkte Marlene am nächsten Tag. Die Schwestern gingen an dem Hund vorbei, als sei das selbstverständlich, und eine Reinigungskraft mit einem Eimer lächelte ihn sogar an. Begrüßte ihn.

— Guten Morgen, Waldi. Wie war deine Nachtschicht?

Der Hund wedelte träge mit dem Schwanz. Als hätte er tatsächlich jedes Wort verstanden.

Marlene sah die Frau erstaunt an, sagte aber nichts. Denn in diesem Moment bewegte sie ganz anderes.

Es standen Blutabnahmen an, ein Gespräch mit der Stationsärztin, die Medikamentengabe und möglicherweise schlaflose Nächte an Eriks Bett.

Über Nacht war es ihm nicht besser gegangen.

Deshalb vergaß Marlene den seltsamen zotteligen Hund fast sofort. Aber, wie sich herausstellte, nur für kurze Zeit.

Die ersten beiden Tage waren tatsächlich anstrengend. Fiebermessen. Erik zum Einnehmen der Medizin überreden. Den Arzt abwarten. Erik füttern, falls er Appetit hatte. Dann wieder Thermometer, wieder Tabletten.

Erst am Abend wurde der Junge kurz munter, doch nachts kehrte das Fieber zurück.

Erst am dritten Tag sank die Temperatur endlich. Erik bat zum ersten Mal nicht um Videos auf dem Tablet, sondern um sein Spielzeugauto und deutete zum Fenster.

Marlene atmete erleichtert auf. Jetzt konnte sie wenigstens mit ihrem Sohn in den Hof gehen, um frische Luft zu schnappen, denn…

…die Krankenhausgerüche waren alles andere als einladend.

Im Hof wuchsen überall Ahornbäume und Linden, unter denen bequeme Bänke standen.

Mütter spazierten mit Kindern, Schwestern eilten von einem Gebäude zum anderen.

Und dort sah Marlene den zotteligen Hund wieder.

Sie versuchte sich an seinen Namen zu erinnern.

»Waldi, glaube ich. Ja – genau, Waldi.«

Der Hund trottete gemächlich den Weg entlang, hinkte deutlich auf einem Bein. Zuerst bemerkte Marlene nicht, dass er nur drei Beine hatte.

Das vierte war viel kürzer und berührte den Boden nicht.

»Mein Gott, wie schrecklich…«, dachte Marlene, während sie den Hund beobachtete.

Sie schämte sich sogar ein wenig dafür, wie ablehnend sie in jener Nacht auf diesen armen Köter reagiert hatte.

— Mami, guck mal, ein Hund! — rief Erik freudig.

Marlene nahm instinktiv die Hand ihres Sohnes.

— Geh nicht zu nah ran. Besser nicht.

Ehrlich gesagt hatte Marlene Angst, der Hund würde Eriks Stimme hören und auf ihn zulaufen, wie Hunde es tun, wenn man ihnen Beachtung schenkt. Aber er blickte nicht einmal in ihre Richtung.

Stattdessen ging Waldi noch ein Stück weiter, blieb am Tor stehen und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.

Zwei Frauen mit schweren Taschen betraten das Klinikgelände.

— Hallo, Waldilein! — sagte eine von ihnen sanft und streichelte dem Hund über den Kopf.

Er winselte leise und trippelte, komisch auf drei Beinen hüpfend, neben ihr her.

Er begleitete die Frauen bis zur Küchentür, wartete, bis sie eingetreten waren, und ließ sich dann vor der Treppe nieder.

Nach einer Minute brachte eine der Frauen ihm eine große Metallschüssel heraus.

Waldi stürzte sich nicht sofort auf das Fressen.

Zuerst sah er sich aufmerksam um, als wolle er prüfen, ob alles in Ordnung sei.

Erst dann ging er gemächlich zur Schüssel und begann zu fressen.

— So ein wohlerzogener Kerl, — sagte Marlene unwillkürlich.

Eine Reinigungsfrau, die gerade vorbeikam, lächelte und meinte:

— Und wie. Unser Wachhund hier. Hält sozusagen die Ordnung aufrecht.

— Lebt er hier? — fragte Marlene erstaunt.

— Schon seit Jahren, — nickte die Frau. — Haben Sie keine Angst vor ihm. Er ist klug und gutmütig. Wenn ich könnte, hätte ich Waldi längst zu mir genommen.

Erik hatte inzwischen einen übrig gebliebenen Keks aus der Frühstückstüte gezogen.

— Mami, darf ich? Guck, er hat noch Hunger.

Waldi hatte in der Tat den Brei aufgefressen und seine Schüssel so blank geleckt, dass sie in der Sonne glänzte.

Dann war er ein paar Meter zurückgetreten und hatte sich in den Schatten eines Baumes gelegt, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet.

Marlene wollte ihrem Sohn zunächst verbieten, dem Hund nahe zu kommen, aber Eriks Blick…

Wie hätte sie diesem Kind einen Wunsch abschlagen können, das in den letzten Tagen so viel durchgemacht hatte?

— Nur vorsichtig, ja? — sagte sie.

Selbst ging sie hinter ihm her, hielt seine Hand, um ihn nötigenfalls wegziehen zu können.

Sie begriff natürlich, dass der Hund kaum aggressiv sein konnte, sonst hätte man ihn nicht auf dem Klinikgelände geduldet. Aber sicher ist sicher, dachte sie.

Erik trat an den zotteligen Hund heran und hielt ihm den Keks hin.

— Hier… für dich…

Waldi hob den Kopf. Eine Weile betrachtete er den kleinen Menschen aufmerksam, dann nahm er das Leckerli vorsichtig mit den Zahnspitzen entgegen. So behutsam, dass er die Kinderfinger nicht einmal berührte.

Marlene, die die ganze Zeit genau beobachtet hatte, atmete erleichtert auf.

Gott sei Dank, es war nichts passiert. Der Hund hatte sich wirklich als wohlerzogen erwiesen.

— Mami, hast du gesehen? Er hat den Keks von mir genommen.

— Hab ich gesehen, hab ich gesehen… — lächelte Marlene.

— Stimmt’s, er ist lieb?

— Stimmt, Schatz. Aber du musst dir trotzdem die Hände waschen. Sobald wir zurück sind, mit Seife, klar?

— Ja! — antwortete Erik fröhlich.

Kurz vor dem Eingang blieb er stehen und sah seine Mutter nachdenklich an.

— Mami, können wir ihn mitnehmen, wenn wir nach Hause fahren? Ich möchte so gern, dass er bei uns wohnt und nicht auf der Straße. Du hast doch selbst gesagt, dass er lieb ist.

Marlene hatte mit einer solchen Frage nicht gerechnet und war einen Moment verunsichert. Sie sah ihren Sohn an und schwieg.

Wie sollte man einem Vierjährigen erklären, dass es nicht möglich war, einfach alle Straßenhunde mit nach Hause zu nehmen?

Es wäre zwar richtig, aber…

— Schatz, er ist es hier gewohnt zu leben, und er wird sicher nicht woanders hinwollen, — antwortete Marlene Erik.

Von diesem Tag an begegneten sie sich täglich. Manchmal brachte Erik Waldi einen Zwieback mit. Mal ein Stück Brötchen. Nach dem Mittagessen blieben Knochen übrig, und Marlene trug sie ebenfalls dem Hund zu.

Er nahm die Leckereien stets mit derselben ruhigen Würde entgegen.

Dabei bettelte Waldi nie, sah nicht unterwürfig in die Augen, bellte nicht freudig, wie andere Hunde es tun.

Er wedelte nur leicht mit dem Schwanz, als ob Dankbarkeit nicht laut ausgedrückt werden müsse.

Dass der Hund den Menschen für ihre Aufmerksamkeit und Fürsorge dankbar war, daran zweifelte Marlene dennoch nicht.

Und sie begann zu bemerken, was sie vorher übersehen hatte.

Nämlich, warum alle Waldi so mochten. Er fraß sein Gnadenbrot nicht ohne Grund.

Eines Abends wurde Marlene Zeugin einer Szene.

Ein betrunkener Mann kam zum Kliniktor. Er stritt laut mit dem älteren Pförtner und verlangte, eingelassen zu werden.

Als der Pförtner sich weigerte, versuchte der Mann, selbst durchzukommen.

Waldi erhob sich sofort. So schnell es mit seinen drei Beinen ging, humpelte er zum Pförtner und stellte sich neben ihn.

Als der Fremde weiter am Metalltor rüttelte, knurrte Waldi zunächst und bellte dann kurz und tief.

Das genügte. Der Mann brummte etwas Unverständliches, drehte sich um und ging.

Nach einer Minute hatte Waldi sich wieder an seinem gewohnten Platz niedergelassen, als sei nichts geschehen.

Marlene sah ihm lange nach.

— Du bist ein seltsamer Hund… — flüsterte sie. — Aber wirklich sehr gut.

Am nächsten Morgen ertappte sie sich dabei, dass sie beim Hinausgehen mit Erik unwillkürlich nach ihm Ausschau hielt – nach diesem zotteligen Köter.

Bis zur Entlassung waren es nur noch drei Tage.

Erik erholte sich zusehends. Er rannte durch den Klinikhof, freundete sich mit anderen Kindern an und spähte jeden Morgen als Erstes aus dem Fenster, auf der Suche nach jemandem.

— Mami! Waldi ist schon da! Komm schnell nach draußen.

Marlene blickte hinaus, sah Waldi und lächelte.

Der Hund lag unverändert auf den Stufen vor der Notaufnahme. Mal döste er, mal beobachtete er die Leute. Es schien, als kenne er jeden, der das Klinikgelände betrat oder verließ.

An jenem Tag traf Marlene auf dem Flur eine Krankenschwester, die sie öfter am Behandlungszimmer gesehen hatte.

Es war eine freundliche, lächelnde Frau um die fünfzig.

Auf ihrem Namensschild stand: Martina.

— Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen? — hielt Marlene sie an.

— Natürlich.

— Der Hund… Waldi, der hier auf dem Gelände lebt… Er ist doch schon lange hier, oder?

Martina wusste sofort, wer gemeint war, und lächelte.

— Ich sehe, auch Waldi hat Sie erobert. Ja, schon lange.

Marlene lachte unwillkürlich.

— Ehrlich gesagt hatte ich zuerst große Angst vor ihm. Und war sogar empört, dass ein streunender Hund vor einer Kinderklinik liegt. Jetzt kann ich mir den Hof ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

Die Krankenschwester schaute aus dem Fenster.

Waldi umrundete gerade gemächlich sein »Revier«, um nach dem Rechten zu sehen.

— Er ist hier geboren, — sagte sie leise. — Vor etwa fünf Jahren. Vielleicht etwas länger. Seine Mutter lebte ebenfalls an der Klinik. Eine genauso kluge Promenadenmischung. Als sie alt wurde, schien Waldi selbst zu begreifen, dass nun er das Gelände bewachen musste.

— Und niemand hat ihn vertrieben?

— Warum auch? Er hat nie jemandem etwas getan. Ganz im Gegenteil. Oft hat er uns geholfen…

Martina hielt kurz inne.

— Nur einmal haben wir ihn fast verloren.

Marlene spürte, dass nun etwas Wichtiges kommen würde.

— Wegen seines Beins?

Die Schwester nickte langsam. Dann fügte sie hinzu:

— Wegen der Liebe.

Marlene zog überrascht die Augenbrauen hoch.

— Wie das?

— Ja, ja. Wundern Sie sich nicht. Bei Hunden läuft es ähnlich wie bei Menschen. Darf ich mit Ihnen nach draußen gehen?

— Gern.

Sie traten ins Freie. Martina setzte sich auf eine Bank. Marlene nahm neben ihr Platz.

— Vor ein paar Jahren tauchte hier eine kleine schwarze Hündin auf, — fuhr die Schwester fort. — Mager, mit großen Augen. Wir nannten sie Susi.

Martina lächelte, als sähe sie die Hündin vor sich.

— Die war so flink… Man konnte ihr kaum folgen. Waldi lief von Anfang an wie ihr Schatten hinterher. Jeden Morgen jagten sie gemeinsam über den Hof. Die Kinder sahen ihnen zu und lachten. Im Winter, wenn Schnee lag, legte sich Waldi immer neben sie. Wurde es kalt, drückte er Susi an sich und hielt sie mit den Pfoten umfangen. Es war Liebe. Wahre Liebe…

— Und was geschah dann? — fragte Marlene, als die Schwester plötzlich verstummte.

— Dann kam der Frühling…, — seufzte Martina, — und Susi wurde läufig.

— Läufig? Und Waldi? — sah Marlene sie verwundert an.

— Ja, genau. Ich sagte ja, bei Hunden ist es fast wie bei den Menschen. In jenem Frühling begannen sich fremde Hunde vor der Klinik zu sammeln. Zuerst zwei. Dann wurden es vier. Nach ein paar Tagen war ein ganzes Rudel von sechs oder sieben Hunden da – und alle waren sehr groß.

— Sie rauften, bellten laut, erschreckten die Kinder. Eine Zeitlang duldete Waldi es, dann platzte ihm der Kragen. Eines Tages stellte er sich zwischen Susi und die fremden Hunde.

— Ganz allein? — Marlene erschauderte bei der Vorstellung.

— Ganz allein, — nickte die Schwester. — Einer gegen alle.

Martina atmete schwer.

— Wir hörten Gebell und rannten in den Hof. Es ist schrecklich, sich zu erinnern…

Sie schwieg. Marlene unterbrach sie nicht.

— Sie stürzten sich alle gleichzeitig auf ihn. Waldi wehrte sich, solange er konnte. Wir schrien, versuchten sie mit Stöcken auseinanderzutreiben, aber es gelang nicht sofort. Als das Rudel endlich floh…

Martina schloss die Augen.

— Waldi konnte sich nicht einmal mehr aufrichten. Geschweige denn aufstehen – er atmete nur mit Mühe. Wir dachten, er würde es nicht überleben.

Marlene spürte eine Gänsehaut.

— Und Susi?

— Susi lief mit den anderen Hunden davon. Und ward nie wieder gesehen.

Einige Sekunden saßen sie schweigend.

— Wir haben alle geweint, — sagte die Schwester leise. — Er lag da, blutüberströmt. Die Pfote war so zertrümmert, dass der Tierarzt sofort sagte: Nur Waldi selbst könne gerettet werden.

— Deshalb…

— Ja. Die Pfote musste amputiert werden.

Martina lächelte traurig.

— Die ganze Station sammelte Geld für die Operation. Danach verbanden wir ihn selbst, gaben ihm Antibiotika. Er ertrug alles stumm. Hat nie jemanden gebissen. Selbst als er große Schmerzen hatte.

Marlene warf einen Blick zu dem Hund hinüber. Waldi war gerade bei einem kleinen Mädchen stehengeblieben, das sein Spielzeug fallen gelassen hatte.

Er stupste vorsichtig mit der Nase den Stoffhasen zu dem Kind zurück und trottete weiter. Als ob in seinem Leben nie etwas Heldentümliches geschehen wäre. Dabei war es doch geschehen…

— Nach all dem ließ Waldi keine Hündin mehr auf das Klinikgelände, — fuhr Martina fort. — Ich meine weibliche Hunde. Er hat, wissen Sie, das Vertrauen verloren.

Sie lächelte, aber anders als zuvor.

— Vor einem Monat geschah dann ein wahres Wunder…

— Ein wahres Wunder? — wiederholte Marlene.

Martina nickte.

— Wir haben es anfangs selbst nicht geglaubt.

Sie drehte den Kopf und lächelte.

— Und da ist es schon, das Wunder, — deutete Martina mit der Hand.

Marlene schaute in die Richtung, in die die Schwester wies, und sah eine kleine Hündin, die komisch hüpfend den Weg entlanglief.

Waldi erblickte sie und eilte ihr sofort entgegen.

— Und wer ist das? Warum habe ich sie noch nie gesehen? — wunderte sich Marlene, während sie beobachtete, wie Waldi der Hündin seine Aufmerksamkeit schenkte.

— Das ist Lotte, — lächelte die Schwester. — An dem Tag, als Sie zu uns kamen, brachte man Lotte gerade zur Kastration in die Tierklinik. Heute holten wir sie zurück. Ach, ist die aufgeweckt…

Die Hündin war tatsächlich ungewöhnlich quirlig.

Einen Moment blieb sie stehen, raste sofort wieder los, wirbelte um Waldi herum und jagte weiter.

— Wo kam sie her?

— Keine Ahnung. Eines Tages tauchte sie einfach am Tor auf. Hungrig, schmutzig, aber erstaunlich zutraulich. Wir fütterten sie, dachten, sie frisst und läuft weiter. Aber sie blieb.

Marlene blickte wieder zu den Hunden.

Lotte trottete zu Waldi und stupste ihn zart an der Kehle. Der tat, als merke er es nicht. Doch der Schwanz verriet ihn.

— Die ersten Tage beachtete er sie gar nicht, — fuhr Martina fort. — Kam sie zu nah, ging er weg. Wir machten uns Sorgen, er würde sie verjagen.

— Und dann?

— Dann hat sie ihn besiegt.

— Wie?

— Mit Geduld. Und mit der alten Weisheit. Nicht umsonst heißt es, der Weg zum Herzen eines Mannes geht durch den Magen.

Die Schwester lachte.

— Jeden Tag brachte Lotte ihm einen Knochen. Er wandte sich ab. Sie brachte wieder einen. Er ging – sie folgte. Legte er sich hin – ließ sie sich in der Nähe nieder. Sie war nie aufdringlich, ließ ihn aber nie allein.

Marlene musste unwillkürlich lächeln.

— Eines Morgens sahen wir sie zusammen liegen. Ein paar Tage später jagten sie einander, spielten sogar miteinander. Stellen Sie sich das vor!

Im Hof geschah in diesem Moment etwas Ähnliches.

Lotte schnappte sich einen trockenen Zweig und flitzte zum Blumenbeet.

Waldi seufzte schwer – so kam es Marlene vor – und riss sich dann plötzlich los. Zwar konnte er nicht mehr so schnell rennen wie früher. Aber er gab sich Mühe.

Lotte machte absichtlich langsamer, ließ ihn sich nähern, dann flitzte sie wieder davon. Beide wirkten glücklich.

— Allerdings kam mit Lotte alles anders als geplant. Wir hatten gehofft, Waldi würde ein Zuhause finden, — sagte Martina.

— Sie haben einen Besitzer für ihn gefunden?

— Ja.

— Und was geschah?

Die Schwester zuckte mit den Schultern.

— Ein netter Mann. Kam mehrmals, brachte Leckereien. Waldi gefiel ihm.

— Und warum…

— Er wollte nur Waldi mitnehmen. — Marlene wartete schweigend. — Aber Waldi geht heute nirgendwo ohne Lotte hin.

Martina lächelte, obwohl ihre Augen traurig wirkten.

— Sobald wir ihn zum Auto führten, fing Lotte an, aufgeregt hin und her zu rennen und zu winseln. Waldi lief sofort zu ihr, um sie zu beruhigen. Mehrmals versuchten wir, ihn ins Auto zu setzen – vergeblich. Der Mann winkte ab und fuhr davon.

Waldi blieb an der Wasserschüssel stehen.

Wollte trinken, trat aber zur Seite. Lotte durfte zuerst trinken. Erst dann trat er wieder an die Schüssel.

Marlene ertappte sich dabei, dass sie die beiden so aufmerksam betrachtete wie Menschen.

— Seltsam… — sagte sie leise.

— Was?

— Früher dachte ich, das seien einfach gewöhnliche Straßenhunde. Aber jetzt…

Sie verstummte. Die Worte fehlten.

Martina nickte verständnisvoll.

— Sie sind längst ein Teil unseres Krankenhauses. Die Kinder lieben sie. Die Eltern haben auch nichts dagegen. Nur das Herz ist nicht ganz ruhig.

— Weil sie draußen leben?

— Natürlich. Heute ist alles gut. Morgen… wer weiß. Ein neuer Chefarzt kommt, und dann…

Marlene drehte den Kopf. Waldi lag ruhig im Schatten eines Baumes. Lotte hatte sich neben ihn gekauert, den Kopf auf seinen Rücken gebettet. Er rührte sich nicht.

Und in diesem Moment kam Marlene zum ersten Mal ein Gedanke, der ihr völlig verrückt erschien.

»Was, wenn ich sie tatsächlich mitnehme?«

Doch sie verwarf ihn gleich wieder.

Zwei Hunde. Fast fünfhundert Kilometer Entfernung. Mit dem Bus. Nein, das würde nicht gehen…

Aber der Gedanke hatte sich in ihrem Kopf eingenistet.

Und schien nicht mehr verschwinden zu wollen.

Dann fiel Marlene ihr Mann ein, den sie versprochen hatte, um nichts zu bitten, und dem sie beweisen wollte, dass sie allein zurechtkäme. Offenbar doch nicht…

Bis zur Entlassung war nur noch ein Tag.

Erik packte seit dem Morgen seine Spielsachen in den Rucksack und fragte unentwegt, wann sie endlich nach Hause fahren.

Marlene lächelte, half beim Packen, aber ihre Gedanken kreisten um etwas ganz anderes. Sie blickte immer wieder aus dem Fenster.

Im Hof waren wie immer Waldi und Lotte.

Sie lebten im Hier und Jetzt. Sie wussten nicht, dass Marlene morgen abreisen würde und sie sich wohl nie wiedersehen würden.

Bei diesem Gedanken wurde sie unerwartet traurig.

Nach der Mittagsruhe ging Marlene nach draußen.

Waldi lag auf den Stufen. Lotte schlief eng an seine Seite geschmiegt.

Marlene setzte sich auf eine Bank in ihrer Nähe.

— Jetzt habt ihr mich auch noch erwischt… — sagte sie leise. — Und was soll ich jetzt tun?

Beide Hunde hoben gleichzeitig die Köpfe.

Lotte rannte sofort herbei, stupste vorsichtig mit der kühlen Nase an Marlenes Hand und kehrte dann zu Waldi zurück.

Der blieb liegen. Nur sein ruhiger, nachdenklicher Blick ruhte auf ihr.

Marlene seufzte und zog das Handy hervor.

Einige Sekunden starrte sie auf das Display. Dann drückte sie die Wahltaste. Ihr Mann meldete sich sofort.

— Na, wie geht’s euch? Morgen werdet ihr entlassen?

— Ja.

— Super. Wann seid ihr ungefähr zu Hause? Ich hole euch vom Bahnhof ab.

— Stefan… es gibt da eine Sache.

— Was ist denn schon wieder los?

Er hörte sofort am Tonfall, dass das Gespräch schwierig werden würde.

— Ich habe eine Bitte.

— Welche?

— Lach bitte nicht.

— Das klingt ja vielversprechend.

— Also, auf dem Klinikgelände leben zwei Hunde…

Am anderen Ende trat Stille ein. Während Stefan schwieg, erzählte Marlene ihm alles.

Von Waldi. Von Susi. Wie er sein Bein verlor und die neue Liebe fand. Wie er Kinder mag und Betrunkene verjagt.

Und sie erzählte ihm, dass Erik sich sehr wünschte, Waldi mit nach Hause zu nehmen.

Sie redete lange. Stockte manchmal. Verstummte einige Male. Aber Stefan unterbrach sie nicht. Hörte nur zu. Seufzte ab und zu schwer.

Als sie fertig war, entstand erneut eine Pause.

— Marlene…

— Ja?

— Ich verstehe ja alles… Aber meinst du das ernst?

— Völlig.

— Du schlägst vor, ich soll tausend Kilometer fahren, nur um zwei verwilderte Hunde abzuholen?

Marlene schloss die Augen. Genau diese Frage hatte sie erwartet.

— Nicht nur, um zwei Hunde abzuholen, sondern auch mich und Erik…

Ihre Stimme zitterte.

— Und Erik und ich wünschen uns sehr, dass diese Hunde endlich ein eigenes Zuhause haben. Was ist daran verkehrt?

Stefan atmete schwer.

— Nichts, nur… ich habe Arbeit, du weißt…

— Ja, ich weiß.

— Und das sind ungeplante Kosten.

— Verstehe.

— Außerdem: Hunde bedeuten Verantwortung.

Stefan schwieg. Marlene rechnete bereits mit einer höflichen, aber deutlichen Absage. Doch ihr Mann fragte unerwartet:

— Sind sie wenigstens okay mit Menschen? Keine Probleme, Marlene? Nicht aggressiv?

— Sie sind klasse, ehrlich. Waldi beschützt die Klinik und liebt Kinder einfach. Und Lotte ist die reine Gutmütigkeit. Also, nehmen wir sie mit?

Einige Sekunden blieb es still. Dann sagte Stefan leise:

— Na gut.

Marlene traute ihren Ohren nicht.

— Was?

— Ich komme morgen früh.

Am Abend ging Marlene noch einmal in den Hof. Waldi lag am Eingang. Als er Marlene sah, erhob er sich. Kam langsam auf sie zu. Blieb neben ihr stehen.

Sie streichelte vorsichtig sein dichtes Fell.

— Morgen fahren wir nach Hause… Mein Sohn Erik und ich…

Waldi sah ihr ruhig in die Augen.

— Und ich würde mir sehr wünschen… dass ihr beide mitkommt, du und Lotte.

Der Hund legte den Kopf leicht schief, als lausche er jedem Wort.

Marlene lächelte. Sie hatte irgendwie das Gefühl, dass Waldi viel mehr verstand, als man Hunden gemeinhin zutraute.

— Also, überleg es dir. Morgen muss ich wissen, was du entschieden hast. Einverstanden?

Am nächsten Morgen hielt ein dunkelblauer Wagen vor dem Kliniktor. Ein großer Mann stieg aus. Zuerst umarmte er seine Frau. Dann nahm er Erik auf den Arm. Erst danach bemerkte er die beiden Hunde, die in einiger Entfernung ruhig dasaßen.

Waldi musterte den Fremden aufmerksam. Stefan musterte Waldi.

Lange Sekunden lang taxierten sie einander.

Dann lächelte der Mann unerwartet.

— Na, hallo, alter Kämpfer… Ich hab von deinen Heldentaten gehört. Gib mir mal die Pfote, oder?

Und Waldi machte langsam, mit Würde, den ersten Schritt auf ihn zu.

Stefan hatte gewöhnliche Straßenhunde erwartet. Vielleicht etwas misstrauisch oder verängstigt. Oder überschwänglich. Aber Waldi war ganz anders.

Er fürchtete sich nicht vor Stefan, den er zum ersten Mal sah, und er fing nicht an, freudig um den Fremden herumzuspringen.

Der Hund kam einfach gelassen auf ihn zu, hielt einige Schritte vor ihm an und sah ihm dann tief in die Augen.

Stefan hockte sich hin.

— Na, wollen wir uns bekannt machen? — fragte er und streckte die Hand aus.

Waldi legte vorsichtig seine Pfote hinein.

Einen Moment später kam Lotte herbeigerannt – natürlich.

Schwanzwedelnd stupste sie dem Mann ihre Nase in die Hand. Stefan lachte sogar.

— Du, scheinst auch keine Zeit zu vergeuden.

Lotte war zufrieden. Marlene sah ihren Mann an und lächelte. Diesen Blick kannte sie.

Gestern noch hatte Stefan von Schwierigkeiten, Kosten und Verantwortung gesprochen. Jetzt redete er mit den Hunden, als kenne er sie seit Ewigkeiten.

— Na? — fragte sie.

Stefan richtete sich auf.

— Keine Ahnung, wie du mich rumgekriegt hast… Aber die beiden sind wirklich klasse.

Marlene lachte erleichtert und umarmte ihren Mann.

Vor der Abfahrt gingen sie noch einmal auf das Klinikgelände. Um sich zu verabschieden.

Als die Schwestern Waldi an der Leine sahen, konnten viele ihre Rührung nicht verbergen. Martina umarmte Marlene.

— Danke.

— Wofür?

— Dafür, dass er jetzt ein Zuhause hat. Ich denke, Waldi hat es verdient.

Als Martina ihn streicheln wollte, stupste Waldi sie leise mit der Nase an die Hand.

In dieser scheinbar einfachen Geste lag so viel grenzenloses Vertrauen und aufrichtige Dankbarkeit, dass die Frau sich abwandte, damit niemand ihre Tränen sah.

— Passen Sie auf ihn auf, — sagte sie leise.

— Ja, bestimmt.

Waldi ging zum Auto, beschnupperte vorsichtig die offene Tür. Dann sah er zu Lotte, die fröhlich wedelte, und stieg als Erster ein.

Hinter ihm sprang Lotte hinein. Ohne jede Spur von Angst oder Zögern.

Hinter ihrem Waldi war sie bereit, bis ans Ende der Welt zu reisen.

Der Wagen fuhr an. Erik winkte aus dem Fenster.

Lotte kuschelte sich neben ihn auf die Rückbank und schlief nach wenigen Minuten ein.

Waldi aber sah lange zurück. Auf den Klinikeingang. Auf die Stufen, auf denen er so viele Jahre gelegen hatte. Auf die Menschen, die seine Familie gewesen waren.

Marlene bemerkte es.

— Willst du nicht weg? — fragte sie leise.

Natürlich kam keine Antwort. Waldi blickte noch eine Weile zurück.

Dann drehte er sich langsam nach vorne.

Dort – vor ihm – wartete ein ganz anderes Leben.

Auf der Heimfahrt schaute Stefan oft in den Rückspiegel. Jedes Mal bot sich ihm dasselbe Bild.

Erik schlief, den Kopf in Lottes weiches Fell gedrückt. Lotte schlief ebenfalls tief und fest. Und Waldi…

…Waldi lag daneben und beobachtete aufmerksam die Straße.

— Weißt du, früher habe ich nie verstanden, warum Menschen so an Tieren hängen, — sagte Stefan plötzlich.

Marlene sah ihn an.

— Und jetzt?

Er zuckte mit den Schultern.

— Jetzt denke ich, manche Tiere verdienen mehr Vertrauen als viele Menschen.

Sie antwortete nicht. Denn sie stimmte ihm zu.

Endlich kamen sie zu Hause an. Ein kleiner Garten, ein hoher Metallzaun und der Hof, den Stefan jeden Sommer in Ordnung bringen wollte, nur fehlte ihm stets die Zeit.

Marlene öffnete das Gartentor.

— So, wir sind da.

Sie sah die Hunde an.

— Das ist jetzt auch euer Zuhause.

Lotte zögerte nicht lange. Sie rannte sofort hinein. Umrundete den Hof, beschnupperte jeden Busch, prüfte jede Ecke.

Dann kehrte sie zurück, als wolle sie Waldi mitteilen: Hier gefällt es mir.

Waldi stand noch am Tor. Er betrachtete den Hof, das Haus, die Menschen und Lotte, die vor Glück strahlte. Waldi selbst zögerte.

Marlene trat näher.

— Weißt du, Waldi…

Sie hockte sich neben ihn.

— Hier wird dir nie wieder jemand wehtun, und niemand wird dich verlassen. Das verspreche ich dir.

Der Hund atmete leise aus. Und machte einen Schritt vorwärts. Noch einen. Schließlich betrat er langsam den Hof. Nur ein paar Meter…

Aber für ihn war es wohl der längste Weg seines Lebens.

Am Abend stellte Stefan zwei Näpfe auf die Terrasse.

Erik wählte feierlich einen Platz für Lottes Spielsachen (eigentlich waren es seine, aber er schenkte sie der Hündin).

Marlene saß auf der Treppe und beobachtete, wie Waldi sich unter den alten Apfelbaum legte. Lotte schmiegte sich an seine Seite.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit – das sah man seinen Augen an – fühlte Waldi sich wirklich zu Hause.

Ein Jahr war vergangen.

In dieser Zeit hatte sich viel verändert. Erik erzählte stolz allen Nachbarn, er habe den mutigsten Hund der Welt.

Lotte wusste genau, wo ihre Spielsachen lagen, wann Stefan von der Arbeit kam und…

…wo die wahren Schätze vergraben waren – die leckeren Zucker-Knochen.

Aber das verriet sie natürlich niemandem. Außer Waldi.

Waldi selbst war zu einem richtigen Haushund geworden.

Er wachte nicht mehr bei jedem unbekannten Geräusch auf, blickte nicht mehr misstrauisch auf jeden Passanten.

Manchmal dachte Marlene, er sei endlich einfach nur ein Hund – kein Wächter, kein Kämpfer.

Mit einem Wort: Waldi war nun nicht mehr der, der ständig etwas bewachen oder andere beschützen musste. Im Gegenteil: Jetzt wurde er behütet. Behütet und geliebt.

Ja, genau so.

Jahrelang hatte Waldi andere beschützt, und nun hatten sich Menschen gefunden, die für ihn sorgten.

Im Sommer fuhren sie wieder an die Ostsee. Auf der Rückfahrt machten sie Halt an der Klinik. Derselben…

Marlene hatte lange überlegt, ob sie überhaupt hinfahren sollten. Aber dann entschied sie, es sei richtig.

Als der Wagen vor dem vertrauten Gebäude hielt, hob Waldi sofort den Kopf. Er erkannte den Ort.

Er stieg gelassen aus. Trottete langsam zu den Stufen. Die Tür öffnete sich, und Martina trat heraus.

Zuerst traute sie ihren Augen nicht.

— Waldi?

Der Hund hob den Kopf und wedelte mit dem Schwanz. Nicht heftig. Aber so, wie nur er es konnte. Nach einer Minute hatten sich mehrere Schwestern um ihn versammelt.

Einige streichelten ihn. Andere lachten. Wieder andere wischten sich über die Augen, die plötzlich nass geworden waren.

— Ganz schön verwöhnt jetzt, — lächelte Martina. — Und wo ist deine Lotte?

Als hätte sie ihren Namen gehört, sprang die kleine Hündin aus dem Auto und stand sofort im Mittelpunkt.

Im Hof erklang wieder Gelächter. Fast wie früher.

Nur mit einem wichtigen Unterschied.

Waldi gehörte nicht mehr an diesen Ort. Er war nur zu Besuch.

Marlene stand etwas abseits und sah ihm zu.

Damals hatte sie ihn zum ersten Mal hier gesehen und gedacht: »Was macht dieser Hund vor einer Kinderklinik?«

Heute schämte sie sich ein wenig für diesen Gedanken.

Sie hatte seine Geschichte nicht gekannt. Nicht gewusst, wie viel Schmerz hinter diesem ruhigen Blick steckte.

Und sie hatte nicht gewusst, dass man die treuesten Herzen manchmal dort findet, wo man sie am wenigsten erwartet.

Stefan trat zu ihr.

— Erinnerst du dich an deinen Anruf vor einem Jahr?

Marlene lächelte.

— Natürlich.

Er blickte zu Waldi.

— Gut, dass du damals darauf bestanden hast, dass ich euch abhole. Euch alle…

Sie sagte nichts.

Sah nur, wie Waldi neben der Treppe saß, während Lotte um ihn herumwirbelte. Und die Menschen, die ihn einst gerettet hatten.

Wahres Glück sah wohl genau so aus.

Nicht laut. Nicht schön wie im Film. Glück ist einfach, wenn man einen Ort hat, an den man gehen kann. Ein Zuhause. Und jemanden, der einen liebt.

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Homy
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Schicksalhafte BegegnungSie ahnten nicht, dass diese Begegnung ihr beider Leben für immer verändern würde.
Und manchmal wache ich nachts auf und frage mich, wann mein Vater es geschafft hat, uns alles zu nehmen. Ich war 15, als es passierte. Wir lebten in einem kleinen, aber gepflegten Haus – mit Möbeln, der Kühlschrank war nach dem Einkaufen voll und die Rechnungen wurden fast immer pünktlich bezahlt. Ich war in der 10. Klasse, und mein einziges Problem war, in Mathe weiterzukommen und Geld für die Sneaker zu sparen, die ich mir so sehr wünschte. Alles begann sich zu verändern, als mein Vater immer später nach Hause kam. Er grüßte nicht, warf die Schlüssel auf den Küchentisch und verschwand sofort ins Schlafzimmer – das Handy fest in der Hand. Meine Mutter sagte immer: „Wieder zu spät? Glaubst du, das hier hält sich von allein?“ Er antwortete trocken: „Lass mich, ich bin müde.“ Ich hörte alles aus meinem Zimmer, Kopfhörer auf – tat so, als wäre nichts. Eines Abends sah ich ihn im Garten telefonieren. Er lachte leise, sagte Dinge wie „Ist fast erledigt“ und „Mach dir keine Sorgen, ich krieg das hin“. Als er mich sah, legte er sofort auf. Mir wurde mulmig, aber ich sagte nichts. Am Tag seines Abschieds war Freitag. Ich kam aus der Schule, sah einen offenen Koffer auf dem Bett. Meine Mutter stand mit roten Augen in der Schlafzimmertür. Ich fragte: „Wo geht er hin?“ Er schaute mich nicht einmal an und sagte: „Ich bin eine Zeit lang weg.“ Meine Mutter rief: „Mit wem? Sag wenigstens die Wahrheit!“ Da wurde er laut: „Ich geh mit einer anderen Frau. Ich hab genug von diesem Leben!“ Ich weinte und sagte: „Und ich? Und meine Schule? Und unser Haus?“ Er antwortete nur: „Ihr schafft das schon.“ Er schloss den Koffer, griff die Dokumente aus der Schublade, nahm sein Portemonnaie und ging – ohne sich zu verabschieden. Am selben Abend versuchte meine Mutter am Automaten Geld abzuheben – Karte war blockiert. Am nächsten Tag in der Bank erfuhr sie: Das Konto war leer. Er hatte alle gemeinsamen Ersparnisse abgehoben. Außerdem hinterließ er zwei Monate offene Rechnungen und hatte einen Kredit aufgenommen – meine Mutter stand als Bürgin drin, ohne davon zu wissen. Ich erinnere mich, wie meine Mutter am Tisch saß, Quittungen prüfte, mit einem alten Taschenrechner rechnete, weinte und immer wieder sagte: „Es reicht einfach nicht … es reicht nicht.“ Ich versuchte beim Sortieren der Rechnungen zu helfen, verstand aber nur die Hälfte. Eine Woche später wurde das Internet abgestellt, kaum darauf drohte auch der Strom wegzufallen. Meine Mutter suchte Arbeit – und putzte in fremden Häusern. Ich fing an, in der Schule Bonbons zu verkaufen. Es war mir peinlich, in der Pause mit einer Tüte Schokolade herumzustehen, aber zu Hause fehlte das Nötigste. Ich erinnere mich an den Tag, als ich den Kühlschrank öffnete: Dort war nur eine Karaffe Wasser und ein halber Tomate. Ich saß in der Küche und weinte allein. Am Abend gab es nur weißen Reis – ohne alles. Meine Mutter entschuldigte sich, dass sie mir nicht mehr das geben konnte, was früher selbstverständlich war. Viel später sah ich ein Foto auf Facebook: Mein Vater mit der Frau, im Restaurant – sie stoßen mit Wein an. Meine Hände zitterten. Ich schrieb ihm: „Papa, ich brauche Geld für Schulmaterial.“ Er antwortete: „Ich kann nicht zwei Familien versorgen.“ Das war unser letzter Kontakt. Danach war er weg. Kein Anruf, keine Nachricht – kein Wort, ob ich meinen Abschluss gemacht habe, ob ich krank war, ob ich Hilfe brauchte. Heute arbeite ich, zahle alles allein und unterstütze meine Mutter. Aber diese offene Wunde bleibt. Nicht nur wegen des Geldes, sondern wegen des Verlassenwerdens, der Kälte, wie er uns zurückließ – und einfach so weitermachte, als wäre nichts gewesen. Und trotzdem wache ich immer wieder nachts auf, mit derselben Frage, die mir in der Brust sitzt: Wie überlebt man, wenn der eigene Vater einem alles nimmt und einen zwingt, schon als Kind zu lernen, wie man eigentlich überlebt?